Reihe 3, Platz 58 und 59 – Orlando

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Nach unseren Ausflug in die hinteren Ränge, durften wir endlich an unseren Stammplatz zurückkehren. Wir rutschen an den Menschen vorbei, die mit uns in einer Reihe sitzen. Zuletzt begrüße ich den netten Mann, der jedes Mal direkt neben mir sitzt und immer ein nettes Lächeln für uns übrig hat, während meine Frau ihn konsequent ignoriert. Ich weiß diesmal überhaupt nicht, was mich erwartet. Ich habe in unserer Lokalzeitung eine Rezension gelesen, die eher zurückhaltend war. Der Tenor: Viel Firlefanz, Getue und Geheimniskrämerei auf der Bühne, ohne Sinn und Form. Mit Bedeutung aufgeladene Leerverkäufe von Literatur.

Virginia Woolf, wortgewaltige Ulknudel mit Trauerkloßambitionen, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wichtige und stilprägende Werke moderner Literatur erschaffen hat, war die Autorin des Romans „Orlando“.  Die Hauptfigur liefert mit seinem Namen den Titel für den Roman. Kurz beschrieben geht es auch um das Leben dieser Figur, dessen Geschichte im siebzehnten Jahrhundert als Adliger in Großbritannien beginnt und im zwanzigsten Jahrhundert zur Zeit der Entstehung des Romans endet. Jemand überlebt mehrere Jahrhunderte und bleibt dabei immer ein Schönling Mitte dreißig? Zwischendrin wechselt dasjenige auch noch das Geschlecht? Wie kann so etwas sein? Das ist doch unmöglich? Und wie will man eine solch versponnene und phantastische Geschichte auf die Bühne bringen?  Insbesondere wenn der wortgewaltige Text voller Beschreibungen und Bilder schon den gewöhnlichen Leser überfordert?

Ganz einfach: man reduziert die Geschichte auf ihre Kernelemente und bringt sie in einen anderen Zusammenhang. Es liegt nahe autobiographische Elemente zu integrieren. Schließlich hat Frau Woolf ihren Roman selbst im Untertitel als autobiographisch beschrieben. Fertig ist ein Stück epischen Theaters, das den Roman mehrere zusätzliche Ebenen gibt und ihn in einen aktuellen Kontext bringt.

Das Stück spielt in einem Tonstudio. Die wuchtigen Holzwände begrenzen den Raum und in den Raum sperrt man die Protagonisten ein. Von Zeit zu Zeit senkt sich eine durchsichtige Plastikwand nieder, die wie die Glasscheibe zwischen Regie und Aufnahmeraum ein Gegenüber von Toningenieur und Musikern schafft, die sich zwar sehen, aber nur durch Mikrofone und Verstärkung miteinander reden können. Der Aufnahmeleiter (Tom Wild) spricht Anfangs nur aus dem Off und gibt Anweisungen. Später wird klar, dass der Aufnahmeleiter Leonard Woolf, der Ehemann von Virginia, darstellen soll. Virginia Woolf, dargestellt von Carolin Weber, die für mich einer der stärksten Schauspielerinnen des Ensembles ist, liest ihren eigenen Text ein. Man springt von Textstelle zu Textstelle. Leonard gibt Anweisungen und Virginia gibt alles, um ihren Text durch das Lesen mit Leben zu füllen. Drumherum gibt es einen Musiker, der auf einem Cembalo herumhaut, drei Schauspieler, die anscheinend auch dazu da sind, um Teile des Textes zu rezitieren und eine Tänzerin, die das Gelesene tänzerisch begleitet.

Diese Exposition am Anfang des Stückes irritiert und man fragt sich sehr lange, was das alles soll. Ganz klar: der ungeübte Zuschauer, der kausale Handlungsstränge gewöhnt ist, wird schnell müde und gibt auf. Der Zuschauer, der eine Antwort auf seine Fragen will, bleibt dran und wir am Schluss für seine Beharrlichkeit belohnt.

 

Irgendwann springt der Funke über. Carolin Weber trägt mit viel Leidenschaft Orlandos Geschichte vor. Zwischen den überbordenden Beschreibungen eines seltsamen Lebens spielt sie gemeinsam mit ihrer  Freundin Vita (Paula Schrötter) Ausschnitte aus ihrem intensiven Briefverkehr. Dazu gesellen sich die Tanzeinlagen der Balletttänzerin, die Bewegung in die starre bewegungsfreie Studiokonstellation bringt und die Virginias Innenleben repräsentiert und Harriet, die Erzherzogin, gespielt von Pascal Thomas, der sich immer mehr in die Rolle als Frau begibt. Alles wird garniert mit anderen absonderlichen Ausflügen und findet eine Ende als der Aufnahmeleiter sich immer mehr ins Studiogeschehen einmischt und Virginia, aus Angst, dass ihre geistige Krankheit hervorbrechen könnte, sie bevormundet und ihr die eigene Urteilfähigkeit abspricht. Der Roman tritt in den Hintergrund und das Leben von Virginia Woolf in den Vordergrund. Virginia tauscht die prallen Farben des Lebens gegen die Schattierungen der Dunkelheit. Am Ende des Stückes begeht sie Suizid. Sie tritt auf ein kleines Podest und fährt langsam in den Bühnenboden hinab, aus dem gleichzeitig Luftballons in Form von Fischen hinaufsteigen.

Für ein Stadttheater, das mich in letzter Zeit mit viel zu beliebigen Inszenierungen enttäuscht hat, mag diese Inszenierung eine Herausforderung darstellen. Aber hier hat sich die wirkliche Qualität dieses Ensembles offenbart, dass in seinen guten Momenten sich nicht nur für Experimente öffnet, sondern sie auch angemessen und erfolgreich umsetzt. Im Nachhinein ein kurzweiliger Abend. Zum Glück glaube ich nur mir und nicht den anderen Rezensenten.

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Reihe 3, Platz 58 und 59 – Johnny Breitwieser

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 Den eigentlichen Termin, der in unserem Theaterabo für das Stück vorgesehen war, konnten wir nicht wahrnehmen. Wir hatten keinen Babysitter. Wir buchten um und erhielten einen anderen Platz in Reihe sechs. Mit dem Platz am linken Rand des Geschehens änderte sich meine Perspektive als Zuschauer. Vorher saßen wir privilegiert in der Mitte unter gleichgesinnten Theaterabonnementen. Wir gehörten zu der Elite, einer kleine Menschenmenge in den ersten drei Reihen, die mit ihrem delikaten Blick, ihrem milden Lächeln, ihrer Kenntnis und Wissens um die Eigenheiten des Theaters und ihrer Nähe zur Bühne den Zuschauerraum im Griff hatten. Die anderen Zuschauer sind nur Zaungäste, die verunsichert in den schmalen Gängen hocken und die Rituale des Theaterbesuches nicht befolgen.

Nun waren wir in der Gosse gelandet. Vor uns saß eine sichtlich ungepflegte Frau, die mehr als einen Sitzplatz ausfüllte. Ich weiß nicht, ob es an ihrer Körperfülle lag oder an den Anorak, die sie im gut geheizten Theaterraum nicht ablegen wollte. Wir saßen sehr früh auf unseren Plätzen und müssen unweigerlich der Frau mit unseren aristokratischen Blicken folgen.  Wenn andere Zuschauer sich an ihr vorbeidrängelten, um an ihre Plätze zu gelangen, erhob sie sich mühevoll, von ihrer Begleiterin gestützt, und streckt uns ihren nackten Hintern entgegen. Ihr wurde sofort bewusst, dass die rutschende Jogginghose ihren Allerwertesten freilegte und sie zog vorsichtig den Stoff wieder über das Hinterteil. Aber vergessen wir für ein paar Sekunden die Gosse in der Reihe sechs.

Wenn ich in ein Musical gehen will, gehe ich nicht ins Stadttheater Giessen. Denn das hat man versucht, uns an diesem Abend zu bieten: Ein grauenvolles Musical. In meiner elitären Wahrnehmung sind Musicals nichts anderes als Unterhaltungsspiele für Menschen, die keine Ahnung von Kultur haben und immer nur nach dem vermeintlichen Wohlklang streben.

Worum geht es in dem Stück:  Die wahre Geschichte eines Kleinkriminellen aus Wien, der in der Zeit des ersten Weltkrieges für Aufsehen gesorgt hat, weil er ein Großmaul und Dandy war, der die Reichen beklaut hat und die Armen beschenkt hat. Der junge österreichische Theaterautor Thomas Arzt hat sich dem Stoff angenommen. Das Stück wurde 2014 in Österreich uraufgeführt und bei der Inszenierung in Gießen handelte es sich um die deutsche Uraufführung.

Hier zeigte man auf der Bühne eine kaputte Welt, die von kaputten Menschen bevölkert wird. In den Gesichtern und an ihren Extremitäten klebt der Dreck. Wenn ihnen nicht irgendwelche Gliedmaßen fehlen oder sie in irgendeiner Weise körperlich oder geistig beeinträchtigt sind, sprechen sie eine erbarmungslose verknappte Sprache, die kein Mitgefühl, kein Ich und du kennt. Die Menschen hungern, sind verzweifelt, haben keine Arbeit, keine Perspektive. Sie leben in einer Trümmerlandschaft und haben nichts zu beißen und nichts zu melden. Johnny ist der Gegenpol. Mit seiner großen Klappe trotzt er dem Elend. Er will nicht wie sein Vater, dessen namenloses Grab immer wieder im Stück vorkommt, nur ausgebeutet werden. Johnny hält nichts von Revolution. Eigentlich sehnt er sich nur nach einem Leben mit einer Familie als Bauer auf dem Land. Am Ende kommt er dort an. Aber es wird ihm zum Verhängnis, weil die Staatsgewalt ihn aufspürt und ihn meuchelt.

