Ein Ausflug – Die Documenta 14 – Teil 3

Das war es dann mit der Neuen Neuen Galerie. Wenn man durch den Treppenflur hinausgelangt, kommt an Büros der Diakonie vorbei. Hier betreut man unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Böse Zungen können jetzt behaupten, dass dieser Weg nur dazu dient, um doch etwas mehr aktuellen Zeitbezug in die Documenta zu bringen. So als Deckmäntelchen für die viele alte Gegenwartskunst, die man auch an diesem Standort der Documenta vorgefunden hat. Die Neue Neue Galerie wird trotzdem ihrer Funktion als heimlicher Hauptort der Documenta gerecht.

Weiter geht’s. Wir laufen in das Univiertel und nehmen somit den falschen Weg. Wir wollen zur Gottschalk-Halle. Das schöne Wetter ist entschwunden. Mittlerweile regnet es und als wir an der Halle ankommen, schüttet es aus allen Kübeln. Die Installation in der ehemaligen Versand- und Packhalle wirkt fast wie eine realsatirische Inszenierung moderner Kunst. Vielleicht sind wir auch zu einfältig, um den tieferen Sinn zu verstehen. Es soll angeblich um Flucht und Vertreibung gehen, aber überall in der düsteren Halle liegen Geldhaufen herum und dazu liegen Plakate aus, die Geschichten über Münzen erzählen. Dazu erklingen verfremdete Geräusche einer Akustikgitarre und eines anderen unidentifizierbaren Saiteninstrumentes. Henrike inspiziert die Geldhaufen und stellt fest, dass das Geld nicht befestigt ist. Wir könnten uns also einfach die Säcke vollmachen. Wir bleiben nur kurz, denn bald hört es auf zu regnen. Wir laufen weiter und geraten ins Niemandsland und auf die holländische Straße. Am Halitplatz (nach dem getöteten jungen Mann aus dem Internetcafe benannt, dass in der Nähe des Platzes lag) wollen wir wieder in die Straßenbahn steigen, um zum Hauptbahnhof zu laufen. Wir sprechen über den Verfassungsschutz und seine unrühmliche Rolle in der NSU-Affäre. Wir stellen gemeinsam fest, dass die Sache stinkt und der Verfassungsschutz wohl Kontakt zur NSU haben musste. Wahrscheinlich haben sie die drei Mitglieder der NSU falsch eingeschätzt und dachten, dass sie diese für ihre Zwecke benutzen können und wahrscheinlich war es umgekehrt. Um das zu vertuschen, hat man die Geschichte um den Verfassungsschutzmann im Internetcafe absichtlich herunter gespielt. Eine Theorie, die für uns erschreckend einleuchtend klingt. Aber wie es immer mit den Langhüten und Spionen ist, sie sind undurchschaubar und haben etwas Gefahrbringendes an sich. Mich erinnert es an den Kennedymord. Auch hier vermutet man, dass Geheimdienste involviert waren. Aber man kann es nicht beweisen. Aber wir wollen nicht zu linken Verschwörungstheoretikern werden und messen dem Ganzen nur eine Singularität zu, in der Hoffnung, dass es in Zukunft nicht an der Tagesordnung sein wird, dass der Staat sich selbst aushebelt.

Wir reisen mit der Straßenbahn zur Kurt-Schumacher-Straße. Die Kurt-Schumacher-Straße liegt am Rand der Innenstadt. Schon von weitem sieht man ein ziemlich abgefucktes Bürogebäude und die dazugehörigen Glaspavillons. Gegenüber liegen Backsteinmietskasernen. Zuerst trifft der Blick auf verrammelte Türen, eingeschlagene Fenster und Wandschmierereien. Die Pavillons stellen kleine Vorbauten dar, die als Läden genutzt wurden und nun leer stehen. Auch hier ein Rentiergedächtnisraum und in einem anderen Pavillons die abwesende Seifenmacherin, mit der man doch gerne über Produktionsmittel spräche und die auch hier hübsch aufgestapelt ihrer schwarze Seife hinterließ. In einem dritten Ausstellungspavillon die selbstgebrannten Metallknödel, die es schon in der Neue Neue Galerie gab. Das ist das Problem dieser Documenta. Nichtssagende Elemente depressiv gestimmter Gegenwartskunst werden bis zum Erbrechen zelebriert und damit die interessanten Themen überblendet. Im Hintergrund der Pavillons hat man eine syrische Bäckerei nachempfunden, die Ende der Achtziger im Laufe des syrisch-libanesischen Krieges zerstört wurde. Der Sohn des Bäckers erzählt die Geschichte der Bäckerei in einer Wandinschrift und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass in Syrien die Assad-Familie schon immer gerne Kriege vom Zaun gebrochen hat und die Bevölkerung einem ständigen Zerstörungstrauma ausgesetzt ist.

