Schamwand 2 -der stille Ort

kloBerlin

 

Geschäftig irrt der Mensch auf den Pfaden des Geldes, des Wachstums und der Macht.  Im Zweireiher wandelnd auf diskreten, desinfizierten Fluren, vorbeihastend an verschlossenen Türen, sucht er Ruhe, einen Raum, indem er den einzigen klaren Gedanken des Tages fassen kann. Im seinen Kopf toben die Meinungen, Zahlen, Empfehlungen, Befehle, Werbebotschaften, fallen übereinander her, verheddern sich im Sturm der Synapsen und lassen ihn zum gefühlstauben, tumben Idioten werden, der voller Verzweiflung einen Rückzugsort sucht, ein Instantkloster, eine Schweigezelle.

In der hintersten Ecke eines jeden Kongress- oder Seminarortes gibt es stille durch stilisierte Männchen an der Tür gekennzeichnete Orte. Abgeschiedene und abgestandene Räume, die nur wenige kennen. Der Zweireiher braucht die fünf Minuten Ausgrenzung, die Flucht von der Flut an Informationen, die schon den ganzen Vormittag auf ihn einprasseln. Die Powerpointfolien huschen an seinem geistigen Augen vorbei und er will diese wahnsinnige Masse an unsinnigen Daten loswerden. Er will sie nicht zur Kenntnis nehmen. Auch wenn jeder Referent ihn ermahnt hat, die Bedeutung der Daten ernst zu nehmen. Sind sie doch wichtig für das eigene Fortkommen, den Erfolg des Unternehmens, ja sogar für die Entwicklung der Menschheit. Wer die Folien nicht verinnerlicht, ist quasi schon aus dem Rennen.

Der Zweireiher rutscht müde im hellen Seminarraum auf dem feinen Zwirn seines Hosenbodens hin und her, drückt  auf seinem Handy herum und sieht sich verstohlen um. Niemand bemerkt seine geistige Abwesenheit, sind sie doch alle nicht mehr anwesend. Leere Hüllen mit trüben Augen, eingefallenen Wangen und speichelarmen Mündern.

Er steht auf, schleicht sich hinweg. Die einzige Chance dem Wahnsinn zu entkommen, sich eine Pause zu gönnen, ist der allgemein durch gesellschaftlichen Konsens anerkannte Gang zum Entleeren von im Körper angesammelten Flüssigkeiten und Feststoffen, die auf Ausscheidung drängen. Ist die Konzernleitung ansonsten unerbittlich mit den Anforderungen an die Angestellten, kann man diesen sogenannten menschlichen Regungen ihr Anrecht auf Erscheinung nicht absprechen.

In jedem totalitären System gibt es Lücken. Das gilt auch für Seminartage.

Der Zweireiher drückt die Klostertür auf. Sie gleitet sanft über den Fliesenboden. Er lässt sie hinter sich und der Selbstschließer lässt die fast geräuschlos ins Schloss gleiten. Wie von Geisterhand, hätte man früher geflüstert. Bei den Waschgelegenheiten im Vorraum ist er fast am Ziel. Hier beginnt der mythische Dienst an der Stille, an der Untätigkeit.

Außerhalb ist verlorene Zeit nicht gestattet. Nichtstun ist ineffizient. Es gibt so viel zu tun, daher ist kein Stillstand erlaubt. Mit dem Durchschreiten der zweiten Tür stellt sich beim Zweireiher ein schlechtes Gewissen ein. Darf er sich den einzigen Moment der Kontemplation gönnen? Er rettet sich in eine Toilettenzelle. Am Ziel. Er atmet tief durch und in seine Nase erhascht einen penetranten Fäkalgeruch. Angeekelt wechselt er die Zelle. Vorsichtig erobert er den kleinen Raum, hängt seine Riechzellen in das Klima über der Kloschüssel. Sein Gehirn kann keine unangenehmen Duftnoten entschlüsseln. Er klappt den Klodeckel herunter und nimmt Platz. Fast geschafft. Er zupft noch an dem Futter seiner Anzugsinnentasche, um sich zu versichern, dass er mit der Welt da draußen noch verbunden ist. Das Handy ist nicht weg. Es ist mitgekommen. Aber es verliert plötzlich an Bedeutung.

Ruhe hinter den Schamwänden.

Vielen Dank an Jens Müller für das Foto und damit für die Inspiration für diesen Text. Das Foto zeigt einen stillen Ort in einem Berliner Hotel. Wir fragten uns gemeinsam, warum man transparente Scheiben zwischen den Pissoirs angebracht hat. Welche Nutzen soll sie haben? Falls jemand Auskunft geben kann, soll  er mir bitte schreiben. Unser Leben hängt von dieser Information ab!!!

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2 Gedanken zu “Schamwand 2 -der stille Ort

  1. Mit den Schamwänden erhält man einen Schutz vor ungeregelten Urin-Abprall-Tropfen oder einer zu heftigen Wasserspülung die auch einen gewissen Nebel verursachen kann. Zudem der Sichtschutz, es erhöht die Akzeptanz zur Nutzung. Nachteilig ist der Einfluss auf die Raumwirkung, der Raum wirkt kleinteiliger und zonierter. Eine durchgehend in warmen Farben geflieste Rückwand kommt nicht mehr zur Geltung. Die Hotelnutzung bestätigt dies, alles soll großzügig wirken. Also Glas und nicht Kunststoff. Der Kunde zahlt das mit, Glaswände erfordern ständige Reinigung. Zudem werden 50% des eigentlichen Zwecks nicht erfüllt, was den 2-Reiher wieder in die gute Kleinstube treibt.
    🙃

    • Ich bin begeistert. Mein Leben ist gerettet. Besonders gefällt mir der Gedanke, dass man das ganze in Glas macht, weil dann der Raum wieder größer wirkt und man aber dann lieber andauernd das Glas reinigt und die Leute trotzdem wieder in die Kackzellen rennen müssen….es ist beruhigend zu wissen, dass die Menschheit echt Merkwürdiges zustande bringt….

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