Thomas 3

Der dritte Thomas ist ein äußerst unbequemer Erzähler, der vor Nichts und Niemanden halt macht. Thomas Pynchon kann man als Mensch nicht erfassen und auch als Schriftsteller entwischt er einem immer wieder. Wenn man das Gefühl hat, seine Intensionen zu erkennen, wirft er einem mit Absicht Knüppel zwischen den Beinen. Er bemüht ständig den subjektiven Gedankenstrom seiner Figuren. Allerdings auf eine andere Art und Weise wie Thomas Bernhard. Bei ihm ist es ein Chor aus unzähligen Stimmen, Karikaturen, Witzfiguren, die unerhörtes und Unmögliches erleben. Ihm fehlt jegliche Psychologie. Mittlerweile bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass Thomas Pynchon entweder Autist ist oder mindestens ein Aspergersyndrom hat. Er sitzt zu Hause an seinem Schreibtische und muss hochgradig komplizierte Texte schreiben um sich wohl zu fühlen. Die Gefühlswelt anderer Menschen bleibt ihm verschlossen und so werden seine Personen Spielbälle der Geschichte, die unmöglichen Verschwörungen aufsitzen oder sie erfinden. Alles bleibt wage, nichts ist konkret. Sein gesamter Kosmos an Figuren ist scheinbar untereinander verknüpft und doch leben sie nebeneinander her, begegnen sich, trennen sich, finden sich wieder, oft geschieht alles auf mehreren Kontinenten zu verschiedenen Zeiten und doch scheint alles gleichzeitig an einem Ort zu geschehen. Thomas Pynchon ist Meister des Fabulierens. Er schert sich nicht um historische Fakten. Alles wird unter seiner Feder umgeformt und historische Ereignisse gebraucht er nur, um seine abstrusen Phantasien zu schildern. Seine Bücher sind hitzige Fieberträume und genauso lesen sie sich auch. In einem Fiebertraum verschmelzen Wirklichkeit und Phantasie. Menschen, denen man im Fiebertraum begegnet, bleiben oft konturenlos und wirken seltsam unecht.

Seltsamerweise hat Pynchon eine große Leserschaft und einen großen Einfluss auf die Literatur der letzten Jahrzehnte, obwohl er mit seinen ausschweifenden Texten weitab jeglichen Mainstreams liegt. Seine Bücher umfassen oft mehr als tausend Seiten und sind voller Mysterien. Er selbst ist ein Mysterium. Es gibt keine Fotos von ihm. Er gibt keine Interviews und entzieht sich völlig der Öffentlichkeit. So jemand kann nach heutigen Maßstäben nicht zum erfolgreichen Schriftsteller werden. Trotzdem ist er einer der bekanntesten amerikanischen Autoren und hat mit seinem Werk den sogenannten postmodernen Roman geprägt. Der großartige David Foster Wallace hätte meiner Ansicht nach, ohne die Vorarbeit eines Thomas Pynchon, keine Chance gehabt, Leser zu finden. An Pynchon scheiden sich die Geister. Seine Fans vertiefen sich in seine Texte, versuchen der Vielzahl der Personen und Geschehnisse Herr zu werden, während seine Gegner von ihm angewidert sind, weil er z.B. pädophile Szenen schreibt, die er abspult wie ganz gewöhnliche Sexszenen. Ich gehöre weder zu der einen, noch zu der anderen Seite. Ich bin fasziniert von seinen Texten, sowie ich von der ganzen postmodernen Szene fasziniert bin. Viel lieber lese ich aber Don de Lillo und David Foster Wallace, die greifbarer und konkreter in ihren Texten werden und auf Teufel komm raus nicht die Wirklichkeit missachten.

Aber nun ein kleiner Ausschnitt aus die „Enden der Parabel“:

„Schräg über ihm, vier Meter über seinem Kopf, wird Teddy Bloat jeden Augenblick von der Galerie herunterfallen, hat er sich jedoch zum Hinsacken ausgerechnet den Platz ausgesucht, wo irgend jemand vor ein paar Wochen den grandiosen Einfall gehabt hat, zwei der Ebenholzpfosten aus dem Geländer herauszutreten. Nun ist Bloat in seinem Suff natürlich prompt durch die Öffnung gerutscht, sein Kopf, seine Arme und Rumpf hängen schon über der Tiefe, und alles, was ihn oben noch festhält, ist eine leere Champagner-Pikkolo in seiner Hosentasche, die sich irgendwo verhakt hat.

 Inzwischen hat`s Pirat geschafft, sich in seinem engen Junggesellenbett hochzurappeln und die Lage zu sondieren. Was für`n Scheiß. Was für`n verdammter Scheiß. Schon kommt von oben das Geräusch  zerreißenden Stoffs. Blitzartige Reflexe hat man ihm bei der Special Operations Executive beigebracht. Er hechtet aus seinem Bett und versetzt ihm rücklings einen Tritt, so daß er auf seinen Rollen in Richtung Bloat rast. Der stürzt ab und schlägt unter vielstimmigen Gedröhn der Bettfedern quer mittschiffs auf. Ein Bein des Bettgestells knickt ab. „Guten Morgen“, entbietet Pirat. Bloat grinst ihn kurz an, kuschelt sich in Pirats Decke und schläft gleich wieder ein.“

 

Ein großer ständiger Klamauk, alle sind in Bewegung und ständig scheint das Tempo der Ereignisse die Welt aus ihrer Bahn zu tragen. ‚Die Enden der Parabel` erzählt die Geschichte von Tyrone Slothrop, der gegen Ende des zweiten Weltkrieges in London als GI stationiert ist und durch Erektionen die Einschläge einer V2 vorausahnen kann. Der Roman beschäftigt sich nur augenscheinlich mit Slothrop Suche nach den Gründen für seine abstruse Fähigkeit. Der Titel des Buches bezieht sich auf die Flugbahn von Raketen und natürlich spielt auch die Rakete als Phallussymbol eine Rolle. Pynchon zieht den großen Bogen durch den zweiten Weltkrieg, die Herstellung der V2 in Deutschland, die Russen spielen eine Rolle usw. Irgendwann gibt es der Leser auf, die Orte und Geschehnisse noch nachvollziehen zu wollen.