 Man kann den Johnny in einem Theaterstück zum Leben erwecken und ihm  gar ein Denkmal setzen. Man kann es auch sein lassen. Es wird niemals klar, was nun die Botschaft dieser Geschichte ist. Bis auf die verstümmelten Charaktere und Sprache bleibt alles viel zu gefällig. Es fehlen dem Autor weitergehende stilistische Mittel, um durch Stringenz Glaubwürdigkeit zu schaffen. Es ist doch nur ein wohlgefälliges Musical. Der Held bleibt immer nur ein großmäuliger Kleinkrimineller, der zwar eine Motivation aber keine Vision hat und der so endet, wie man als Kleinkrimineller nun einmal endet: Tod oder im Gefängnis.

Mir sind zwei Stücke eingefallen, die ein ähnliches Thema behandeln: Glaube, Liebe Hoffnung von Ödon von Horvarth und natürlich die Dreigroschenoper.  Ödon von Horvarth hatte in seinem Stück eine sprachliche Stringenz erschaffen, die die Entfremdung der Menschen untereinander und die Kälte des Elends wirklich greifbar gemacht haben. Die Dreigroschenoper lebte von der Frechheit und Ruchlosigkeit ihrer Helden, die aus dem Elend eine Tugend gemacht haben. Armut und Kriminalität als Geschäftsmodell. Brecht hat dabei die großmäuligen Kleinkriminellen solange durch den Wolf der Verfremdung gedreht bis sie wirklich zu Sympathieträger wurden.

Zu der mangelnden Aussage kommt noch dieses Gesinge, dass die Handlung vollständig perforiert. Die Musik von Jherek Bischoff ist viel zu schön, um das Elend einer apokalyptischen Weltkriegswelt zu orchestrieren. Das Streichquartett und der Schlagzeuger spielen fehlerfrei schöne Klänge, die mich an die aktuellen Moden in der Filmmusik erinnern: Minimalistische Begleitpattern gepaart mit akkuraten Melodiebögen.

Leider muss man sagen, dass es die schauspielerische Leistung des Ensembles nicht  besser macht. Ein Großteil der Schauspieler kann nicht wirklich singen. Die üblichen Verdächtigen wirken hölzern und eintönig. Das macht es dann nicht besser, dass alle Schauspieler nach zwei Sätzen seltsam zucken müssen. Gerade Lukas Goldbach kann mich wieder einmal nicht in einer Hauptrolle überzeugen. Paula Schrötter als Luise und Stephan Hirschpoitner als Wenzl finde ich bemerkenswert in ihrer Darstellung, wobei Stephan Hirschpoitner der einzige Schauspieler ist, der auf der Bühne wirklich den Ton trifft.

 Ich hatte in der Pause meinen Rotwein getrunken und mich gemeinsam mit meiner Frau über das Stück aufgeregt und wie wieder einmal der Goldbach die Hauptrolle vergeigt und der Wild immer nur den gleichen Typus spielt und das auch noch schlecht. Und dann saß ich leicht angeheitert im Saal und diese unmögliche Frau, die hier eigentlich nichts zu suchen hat, bekommt auch noch einen aufdringlichen Hustenanfall. War ich doch froh mit meinem elitären Abonnementen-Bewusstsein das Elend wieder ausgeblendet zu haben.

Dann war mir wieder eingefallen, dass ich doch so ein elitärer Vollidiot bin, der das nächste Mal ins Musicaltheater gehen sollte, wegen dem kulturellen Schön- und Gleichklang oder so…..

 

Schamwand 2 -der stille Ort

kloBerlin

 

Geschäftig irrt der Mensch auf den Pfaden des Geldes, des Wachstums und der Macht.  Im Zweireiher wandelnd auf diskreten, desinfizierten Fluren, vorbeihastend an verschlossenen Türen, sucht er Ruhe, einen Raum, indem er den einzigen klaren Gedanken des Tages fassen kann. Im seinen Kopf toben die Meinungen, Zahlen, Empfehlungen, Befehle, Werbebotschaften, fallen übereinander her, verheddern sich im Sturm der Synapsen und lassen ihn zum gefühlstauben, tumben Idioten werden, der voller Verzweiflung einen Rückzugsort sucht, ein Instantkloster, eine Schweigezelle.

In der hintersten Ecke eines jeden Kongress- oder Seminarortes gibt es stille durch stilisierte Männchen an der Tür gekennzeichnete Orte. Abgeschiedene und abgestandene Räume, die nur wenige kennen. Der Zweireiher braucht die fünf Minuten Ausgrenzung, die Flucht von der Flut an Informationen, die schon den ganzen Vormittag auf ihn einprasseln. Die Powerpointfolien huschen an seinem geistigen Augen vorbei und er will diese wahnsinnige Masse an unsinnigen Daten loswerden. Er will sie nicht zur Kenntnis nehmen. Auch wenn jeder Referent ihn ermahnt hat, die Bedeutung der Daten ernst zu nehmen. Sind sie doch wichtig für das eigene Fortkommen, den Erfolg des Unternehmens, ja sogar für die Entwicklung der Menschheit. Wer die Folien nicht verinnerlicht, ist quasi schon aus dem Rennen.

Der Zweireiher rutscht müde im hellen Seminarraum auf dem feinen Zwirn seines Hosenbodens hin und her, drückt  auf seinem Handy herum und sieht sich verstohlen um. Niemand bemerkt seine geistige Abwesenheit, sind sie doch alle nicht mehr anwesend. Leere Hüllen mit trüben Augen, eingefallenen Wangen und speichelarmen Mündern.

Er steht auf, schleicht sich hinweg. Die einzige Chance dem Wahnsinn zu entkommen, sich eine Pause zu gönnen, ist der allgemein durch gesellschaftlichen Konsens anerkannte Gang zum Entleeren von im Körper angesammelten Flüssigkeiten und Feststoffen, die auf Ausscheidung drängen. Ist die Konzernleitung ansonsten unerbittlich mit den Anforderungen an die Angestellten, kann man diesen sogenannten menschlichen Regungen ihr Anrecht auf Erscheinung nicht absprechen.

In jedem totalitären System gibt es Lücken. Das gilt auch für Seminartage.

Der Zweireiher drückt die Klostertür auf. Sie gleitet sanft über den Fliesenboden. Er lässt sie hinter sich und der Selbstschließer lässt die fast geräuschlos ins Schloss gleiten. Wie von Geisterhand, hätte man früher geflüstert. Bei den Waschgelegenheiten im Vorraum ist er fast am Ziel. Hier beginnt der mythische Dienst an der Stille, an der Untätigkeit.

Außerhalb ist verlorene Zeit nicht gestattet. Nichtstun ist ineffizient. Es gibt so viel zu tun, daher ist kein Stillstand erlaubt. Mit dem Durchschreiten der zweiten Tür stellt sich beim Zweireiher ein schlechtes Gewissen ein. Darf er sich den einzigen Moment der Kontemplation gönnen? Er rettet sich in eine Toilettenzelle. Am Ziel. Er atmet tief durch und in seine Nase erhascht einen penetranten Fäkalgeruch. Angeekelt wechselt er die Zelle. Vorsichtig erobert er den kleinen Raum, hängt seine Riechzellen in das Klima über der Kloschüssel. Sein Gehirn kann keine unangenehmen Duftnoten entschlüsseln. Er klappt den Klodeckel herunter und nimmt Platz. Fast geschafft. Er zupft noch an dem Futter seiner Anzugsinnentasche, um sich zu versichern, dass er mit der Welt da draußen noch verbunden ist. Das Handy ist nicht weg. Es ist mitgekommen. Aber es verliert plötzlich an Bedeutung.

Ruhe hinter den Schamwänden.

Vielen Dank an Jens Müller für das Foto und damit für die Inspiration für diesen Text. Das Foto zeigt einen stillen Ort in einem Berliner Hotel. Wir fragten uns gemeinsam, warum man transparente Scheiben zwischen den Pissoirs angebracht hat. Welche Nutzen soll sie haben? Falls jemand Auskunft geben kann, soll  er mir bitte schreiben. Unser Leben hängt von dieser Information ab!!!

Reihe 3 – Platz 58 und 59 – Romeo und Julia

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Gehe ich müde und abgespannt ins Theater, hat jede Inszenierung einen schweren Stand bei mir. Erschwerend kam hinzu, das Romeo und Julia auf dem Spielplan stand. Dieses Stück hat man schon so oft durchgenudelt, das ich wenig Lust hatte, der Inszenierung meine volle Aufmerksamkeit zu widmen.

Entweder gehen die Leute in das Stück,

1.       weil sie Abonnenten sind und ihnen nichts anderes übrig bleibt (so wie bei mir).

2.       weil sie den Kinofilm gesehen haben und nun hoffen, dass Leonardo di Cabrio und Claire Homeland Danes auf der Bühne herumspringen.

