Der Sommer soll nicht enden….

  Er wollte nicht, dass dieser Sommer endet. Das Leben darin war voller Licht, Farben und Empfindungen und fühlte sich zeitweise an wie der Ritt auf einer Achterbahn. Bisher vermied er Fahrten mit der Achterbahn. Er dachte an den Adrenalinspiegel, der beim Hochziehen zum höchsten Punkt der Bahn in einem ungesunden Maße anstieg. Ihn ängstigte der drauf folgende Fall in das tiefe Luftloch und der Moment kurz vor dem Aufschlag auf dem Boden und er wollte nicht ungefragt in einen Looping hineingesogen werden. Er verabscheute die Fliehkräfte, die an ihm zerrten und seinen Magen umstülpten. Er ertrug es nicht, wenn jede einzelne Faser seines gesamten Körperapparates im Schleudergang durchgeschüttelt wurde.  Bisher wollte er sämtliche Unannehmlichkeiten nicht ertragen müssen. Allerdings hatte ihn der Sommer gelehrt, dass es lohnt, diese Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen. Denn am Ende der Fahrt, wenn die Wagen abgebremst wurden, die Endorphine ihn übermannten und er dieses rauschähnliche Glückszucken für ein paar Sekunden bemerkte, fühlte er sich lebendig und die schwere Last, das Unbehagen seiner Existenz, die er viel zu lange mit sich herumschleppte, fiel von ihm ab.

Auf der Achterbahn hat er sich wieder gefunden. In den Jahren davor war er sein eigener Alptraum, gefangen in maladaptiven Bewältigungsmodi. Ein trauriges Kind, dass verloren gegangen war und nicht mehr gefunden werden wollte. Spätestens im Herbst letzten Jahres, als seine Mutter verstarb, hatte er sich endgültig seinem Schmerz hingegeben. Es gab keinen Platz für ihn, nirgendwo. Aber niemand hat ihn verjagt oder ausgegrenzt. Er selbst ist in sich selbst hineingekrochen, wehleidig und beleidigt.

Im letzten Jahr hatte seine Frau, seine große Liebe, resigniert aufgegeben und sich anscheinend Trost bei einem anderen Mann gesucht. Wahrscheinlich war sie selbst verzweifelt, hatte er doch eine Mauer um sich errichtet und alle Bemühungen seine Aufmerksamkeit zu erregen, prallten an der harten Wand ab. Sie hatten sich so weit entfernt, dass er anfing, ihr zu misstrauen. Die Prophezeiung seiner Mutter, mit der er vor langer Zeit gebrochen hatte, schien sich wie jede selbst erfüllende Prophezeiung zu erfüllen. Hatte sie ihm doch beigebracht, niemanden zu trauen, noch nicht einmal dem Menschen, der vorgibt, ihn zu lieben. Sie hatte zu ihm gesprochen, mit scharfer Stimme, die ihn seinem Kopf in Dauerschleife nachhallte: „Liebe will dir nichts geben, sie will dir nur nehmen“. Er suchte nach Beweisen für die Flucht seiner Frau aus ihrer Beziehung und fand ihn schnell. Eine kleine Notiz, geschrieben von einer ihm unbekannten Männerhand, lag zwischen ihren persönlichen Dingen auf dem Schreibtisch. Auf dem kleinen himmelblauen Zettel standen eine Telefonnummer und die Worte: es war schön mit dir.

Alles brach über ihm zusammen, sein ganzes Leben geriet in Schwanken, er verlor den Halt, stellte sich vor, wie sie lachend am Tisch, so wie sie früher mit ihm lachte, den anderen Mann verliebt mit ihren blauen Augen anblinzelte, so wie sie ihn früher angeblinzelt hatte. Es fühlte sich an, als habe die Liebe ihm wirklich alles genommen. Erst wollte er sie zur Rede stellen, aber bei längerem Nachdenken, fiel ihm auf, dass er nur seinen Ängsten und einer tieferliegenden Verstörung folge. Anstatt sie mit ihrem vermeintlichen Fehltritt zu konfrontieren und sie zu brüskieren, wollte er sie wissen lassen, dass er sich um ihre Liebe sorge und Angst habe, sie zu verlieren.

Die ersten warmen Tage im Jahr. Die Samstage verbrachten sie in ihrem Garten. Sie kümmerte sich um die Beete, er mähte den Rasen. Wie jedes Jahr schafften sie Raum für etwas Neues. Unter der Arbeit ihrer Hände sollte etwas heranwachsen. Sie saßen mittags nach getaner Arbeit auf ihrer Bank in der Sonne und schwiegen. Er fühlte sich beschämt, als säße er mit einem Mal neben einer vollkommen fremden Person. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und sprach leise und zögerlich seine Vermutung aus. „Kann es sein, dass du mich nicht mehr liebst?

Sie zog sich in ihre Ecke der Bank zurück, starrte ihn an, verletzt und wütend und beantwortete seine Frage, ohne seine Frage zu beantworten. Nach der langen Zeit, in der sie sich um die Kinder und ihn gekümmert habe, auf seine Belange Rücksicht genommen habe, sei es an der Zeit, dass sie an sich selbst denken müsse. Er wusste nicht, was sie meinte und anstatt nachzufragen, zelebrierte er seine Verlustängste. „Sei bitte nicht so gemein zu mir. Du weißt, wie sehr ich unter meinen Verlustängsten leide. Willst du dich etwa von mir trennen?“ Sie blieb reserviert, stand auf und ging wieder zu ihrem Beet. Im Weggehen warf sie ihm hinterher: “Siehst du, dass meine ich.“

Die darauffolgenden Tage überlegte er, wie er sie erreichen konnte. Er musste auf sie zugehen, ihr zeigen, dass er sie nicht aufgegeben habe.  Zugewandt wollte er sein, sie und die Kinder in den Fokus nehmen, anwesend sein, nicht nur körperlich, sondern mit all seiner Aufmerksamkeit. Er wollte sie in den Blick nehmen, im wahrsten Sinne des Wortes, sie anschauen und verstehen, was ihr fehlt, was sie an ihm vermisst, was sie braucht, um ihn nicht nur aushalten zu müssen, sondern wieder Freude an seiner Gegenwart zu haben.

Bei jeder Gelegenheit, wenn sie allein waren, begann er eine Konversation. Erst unverfänglich und dann fragte er sie sehr konkret, was sie sich von ihm wünsche, welche Erwartungen sie an ihn habe. Sie war kurz angebunden. Sie habe keine Erwartungen mehr an ihn. Er blieb penetrant und fragte weiter und irgendwann ließ sie weitere Einblicke in ihr Seelenleben zu.

In den ersten Tagen und Wochen ging es nur um unangebrachte Verhaltensweisen: Jammer nicht rum, beschwer dich nicht andauernd, fordere keine Gegenleistung, wenn du nett zu mir warst oder mir meine Freiheit gelassen hast. Beides sind Selbstverständlichkeiten. Erwarte nicht von mir, dass ich dich frage, wenn ich mal ohne dich etwas unternehmen will. Es ist selbstverständlich, dass ich auch ohne dich sein möchte. Nickend nahm er ihre Anweisungen entgegen und wie schwer es ihm fiel, kein Jammerlappen zu sein. Er fragte sich, warum er sich für eine lange Zeit wie ein motziges Kleinkind benommen hatte.

Ihr Neuanfang hatte erst nur etwas von einer Dressur. Sie übten neue Verhaltensweisen ein und bei Rückfall in die alten Verhaltensweisen bestrafte er sich selbst. Nach ein paar Wochen hatten sie sich freigeschwommen. Er begann sich zu verändern, seine Stimmung hellte sich auf, sie wurde zugänglicher, es entstand eine neue Basis zwischen ihnen, auf der sie aufbauten.