Pynchon wechselt nicht nur oft die Erzähler der Geschichte und deren Perspektiven, sondern unterbricht die Texte durch Liedvorträge. Die Lieder haben zumeist etwas von Seemannsliedern oder Musicalstücken und gewollt oder nicht gewollt sind ihre Reime sehr erzwungen und fast unerträglich. Man könnte meinen, auch hier habe Pynchon sich über seine Leser lustig gemacht. Desweiteren ist Pynchon Sprachkunst nicht unerheblich für den Erfolg seiner Bücher. Unter der Oberfläche gärt das Talent eines wahren Schriftsteller alter Machart, der wunderbar Szenen beschreiben und sich gekonnt in Adjektiven verlieren kann. Ich werde das Gefühl nicht los, dass Pynchon irgendwann beschlossen hat, diese alte Kunst der Beschreibung zu dekonstruieren, um sich darüber lustig zu machen.

Was kann ich von ihm lernen? Gerade hinsichtlich seiner wunderbaren Beschreibungen von Szenerien und Hintergründen, die er wie ein Maler mit größter Sicherheit auf die Leinwand bannt, kann ich viel lernen. Diese Vielstimmigkeit, das Chaos, der Klamauk sind mir nicht dienlich für meine Geschichte. Ich habe nun einmal eine Erzählerin, die stringent berichtet. Trotzdem kann ich mir überlegen, ob ich linear erzählen muss. Insofern kann ich viele Erzählstränge aufbauen und sie verknüpfen oder versuchen, den Leser in die Irre zu führen und sie manchmal Erzählstränge aufzubauen, die sich im Nichts verlieren.

 

Wenn ich nun die drei Thomas zusammenführe und mich an ihnen bediene, was bleibt für meinen Sprachstil übrig? Ich werde meine Figuren psychologisch erforschen müssen, meine Erzählerin wird vollkommen subjektiv berichten, ich brauche viele Erzählstränge, meine Beschreibungen müssen kunstvoll in die Geschichte verwoben werden und ich brauche Distanz zu meinen Personen, um nicht des Sozialkitsches anheim zu fallen. D.h. die Prise Ironie, die alle drei Thomas vorgeben, täten meiner Geschichte nicht schlecht. Vielleicht webe ich Versatzstücke, historische Artefakte, zeitgeschichtliche Splitter ein, um das historische Umfeld und dessen Einfluss auf meine Geschichte deutlich zu machen. Dabei ist es wichtig, bei Fakten zu bleiben und nicht die Vergangenheit durchs Fabulieren zu erweitern. Die Figuren erleben die Auswirkung historische Ereignisse, ohne sich dessen bewusst zu werden. Am Ende muss ich die Fäden aus der Zukunft und Vergangenheit zusammenführen.

Damit wir uns klar verstehen: die drei Thomas dienen mir nicht als Vorbild für meinen Sprachstil, sondern sollten mir helfen, mir bewusst zu machen, wie ich Sprache anwenden will, um den Text lebendig werden zu lassen, ihn für den Leser interessant werden zu lassen und natürlich mir den Spaß am Schreiben zu erhalten.

 

Thomas 2

Ich habe nicht viel von Thomas Bernhard gelesen. Wenn ich ehrlich bin, war es nur der Untergeher. Aber ich denke, das der ‚Untergeher‘ repräsentativ für Bernhards Schreibstil stehet. Was ich an Thomas Bernhard sehr schätze ist, dass er sich die dichterische Freiheit heraus nimmt, um Fakten zu frisieren und zu verdrehen. Beim Untergeher geht es um einen Pianisten, der angeblich in Wien zusammen mit seinem Freund Wertheimer und Glenn Gould bei dem bekannten Pianisten Horrowitz studiert hat. Das Seminar hat sein Leben und das seines Freundes total verändert. Sie werden mit dem außergewöhnlichen Talent von Glen Gould konfrontiert und erkennen, dass sie nie seine Klasse erreichen werden. In Wirklichkeit hat Glenn Gould nie in Wien bei Horrowitz studiert.

Jeder hat so sein Bild von Glenn Gould im Kopf. Er war bekannt als extravaganter Sonderling, dessen Talent unbestreitbar war. Der Erzähler und sein Freund sind vielleicht die schlechteren Pianisten, aber die noch größeren Sonderlinge. Mit diesem allseits bekannten Bild von Gould arbeitet Bernhard, um den Leser zu verwirren. Man erfährt über Gould vermeintliche Wahrheiten und man glaubt dem Erzähler, obwohl man ganz andere Dinge über Glenn Gould gelesen hat. Das ganze Buch scheint dazu zu dienen, den Leser zu verwirren, seine Leseweise- und Denkweise auf die Probe zu stellen. Alles kann wahr sein, aber es könnte auch erlogen sein.

Das führt mich zu der Rolle des Erzählers, der absolut subjektiv berichtet. Zwischendurch beschleicht den Leser das Gefühl, dass der Erzähler nur existiert, um die Geschichte des Untergehers zu berichten. Der Erzähler ist das Abbild des Untergehers. Er ist der Mann ohne Eigenschaften, der der Spur seines Freundes und dessen Selbstmord nachspürt, um zu verstehen, warum sein Freund Wertheimer sich das Leben genommen hat. Der Stil besteht aus vielen Wiederholungen, viel ungefährem Geplapper, die Sätze enden mit „denkt er, dachte ich,“ usw.

Hier ein Beispiel:

„Aber der Anfang von Wertheimers Katastrophe war ja schon in den Augenblick eingetreten, in welchem Glenn Gould zu Wertheimer gesagt hat, er sei der Untergeher, das was Wertheimer schon immer gewußt hatte, war von Glenn urplötzlich und ohne Voreingenommenheit, wie ich sagen muß, auf seine kanadisch-amerikanische Art ausgesprochen worden, Glenn hat Wertheimer mit seinem Untergeher tödlich getroffen, dachte ich, nicht weil Wertheimer diesen Begriff dabei um ersten Mal gehört hat, sondern weil Wertheimer, ohne dieses Wort Untergeher zu kennen, mit dem Begriff Untergeher längst vertraut war, Glenn Gould aber in einem entscheidenden Augenblick das Wort Untergeher ausgesprochen hat, dachte ich.“

 Der Text besteht aus nur einem Absatz. Der größte Teil des Textes entspricht dem Gedankengang des Erzählers beim Betreten eines Gasthauses. Er betritt das Gasthaus, dreht sich um, sucht sich einen Platz usw. Sein Gedankenfluss wird nur kurz unterbrochen von Beschreibungen seiner Handlungen in der Gegenwart. Dadurch entsteht der Eindruck der Subjektivität. Aus dem Bewusstseinstrom eines wachen Erzählers entsteht die Geschichte. Dazu gehört auch, dass die Geschichte nicht wirklich einen Anfang oder Ende hat.