3.       weil sie irgendwann einmal unsterblich verliebt waren und aus Sentimentalität mit der Mutter aller Romanzen noch einmal ins Bett gehen wollen.

Wahrscheinlich hat man in Gießen den Umgang mit dem Stoff eher sportlich betrachtet. Im Prinzip kann man das Stück nicht neu erfinden, man kann nur auf die Feinheiten aufmerksam machen, es grell auf andere Weise in Szene setzen oder der allgemeinen popkulturellen Vorstellung Folge leisten.

Die Gießener Inszenierung folgt den ersten beiden Möglichkeiten. Man hat sich glücklicherweise gegen den Kitsch auf der Bühne entschieden.

Unsere Vorstellung von Romeo und Julia ist davon geprägt, dass es um eine Liebesgeschichte mit tragischem Ende geht. Aber eigentlich ist der Hass die Grundlage für die Liebesgeschichte. Zwei verfeindete Familien, die seit Jahren im Clinch miteinander liegen und die noch nicht einmal mehr wissen, warum sie sich hassen, bedrohen den Frieden einer ganzen Stadt.

Das Stück beginnt mit Bürgern in Fahrradklamotten, die einzeln oder im Chor über den Krieg der Familien referieren, der die Zwietracht zwischen den Bürgern von Verona gesät hat. Der Bürgerchor wird fortan einer der Hauptpersonen des Stückes sein. Die Stimme des Volkes erhebt sich schrill über die Handlung und soll an die Gegenwart erinnern. Schließlich vertieft auch heute der Hass auf irgendetwas die Gräben zwischen den Menschen. Damals wie heute war der Hass oft Selbstzweck. Keiner weiß eigentlich mehr worum es geht, aber jeder beschwört Vorurteile, um die gegnerische Partei herab zu setzen und sich selbst über den anderen zu erheben.

Die Damen hat man in Retrostyle mit grünen Perücken gesteckt. Die Herren mussten alle lange Haare und Gymnastikleibchen in Pastellfarben tragen und irgendwie wild und verwegen aussehen. Romeo ist der Einzige, der mit weichem Blick die Welt ausmessen darf. Alle anderen Herren und Damen sind ständig auf Krawall aus. Die Liebesgeschichte zwischen Romeo und Julia hat man erhalten, aber man erschwert ihr die Entfaltung. Die Liebenden haben es in dieser Inszenierung doppelt schwer. Erst der brutale Familienzwist und dann noch das unterkühlte Umfeld, in dem jede melancholische Gefühlsäußerung zur Parodie gefriert. Julias erscheint zu allererst als singendes Tüllknäul, das vom Himmel herabschwebt und als es von den Halteseilen losgelassen wird, erst einmal völlig desorientiert über die Bühne rollt. Genauso werden die berühmte Balkonszene und die genauso berühmte Schlafzimmerszene durch das kühle Ambiente karikiert. Romeo und Julia können in diesem transparenten Raumschiffgebilde, das man auf die Bühne gehängt hat,  nicht schwülstig den Text runterzurasseln. Sie müssen sich wirklich anstrengen, um ihr Verliebtsein glaubwürdig dem Publikum zu vermitteln. Die Schlussszene wird dem Anliegen geopfert, dem Hass mehr Raum als der Romanze zu geben. Sie wird nicht gespielt. Die Schauspieler rezitieren den Text. Das eigentliche Drama um das versehentliche Sterben der Liebenden wird so zur beiläufigen Textstelle und verliert an Bedeutung.

 Meiner Müdigkeit hat das alles keinen Abbruch getan. Nach der Pause habe ich fast jede Sekunde gegen das Gähnen ankämpfen müssen. Die Aussicht auf eine lange Schlussszene hat mich mehrmals wegnicken lassen. Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich plötzlich wach wurde, als die Szene in der Familiengruft viel zu schnell endete.

Niemand der Beteiligten kann etwas für meine Müdigkeit. Deshalb alle Daumen hoch. Der veränderte Schwerpunkt der Inszenierung, die engagierte Leistung des Schauspielensembles, insbesondere von Julia (Esra Schreier) und Romeo (Magnus Pflüger), die noch mehr Widerstände als in gewöhnlichen Inszenierungen überwinden mussten und es trotzdem geschafft haben, mit ihrem Spiel den Hass ihrer Familien zu überwinden und sich unsterblich ineinander zu verlieben, ist es zu verdanken, dass dies ein sehenswerter Theaterabend war.

 

Versuchslabor

Tag der offenen Tür in der Schule meiner Tochter. Ich bin, wie immer, zu spät. Die Arbeit und wichtige Besprechungen haben mich aufgehalten. Ich irre fast orientierungslos durch die Dunkelheit. Nur die Umrisse des Schulgebäudes, ein grauer Betonklotz, halten mich auf Kurs.

Ich erreiche die Eingangshalle der Schule. Die Schüler, Eltern und Lehrer, Informations- und Verkaufsstände, das ohrenbetäubende Durcheinander überfordern mich. Meine Frau eilt auf mich zu. Es geht in den Musikraum. Meine zehnjährige Tochter spielt ein Weihnachtslied auf der Gitarre. Sie hat im Sommer im Rahmen der Gitarren-AG ihre ersten Gehversuche auf dem Instrument unternommen und kann jetzt schon kurze und einfache Lieder spielen. Sie hat sich sehr auf diesen Auftritt gefreut. Sie ist das Präsentieren ihrer musikalischen Fähigkeiten gewohnt. Seit zwei Jahren spielt sie Klavier, davor hast sie Blockflöte gelernt. Sie ist das erste meiner fünf Kinder mit ausgeprägten musikalischen Talent. Sehr zu meiner Freude.  

Da sitzt meine Tochter freudestrahlend mit ihren blonden Zöpfen und ihrer nagelneuen Gitarre auf den Schoss und freut sich, dass es ihr Vater noch rechtzeitig geschafft hat. Natürlich haben wir Jule im Sommer sofort eine eigene Gitarre gekauft. Wir waren im Musikgeschäft in der Nachbarstadt und haben uns beraten lassen. Es musste schon die Gitarre für hundertsiebzig Euro sein. Drunter gab es nichts Vernünftiges.

Neben Ihr sitzt ein großer adipöser Junge, mit schwarzen Haaren und Teddybäraugen und hält sich an einer abgenutzten alten Erwachsenenklampfe fest.

Es gibt im Moment eine Diskussion darum, ob man als Politiker wohlhabend sein darf. Friedrich Merz sehen viele schon als zukünftigen Kanzler. Doch man misstraut ihm, weil er in den letzten fünfzehn Jahren in der freien Wirtschaft einige Milliönchen verdient hat.

Der Lehrer, der an der Schule für die Gitarren-AG zuständig ist, geht zu dem großen Jungen und stellt ihn vor. A. hat keine eigene Gitarre und kann nur Dienstagsnachmittags vor dem Gitarrenunterricht mit einer Gitarre üben, die der Schule gehört. Dem Lehrer scheint es wichtig zu sein, das Publikum über diesen Umstand aufzuklären. Denn eigentlich sei A. ein wissbegieriger Schüler, der unbedingt das Instrument erlernen möchte.

Friedrich Merz kommt aus dem Sauerland und ist dort fest verwurzelt. Ein bodenständiger, heimattreuer Wertkonservativer. Allerdings passen die gut dotierten Posten in Aufsichtsräten großer international agierender Unternehmen und die zwei Privatflugzeuge nicht zum Sauerland.

A. legt los. Er kann nur Lieder mit der Anschlagshand spielen. Also schlägt er tapfer seine Leersaiten an und der Lehrer singt dazu.  Nach ein paar Takten sind die Lieder schon vorbei und alle klatschen. A. strahlt über sein ganzes Gesicht. Seine Teddybäraugen leuchten. Der Applaus gibt ihm Zuversicht.

Die marktliberale Haltung des Herrn Merz ist legendär. Allerdings heutzutage nicht mehr opportun. In den Neunzigern waren viele Politiker der Ansicht, der freie Markt regelt alles selbst. Wen nur alle an sich denken, ist an alle gedacht. Raus aus der sozialen Hängematte, rein in den Kampf ums Überleben. Es ist jetzt so, dass man in der Politik gerne das Rad wieder zurückdrehen möchte. Zumindest rhetorisch.

Dann ist meine Tochter dran. Sie spielt fast fehlerfrei ihr Stück herunter. Jingle Bells in einer einfachen Version mit beiden Händen. Sie kann jeden Tag auf ihrer eigenen nagelneuen Gitarre üben.

Herr Merz ist für die Einen das Böse an sich und für die Anderen ist er der Heilsbringer. Alles eine Sicht der Perspektive. Mich verwirrt dieser Mensch. Ich denke nicht, dass Politiker nicht wohlhabend sein dürfen und ich finde es generell nicht problematisch, wenn sie in der freien Wirtschaft gearbeitet haben. Aber sein Habitus, seine Neigung zu populistischen Geplänkel (wie z.B. das Infrage stellen des Asylrechtes) widern mich an.

Nachdem drei andere Mädchen aus der Gruppe noch mehrere Lieder zum Besten gegeben haben, fordert A. den Lehrer auf, ihn noch ein Stück spielen zu lassen. A. ist auf einer Mission. Er will es allen zeigen, dass er es kann.

Ich kann mich noch gut an sein früheres politisches Leben erinnern. Herr Merz war immer der Stachel im Fleisch der damalig noch sehr verknöcherten CDU. Fast schon ein konservativer Rebell. Auch damals hat er mich verwirrt. Die Steuererklärung auf dem Bierdeckel: ein rhetorischer Coup. Viel heiße Luft  im rückwärtsgewandten Kohlklima der CDU, die den abgestandenen Mief von  Männerfreundschaften kurzzeitig vertrieb. Erst Frau Merkel schaffte es, die Bude CDU anständig durchzulüften.

Auf dem Rückweg vom Tag der offenen Tür irrte ich wieder durch die Dunkelheit. Finsternis lag über dem regennassen Asphalt.  Meine Frau und ich gehören zu dem Teil der Gesellschaft, der gerne als Bildungsbürgertum geschmäht wird. Jule hatte von Anfang an alle Chancen. Meine Frau und ich haben gute Jobs, wir wollen und können in die Bildung unserer Kinder investieren. Oft bemerke ich ironisch, dass Jule unser soziales Experiment ist. Die Schule meiner Tochter liegt in einem Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt gebrandmarkt ist. Wir haben unsere Tochter absichtlich dort hingeschickt. Wir können es uns leisten. Sie wird keine Probleme in der Schule haben. In der Dunkelheit begegnen mir die Kinder, die den anderen Teil unseres sozialen Experimentes darstellen. Es sind laute, schrille Wesen, aus deren Handys laute Hip-Hop-Musik gegen den Regen anbrüllt.  Im Gegensatz zu unserer Tochter hatten sie keine Wahl. Sie sind die Versuchskaninchen einer Gesellschaft, die ständig austestet, ob sie ihr Potential mit möglichst wenig Aufwand heben kann. Es ist egal, ob die Versuchskaninchen später tot im Käfig liegen, denn die Kinder, die die vermeintliche Wahl haben, Leistungsträger sein zu dürfen, werden es schon für uns alle schaukeln. Die anderen Kinder sind halt Versuchstiere und ihr Erfolg besteht darin, einfach zu überleben.  Ich schäme mich für unser soziales Experiment. Mehr schäme ich mich allerdings noch für die Eltern, die mit ihren Kindern niemals in einem sozialen Brennpunkt auftauchen, weil sie solche Gegenden für den Dschungel halten. Sie schicken ihre Kinder auf teure Privatschulen und haben den beruflichen und monetären Erfolg ihrer Sprösslinge schon bei deren Zeugung eingepreist. Nachwuchs muss sich lohnen. Unsere Kinder sind die Opfer einer gespaltenen Gesellschaft.

Wer kümmert sich um A., den tapferen Jungen, der keine eigene Gitarre hat? Vielleicht gibt es irgendeine Stelle, die Kinder unterstützt, deren Eltern keine finanziellen Möglichkeiten haben, um sich Instrumente und Musikunterricht zu leisten. Ich finde nicht viel und weil die Suche so eintönig ist, lese ich auf Spiegel-Online einen Artikel über Friedrich Merz. Es waren die Tage der Neiddiskussion und dem Autor fiel es auch schwer, Herr Merz grundsätzlich zu verurteilen. Er wies darauf hin, dass Herr Merz kein kaltes Herz haben könne, da er ja zusammen mit seiner Frau eine Stiftung ins Leben gerufen habe, die soziale Projekte in seiner Heimat fördern sollte. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Herr und Frau Merz die Auswahl der Projekte mitbestimmt. Ich habe mir die Homepage der Stiftung angeschaut. Wahrscheinlich hat Herr Merz die besten Absichten und ich will nicht so böse sein, ihm zu unterstellen, er unterhalte eine Stiftung nur aus steuerlichen Gründe. Allerdings hatte er keine Kinder wie A. im Blick. Leider sprechen die geförderten Projekte für sich: Buchgeschenke für die Jahrgangsbesten in der Schule, Stipendien für musisch begabte Kinder, die schon ihre Leistung an ihrem Instrument gezeigt haben und so weiter. A. bekäme von Herrn Merz nie eine Förderung. Herr Merz kauft keine Gitarren für Kinder aus sozialen Brennpunkten. Vielmehr fördert er nur seinesgleichen. Kinder, die zur Elite gehören und einen guten Start gehabt haben. Politiker wie Herr Merz erkennen die Probleme von A. noch nicht einmal an und solange das so ist, werden unsere Kinder an der Spaltung der Gesellschaft leiden. Die einen als Versuchskaninchen, die anderen als Investment.

Gestern in der Turnhalle

100 Jahre Frauenwahlrecht: Ließ sich nicht vermeiden.

Ein Frau als Kanzlerin: War ein Unfall der Geschichte.

#MeToo: Aufstand hysterischer Frauen.

Femen: Aufstand junger hysterischer Frauen.

Frauen in Spitzenpositionen: Doch nur weil sie sich wie Männer benehmen.

Gleiches Geld für gleiche Arbeit: wir haben doch ganz andere Probleme.

Gestern ist mir bewusst geworden, dass die Männer immer noch am längeren Hebel sitzen und alle Bestrebungen, dass zu ändern fast vergeblich waren.

Kinderhandball. Kinder zwischen sechs und acht Jahren. In diesen Jahrgängen gibt es nur gemischte Mannschaften. Meine Tochter, sieben Jahre alt, spielt seit zwei Jahren Handball. Die meisten Kinder in dieser Mannschaft spielen von Beginn an zusammen. Die Jungs sind in der Überzahl. Aber es gibt einen bedeutenden Anteil an Mädchen. Meine Tochter ist für ihr Alter sehr groß und überragt alle Jungen auf dem Spielfeld. Sie ist noch sehr verspielt und oft unaufmerksam. Man kennt ja diese Kinder, die gerne mal abschweifen. Ist aber bei meiner Tochter alles im normalen Rahmen. Handball macht ihr sehr viel Spaß. Sie geht gerne ins Training und auch die Spiele, die alle paar Wochen im Rahmen von kleinen Turnieren stattfinden, bereiten ihr viel Freude. Die Körpergröße spielt im Handball natürlich eine gewisse Rolle. Wer als Verteidiger schon mal wie ein unüberwindbarer Berg vor dem Angreifer steht, verursacht Unruhe beim Gegner.

Die Mannschaft wird von drei Frauen trainiert. Eine davon ist meine Frau, die als Jugendliche selbst Handball gespielt hat. Ich gehe mit zu den Turnieren und schaue mir die Spiele gerne an. Langsam sprießen die ersten Handballfähigkeiten hervor und man sieht die ersten SpielerInnen die kraftvoll in die Luft springen und den richtigen Punkt finden, um im Fallen mit voller Wucht auf das Tor zu werfen. Mir macht es Spaß, die Kinder zu beobachten, wie sie in den Sport hineinwachsen. Dazu gehört neben den spielerischen Fähigkeiten natürlich das mannschaftsdienliche Verhalten im Spiel. Beim Zuschauen kann ich sofort erkennen, wer schon teamfähig ist und wer immer noch wie ein kleines Arschlochkind agiert. Mir war schon seit längerem aufgefallen, dass die Jungs in der Mannschaft teilweise schon den Sport gut beherrschen, aber ein wenig ausgeprägtes Sozialverhalten an den Tag legen.

Im Spiel werden die Mädchen regelrecht ausgegrenzt. Sobald ein Kerl den Ball in der Hand hat, rennt er auf das Tor los und gibt niemals den Ball ab. Allerhöchstens zu einem anderen Kerl. Aber dann muss er schon in einer hoffnungslosen Situation sein. Die Mädchen können sich eine freie Position erarbeitet haben, sich anbieten, die optimale Position vor dem Tor haben, die Kerle geben zum nächstbesten Geschlechtsgenossen ab oder lassen sich vom Gegner über den Haufen rennen.

Meine Tochter kann aufgrund ihrer Größe den einen oder anderen Ball ergattern. Die kleinen Jungs stehen vor ihr und kommen nicht mehr an ihr vorbei. Sobald sie einen Ball hat, wird sofort von den Jungs die Abgabe gefordert. Bitte keinen Erfolg für die Mädchen. Meine Tochter gibt den Ball dann oft ab oder verliert ihn wieder. Sie bekommt kaum Möglichkeiten zum Torwurf.

Zum ersten Mal hat es mich gestern richtig geärgert. Ich habe meine Frau darauf angesprochen und sie hat mir bestätigt, dass dies ein erhebliches Problem ist. Die Jungs zeigen auch im Training keinerlei Sozialkompetenz. Wenn es nicht so klappt, wie sie es sich vorgestellt haben, sind die anderen schuld und sie sind vollkommen im Machtmodus. Sie sind die größten, während die Mädchen das Nachsehen haben.

Dabei könnte eine solche Mannschaft viel besser spielen, wenn alle an einem Strang ziehen. Wenn die Jungs nicht nur ihre eigenen Fähigkeiten nutzten, sondern die Fähigkeit anderer auch anerkennen können und sich überlegen, wie sie diese nutzen können, um erfolgreich zu sein und das dazu gehört, miteinander zu reden und dem anderen auch zu würdigen, wäre die kleine Handballwelt in einem perfekten Zustand.