Der Frühling ging zu Ende. In einem brütend heißen Juni mit langen Sommerabenden saßen sie oft in ihrem Garten bei einem Glass Wein. In der Dämmerung begann es sich abzukühlen und er schlug ihr vor, am naheliegenden Fluss spazieren zu gehen. Sie liefen nebeneinanderher.  Auf dem geraden Feldweg schwiegen sie. Er suchte eine Möglichkeit, ein Gespräch zu beginnen und als der Feldweg eine Biegung nahm, fragte er sie einfach, wie es ihr ginge. Es entwickelte sich ein langes Gespräch über Alltäglichkeiten, über den Tag, was ihnen auf der Arbeit widerfahren war, was ihre Kinder im Moment bewegte. Sie liefen, bis es am Fluss finster wurde und kehrten dann zurück. Am nächsten Abend liefen sie wieder und diesmal unterhielten sie sich vom ersten Moment an. Am Ende des Weges, kurz bevor sie wieder nach Haus zurückkehrten, gestand er ihr, dass er es abends kaum erwarten könne, von der Arbeit zu kommen und mit ihr zu reden und mit ihr Zeit zu verbringen. Sie lächelte ihn an und nahm seine Hand. Als ihre Hände ineinanderglitten, löste sich ein Stück Trauer von ihm und verschwand in der rotglühenden Dämmerung.

Ein paar Tage später fuhren sie in den Sommerurlaub an die Nordsee. Ihre Harmonie war noch sehr brüchig. Er hatte vielleicht sein Verhalten geändert, konnte sich selbst reflektieren, aber die Zugewandtheit hatte sich in ein unsicheres Klettverhalten verwandelt. Er ließ seine Frau nicht mehr aus den Augen, machte sein Wohlbefinden von ihrem abhängig. Er war ihr untertänigster Diener, las ihr alle Wünsche von den Augen ab und neigte dazu, ihre schlechte Laune als Beweis für sein Fehlverhalten zu deuten. Wenn sie für sich sein wollte, war er beleidigt und glaubte, sie wolle ihn von sich fernhalten. Das motzige Kind ihm war noch nicht besiegt.

An der Nordsee schien sich alles zum Besseren zu wenden. Das Licht, das Meer und die Ruhe schienen ihm gut zu tun. Händchenhaltend liefen sie frühmorgens in den Ort, kauften beim Bäcker Brötchen und setzten sich vor die Bäckerei auf eine Parkbank, um einen Kaffee aus Pappbechern zu trinken und dabei den Hafen und das Meer zu betrachten. Dabei sprachen sie miteinander, vermischten banale Alltäglichkeiten mit tiefschürfenden Gedanken, ihr Blicke trafen sich. Vor ein paar Monate wäre das nicht möglich gewesen. Damals starrten sie einander vorbei und schwiegen. Trotz der Verbesserung schien es noch etwas zu geben, dass zwischen ihnen stand.

Es war noch zu unsicher und konnte keine Kontrolle über die Situation abgeben.  Er wollte alles klären, wollte das alles perfekt sei und er wollte es sofort. Er lauerte regelrecht darauf, um die kleinsten Abweichungen in ihrem Verhalten registrieren zu können. War sie nicht sofort zur Stelle, war sie nicht in seiner Nähe, drehten sich seine Gedanken nur darum, ob sie ihm nur etwas vorspielte und mich hinterging. Eines Nachmittags legte sich seine Frau zum Ausruhen in sein Schlafzimmer, während er in der Küche den Abwasch machte. Er konnte nicht ertragen, dass sie allein war, fühlte sich ausgegrenzt, regelrecht ausgesperrt und in seinem Kopf brannten die perfidesten Gedanken. Seinen Zorn ließ er an den Kindern aus, die er für irgendeine Belanglosigkeit anbrüllte. Als seine Frau sich ausgeruht hatte und wieder zu ihm zurückkehrte, sprach sie ihn auf sein Verhalten an. Er entschuldigte sich, bezichtigte sich selbst, weil er wieder alles kaputt mache und stand kurz vor einem nervösen Zusammenbruch. Es hatte etwas gedauert, bis er wieder runterkam. Fast hilflos fragte er sie, was sie sich von ihm wünschte. Sie unterbrach ihn. Die letzten Wochen seien doch sehr schön gewesen und sie wolle nur, dass er wieder normal sei. Sie wolle keine Verantwortung für ihn tragen, das könne er durchaus selbst, aber manchmal benähme er sich wie ein fünfzehnjähriger Teenager.