Was kann ich davon für meinen Text mitnehmen? Die Erzählerin wird ihre subjektive Sicht erzählen. Es ist die einzige Wahrheit, die der Leser hören wird. Im besten Falle reizt es den Leser zur Spekulation. Dann wäre viel erreicht. Ob ich in Bernhardscher Manier ihren Gedankenstrom darstellen werde, bezweifle ich. Ich finde es sympathisch, sie sprechen zu lassen, ohne etwas hinzu zu fügen. Sie wird selbst die Verknüpfungen zwischen Historie und ihrem Leben heraus finden, ohne dass ich als Autor die Richtung vorgebe. Somit kann ich von Bernhard lernen. Die Wahrheit kann nur der Erzähler herbei lügen. Ich kann ihm nur eine Stimme geben.

 

Thomas 1

Thomas Mann ist der heiligste der Drei. Nobelpreisträger und als Persönlichkeit sehr ambivalent. Vom treusorgenden Familienvater bis absoluter Egomane sind alle Nuancen einer Persönlichkeit in ihm vereint. Seine Texte sind schwarze makellose Monolithen der deutschen Literatur. Fast unergründliche Monumentalwerke, die mich schon als jungen Leser in den Bann gezogen haben. Kein Werk unter tausend Seiten, ausufernd und doch effektiv. Dokumente eines halben Jahrhunderts, das durchzogen war von zwei Weltkriegen, einem Kaiserreich, einer Demokratie und einer Diktatur. Thomas Mann ist Zeitzeuge, aber nie historischer Dokumentar seiner Zeit. Er schreibt über die Auswirkungen seines Zeitalters, aber er beschreibt nie die historischen Ereignisse seines Zeitalters. Nehmen wir den Zauberberg: eine sterbende europäische bürgerliche Gesellschaft, die in einen Krieg stolpert, wird anhand eines Sanatoriums beschrieben. Er beschreibt nicht die politischen Ereignisse, sondern nur Zeitgenossen, die Geschichte und deren Auswirkungen erleben. Insofern ist er mir sehr sympathisch und die Distanz zu meinem Anliegen scheint sehr gering zu sein. Geschichte ist für den Einzelnen nicht im Gesamten zu erleben, sondern höchstens für ihn im Nachhinein nach der Lektüre von Geschichtsbüchern zu begreifen. Der Mensch lebt in der Geschichte und erfährt nur ihre partiellen Konsequenzen, ohne das Gesamtbild vor sich zu haben. Wie das geht, habe ich schon an anderer Stelle beschrieben.

An seiner Sprache erkennt man seine Eitelkeit. Zu seinem Talent gehörte gleichzeitig die Empfindsamkeit, Kritik als Verletzung zu empfinden. Thomas Mann ist es gelungen, seine eigenen Abgründe hinter der ironischen Distanz zu seinen Geschichte und seinen Charakteren zu verstecken. Seine Sätze sind voluminös, nie fragil und in formvollendeter Sicherheit geschrieben. Trotzdem verrät er seine Charaktere nie. Er lässt sie sich in ihrem Sujet frei entfalten. Er beschreibt oft Typen, aber niemals blasse Abbilder. Er lotet die Tiefe der Seele mit allen Mitteln der Psychologie aus, ohne seine Figuren zu therapieren. Tomas Mann hat zu Recht alle Ehren erhalten, die man ihm hat zukommen lassen. Er war der deutsche Schriftsteller seiner Zeit. In gewisser Weise hat die Nachkriegsliteratur ihn ad Absurdum geführt. Er war zu barock, noch verharrend in einer Sprache, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert hatte. Seine Sprache wirkt perfekt geformt und lässt keine sprachlichen Experimente zu. Wenn man ihn mit den Autoren der Gruppe 47 vergleicht, haben sie aus deutschen Sprache Pop gemacht, während Thomas Mann noch gute Wiener Klassik komponierte.

Beginnen wir mit dem Vorsatz aus dem Zauberberg:

Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, – nicht um seinetwillen (denn der Leser wird einen einfachen, wenn auch ansprechenden jungen Menschen in ihm kennenlernen), sondern um der Geschichte, die uns in hohem Grade erzählenswert scheint (wobei zu Hans Castorps Gunsten denn doch erinnert werden soll, daß es seine Geschichte ist, und daß nicht jedem jede Geschichte passiert): diese Geschichte ist sehr lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit historischem Edelrost überzogen und unbedingt in der Zeitform der tiefsten Vergangenheit vorzutragen.

 Das wäre kein Nachteil für eine Geschichte, sondern eher ein Vorteil; denn Geschichten müssen vergangen sein, und je vergangener, könnte man sagen, desto besser für sie in ihrer Eigenschaft als Geschichten und für den Erzähler, den raunenden Beschwörer des Imperfekts. Es steht jedoch so mit ihr, wie es heute auch mit den Menschen und unter diesen nicht zum wenigsten mit den Geschichtenerzählern steht: sie ist viel älter als ihre Jahre, ihre Betagtheit ist nicht nach Tagen, das Alter, das auf ihr liegt, nicht nach Sonnenumläufen zu berechnen; mit einem Worte: sie verdankt den Grad ihres Vergangenseins nicht eigentlich der Zeit, – eine Aussage, womit auf die Fragwürdigkeit und eigentümliche Zwienatur diese geheimnisvollen Elements im Vorbeigehen angespielt und hingewiesen wird.

 Um aber einen klaren Sachverhalt nicht künstlich zu verdunkeln: die hochgradige Verflossenheit unserer Geschichte rührt daher, daß sie vor einer gewissen, Leben und Bewußtsein tief zerklüftenden Wende und Grenze spielt…Sie spielt, oder, um jedes Präsens geflissentlich zu vermeiden, sie spielte und hat gespielt vormals, ehedem, in den alten Tagen, der Welt vor dem großen Kriege, mit dessen Beginn so vieles begann, was zu beginnen wohl kaum schon aufgehört hat. Vorher also spielt sie, wenn auch nicht lange vorher. Aber ist der Vergangenheitscharakter einer Geschichte nicht desto tiefer, vollkommener und märchenhafter, je dichter ‚vorher‘ sie spielt? Zudem könnte es sein, daß die unsrige mit dem Märchen auch sonst, ihrer inneren Natur nach, das eine und andre zu schaffen hat.

 

Die große Kunst des Semikolons beherrscht heute kaum jemand. Er vermeidet regelrecht kurze Sätze. Thomas Mann sammelt seine Aussagen in vielen Sätzen zusammen und schichtet sie zu monströsen Satzgebirgen auf. Heutzutage wäre ein Autor versucht, den Beginn des Romans in zwei Sätzen zusammen zu fassen. Zudem gibt es den allmächtigen Erzähler nicht mehr, der die erste Person Plural, das Personalpronomen der Könige und Herrscher, nutzt. Hier schreibt einer, der auch der König der Schriftsteller sein möchte. Thomas Mann ist der Legende nach ein solcher Ästhet, weil er der Welt zeigen wollte, dass jemand ohne Abitur und Studium die deutsche Sprache besser beherrscht, als all die Gelehrten. Ich sehe förmlich, wie er über seinem Manuskript brütet und sich dabei erwischt, dass ein von ihm geschriebener Satz vollkommen kahl geblieben ist und nur aus Subjekt,  Prädikat und Objekt besteht und er kopfschüttelnd diesen einfach durchstreicht. Die immer noch aktuelle Mode Sätze zu schreiben, die keine sind, hätten bei ihm zu einer ausgeprägten Magenreizung mit anschließendem Erbrechen geführt. Übrigens geht es mir ähnlich. Ich weiß, diese Mode finden viele sehr ausdrucksvoll, weil man durch das Kürzen von Sätzen Betonungen und Aufmerksamkeit schafft. Ich finde, es ist ein Ausdruck von Faulheit und Sprachvergessenheit. Insbesondere mein erster Roman, ist von dem Versuch geprägt, die Mannsche Sprachästhetik nachzuempfinden. Hinsichtlich dieses Bestrebens ist mein erster Roman ist das komplette Zeugnis meines Scheiterns.  Heute will ich nicht mehr danach streben, Herrn Mann nachzuäffen. Da bin ich schon etwas weiter. Mittlerweile sehe ich es als Belastung, ihn in jungen Jahren als Vorbild auserwählt zu haben. Wenn meine Gattin meine Texte liest, bemängelt sie, dass ich nicht griffig genug schreibe und ich ausschweifende Sätze verwende, die nichts aussagen, weil sie in ihrer Selbstgefälligkeit an Sinn verlieren. Ich kann von Herrn Mann lernen, was ich nicht machen sollte: Mittlerweile vermeide ich Satzkaskaden und probiere es erst gar nicht lange, verschachtelte Sätze zu schreiben.

Exkurs Schreibstil

Bevor ich die Handlung weiter entwickle, mache ich noch einen wichtigen Exkurs zum dem letzten Element meiner Überlegungen: Der Schreibstil. Bevor ich die ersten Zeilen meines Textes schreibe, muss mir klar sein, wie ich Sprache anwende, um meine Geschichte adäquat transportieren zu können. Dazu gehören einige Grundüberlegungen. Ich will sondieren, welche Möglichkeiten ich habe, einen geeigneten Sprachduktus zu finden. Ich werde mich in den nächsten Einträgen mit Vorbildern beschäftigen und im Laufe der Auseinandersetzung mit literarischen Spielarten ausloten, welche Arten der Sprachanwendung zu mir passen. Dieser Findungsprozess ist für mich sehr wichtig und resultiert aus meinen Erfahrungen mit meinen vorherigen Texten. Ich glaube, dass viele meiner Frühwerke daran scheiterten, dass ich sehr unbewusst Sprache angewendet habe. Oft verlief das Verfassen meiner Texte in einer Art Sprachausfluss, der unkontrolliert über die Deiche schwappte und im Hinterland meiner Geschichten schlimme Schäden anrichtete. Spätestens bei der ersten Korrektur war ich nur mit Aufräumarbeiten beschäftigt und ich nahm mir meine Chancen, den Plot und meine Absichten in aller Ruhe zu betrachten. Den persönlichen Sprachduktus für eine Geschichte vor dem Schreiben zu erforschen, gehört zur Schreibökonomie. Der geneigte Leser sollte mich jetzt nicht als Sprachkapitalisten verteufeln, der seinen Gewinn durch Effizienz ins Unendliche steigern will. Es geht nur darum, dass ich mich nicht verzetteln will und ich und Sie als Leser Freude an meinen Texten haben. Das sollte ein ehrenwertes Ziel sein. Natürlich gibt es diese Sprachtalente unter den Schriftstellern, die von Anfang an ihren perfekten Ton haben. Viele dieser Sprachtalente sind aber auch im Laufe ihres literarischen Schaffens langweilig geworden, weil sie sich auf ihren natürlichen Fähigkeiten ausgeruht haben. Es gibt so vieles in der Anwendung der Sprache zu entdecken und wie wir alle wissen, ist die freiwillige Selbstlimitierung der Tod der Kreativität.

Die Charakterisierung der Hauptpersonen und ihre Vorgeschichte letzter Teil

Der Sprachverlust wird zum Symbol und zum roten Faden der Geschichte. Nacheinander verliert, verlernt oder vergisst jeder in der Familie die Fähigkeit zur Kommunikation. Erst die Mutter durch ihre Depression, dann der Vater durch die soziale Isolation, dann Luisa durch Krankheit oder psychischem Verfall. Letztendlich ist Johanna die Einzige, die ihre Kommunikationsfähigkeit behält. Sie ist das Sprachrohr der Familie und hält somit den Kontakt zur Außenwelt.

Die Vorgeschichte der Eltern wird im Text nach und nach beschrieben. Kerstins Großeltern und Olafs Eltern tauchen sporadisch auf. Ihre Charaktere und Geschichte auszuformen erachte als nicht wichtig, da sie nur Randfiguren sind. Der Großteil der Geschichte spielt in den Jahren beginnend ab dem Einzug in das Haus des Onkels. Deswegen finde ich es wichtiger die Figuren aus dem direkten Umfeld zu modellieren, wie zum Beispiel die Nachbarn usw.

Das Haus des Onkels befindet sich am Rande eines Industriegebietes, das wiederum am Stadtrand liegt. Das Areal wird auf der einen Seite durch die Hauptverkehrsader der Stadt begrenzt, auf der anderen Seite durch das Firmengelände einer Spedition. Ein gewisser Geräuschpegel begleitet den Alltag der Familie Tag und Nacht. Tagsüber kommt von der Straße der Lärm des stetigen Verkehrs und von der anderen Seite, in den Abend- und Morgenstunden der Lieferverkehr der großen LKW`s. Das graue Standrandmilieu zieht gesellschaftliche Randfiguren an. Die Verlierer, Außenseiter, Verrückten, Kranken und Armen der Stadtbevölkerung. Für mich ist es von großer Bedeutung diese Menschen möglichst authentisch zu zeigen. Der Text wird unglaubwürdig, wenn ich in sozialkitschigen Moritaten die Außenseiter als Heilige skizziere. Ich kann nicht sagen, dass ich viele Obdachlose, Alkoholiker, Prostituierte zu meinen Freunden zähle. Natürlich sind in meinem Leben mir problembeladene Zeitgenossen begegnet, die eher am Abgrund als in mitten der Gesellschaft leben. Trotzdem kann ich nicht behaupten, sie in ihrer Lebenssituation über längere Zeit beobachtet zu haben. Mir kann man also leicht vorwerfen, ich wüsste nicht, worüber ich schreibe und letztendlich benutze ich das Schicksal anderer Menschen, um mich als Autor zu profilieren. Es ist in diesem Falle eine verdammte Gratwanderung zwischen Fiktion und Realität und für mich stellt es eine Hürde dar. In anderen Texten habe ich nicht immer aus einer optimalen Perspektive heraus Dinge beschrieben, die ich nicht erfahren habe. Natürlich weiß ich, dass ich nicht wie ein Journalist schreiben muss, der reale Begegnungen und Begebenheiten wahrheitsgetreu darstellen will und die eigene Interpretation hinzufügt, aber auch kenntlich macht. Ich schreibe nicht dokumentarisch und kann mir das Recht herausnehmen, zum Stilmittel der Überhöhung oder Verkürzung zu greifen. Kein Schriftsteller dieser Welt ist gezwungen, das Bewusstsein einer Person in seinen unendlichen Facetten auszuleuchten. Dann gäbe es keine Geschichten mehr, sondern nur noch Psychogramme, die auch ein Psychologe hätte schreiben können. Es gibt diesen Grenzbereich zwischen Fiktion und Wirklichkeit, aus der sich die Verpflichtung des Autors ableitet, die Würde der Figuren und ihre Herkunft zu wahren. Jede Romanfigur hat seinen Urgrund in der Wirklichkeit, in einer oder mehrerer real existierende Personen. Wenn Autoren erzählen, sie haben eine Figur erfunden, lügen sie.

Ich skizziere die Figuren nur kurz, werde aber bei Ausgestaltung meines Textes meine Bedenken in Ehren halten.

Kira: Prostituierte aus Polen, die in einem abgewrackten Nebengebäude ihre Kunden empfängt. Jo und Lu begegnen ihr oft und wundern sich über ihr Erscheinungsbild. Kira steht oft rauchend und in aufreizender Bekleidung vor ihrer Wohnung. Es entsteht eine Art Freundschaft zwischen ihr und den Kindern, die Jahrelang anhält, bis Kira eines Tages einfach verschwindet.

Erhard der Penner, der in abgerissenen Klamotten in der Nachbarschaft abhängt und zumeist eine halbleere Bierflasche vor sich her trägt.

Friedrich, der Schrotthändler, der auf seinem Schrottplatz lebt.

Frau Kowalski, die alte Nachbarin, Rentnerin über achtzig, die schon leicht dement ist und in ihrer Messiewohnung lebt.

Der Hausmeister der Spedition, der die Kinder immer verscheucht und anbrüllt….

Die Frau vom Jugendamt, die nach dem Verschwinden der Mutter die Familie betreuen will und daran scheitert, weil sich Johannas Vater nicht helfen lassen will. Schließlich gibt sie auf.

Die Direktorin der Grundschule: Jo hat trotz aller Widrigkeiten gute Noten. Die Rektorin sorgt trotzdem dafür, dass Jo nur in die Hauptschule/ Realschule kommt, weil sie aufgrund des sozialen Umfelds Jo in eine Schublade steckt und ihr nicht zutraut, aus dem Übel heraus zu kommen.

Ihre einzige Schulfreundin, die sie seit der ersten Klasse begleitet und die sich immer wieder begegnen. Ihre Familie ist das Gegenbild zu Jos Umfeld. Die Eltern sind Akademiker, Aufsteiger, die mit großen Auto und Haus in der Innenstadt protzen und denen das aber nicht reicht. Ihre Tochter soll es einmal noch besser haben und die besten Chancen erhalten und dementsprechend treiben sie ihre Tochter vor sich her. Ihre Tochter wird sich gegen sie stellen.

Somit habe ich schon ein großes Portfolio an Personen. Aus dem Reservoir an Charakteren kann ich mich bei der Entwicklung der kompletten Handlung bedienen. Ich werde aus den Verhaltensweisen der beschriebenen Personen den Plot stricken. Sie sind der Wollfaden, mein Grips und die Tastatur sind die Stricknadeln und ab und zu wird mir eine Masche herunterfallen und ich muss mir etwas Neues einfallen lassen. Das heißt aber auch, dass die eine oder andere Nebenfigur wegfallen wird, andere Personen hinzukommen oder sich anders darstellen, wie oben beschrieben.

Charakterisierung der Hauptpersonen und ihre Vorgeschichte Teil 3

Die Töchter der Familie Sommer:

Johanna Sommer

Jo wird als Wunschkind geboren. Ihre Eltern sind auf dem Höhepunkt ihrer Beziehung. Mit der Geburt Johannas scheint sich alles zum Besten zu wenden. Sie ist Papas Liebling, der sich in seiner Freizeit liebevoll um  sie kümmert und alles unternimmt, damit Johanna glücklich aufwächst. Auch ihre Mutter umsorgt Johanna mit Hingabe. Irgendwann schlägt die Fürsorge aus Liebe in Fürsorge aus Angst um. Kerstin sieht überall Hürden für die Entwicklung ihres Kindes. Sie kann das Kind nicht unbekümmert aufwachsen sehen, sondern vermutet überall Schwierigkeiten und Einschränkungen. Bis Johanna in den Kindergarten geht, eskaliert der Widerspruch der mütterlichen Erziehung zu den Ansichten des Vaters über eine unbekümmerte Kindheit und es kommt immer öfters zum Dissens zwischen den Eltern. Nach einem heftigen Streit und anschließender Versöhnung beschließen sie, noch ein Kind zu bekommen. Sie denken, dass es ihre Beziehung festigt und ein Kind ihr Glück wieder vervollständigen könnte. Johanna ist ein aufgewecktes Kind und trotz der ängstlichen Fürsorge ihrer Mutter ein neugieriges Kind. Als ihre kleine Schwester geboren wird, übernimmt sie von Anfang die Rolle der großen Schwester, die auf die kleine Schwester aufpasst und gerne Verantwortung übernimmt. Im Kindergarten fällt sie auf, da sie sich das Lesen beibringt und gerne Geschichten erfindet, die sehr lebhaft wirken, so dass manche Erwachsenen glauben, sie erzählt wahre Begebenheiten.

Luisa

Mit Luisas Geburt beginnt die Katastrophe. Luisa ist ein anstrengendes Kind. Sie schreit viel, schläft wenig und hält die Eltern ständig auf Trab. Die Eltern sind nach einem halben Jahr völlig erschöpft. Kerstin zeigt Anzeichen einer Depression, die Olaf nicht erkennt. Er denkt, dass sie eine Pause braucht, nimmt sich Urlaub, macht krank und übernimmt immer mehr die Sorge für Luisa und Johanna. Dadurch beginnen seine Probleme auf der Arbeit, weil er dort unkonzentriert ist und immer mehr Fehler macht. Kerstin und Olaf haben keine Unterstützung. Olafs Eltern haben Kerstin schon immer abgelehnt, weil sie ihre Schüchternheit als Unhöflichkeit betrachten. Sie nehmen die Kinder an manchen Tagen zu sich, allerdings immer mit dem Kommentar gewürzt, dass sie schon immer gewusst haben, dass Kerstin die falsche  Frau für Olaf sei. Olaf überwirft sich mit seinen Eltern und bald haben sie nur noch sich selbst. Luisa bleibt ein problematisches Kind. Mit zwei Jahren läuft sie mehrmals von zu Hause weg. Ihr Fernbleiben bleibt oft lange unentdeckt, weil ihre Mutter depressiv im Bett liegt und nicht merkt, dass sie verschwunden ist. Es gibt mehrfach große Dramen um das Wiederauffinden. Luisa redet wenig und wenn sehr undeutlich. Sie befolgt Anweisungen nicht und kann nicht lange ruhig sitzen. Genau in diesem Moment erbt Olaf das Haus seines Onkels. Später wird Luisa völlig verstummen. Ich bin mir noch nicht sicher, ob dieses Verstummen eine psychische Ursache haben soll oder die Folge einer schlimmen Erkrankung ist.

Charakterisierung der Hauptpersonen und ihre Vorgeschichte Teil 2

 

Kerstin Sommer kommt aus einem kleinen Dorf in der Umgebung der Stadt. Sie ist als verträumte Einzelgängerin aufgewachsen. Ihre Kindheit hat sich an dreckigen Tümpeln, auf kleinen Waldlichtungen und unter Obstbäumen abgespielt. Sie ist ein schweigsames Wesen, hat etwas elfenhaftes und zerbrechliches an sich und wirkt auf fremde Menschen, als trage sie ein schlimmes Geheimnis in sich, dass sie mit niemanden teilen darf. Sie ist bei ihren Großeltern aufgewachsen. Ihre Eltern haben sie mit sieben Jahren dort abgeladen, weil sie sich beide beruflich weiter entwickeln wollten und ihre Tochter ihnen dabei im Weg war. Ihre Großeltern sind einfache und genügsame Menschen, die nie ihr Dorf verlassen haben und auf einer Hofreite am Ortsrand noch eine kleine Nebenerwerbslandwirtschaft aufrecht gehalten haben. Kerstin hat keine Freunde, weil sie nie viel spricht und zumeist ihr Gegenüber mit entgeistertem Blick anstarrt. Olaf lernt sie in der weiterführenden Schule kennen. Die Kinder aus den umliegenden Dörfern gehen nach der Grundschule in der Stadt zur Schule. Kerstin wird von ihren Altersgenossen gemieden. Sie wird weder gemobbt, noch absichtlich ausgegrenzt. Sie wird ignoriert. Meist steht sie schweigend auf dem Schulhof und kaut auf den Äpfeln herum, die ihre Großmutter ihr morgens in den Schulranzen gepackt hat. Ihre Noten sind sehr gut und sie ist die heimliche Klassenbeste. Am Ende der Schulzeit wird Olaf auf sie durch Zufall aufmerksam. Er hat sie nie wahrgenommen, obwohl er sie aus der Ferne kannte. Er ist fasziniert von ihr und versucht mit ihr in Kontakt zu kommen. Am seinem letzten Schultag schenkt er ihr eine Rose und fragt sie, wo sie wohnt. Kerstin zuckt nur mit der Schulter, legt die Rose auf dem Boden und rennt weg. Die Wege trennen sich. Kerstin macht Abitur an der gymnasialen Oberstufe und Olaf beginnt seine Lehre. Nach dem Abitur beginnt Kerstin ein Studium. Sie kann unmöglich arbeiten gehen, da ihre Zurückhaltung und menschenscheues Verhalten sie bei jedem Bewerbungsverfahren scheitern ließe. Olaf beginnt seine Gesellenzeit im einem der vielen ortsansässigen Industrieunternehmen. Er lebt bei seinen Eltern, fährt voller Stolz sein erstes Auto und kann Kerstin nicht vergessen. Kerstins Großmutter, die die einzige Bezugsperson in Kerstins Leben darstellt, stirbt. Ihr Großvater wird zunehmend hinfällig und kann das Haus und die kleine Landwirtschaft nicht mehr bewirtschaften. Kerstin erlebt ihre erste depressive Episode. Anstatt die Vorlesungen zu besuchen, streift sie durch de Wälder, verschwindet teilweise tagelang und kehrt nur widerwillig zum völlig überforderten Großvater zurück. Durch Zufall erfährt Olaf wo Kerstin lebt. Er besucht sie und findet sie und ihren Großvater in einem völlig desolaten Zustand vor. Er kümmert sich um Beide, zieht für kurze Zeit auf den Hof und versucht die Situation zu verbessern. Er kommt schnell an seine Grenzen. Kerstins Eltern tauchen auf und wollen Kerstin zu sich nehmen. Der Großvater landet in einem Pflegeheim und der Hof wird verkauft. Kerstin will nicht zu ihren Eltern ziehen, die weit weg in der nächsten Großstadt leben. Sie hat ihre Erzeuger bisher alle paar Wochen gesehen und niemals längere Zeit mit Ihnen verbracht. Daher sind sie ihr völlig fremd. So beschließt Olaf mit Kerstin in eine eigene Wohnung in die Stadt zu ziehen. Es beginnt die schönste Zeit ihres gemeinsamen Lebens. Kerstin geht wieder studieren, Olaf bringt das Geld nach Hause und sie sind glücklich miteinander. Olaf ist verliebt und Kerstin blüht auf, weil sie die Olafs Zuneigung sehr genießt. Sie heiraten, die Kinder kommen auf die Welt, erst Jo und dann drei Jahre später Lu. Kerstin gibt das Studium auf, konzentriert sich auf die Erziehung der Kinder und Olaf konzentriert sich auf die Arbeit.

Charakterisierung der Hauptpersonen und deren Vorgeschichte I:

Olaf Sommer (Vater):

Olaf ist ein gutmütiger Zeitgenosse. Er ist nie aus seiner Heimatstadt herausgekommen und kommt aus einem Arbeiterviertel. Aufgewachsen ist Olaf zwischen Mietskasernen aus den Sechzigern. Der soziale Wohnungsbau hat homogene Viertel hervorgebracht. Alle Häuser sehen gleich aus und wurden auf den immer gleichen Grünflächen drapiert, Wäscheständer und Sandkasten inklusive. In seiner Jugend gab es wenig soziale Probleme. In den Jahren der Vollbeschäftigung war es den Menschen möglich, sich ein wenig Wohlstand zu erwirtschaften: Einbauküche, Farbfernseher, Mittelklasseauto, Schrebergarten und der Pauschalurlaub am Mittelmeer. Olaf ist behütet aufgewachsen, mit dem Anrecht auf ein bescheidenes Mittelklasseleben, dessen Verlauf schon vorgegeben war. Arbeit, Familie, Rente, Tod. Er hat eine Lehre beim ortsansässigen Industrieunternehmen gemacht und brauchte nie den Arbeitgeber zu wechseln. Arbeit ist mehr als genügend vorhanden. In der Industrie wird in drei Schichten gearbeitet, durchgehend, auch Wochenends und Feiertags. Außerhalb der Arbeit führt Olaf ein angenehmes Leben. Die Mutter bekocht ihn, der Vater kümmert sich um seine Angelegenheiten. Den Umgang mit Bürokratie bringt ihm niemand bei. Daher machen ihm lange Briefe von Behörden Angst und dorthin gehen mag er schon gar nicht. Olaf ist unbedarft und verzichtet auf viele Ansprüche, weil er fürchtet, sich im Wirrwarr der Bestimmungen und Paragraphen zu verlieren. Sich gegen die Obrigkeit, vertreten durch Ämter, Beamte und Behörden, zu behaupten, kommt für ihn nicht in Frage. Sein größter Traum ist es, ein eigenes Haus zu besitzen. Er möchte seine Eltern überflügeln, die mit einer sauberen Mietwohnung im sozialen Wohnungsbau zufrieden sein mussten. Die muffige Enge der Mietskaserne, der Kehrpläne und Gemeinschaftsräume will er überwinden, um seiner Frau und seinen Kindern etwas bieten zu können. Hier beginnt das erste große Missverständnis zwischen ihm und seiner Frau, die zu labil ist, um sich für einen solchen Traum aufzureiben.

Nennen wir die Kinder doch beim Namen

Als nächstes beschäftige ich mich ausführlich mit den Personen. Zwei wichtige Personen habe ich schon genannt und ihnen Rollen zugewiesen. Es geht im Folgenden darum, den Personenkreis zu erweitern und diese Personen lebendig werden zu lassen. Dazu gehören Details wie Namen, Charakterbeschreibungen und die Historie jeder Person. Es ist überaus wichtig, ihnen Leben einzuhauchen und dazu gehören nun einmal auch die Herkunft und die Einflüsse, die einen Menschen prägen. Für mich hat es sich als praktisch erwiesen, eine Art Dossier zu jeder Person zu entwerfen. Dabei erstreckt sich diese Feinarbeit auf Hauptpersonen und wichtigen Nebenfiguren. Alles andere führt zu weit und ist wieder kontraproduktiv. Am Ende entsteht ein eigener Mikrokosmos, der die Grundlage für die Entwicklung der Handlung darstellt. Meine Arbeit beginne ich, indem ich mir einen Kreis an Hauptpersonen überlege. Anfangs sind das drei bis fünf Personen. Nach und nach kommen noch ein paar Hauptpersonen hinzu. In diesem Fall ist es einfach: Im Mittelpunkt steht eine Familie. Also: Mama, Papa, Kinder. Sollen es mehrere Kinder sein? Sohn und Tochter oder nur Töchter? Die Hauptperson soll am Anfang der Erzählung ca. 12 Jahre alt sein. Erfahrungsgemäß sind die ältesten Kinder einer Familie am meisten von Konflikten in der Familie betroffen. Sie fechten viele Konflikte für die jüngeren Kinder aus. Sie sind oft diejenigen, die den Streit der Eltern am ehesten zu spüren bekommen, weil niemand älteres da ist, der sie beschützt und ihnen Rat geben kann. Zumeist haben sie die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister. Also bekommt die Hauptperson ein jüngeres Geschwisterkind an die Seite gestellt. Wir nehmen ein Mädchen, das etwas jünger ist, so etwa sechs bis acht Jahre alt. Die Familie besteht aus einem Vater, Mutter und einer Tochter 12 Jahre alt und einer Tochter acht Jahre alt. Ich modelliere erst einmal diese vier zentralen Figuren und erarbeite mir den Familienkosmos. Die Verbindungen und Vernetzungen zwischen den vier Personen müssen vor dem Schreiben schon deutlich erkennbar sein. Z.B. welche Tochter ist ein Vater- oder Mutterkind? Wie fasst die Mutter ihre Rolle in der Erziehung auf? Ist der Vater mit seiner Position in der Familie glücklich? Wie sieht diese aus? Aber am Anfang steht erst eine ganz banale Angelegenheit: Die Menschen brauchen Namen. Ein heikles Thema. Es gibt durchaus Autoren, die die Namen ihrer Figuren mit einer Symbolik beschweren. Das bekannteste Beispiel: Die Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll. Dazu muss man sagen, dass ich nie ein großer Böll-Fan war. Die meisten deutschen Autoren aus der Nachkriegszeit, egal ob Gruppe 47 oder nicht, langweilen mich auf die eine oder andere Weise. Katharina Blum soll unschuldig und vielleicht sogar etwas naiv klingen, naturnah und rein. Wenn man Angelika Winkler in der Verfilmung sieht, denkt man, dass der Regisseur nicht viel von der Namensgebung gehalten hat. Sie wirkt verstört und gebrochen, anstatt naiv und verletzlich. Mit der Symbolik nehme ich es nicht sonderlich ernst. Es sollten in dem Fall der Familie bodenständige Namen sein. Namen, die typisch zu der Zeit der Geburt der Personen war, verbunden mit einem gewöhnlichen häufig vorkommenden Nachnamen. Dahinter steckt nicht die Überlegung die Namen mit Symbolen oder einer Konnotation aufzuladen. Diese Familie ist nicht aus der Zeit gefallen. Sie soll die Auseinanderentwicklung der sozialen Schichten repräsentieren und deswegen sind es Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die nun einmal nicht Baronin von und zu heißen. Das junge Mädchen wird als Erwachsene für die Ausübung ihres Berufes als Schriftstellerin einen Künstlernamen benutzen, der natürlich abgefahren und interessant klingen muss.

