Die Republik der beleidigten Leberwürste

Im Spiegel der letzten Woche stand es geschrieben: Herr Maaßen fühlt sich von Frau Merkel gedemütigt, weil er von ihr nicht an die Spitze des BND berufen worden sei und deswegen habe er diese Behauptungen über die Vorgänge in Chemnitz in die Welt gesetzt. In der gleichen Ausgabe war zu lesen, dass Herr Seehofer niemanden traut, weil er als junger Abgeordneter im Bundestag von den anderen Neulingen im Bundestag ausgetrickst wurde und daher höchstens Zweckbündnisse eingeht. Herr Gauland hatte damals beleidigt die CDU verlassen, weil  Frau Merkel mit der Wehrpflicht die letzte Bastion konservativer Politik einfach aufgegeben hat. Die Sachsen sind beleidigt und denken rechts, weil sie sich in der Bundesrepublik nicht genug gewürdigt fühlen. In unserer Stadt sind eine Menge Leute im Moment beleidigt, weil sie Anliegergebühren für die Straßensanierung bezahlen müssen. Die ganzen Dieselfahrer sind beleidigt, weil man ihnen das Autofahren in den Städten verbieten will, haben sie doch sich erst letztes Jahr so einen schönen Mercedes gekauft. Meine Nachbarin ist beleidigt, weil die Stadt sie immer noch nicht ernst nimmt, wenn sie gegen die Raser in unserer Straße protestiert. Viele Bürger sind beleidigt, weil der Staat das Bargeld abschaffen will. Andere sind beleidigt, weil sie nur noch Fremde überall sehen und sie Rundfunkgebühren bezahlen müssen.  Dann sind andere beleidigt, weil sie gegen Maschinen, Computer oder Messermigranten und Kopftuchmädchen ausgetauscht werden sollen. Manche sind  immer noch beleidigt, weil wir die Weltkriege verloren haben. Viele sind anscheinend beleidigt, weil sie nicht stolz darauf sein dürfen, Deutsch zu sein, aber selbst nicht wissen, was das nun heißen soll. Und dann gibt es immer noch die die beleidigt sind, weil es nachts dunkel wird und sie dann nichts sehen. Im Grund sind wir alle beleidigt, weil die Welt sich weiter dreht und wir nicht gefragt worden sind, ob wir das wollen.

 Es ist kein Wunder, dass die AFD immer mehr Zuspruch bekommt, ist sie doch die Sammelbewegung für alle beleidigten Leberwürste dieser Republik. Herr Kahrs, der bei der letzten Generaldebatte im Bundestag die AFD dermaßen beschimpfte, dass die Fraktion der AFD geschlossen den Saal verließ (sie waren beleidigt) sagte nachher in einem Interview: „Das Problem mit diesen Rechtsradikalen ist: Sie können nur draufhauen, und sonst nur mimimi.“   

Er spricht mir aus der Seele. Ich Moment gelingt es niemanden, die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in ihrer Gesamtheit zu analysieren und noch weniger gelingt es irgendjemand ein Patentrezept gegen die latent vorhandene Katastrophenstimmung zu finden.

 Aus irgendeinem Grunde scheint das ganze Land sein Handeln nur noch nach widerfahrenen Verletzungen, Beleidigungen, Demütigungen, Herabwürdigungen auszurichten. Auffällig dabei ist, dass oft die geringsten Anlässe zu den gröbsten Ausbrüchen führen. Es regen sich die auf, die am wenigsten zu befürchten haben, während die geschundenen letzten  Glieder in der Nahrungskette, die nichts besitzen, was sie verlieren können, überhaupt keine Stimme mehr haben. Für mich ist es mittlerweile nicht mehr erstaunlich, dass eine AFD keine Politik für den kleinen Mann, den einfachen niedrig qualifizierten Zeitarbeiter machen will, sondern wirtschaftsliberale Positionen vertritt, die dazu führen, den wirklich Abgehängten noch mehr weg zu nehmen. Die Beleidigten kommen nicht aus den prekären Gesellschaftsschichten, sondern aus dem konservativen Milieu derjenigen, die merken, dass eine offene multikulturelle Gesellschaft ihren Machtstatus gefährdet. Waren sie doch bis vor ein paar Jahren das Maß aller Dinge. Oder diejenigen, die Veränderungen als Gefahr empfinden, weil ihnen auch etwas weggenommen werden könnte und wenn es der eigene Stolz ist oder das gute Gefühl, der Staat passe auf sie auf.