Und da ist mir aufgefallen, dass viele Männer kleine Arschlochkindermachos geblieben sind und sich niemals weiter entwickelt haben. Sie sind die Könige dieser Welt, von sich und ihren Fähigkeiten überzeugt. An ihnen kommt niemand vorbei. Und die Frauen stehen daneben, hochintelligent, mit viel Gespür für ihre Mitmenschen, werden ignoriert und dürfen höchstens dekorativ schön aussehen und die Mistkerle mit Macht heiraten und ihnen Kinder gebären.

Dann habe ich mich gefragt, was Mädchen wie meine Tochter tun müssen, um diesen Zustand zu ändern. Wahrscheinlich braucht es Gewalt. Sie müssen den Kerlen die Nase blutig hauen und ihnen den Ball entreißen. Aber wer will das? Ist das wirklich die einzige Sprache, die kleine Machtidioten verstehen? Der Geschlechterkrieg kann ja keine Lösung sein. Vielleicht ist er unvermeidlich. Oder aber ich fange bei mir selbst an. In letzter Zeit habe ich mich selbst beobachtet und auch an mir die Attitüden männlicher Selbstüberschätzung gefunden. Manche meiner Verhaltensweisen sind von dem Narrativ der männlichen Überlegenheit geprägt. Also ändere ich mein Verhalten, gebe meiner Tochter ein Vorbild, überzeuge meine Geschlechtsgenossen, dass sie erfolgreicher sind, wenn sie auf dem Spielfeld alle mit einbeziehen und nicht nur für sich spielen. Vielleicht hilft es, vielleicht kriegen wir Kerle doch bald eine blutige Nase.  

Am Ende aller Zeiten

Auch für Redewendungen und Begriffe gibt es eine Mode. Ich weiß nicht, auf welchen Laufsteg diese sich bewähren müssen, bevor sie von allen in den Mund genommen werden. Aber von Zeit zu Zeit beschleicht mich ein ungutes Gefühl, wenn die gleichen Redewendungen von allen in jeder Situation benutzt werden. Zum Glück bin ich kein Verschwörungstheoretiker, ansonsten könnte ich annehmen, dass Frau Merkel mit Herrn Altmeier im Bundeskanzleramt sitzt und sie sich gemeinsam blödsinnige Sprüche ausdenken und diese dann von der Bundeswehr als Chemtrails in der Nacht über die Republik ausgeschüttet werden. Unsere manipulierten Gehirne warten dann den ganzen Tag nur darauf, die blöden Sprüche endlich los zu werden. So unvermittelt treten die diversen Moden der Redewendungen auf.
Wahrscheinlich haben sich schon Wissenschaftler ausgiebig mit der Thematik befasst und man könnte meinen, an der Theorie des kollektiven Bewusstseins scheint etwas dran zu sein. Im Moment höre ich kein Gespräch, das ohne die Redewendung „am Ende des Tages“ auskommt. Ich habe mir schon die Mühe gemacht Strichlisten zu führen und es gibt Gespräche an deren Ende der Zettel mit blauen Kulistrichen voll war.
Die Redewendung stößt mir auch sauer auf, weil sie sprachlich sehr ineffizient ist. Man will ja dadurch wohl das Wort letztendlich oder schließlich vermeiden. Es handelt sich um kurze Wörter, deren Bedeutung sich kaum von der deutlich längeren Redewendung unterscheidet. Jetzt könnte man anführen, die Redewendung diene der Betonung der Ausschließlichkeit eines Sachverhaltes. Am Ende des Tages kann nur das und jenes erfolgen. Aber nein, die Redner setzen an, holen tief Luft und dabei kommt nichts anderes heraus als das letztendlich das und jenes erfolgt. Viel heiße Luft um nichts, umsonst verbrauchter Sauerstoff. Die Redewendung wird unbewusst genutzt und bei den wenigsten, die diese gebrauchen, scheint eine Absicht der Grund ihrer Verwendung zu sein. Daher schlage ich vor, die Redewendung um einige Varianten zu erweitern, um eine bewusste Verwendung zu erreichen. Wenn sie schon einmal in der Welt ist, dann soll sie doch zu etwas dienlich sein. Tut mir leid, ich bin da etwas altmodisch und glaube daran, dass Sprache uns dienen sollte und nicht wir der Sprache. Um die Betonung der Bedeutung zu erreichen, sollten wir folgende Varianten als Steigerungsform verwenden: „Bis am Ende der Woche oder des Monats, des Jahres und wenn man es ganz drastisch ausdrücken möchte und seinem Anliegen ein besondere Note und Bedeutung verleihen möchte, sagt man (natürlich nur im feierlichen Ton und entsprechend dramatischer Modulation): Am Ende aller Zeiten.

Die Republik der beleidigten Leberwürste

Im Spiegel der letzten Woche stand es geschrieben: Herr Maaßen fühlt sich von Frau Merkel gedemütigt, weil er von ihr nicht an die Spitze des BND berufen worden sei und deswegen habe er diese Behauptungen über die Vorgänge in Chemnitz in die Welt gesetzt. In der gleichen Ausgabe war zu lesen, dass Herr Seehofer niemanden traut, weil er als junger Abgeordneter im Bundestag von den anderen Neulingen im Bundestag ausgetrickst wurde und daher höchstens Zweckbündnisse eingeht. Herr Gauland hatte damals beleidigt die CDU verlassen, weil  Frau Merkel mit der Wehrpflicht die letzte Bastion konservativer Politik einfach aufgegeben hat. Die Sachsen sind beleidigt und denken rechts, weil sie sich in der Bundesrepublik nicht genug gewürdigt fühlen. In unserer Stadt sind eine Menge Leute im Moment beleidigt, weil sie Anliegergebühren für die Straßensanierung bezahlen müssen. Die ganzen Dieselfahrer sind beleidigt, weil man ihnen das Autofahren in den Städten verbieten will, haben sie doch sich erst letztes Jahr so einen schönen Mercedes gekauft. Meine Nachbarin ist beleidigt, weil die Stadt sie immer noch nicht ernst nimmt, wenn sie gegen die Raser in unserer Straße protestiert. Viele Bürger sind beleidigt, weil der Staat das Bargeld abschaffen will. Andere sind beleidigt, weil sie nur noch Fremde überall sehen und sie Rundfunkgebühren bezahlen müssen.  Dann sind andere beleidigt, weil sie gegen Maschinen, Computer oder Messermigranten und Kopftuchmädchen ausgetauscht werden sollen. Manche sind  immer noch beleidigt, weil wir die Weltkriege verloren haben. Viele sind anscheinend beleidigt, weil sie nicht stolz darauf sein dürfen, Deutsch zu sein, aber selbst nicht wissen, was das nun heißen soll. Und dann gibt es immer noch die die beleidigt sind, weil es nachts dunkel wird und sie dann nichts sehen. Im Grund sind wir alle beleidigt, weil die Welt sich weiter dreht und wir nicht gefragt worden sind, ob wir das wollen.

 Es ist kein Wunder, dass die AFD immer mehr Zuspruch bekommt, ist sie doch die Sammelbewegung für alle beleidigten Leberwürste dieser Republik. Herr Kahrs, der bei der letzten Generaldebatte im Bundestag die AFD dermaßen beschimpfte, dass die Fraktion der AFD geschlossen den Saal verließ (sie waren beleidigt) sagte nachher in einem Interview: „Das Problem mit diesen Rechtsradikalen ist: Sie können nur draufhauen, und sonst nur mimimi.“   

Er spricht mir aus der Seele. Ich Moment gelingt es niemanden, die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in ihrer Gesamtheit zu analysieren und noch weniger gelingt es irgendjemand ein Patentrezept gegen die latent vorhandene Katastrophenstimmung zu finden.

 Aus irgendeinem Grunde scheint das ganze Land sein Handeln nur noch nach widerfahrenen Verletzungen, Beleidigungen, Demütigungen, Herabwürdigungen auszurichten. Auffällig dabei ist, dass oft die geringsten Anlässe zu den gröbsten Ausbrüchen führen. Es regen sich die auf, die am wenigsten zu befürchten haben, während die geschundenen letzten  Glieder in der Nahrungskette, die nichts besitzen, was sie verlieren können, überhaupt keine Stimme mehr haben. Für mich ist es mittlerweile nicht mehr erstaunlich, dass eine AFD keine Politik für den kleinen Mann, den einfachen niedrig qualifizierten Zeitarbeiter machen will, sondern wirtschaftsliberale Positionen vertritt, die dazu führen, den wirklich Abgehängten noch mehr weg zu nehmen. Die Beleidigten kommen nicht aus den prekären Gesellschaftsschichten, sondern aus dem konservativen Milieu derjenigen, die merken, dass eine offene multikulturelle Gesellschaft ihren Machtstatus gefährdet. Waren sie doch bis vor ein paar Jahren das Maß aller Dinge. Oder diejenigen, die Veränderungen als Gefahr empfinden, weil ihnen auch etwas weggenommen werden könnte und wenn es der eigene Stolz ist oder das gute Gefühl, der Staat passe auf sie auf.

Der ganze Streit um Flüchtlinge, die monothematisch von Populisten und Rechtsradikale als Sündenböcke für alles und nichts dienen, führt dazu, dass wir die eigentlichen Probleme nicht mehr betrachten. Systemkritik ist angebracht, da die Ökonomisierung des gesellschaftlichen Lebens dazu geführt hat, die Unterschiede zwischen Arm und Reich zu vergrößern und auch in den vermeintlich reichen Ländern dazu geführt hat, das zugunsten einer Kumulierung und Konzentration von Kapital auf einige Wenige, viele Menschen niemals eine Chance zum sozialen Aufstieg haben. Systemkritik ist dann nicht angebracht, wenn man die Schwachen zum Sündenbock macht oder sie als Masse instrumentalisiert, um sie mit völkischer Propaganda auf die Straße zu bringen.