Name der Hauptperson:

Jo (hanna) Sommer Hauptperson Künstlername: Alethea Cumberland

Lu (isa) Sommer Schwester

Olaf Sommer Vater

Kerstin Sommer Mutter

Der Boden, der Dünger und die Saat

 Wie schlägt sich jetzt mein ambivalentes Empfinden für meine Heimat in meinem Text nieder?

Eine Schriftstellerin beschreibt ihre Kindheit in einer Kleinstadt, die in einer ähnlichen Situation wie meine Heimatstadt steckt. Die Stadt bildet den verkeimten Untergrund, auf dem die Probleme einer Familie ungehindert aufblühen können. Ich werde Wetzlar nicht nennen, sondern eine fiktive Stadt erschaffen, die sich in manchen Beschreibungen an Wetzlar anlehnt, aber an anderen Stellen abweicht. Warum dieser Kunstgriff? Ich habe in meinen ersten beiden Romanen genau dieselbe Konstellation gewählt. Ich schrieb über eine Stadt, die ich kenne, die es aber gar nicht gibt. Es gibt mir den Freiraum, manche Umstände auszumalen und zu konstruieren, ohne das zu vergessen, wofür meine Heimatstadt steht. Nehme ich meine Heimatstadt als Symbol, kann ich Akzente setzen und wichtige Elemente überhöhen. Wie ein Maler, der die Farben kräftiger setzt und Lichteinfall überbetont, um auf wichtige Bestandteile seines Gemäldes aufmerksam zu machen.

Die Stadt beeinflusst wesentlich das Drama um die Hauptperson. Ein scheinbarer Glücksfall für die Familie entpuppt sich als absoluter Alptraum. Der Vater der Hauptperson hat ein Haus in der Peripherie der Stadt geerbt. Vorher die Familie in einer der Vororte zur Miete im sozialen Wohnungsbau gelebt. Der Onkel des Vaters hatte keine eigenen Kinder und lebte alleine. Da die Eltern des Vaters auch schon verstorben waren, ist er der gesetzliche Erbe. Er hatte nicht viel Kontakt zu seinem Onkel, alleine schon, weil er als Einsiedler und Kauz verschrien war. Das Haus liegt an der verkehrsreichsten Stelle in der Stadt, inmitten eines Gewerbegebietes, in der Nähe der Bahnlinie. Es ist in keinem guten Zustand. Der Onkel hat jahrelang an dem Haus herum gewerkelt und es nur noch schlimmer gemacht, als es schon vorher war. Das Erbe erweist sich schnell als Last für die Familie. Die Kinder wachsen an einer vielbefahrene Straße in einem baufälligen Haus auf. Um das Haus auf Vordermann zu bringen, reichen die eigenen finanziellen Mittel nicht aus. Der Vater investiert seine gesamte Kraft in die Modernisierung des Hauses. Er scheitert und verliert nach und nach alles. Seinen Job, seine Ehefrau, sein Traum vom Eigenheim. Das Haus ist in dem Zustand und in der Lage nicht verkäuflich. Wie ein Fluch klebt es an der Familie.

Es gibt solche Ecken in meiner Heimatstadt. Straßenverkehr auf der einen Seite, Zugverkehr auf der anderen Seite und mittendrin noch Gewerbegebiet. Und trotzdem wohnen dort Menschen. Gerade an den Ein- und Ausfallsstraßen der Stadt, die Braunfelser und Altenberger Str. gibt es ausreichend solche Ecken. Wenn man die Stadt kennt, wird der eine oder andere behaupten, dass sei alles kein Problem. Irgendwo muss der Verkehr ja durch, irgendwo muss sich Gewerbe stadtnah ansiedeln können. Das gehört zu einer urbanen Umgebung dazu und in einer Großstadt gibt es viel schlimmere Ecken, wenn dann zum Beispiel noch ein Hafen, Industrie und ein Flughafen hinzukommt. Mag alles sein. Wenn man die besagten Gegenden besucht, ist es kein schöner Anblick, es ist für Kinder keine geeignete Umgebung, insbesondere, wenn es zwei Straßen weiter ruhig und schön ist und man auch die entsprechende Infrastruktur vorfindet, wie Spielplätze usw. Es geht auch eher darum, dass dieses Haus als Erbe einerseits eine Last ist und andererseits zur fixen Idee des Vaters wird, der damit die Familie in den Ruin treibt. Die Umgebung ist nur der Katalysator. Läge das Haus in einer ruhigen Ecke, hätte die Familie es einfach verkaufen können. Es ist aber unverkäuflich, weil niemand neben einer Durchgangsstraße und einer Eisenbahnlinie wohnen will und es außerdem in einem fürchterlichen Zustand ist. Grundsätzlich stellt sich die Frage, inwiefern der Mensch auch innerhalb einer urbanen Umgebung das Anrecht auf eine menschenwürdige Umgebung hat, wirtschaftliche Interessen über die Interessen des Einzelnen stehen und der ständige Verbrauch von Flächen und natürlichen Ressourcen überhaupt in einem Land notwendig sind, dessen Bevölkerung in den nächsten Jahren schrumpfen wird. Das sind Fragen, die mitschwingen und auch ihren Ausdruck im Text finden können, aber nicht unbedingt müssen. Diese Entscheidungen trifft ein Autor an anderer Stelle. Es besteht ständig die Gefahr, den Text damit zu überfrachten. Es soll eine Geschichte entstehen, die aktuelle Entwicklungen und gesellschaftliche Problemstellungen wiedergibt, weil diese direkte Auswirkungen auf die handelnden Personen haben.

Randgebiete meiner Heimatstadt Wetzlar – 3 Impressionen