Der ganze Streit um Flüchtlinge, die monothematisch von Populisten und Rechtsradikale als Sündenböcke für alles und nichts dienen, führt dazu, dass wir die eigentlichen Probleme nicht mehr betrachten. Systemkritik ist angebracht, da die Ökonomisierung des gesellschaftlichen Lebens dazu geführt hat, die Unterschiede zwischen Arm und Reich zu vergrößern und auch in den vermeintlich reichen Ländern dazu geführt hat, das zugunsten einer Kumulierung und Konzentration von Kapital auf einige Wenige, viele Menschen niemals eine Chance zum sozialen Aufstieg haben. Systemkritik ist dann nicht angebracht, wenn man die Schwachen zum Sündenbock macht oder sie als Masse instrumentalisiert, um sie mit völkischer Propaganda auf die Straße zu bringen.

Das Gefühl herabgesetzt zu werden, nicht genügend gewürdigt zu werden oder das schnöde Beleidigtsein hat ja immer eine infantile Note. Das trotzige Kind mit Motzmiene und verschränkten Armen sitzt in der Ecke und schmollt. Und wie wir wissen sind Kleinkinder große Egoisten. In den ersten Jahren ihres Lebens kennen sie nur sich und ihre Bedürfnisse. Sozialverhalten lernen sie erst später. Deswegen klingt für viele großgewachsene Motzkinder die völkische Ideologie wie Eis und Schokolade, Chips und Zocken kostenlos und jederzeit. Sie gieren nach einem einfachen Heilsversprechen. Es hebt doch eine Eigenschaft hervor, die man sich grundsätzlich leicht zuschreiben kann und die eigentlich kaum überprüfbar ist, weil sie schon fast virtuell anmutet. Die Volksgemeinschaft ist ein Konstrukt wie eine Religion und daher für viele leicht konsumierbar. Sie können sie selbst in den Himmel als Angehörige einer besonderen Spezies heben, die es eigentlich gar nicht gibt. Wenn sie diese Motzkinder fragen, was sie unter Deutsch verstehen, werden sie keine einhellige Auskunft bekommen. Eine allgemeine Definition ist schwer und auch eigentlich nicht gewünscht. Sowie Kinder auch alle den Weihnachtsmann unterschiedlich beschreiben und doch wissen, dass der Weihnachtsmann irgendwie an Weihnachten auftaucht und Geschenke verteilt, glauben die beleidigten Leberwürste auch daran aufgrund ihres Deutschseins das ganze Jahr über Geschenke verdient zu haben. Sie waren ja brav und immer gute Deutsche, auch wenn sie eigentlich gar nicht beschreiben können, was das brav sein im Zusammenhang mit ihrer Zugehörigkeit zu einem Volk zu tun hat. Früher hatten sie einen Weihnachtsmann, der das ganze Jahr über gut auf sie aufgepasst hat. Auch er trug eine Uniform, die war  braun und nicht rot und sein Bart war auf das Wesentliche reduziert und nicht so ausladend üppig wie der des Weihnachtsmannes. Vielleicht glauben deswegen auch viele diese Volksgläubigen an die Wiederkehr ihres speziellen Weihnachtsmannes, auch wenn der eigentlich in seinem Sack nur Zerstörung und Leid bei sich trägt. Und das ist unser großes Glück. Wir haben es mit einem großen Verein von beleidigten Egoisten zu tun, die sich nur versammeln, um ihr Beleidigtsein zu zelebrieren. Solange kein Weihnachtsmann da ist, der das Heilsversprechen einlösen will und Geschenke verteilt, rutschen wir vielleicht an der großen Katastrophe und dem Tod der Demokratie vorbei.  Darauf sollten wir uns allerdings nicht verlassen. Ich überlege gerade wie ich mit motzigen Kindern umgehe. Schließlich habe ich auch einen dreijährigen Sohn zu Hause, der gerne und viel die beleidigte Leberwurst gibt. Meistens nehme ich ihn in den Arm, tröste und vermittele ihm das Gefühl, das sein Leid für mich von Bedeutung ist. Wenn er wieder lacht, lasse ich ihn los und dann ignoriere ich ihn, bis er wieder etwas findet, um beleidigt zu sein. Das könnte vielleicht eine Lösung sein….nein, vergessen sie es, das ist Mist