Das Gefühl herabgesetzt zu werden, nicht genügend gewürdigt zu werden oder das schnöde Beleidigtsein hat ja immer eine infantile Note. Das trotzige Kind mit Motzmiene und verschränkten Armen sitzt in der Ecke und schmollt. Und wie wir wissen sind Kleinkinder große Egoisten. In den ersten Jahren ihres Lebens kennen sie nur sich und ihre Bedürfnisse. Sozialverhalten lernen sie erst später. Deswegen klingt für viele großgewachsene Motzkinder die völkische Ideologie wie Eis und Schokolade, Chips und Zocken kostenlos und jederzeit. Sie gieren nach einem einfachen Heilsversprechen. Es hebt doch eine Eigenschaft hervor, die man sich grundsätzlich leicht zuschreiben kann und die eigentlich kaum überprüfbar ist, weil sie schon fast virtuell anmutet. Die Volksgemeinschaft ist ein Konstrukt wie eine Religion und daher für viele leicht konsumierbar. Sie können sie selbst in den Himmel als Angehörige einer besonderen Spezies heben, die es eigentlich gar nicht gibt. Wenn sie diese Motzkinder fragen, was sie unter Deutsch verstehen, werden sie keine einhellige Auskunft bekommen. Eine allgemeine Definition ist schwer und auch eigentlich nicht gewünscht. Sowie Kinder auch alle den Weihnachtsmann unterschiedlich beschreiben und doch wissen, dass der Weihnachtsmann irgendwie an Weihnachten auftaucht und Geschenke verteilt, glauben die beleidigten Leberwürste auch daran aufgrund ihres Deutschseins das ganze Jahr über Geschenke verdient zu haben. Sie waren ja brav und immer gute Deutsche, auch wenn sie eigentlich gar nicht beschreiben können, was das brav sein im Zusammenhang mit ihrer Zugehörigkeit zu einem Volk zu tun hat. Früher hatten sie einen Weihnachtsmann, der das ganze Jahr über gut auf sie aufgepasst hat. Auch er trug eine Uniform, die war  braun und nicht rot und sein Bart war auf das Wesentliche reduziert und nicht so ausladend üppig wie der des Weihnachtsmannes. Vielleicht glauben deswegen auch viele diese Volksgläubigen an die Wiederkehr ihres speziellen Weihnachtsmannes, auch wenn der eigentlich in seinem Sack nur Zerstörung und Leid bei sich trägt. Und das ist unser großes Glück. Wir haben es mit einem großen Verein von beleidigten Egoisten zu tun, die sich nur versammeln, um ihr Beleidigtsein zu zelebrieren. Solange kein Weihnachtsmann da ist, der das Heilsversprechen einlösen will und Geschenke verteilt, rutschen wir vielleicht an der großen Katastrophe und dem Tod der Demokratie vorbei.  Darauf sollten wir uns allerdings nicht verlassen. Ich überlege gerade wie ich mit motzigen Kindern umgehe. Schließlich habe ich auch einen dreijährigen Sohn zu Hause, der gerne und viel die beleidigte Leberwurst gibt. Meistens nehme ich ihn in den Arm, tröste und vermittele ihm das Gefühl, das sein Leid für mich von Bedeutung ist. Wenn er wieder lacht, lasse ich ihn los und dann ignoriere ich ihn, bis er wieder etwas findet, um beleidigt zu sein. Das könnte vielleicht eine Lösung sein….nein, vergessen sie es, das ist Mist

Jungs gegen Mädchen, Mädchen gegen Jungs

Der Sommerurlaub ist für mich die einzige Möglichkeit, meine Leserückstände abzuarbeiten. Neu erstandene Lektüre landet bei mir ungelesen auf einer Ablage auf der Rückseite meines Bettes. Im Laufe des Jahres wächst dort ein unschöner Turm aus Papier und Buchdeckeln heran. Irgendwann ist er so hoch, dass er Nachts zusammenbrechen und auf mein Haupt fallen könnte. Dann weiß ich, dass  der Sommerurlaub in greifbarer Nähe ist.

Zu zweiten Mal haben wir uns in der Toskana ein Haus für zwei Wochen gemietet.  Neben unserem umfangreichen Ausflugsprogramm gönnen wir uns freie Tage, die wir mit Lesen verbringen. Es ist auch die Gelegenheit mit meiner Frau Henrike ins Gespräch über Literatur zu kommen. Jeder von uns ist in seiner Lektüre vertieft. Irgendwann strengt das Lesen an und wir versuchen uns abzulenken.

„Und, wie ist es?“

 “Was?“

 “Das Buch“

„Ach so! Ganz gut.“

„Worum geht es da?“

Dann wird berichtet und der andere stöhnt.

 „So ein Mist. Und so etwas liest du?“

Und weil wir beide einen hohen Anspruch an Literatur haben und es nicht grundsätzlich an der Qualität der Bücher liegt, um zu solchen drastischen Urteilen gelangen,  vertrete ich die These, dass wir grundsätzlich immer nur die zu unserem Geschlecht passende Literatur lesen.

Frauen- und Männerliteratur, gibt es so etwas überhaupt? Darf man heutzutage unterstellen, dass die Frauen und Männer nicht nur unterschiedliches Gehalt bekommen, sondern auch unterschiedliche Literatur lesen? Ich finde schon. Allerdings sollte man nicht glauben, dass die jeweils eigene Literaturgattung besser ist.

Ich will hier zwei Beispiele aus unserer Urlaubslektüre heraus picken, um aus meiner subjektiven Sicht einige Merkmale, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Männer- und Frauenliteratur heraus zu arbeiten.

 Meine Frau hatte zufälligerweise aus der Stadtbibliothek das letzte Buch von Sarah Kuttner mitgebracht (180 Grad Meer). Als Vergleichslektüre habe ich von David Foster Wallace „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ zu Rate gezogen.

Ich bin schon seit langem ein heimlicher Fan von Frau Kuttner. Ihre Sendung auf Viva habe ich damals inhaliert. Für mich ist sie so etwas wie die Wegbereiterin für solche Leute wie Böhmermann (der ja gerne über Frau Kuttner lästert). Ich fand sie äußerst witzig, intelligent und schlagfertig. Nach dem Ende der Sendung habe ich mich nicht mehr sonderlich für sie interessiert. Was nicht das Problem von Frau Kuttner sein sollte. Sie hat genug andere Fans und wird ganz bestimmt ohne mich auskommen.

Trotzdem grüße ich sie an der Stelle, während ich mit meiner eigenen Achselhöhle kuschele und den schmierigen Dunst meines ekelerregenden Schweißes einatme und ihr den Finger zeige, denn ihr Buch finde ich nur teilweise gelungen. Welches Problem habe ich mit dem Buch? Ich könnte ja jetzt das Vorurteil eines männlichen Intellektuellen in die Welt blasen und sagen, dass so Fernsehtussen nicht schreiben können. Aber nein so sehe ich das nicht. Egal was sie sonst so beruflich macht, sie schreibt nicht schlecht. Sie hat ihren eigenen Ton, beherrscht die moderne Art der Verknappung und setzt an den richtigen Stellen die Phantasie des Lesers in Gang. Manche Wortkreationen sind durchaus kreativ und lassen den Leser schmunzeln oder aufhorchen. Aber was stört mich an ihrem Buch? Sie schreibt in der Ich-Perspektive über eine Jule, eine wehleidige junge Frau, die sich allem versagt und nichts zustande bringen möchte. Sozusagen die moderne Version von der Prinzessin auf der Erbse. Die Männer nehmen alle Rücksicht auf sie. Ihr Bruder Jakob und ihr Freund Tim behandeln sie mit Samthandschuhen, bekommen ständig ihre Wut ab und müssen klein beigeben. Jule finde ich persönlich nicht sympathisch, aber die Autorin hat vollstes Verständnis für die Ungezogenheit und dämliche Motzigkeit ihrer Heldin und damit befinden wir uns voll in den Gewässern der Frauenliteratur, die sich an die Mittdreißigerinnen wendet, die aus lauter Trägheit und vor sich her getragener Unlust nichts erreichen möchte: Kein Beruf, keine Beziehung, kein Nachwuchs. Man lebt so vor sich her und beschwört andauernd die Schlechtigkeit aller Männer. im Zweifel lässt man sich gerne von den übelsten Kerlen begatten und findet dafür auch noch eine nette Begründung. Und dann wird noch die ganze Schuld an der eigenen Nicht-Existenz bei den Eltern abgeladen. Schließlich haben die sich ja scheiden lassen und haben vorher die Jule nicht gefragt. Der Vater ist der böse Mann, der abgehauen ist und noch einmal von vorne angefangen hat. Das Buch schleppt sich bis auf Seite 150 und dann erst besucht sie ihren todkranken Vater, mit dem sie sich eigentlich nur streiten will, um sich bestätigt zu sehen. Der Vater bringt sich um, ohne sich mit ihm versöhnt zu haben. Am Ende des Textes erwähnt ihre Stiefmutter, dass der Vater Jule während der Trennungsphase von ihrer Mutter immer ans von ihr geliebte Meer geschleppt hat. Sie erkennt darin die Verbindung zu ihrem Vater, schließt ihren inneren Frieden mit ihm und macht dann einfach so weiter wie bisher. Damit kann ich nichts anfangen. Alle Frauen, die im Leben nicht so richtig weiter kommen und mit Mitte dreißig immer noch in der Untätigkeit festhängen, werden da vielleicht Beifall klatschen und sich mit Jule identifizieren können. Frau Kuttner wird für solche Frauen auch gleich zur Ikone, weil sie ihnen ja die beste aller Lösungen für ihre Probleme bietet. Bleib einfach so wie du bist. Bette dich auf deine  zehn Matratzen und bleib da liegen. Ist schon in Ordnung.