Die darauffolgende Nacht schlief er sehr gut. Er hatte herausgefunden, dass in mir eine andere Persönlichkeit wütete, ein kleiner Junge, ein Bote aus seiner Kindheit, der sich ungerecht behandelt fühlte. Ab dem Zeitpunkt entwickelte er allmählich ein Empfinden für Gelassenheit. Sobald er in sich den Fünfzehnjährigen wüten hörte, ließ er ihn ins Leere laufen und überlegte wie er als Erwachsener auf die Situation, die den Fünfzehnjährigen störte, reagieren konnte.

Der Urlaub verlief weiterhin friedlich und ein paar Tage, nachdem sie wieder nach Hause gekommen waren, hatte er einen Termin bei einer Psychologin. Er hatte sich schon Wochen vor dem Urlaub, um einen Termin bemüht. Sein gruseliges Verhalten, sein Misstrauen, sein Wehleid war zu arg, um es selbst bewältigen zu können. Die Psychologin konnte ihm gut erklären, dass der Fünfzehnjährige nicht die Stimme seiner Kindheit, sondern die Stimme meines inneren Kritikers sei. Die vielen Verbote und Forderungen seiner Eltern hatten sich verstetigt und triggerten sein inneres Kind, dass die Erfüllung seiner Grundbedürfnisse gefährdet sah.

Sie hatten an einer Tafel alle Sätze seines inneren Kritikers gesammelt und festgestellt, dass es sich um viele Originalzitate seiner Eltern handelte. Sein Misstrauen gegenüber den Menschen, die ihn liebten, die Angst ausgegrenzt zu werden, nicht gesehen zu werden, beruhen alle auf Erfahrungen aus der Kindheit und riefen ein infantiles Verhalten hervor. In seinem Fall entweder der Rückzug oder der Ausbruch. Die Psychologin hatte einen einfachen und einleuchtenden Rat: ersetzen sie infantiles Verhalten durch das Verhalten eines Erwachsenen. Instinktiv hatte er dieses Mittel schon mehrfach eingesetzt, in dem er nach schwierigen Situationen das Gespräch mit seiner Frau gesucht hatte, anstatt sich zu verkriechen und sich in seinem Selbstmitleid zu suhlen.

Der Sommer neigte sich bald dem Ende zu. Es blieb warm und es gab viele Gelegenheiten, das Haus für gemeinsame Spaziergänge und Unternehmungen zu verlassen. Die alte Bande, die sie einst so stark und einzigartig gemacht hatte, die sie hat eine Familie gründen lassen, ein gemeinsames Leben hat aufbauen lassen, war wieder sichtbar und spürbar. Oft sagte sie zu ihm, dass sie sein Zutrauen und seine positive Energie sehr genieße und sie den alten Grantler, der ihr den Alltag schwer gemacht hatte, nicht vermisse. Eines Abends im Garten saßen sie bei Kerzenschein an ihrem Platz und sie sagte, dass er es immer noch jeden Tag schaffe, ihr Herz zu erwärmen.

An einem Samstagmorgen vor dem Frühstück flanierten sie auf dem städtischen Wochenmarkt. Sie holten Brötchen für das Familienfrühstück, Gemüse für die Woche einzukaufen. Er konnte sie schnell zu einem Kaffee in seiner Lieblingskaffeebar überreden, denn sie liebte es den ersten Kaffee des Tages mit ihm zu genießen und sich dabei über Gott und die Welt zu unterhalten. Er stand also in dem Kaffee, seine Frau hatte ihn beauftragt, ihr einen Americano zu bestellen, während sie einen Sitzplatz suchte. Die Bedienung nahm seine Bestellung entgegen, braute seinen Cappuccino und während sie mit dem Ausgießer des Milchkännchens eine Palme in den Milchschaum wedelte, überkam ihn ein Sekundenglück und die Erkenntnis, dass es gut ist, manchmal in die Achterbahn einzusteigen und seine Ängste hinter sich zu lassen. Die Barista machte ihm das Tablett mit ihren Kaffees zurecht und er dachte nur daran, wie schön dieser Sommer sei und dass er niemals zu Enden gehen dürfe.