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Der Fluch der Berliner Republik

 

Die Geschichte beginnt im Jahre 1998 und wird von einer Frau erzählt, die am Beginn der Geschichte zwölf Jahre alt ist und die zweitausendfünf mit neunzehn, nach dem Erwerb der Hochschulreife das elterliche Zuhause fluchtartig verläßt. In der Gegenwart ist die Erzählerin ca. 28 Jahre alt. Sie berichtet als dreiundvierzigjährige aus dem Jahre 2029. Warum Vergangenheit und Zukunft in Relation setzen, um auf die Gegenwart Bezug zu nehmen? Nach meiner persönlichen Meinung haben in 1998 einige Ereignisse stattgefunden, die eine zentrale und nachhaltige Bedeutung für unsere Gegenwart und unsere Zukunft haben. Das Jahr markierte das Ende der Kohl-Ära und der Bonner Republik. Menschen wie ich, die aus einem linksliberalen Umfeld kommen, haben sich viel von dem Ende der Kohl-Regierung versprochen. Grundsätzlich misstrauten wir der Errichtung einer Berliner Republik, weil wir Berlin als Hauptstadt aus historischen Gründen ablehnten. Für mich waren die Kohl-Jahre eine Zeit der konservativen Restauration und die Anti-Epoche zu den aufregenden Aufbruchsjahren ab 1968. Wir wurden von einem Menschen regiert, der voller Selbstsucht nur darauf achtete, dass sein Lebenswerk später in den Geschichtsbüchern glorreich gefeiert wird. Er selbst hat den Beginn seiner Regierung mit einer geistig-moralischen Wende verbunden. Dabei bringen Wendungen eher etwas was neuartiges und spannendes hervor. In diesem Fall verherrlichte Herr Kohl die Errungenschaften der miefigen Kriegsgeneration, die sich immer noch an der Oberflächlichkeit der sogenannten Wirtschaftswunderjahre labte. Es roch alles nach Pfälzer Saumagen und entsprechenden Darmwinden. Mit der Bundestagswahl 1998 endete diese Epoche. Mit Herrn Schröder und Herrn Fischer an der Macht hatte der Marsch durch die Institutionen ihr glorreiches Ende gefunden. Die Grünen waren zum ersten Mal an der Regierung der Bundesrepublik Deutschland beteiligt und alleine diese Tatsache hatte eine euphorisierende Wirkung auf uns. Wir verbanden damit die Chance auf eine Änderung der Energiepolitik. Wir erwarteten durch eine nachhaltige und soziale Ordnungspolitik eine grundlegende Änderung der gesamten Ökonomie. Wir hatten folgende Rechnung aufgemacht: Mit dem Atomausstieg wird die Wirtschaft gezwungen, Ökonomie mit ökologisch sinnvollen Handeln zu verbinden und durch ein grundlegende Reform der Sozialsysteme gelingt eine generationsübergreifende Absicherung der sozialen Gerechtigkeit. Her Kohl hätte schon 1982 die sozialen Systeme reformieren müssen. Leider hat er die Sozialkassen, insbesondere die Rentenkasse, benutzt, um andere Löcher zu stopfen oder Geschenke zu verteilen. Zu guter Letzt stand auf unserem Zettel die Umgestaltung der Familienpolitik. Jungen Menschen wie mir sollte die Gründung einer Familie erleichtert werden. Bis Ende der Neunziger hatte man das Gefühl keine Kinder in die Welt setzen zu können, ohne