Wir fahren zum Mauerstraße, besorgen uns im Rewe etwas zu essen, gehen in die Passage und ich hole mir asiatisches Fastfood. Henrike zieht weiter zum Documentashop auf dem Friedrichsplatz und ich hole mir einen zweiten Kaffee im Starbucks. Im Documentashop ist die Hölle los. Es ist mittlerweile Mittag und die Ausstellungsorte haben sich mit Menschen gefüllt. Das Wetter ist wieder besser geworden. Die Sonne scheint warm, feuchte Luft steigt vom Boden auf. Henrike kauft ein Plakat. Ich brauche ein Zeugnis meines Besuchs und für die Kinder benötigen wir ein paar Mitbringsel.

Auf zur vorletzten Station. Vor dem Hauptbahnhof steht ein Container, in dem sich der Abgang zu einem ehemaligen unterirdischen Bahnsteig befindet. Unten angekommen packt mich der Hunger und knabbere ein paar meiner mitgebrachten Erdnüsse. In einem Raum gibt es eine Videoinstallation, die eine Schulklasse zeigt, die von ihrem Lehrer frontal beschallt wird. Irgendeiner Schüler gibt ein aufmüpfigen Satz von sich und ein anderer Schüle fühlt sich dazu berufen, in auflehnender Pose Widerworte zu geben. Plötzlich stehen alle Jugendliche auf ihren Stühlen, bewerfen den Lehrer mit Büchern und brüllen ihn an. Als das Getöse fast unerträglich ist, fängt der Film wieder von vorne an. Ich bin so in dem Film versunken, dass ich nicht merke, wie mich eine Documentaangestellte am Ellbogen packt. Ich schrecke auf. Ich darf hier nichts essen. Henrike lacht mich aus. Ist mir wirklich unangenehm. Um der Peinlichkeit zu entfliehen, gehen wir über die stillgelegte Rolltreppe hinab zum Bahnsteig. Dort ist im hinteren Bereich eines der bekannteren Werke der Documenta zu finden. Auf einigen Bildschirmen werden verschiedene Filme und Bilder gezeigt. Auf einem rezitiert man Sätze zum Thema der Sklaverei. Ein anderer Bildschirm dient dazu militärische Szenen zu zeigen. Mittendrin Texte aus den Sozialen Medien. Ganz oben rechts Jeff Koons und Cicollina beim Geschlechtsverkehr. Wir schauen uns das ein paar Minuten an und die vielen Bildschirmen und die zahllosen Bilder verwirren mich. Ich beschließe, es mir einfach zu machen und schaue auf den Bildschirm in der oberen Ecke. Man zeigt dort noch andere pornographische Häppchen. Henrike erzählt mir später, dass auf einem anderen Bildschirm widerliche Gewaltszenen gezeigt wurde. Ich habe sie nicht wahrgenommen. Pornos haben so etwas Beruhigendes.

In der Mitte des Bahnsteiges steht ein Nomadenzelt. Ein Künstler ist quer durch Europa gereist, um andere Künstler und Musiker zu treffen, um einfachen Menschen zu begegnen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Darüber hat er einen Film gedreht, der in diesem Zelt gezeigt wird. Mehr gibt es nicht zu bestaunen, außer Plakatwände, die zuletzt in 2005 mit ZDF-Werbung bestückt wurden (mit dem zweiten sieht man besser). Wir können den Gleisen folgen und verlassen so den Bahnsteig. Draußen empfängt uns ein Banner auf Griechisch. Ein unerwartetes Kunstwerk. Im ersten Weltkrieg haben Deutsche griechische Soldaten, deren Status unklar war (man behandelte sie wie Gäste, aber eigentlich waren es Kriegsgefangene) nach Görlitz gebracht und dort in einem Lager interniert. Die Soldaten hatten trotzdem die Möglichkeit sich frei in Görlitz zu bewegen und wurden wie Gäste behandelt. Aber nach Hause ließ man sie nicht. Das Banner ist dem Banner empfunden, dass vor dem Lager in Görlitz stand und Besucher willkommen heißen sollte. Wir gehen ein Stück den Gleisen entlang und landen auf einem Platz im Nirgendwo. Unweit des Nirgendwo finden wir eine Bushaltestelle, die uns wieder in die Innenstadt gebracht hat.

Die letzte Station lag an der schönen Aussicht, eine kleine Promenade, die Friedrichsplatz und Grimmwelt verbindet. Allerdings bildete sich vor der Neuen Galerie eine unmöglich lange Schlange, der wir uns nicht anschließen wollten. Wir hatten noch eine Stunde Zeit und wollten sie nicht mit Warterei verbringen.

Wir liefen zur Grimmwelt und beschlossen spontan dort hinein zu gehen. Henrike gab ihre Tasche ab. Der junge Mann im Gaderobencontainer war äußerst unfreundlich. Er würdigte uns keines Wortes und Blickes und auch andere Besucher strafte er mit Nichtbeachtung. