Ursprung in der Schüssel

Schriftsteller haben einen gewaltigen Sprung in der Schüssel. Generell ohne Ausnahme sind ernsthafte Autoren keine Menschen, die in geordnete Denkbahnen um ihren Gehirnplaneten kreisen. Irgendwie sind sie alle als Kind auf ihren Kopf gefallen und haben auch nach Jahrzehnten noch gewaltige Phantomschmerzen. Sie sind sie nicht heile zu machen und im schlimmsten Falle kultivieren sie noch ihren Sprung in der Schüssel. Auch Wohlstand, Anerkennung und Nobelpreise reichen nicht aus, um die Scherben ihres Daseins zusammen zu kitten. Melancholie, Agonie, Neurosen und ein ständig verzweifeltes Seufzen und Ächzen zeichnen das Gemütsbefinden eines Schriftstellers aus. Viele Autoren kompensieren ihren Sprung in dem sie Sendungsbewusstsein entwickeln. Man hat eine Message und möchte in seinen Texten darauf hinweisen, wie die Welt funktioniert und meistens funktioniert sie nicht. Sie gerieren sich als schlechtes Gewissen der Menschheit und betreiben Selbsttherapie indem sie ständig Weisheiten aussondern, die zwar gehört werden, aber nicht wirklich dazu führen, dass sich etwas ändert.

Einleitung

Die Fähigkeit Geschichten zu erzählen, gehört zu den erstaunlichsten Ausdrucksformen des menschlichen Geistes. Scheinbar aus dem Nichts entstehen Personen, Orte, Geschehnisse, die sich im Rahmen einer willkürlich gewählten Ästhetik zu einem eigenen Kosmos zusammenfügen.

Wie vieles, was uns umgibt, scheint die Fülle unserer Einfälle schier unendlich zu sein. Tausende Spielarten und Variationen ermöglichen ein praktisch jederzeit in jeder Ausprägung verfügbares Gut, das wenn es als Ware verstanden wird, seinen individuellen Wert rasch verliert.

Der Autor fabriziert, der Verleger bringt die Ware vom Produzenten zum Leser und der Leser konsumiert, die eine Hand am Buch, die andere Hand in der Chipstüte. Auf dem Weg vom Schreiber zum Leser geht der gute Geschmack, die Leidenschaft und das Herz der Geschichte verloren. Der Autor brennt nicht mehr für seine Geschichte, die er erzählen möchte, sondern schreibt sie, um den unstillbaren Hunger nach leicht verdaulicher Ware zu befriedigen. Eines sollte ich klarstellen: Ich liebe verlegte Bücher und hätte es nie einen mutigen Menschen gegeben, der meinen Lieblingsautoren vervielfältigt hätte, wäre ich heute ein armer Tropf und ich lese durchaus auch Autoren, die noch am Leben sind und halte mich nicht nur an die Toten.

Trotzdem wird seit Jahren Literatur, genauso wie viele andere kulturelle Ausdrucksformen, einer marktwirtschaftlichen Normierung unterworfen. Literatur passt sich dem Markt an. Man schafft Bedürfnisse, die nur durch gewisse Arten von Literatur gestillt werden können. Es gibt anscheinende immer mehr Literatur. Irgendwie können alle schreiben und wollen schreiben und ihren literarischen Auswurf umgehend veröffentlichen. Die digitale Technik macht es möglich. Zudem finden sich viele platte Trivialitäten in den seriösen Verlagsprogrammen wieder. Hauptsache Lustig und spannend oder mit viel Blut oder mit Vampiren oder mit Serienmördern. Trends, die sich abnutzen, Texte, die beliebig werden. Genauso, wie man T-Shirts in Bangladesh für ein paar Cent herstellen lässt und die bunten Lappen günstig aber mit hohen Margen als individuelles Kleidungsstück am besten mit Biosiegel verramscht, verramschen viele ihre Literatur, um mit aller Gewalt möglichst vielen Leser ein kurzweiliges Vergnügen zu verschaffen.

Ich will niemand den Spaß verderben. Bitte habt Spaß! Ich trage auch T-Shirts aus sonstwo, die mich neunneunundneunzig gekostet haben. Nur leider habe ich keinen Spaß, wenn ich in Buchläden die Titel lese. Deswegen breche ich eine Lanze für das Geschichtenerzählen. Die Leidenschaft, das Moment des Entdeckens, wenn einem wieder ein Detail einfällt, das sich so wunderbar in die Handlung fügt und doch so lebensecht wirkt, als wäre es dem Nachbarn wirklich gestern passiert. Deswegen schreibe ich diesen Blog. Ich will, dass Sie als Leser sehen, wie Literatur entsteht und mit welche Liebe und Zuneigung für ihre Geschichten die Autoren schreiben… Genießt es!!! Und habt Spaß!!