Angst vor Armut haben zu können. Bis zu diesem Zeitpunkt sollten die Frauen sich bitte schön als Hausfrau betätigen und aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Allerdings sah die Wirklichkeit anders aus. Man brauchte seit der Mitte der Neunziger mindestens zwei Einkommen in einer Familie, um sich nicht völlig vom Wohlstand abzukoppeln, da die Belastungen durch die Wiedervereinigung fast nur durch die Arbeitnehmer geschultert werden sollten. Unsere Rechnungen gingen nicht auf und Erwartungen wurden fast alle enttäuscht. Mit dem Atomkonsens 2000 hatte man mit vielen Kompromissen, die fast wie eine Anbiederung an die Energieunternehmen wirkten, die Abschaltung der AKWs in ferner Zukunft erreicht. Zudem nahm die Koalition aus CDU und FDP diesen Beschluss wieder zurück, um dann nach Fukushima mit einem radikalen Kurswechsel die wirkliche Energiewende einzuleiten, die wahrscheinlich scheitern wird, weil man durch die unzähligen halbherzigen Versuche, die Energiepolitik in den Griff zu bekommen, es versäumt hatte, geeignete Infrastrukturen für diese Energiewende zu schaffen. Die Sozialsysteme wurden nur insoweit reformiert, dass mit den Änderungen die deutsche Wirtschaft zwar wettbewerbsfähiger wurde, allerdings zu Lasten der sozialen Gerechtigkeit. Die Hartzreformen haben einen Keil in die Gesellschaft getrieben. Sozial Schwache wurden stigmatisiert, weil sie generell unter Generalverdacht standen, ihren Zustand selbst herbei geführt zu haben. Die Rente mit siebenundsechzig halte ich persönlich für eine der besseren Ideen der rotgrünen Regierung und seltsamerweise ist dies der Errungenschaft mit der die SPD am meisten hadert. Jetzt haben wir wieder eine Rente mit dreiundsechzig, die komischerweise nicht wirklich den Arbeitern, die sich im Stahlwerk den Buckel krumm gearbeitet haben hilft (das war ja das Lieblingsargument von Frau Nahles), sondern den Schreibtischtätern aus dem Dienstleistungsbereich hilft, die jetzt wieder schneller heimgeschickt werden dürfen, weil man sie nicht mehr braucht. Die Familienpolitik hat Herr Schröder als Gedöns abgetan. Erst Frau von der Leyen, eine Urkonservative mit sieben Kindern, die sich aber als Ärztin trotz vieler Kinder im Beruf durchsetzen konnte und der auch bewusst war, dass sich Normalverdiener keine Kinderfrau leisten können, hat die Familienpolitik in Deutschland modernisiert. Und das soll man noch einmal sagen, Politik kennt keine Ironie. Ganz zu Beginn hat die Schröder-Regierung den Finanzmarkt liberalisiert, weil es in den angloamerikanischen Ländern en Vogue war mit der grenzenlosen Gier der Banker das Wirtschaftswachstum anzufachen. Da Deutschland auch einen Strukturwandel weg von den alten Industrien zu neuen Branchen erlebte und man den Finanzplatz Deutschland für ausländische Investoren interessant gestalten wollte, gab man jeglichen Ordnungsrahmen für Finanzmärkte leichtfertig auf. Mit erheblichen Folgen, wie es sich in der Finanzmarktkrise 2007 gezeigt hat.