Die Männerliteratur schneidet nicht besser ab. David Foster Wallace und sein Buch „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ bildet das andere männliche Extrem ab. Herr Foster Wallace gebührt für sein alles überragendes monolithisches  Werk „ein unendlicher Spaß“ meine vollste Verehrung und auch „Schrecklich amüsant…“ liest sich anfangs ganz passabel. Es handelt sich um eine Reportage über eine Kreuzfahrt, eine Auftragsarbeit für eine Zeitung, die Herr Foster Wallace scheinbar nur widerwillig übernommen hat. Wie immer bei Herr Foster Wallace bleibt einem das Lachen im Hals stecken oder es kommt erst sehr spät aus dem Hals herausgefallen. Herr Foster Wallace hat einen offenkundig hintergründigen und teilweise bösartigen Humor, der sich hinter grellen Wortschöpfungen und umständlichen Beschreibungen verbirgt. Das macht ihn aus und dafür lieben ihn seine Fans, zu denen ich durchaus gehöre. Allerdings geriert er sich in dem Buch als den Typ des soziopathischen, hyperintelligenten Nerd, der sich ganz naturgemäß auf einer Kreuzfahrt nur bedingt wohlfühlen kann. Und das ist typische Männerliteratur. Er stellt den lebensunfähigen Freak  dar, der sich allzu gerne in seiner Kabine verkriecht, sich beim Abendessen blamiert, sich aufgrund seiner unbeholfenen Interviewversuche beim Personal unbeliebt macht und gegen eine Neunjährige beim Schach verliert. Ein Fremdkörper, der seine Wortkaskaden gerne mit nach meiner Ansicht mit frauenfeindlichen Formulierungen garniert. Bei ihm haben nur Frauen ein postkoitales Grinsen im Gesicht und er liebt es, bei Beschreibungen das Wort menstrual hinzuzufügen. Das Buch hat er Mitte der Neunziger geschrieben und damals mag so etwas noch exotisch auf die Leser gewirkt haben, so wie man im letzten Jahrhundert noch die Wilden in den Kolonien mit einer Mischung aus Faszination und Schrecken betrachtet hat. Mittlerweile ist der Typus salonfähig und sogar zum Vorbild geworden (die Wilden hatten auch ihre Zeit der Anerkennung und Verklärung). Sonst hätte eine Fernsehserie wie „Big Bang Theory“ mit ihrem Asperger geschädigten Sheldon Cooper als Helden niemals Erfolg gehabt. 

Damit komme ich schon zu den Gemeinsamkeiten dieser besonderen Form der Männer- und Frauenliteratur. Ich habe damit zufälligerweise zwei Bücher ausgewählt, die sich auf zwei extreme, aber leider gängige, Typen konzentriert. Beide haben gemeinsam, dass sie sich der Welt versagen und auf keinen Fall einfach mitmachen können. Dahinter steckt keine besondere Aussage oder Überzeugung, mit der man sein Verhalten rechtfertigt. Und das ist schade. Es ist einfach nur cool, schick oder weird ein bisschen anders als die anderen zu sein. Es ist einfach eine verquere Form des Individualismus. Andere lassen sich tätowieren, sammeln seltene Turnschuhmodelle von Adidas oder hüpfen in schwindelerregender Höhe auf den Auslegern von Baukränen herum.

Nimmt man die Frauenliteratur aus vergangenen Zeiten zum Vergleich, ging es beim dargestellten Individualismus darum, sich den gesellschaftlichen Konventionen zu versagen und depressiv zu sein (Virginia Woolfe). Geht man in der Zeit noch weiter zurück, schrieb sie darüber, wie sie den Mann, in den sie sich verliebt hat, auch heiratet und mit ihm glücklich wird. Die Ansprüche haben an Literatur haben sich wie die Gesellschaften stark verändert und deswegen muss Mann/ Frau  ständig neue Probleme kreieren, um ein Thema für ein Buch zu haben. Aber in diesem Punkt haben sich Frauen- und Männerliteratur noch nie unterschieden. Die Frage bleibt, ab wann Literatur nicht nur Selbstzweck ist, sondern gesellschaftliche Veränderungen und Herausforderungen auch reflektiert und damit den eigentlichen Anspruch, den Literatur an sich haben sollte, verwirklicht.

Wir konnten wir bloß werden, was wir heute sind?

 

 Neunzehnhundertneunzig habe ich mein Abitur in Wetzlar an der Goetheschule gemacht.   Das Gebäude der Goetheschule wurde Ende der Sechziger Jahre gebaut und nach zweiundfünfzig Jahren hat man ein Einsehen mit dem sanierungsbedürftigen und z.T. baufälligen Gebäude und reißt es ab, um es an gleicher Stelle wieder aufzubauen.  Am Donnerstagabend war die große Abschiedsfeier. Die aktuelle Schüler- und Lehrerschaft und die ehemaligen Schüler und Lehrer konnten sich bei Bier und Würstchen von ihrer Schule verabschieden. Ein Treffen der Generationen, dachte man und lt. Sonntagsausgabe der WNZ waren dort an diesem windigen und saukalten Sommerabend ca. 5000 Menschen versammelt. Kaum zu glauben, dass sich so viele Menschen für ein altes marodes Gebäude interessieren, insbesondere da die Goetheschule immer die Reifestätte einer zahlenmäßig begrenzten Elite war. Dies ist die einzige Schule im Altkreis Wetzlar, an der man das allgemeinbildende Abitur erwerben kann. Nur mit diesem Schulabschluss steht einem die gesamte Welt offen und nicht nur die  Nischenstudiengänge wie BWL und Maschinenbau.   Mit dem Abitur kann man Zahnarzt, Apotheker, Politiker, Schönheitschirurg, Schauspieler, Vorstandsvorsitzender und im Zweifelsfall Gymnasiallehrer werden. Also alle diese Berufe mit denen man die Welt und die Wertschöpfungskette der globalen Wirtschaft voranbringen kann. Ich habe übrigens nach meinem Abitur eine Lehre als Bankkaufmann bei der örtlichen Sparkasse gemacht und arbeite verflixt nochmal immer noch in diesem Beruf. Ich bin also vollkommen unter meinen Möglichkeiten geblieben. Ich hatte eigentlich auch andere Pläne. Aber wie das Leben nun einmal so ist, bleibt man sehr oft unter seinen Möglichkeiten. Verzeihen Sie meinen negativen Fatalismus. Aber wenn man in der zwölften Klasse auf einmal merkt, dass man doch kein Dummerchen ist, möchte man doch eher nach den Sternen greifen und nicht nach dem Bleistift, mit dessen stumpfer Spitze man Spar- oder Darlehenszinsen nachrechnet.

 Daher wurde mein Abschied von meiner alten Schule zu einer mittleren Seelenpein. Ich habe die drei Jahre auf dieser Schule genossen. In erster Linie bestand der Genuss im Erkennen meiner intellektuellen Fähigkeiten. Ich war meine eigene kleine geistige Elite und vollkommen alleine auf der Welt.  Durch die leergeräumten Klassenräume zu latschen, die größtenteils immer noch im Originalzustand waren, hat alte Wunden aufgerissen. Ich fühlte mich  nach ca. achtundzwanzig Jahren genauso leer und angeranzt wie diese Räume. Die alten Hörsäle, die alten Tafeln, die grauen wuchtigen Betonwände, die kalten marmorierten Gänge, die genauso wie früher im Halbdunkel lagen, das glänzende schwarze Vinyl in der Pausenhalle  erinnerte mich an verpasste Gelegenheiten, an das Gefühl der Einsamkeit und Isolation, das mich in diesen und in den darauf folgenden Jahren verfolgt hat. Ich leide unter der Wahnvorstellung, viel verpasst zu haben und früh die falschen Entscheidungen getroffen zu haben.

Ich habe einige dieser Entscheidungen korrigieren können und mein Leben ist bei weitem nicht negativ verlaufen. Ich lebe in einer wunderbaren Beziehung mit meiner zweiten Ehefrau, habe fünf liebenswerte einzigartige Kinder, habe ein paar sehr gute Freunde und Kollegen und habe in meinem Beruf viel Anerkennung erfahren. Trotzdem brachte der Besuch meiner alten abbruchreifen Schule alte Zweifel zum Vorschein, die in früheren Zeiten den Glauben an meine Fähigkeiten regelmäßig und nachhaltig erschütterten.

Für ein paar Stunden war ich wieder im alten Alarmmodus. Ich gehöre zu den Menschen, die sich über die Zukunft definieren. Ich lebe niemals in den Tag hinein. Es mag zum eigenartigen Instinkt eines Menschen zu gehören, das Leben vom Ende her zu denken. Wir sind uns ja immer unseres eigenen Ablebens bewusst. Ohne diese Erkenntnis, ein sterbliches Wesen zu sein, ist Fortschritt nicht möglich. Allerdings ist die Sorge um mein Dasein mit Angst besetzt und hat in den schlimmsten Momenten zu panischen Reaktionen geführt. Meine Herkunft hat mich geprägt und bestärkt mich tagtäglich in der Annahme, dass nur das Schlimmste möglich ist. Ich habe  Jahrzehnte gebraucht, um zu verstehen, das meine Handlungen durchaus einen positiven Effekt auf mich und mein Umfeld haben, man es an vielen Stellen gut mit mir meint, die Katastrophe eher die Ausnahme ist und Ihr Eintreten nur eine verzögernde Wirkung auf den Reiseablauf hat, so wie der Stau auf der Autobahn.

 Ich stieg abends um halb acht aus dem Bus, rief meine Tochter auf dem Handy an, um sie zu fragen, wo sie denn sei und erhielt von ihr die Antwort, das sie schon die Abschiedsfeier verlassen habe. Dazu sollte man wissen, dass meine älteste Tochter die elfte Klasse an der Goetheschule gerade absolviert hat und nun die Chance bestand mit ihr den Abschied gemeinsam zu feiern. Die Vergangenheit hätte sich mit der Zukunft versöhnt und alles wäre gut gewesen. Dann sah ich dieses Gebäude und die vielen Menschen, lief zwischen den Menschenmengen hindurch und fand kein mir bekanntes Gesicht. Prompt ereilte mich das Gefühl meiner Jugend, alleine sein zu müssen, keinen Anschluss finden zu können und damit keine Anerkennung erfahren zu können. Nach einer Weile treffe ich einige Kollegen, die auch das Abitur an der gleichen Schule gemacht haben und unterhalte mich mit ihnen, gehe mit ihnen durch die Räume und tausche mich mit ihnen aus. Sie schwelgten in Erinnerungen. Ich stand daneben und berichtete ihnen lakonisch, dass ich damals aus der Bibliothek nach und nach einige Philosophiebücher entwendet hatte. Ich war in meinem Jahrgang der einzige Mensch, der Freistunden dort verbracht hat, um verschämt über Existenzialistenlektüre zu brüten.

Ich trank ungerührt ein Bier nach dem anderen und nach dem dritten Gang zur Biertränke hatte ich meine Kollegen aus den Augen verloren. Ich war während meiner Abiturzeit ein echter Miesepeter. Generell war ich dagegen und  verhöhnte alles, was hohes Ansehen in der Schulgemeinschaft genoss. Wer etwas aus sich hielt, ging in die ach so berühmte Musical-AG. Es war hip, Andrew-Llyod-Weber-Arien zu schmettern und sich dabei wie eine Lokomotive oder eine Katze zu bewegen. Ich dagegen habe jeden Tag ca. sechs bis acht Stunden die Gitarrenriffs und –solis von Metallica geübt. Ich war ein Metallica-Snob und stieg sehr tief in die Materie hinab. Insbesondere das „Justice for all“-Album diente mir als Referenz. Ich lernte jede Note auswendig, analysierte Musik und Texte bis zur totalen Erschöpfung. Im Zusammenhang mit Schule und Musicalmenschen ging es mir nur um Befindlichkeiten und Eitelkeiten. Die wurden für ihr süßliches und melodiöses Geträller bewundert und gefeiert, während niemand meine Anstrengungen auch nur wahrnahm.  Ich hatte also noch eine emotionale Rechnung offen und stapfte in den Musiktrakt.  Im Musiksaal angekommen sah ich den Flügel auf einem kleinen Podest stehen und erinnerte mich an meinen damaligen Helden unter den Lehrern. Den Musikunterricht in der elften Klasse habe ich geliebt. Herr Marschall, mein Musiklehrer, ein ewiger Junggeselle, der altmodische verknitterte Anzüge trug, war ein Klavierfreak und eine echte Inselbegabung. Er setzte sich zu Beginn des Unterrichts an den Flügel im Musiksaal und  forderte die Schüler auf, irgendwelche Komponistennamen zu nennen. Es fielen so Namen wie Bach, Mozart. Beethoven. Wurde ein Name gerufen, grinste er feist und fing an im Stile des  genannten Komponisten zu improvisieren. Dabei lächelte er versonnen und glücklich als sei es die einzige Erfüllung in seinem Leben, am Klavier zu sitzen und zu spielen. Eines Tages hatte ich ein AC/DC Songbook bei mir. Ich hatte es als Provokation auf meinen Platz gelegt. Natürlich ging es meinen Mitschülern gewaltig am Arsch vorbei. Herr Marschall griff sich das Songbook, klappte das Buch auf und spielte „Highway to hell“ auf dem Flügel nach. Es klang wie ein Ragtime. Dann sang er noch dazu. Ein alte Männerstimme, die „Mama look at me, I`m on the way tot he promised Land“ wie das Mitglied eines Männergesangvereins schmetterte, hatte wirklich etwas wunderbar Schräges an sich. Er hatte noch nie etwas von AC/DC gehört und fand die Musik unheimlich interessant. „Was die jungen Leute heute alles hören!“ Voller Stolz nahm ich mein Songbook wieder entgegen und er saß am Flügel und spielt eine halbe Stunde völlig unbekannte Jazznummern. Er stand unheimlich auf Oscar Peterson, der mir damals gar nichts sagte und zog eine Querverbindung zwischen AC/DC und ihm, der anscheinend ein absolut beeindruckender Jazzpianist gewesen sein musste. Eigentlich rührte es mich damals so, weil ich mein ganzes Leben lang Klavier spielen wollte und die Gitarre für mich eigentlich nur eine Ersatzdroge war. Eine Gitarre und einen Verstärker konnte ich mir leisten und anscheinend hatte ich doch ein wenig Talent, so dass ich die ganze Sache ohne Unterricht lernen konnte. Klavierunterricht dagegen hätte ich mir nicht leisten können und meine Eltern hätten nie Geld für so etwas ausgegeben. Und dann gab es diesen Musiklehrer, der über allem stand und vollkommen losgelöst von seiner beruflichen Pflicht sein Ding durchzog und dabei einen wahnsinnigen Spaß hatte.  Im Grunde war er mein Held, weil er sich nicht darum kümmerte, ob es irgendwen interessierte, was er machte. Viele Schüler hielten ihn für einen alten Spinner. Insgeheim bewunderte ich ihn, weil ich es niemals geschafft hatte, es einfach gut sein zu lassen. Ich brauchte Bewunderung und Anerkennung und verstand nicht, dass es darum gar nicht in dieser Schule ging. Die drei Jahre waren dazu da, den letzten Schritt ins Erwachsenenleben zu nehmen und noch einmal zu reifen, bevor man auf irgendeine Art auf das seriöse Leben losgelassen wurde. Anerkennung bekommt man nicht durch verbissenes Beharren auf seiner elitären Abscheu vor allem Gewöhnlichen und den Massengeschmack. Metallica übrigens haben sich kurz nach meinem Abitur an den Mainstream verkauft und haben mit solchem Moll-Gedöns wie „Nothing Else Matters“ und „the Unforgiven“ die Hitparaden gestürmt. Niemand mochte später die Solis der alten Platten hören. Anerkennung erhielt ich als Gitarrist erst, als ich mit meiner Band „Enter Sandman“  vortrug. Der Höhepunkt eines jeden Konzertes war „Nothing else Matter“.  Aber das ist noch ein anderes Kapitel. In Bands spiele ich schon lange nicht mehr. Mit vierzig habe ich meinen eigentlichen Traum verwirklicht und Klavierunterricht genommen und mir ein Digitalpiano gekauft.

 Zurück zum Musiksaal und dem Abschied von der Goetheschule.  Ich habe mich an den Flügel gesetzt, mein Bier auf dem Klavier abgestellt und in Gedenken an Herrn Marshall eine Ballade improvisiert. Ich brauchte keine Zuhörer. Ich habe nur für mich gespielt und es hat mir fast das Herz zerrissen. Bevor ich heulen musste, habe ich mitten in der Improvisation zu Spielen aufgehört, mein Bier genommen und bin wieder gegangen. Auf dem Schulhof habe ich wieder meine Kollegin getroffen und wir haben ein Gespräch über die Arbeit begonnen. Ich war froh, nicht mehr über die Schule reden zu müssen. Ich sah mich dabei auf dem Schulhof um und sah eine Mitschülerin aus meinem Jahrgang, die erst nach drei Versuchen meine Grußgeste erwiderte. Das machte den Abend endgültig zum Abschied von meiner Abiturzeit. Halbbetrunken habe ich mich vor Einbruch der Dunkelheit zu Fuß auf den Weg gemacht. Die Strecke führte bergab und teilweise bin ich den Weg gerannt. Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause und beim Laufen genoss ich die Dämmerung, die nur langsam über die Stadt hereinbrach. Es war schließlich der längste Tag des Jahres und mit jedem Meter den ich näher an mein Zuhause kam, fühlte ich mich besser. Es war als laufe ich von der Vergangenheit, die ich hinter mir ließ, in die Gegenwart, die mir doch so viel mehr bedeutet als die drei Jahre in der Goetheschule. Obwohl  ich dort angefangen habe, das zu sein, was ich heute bin.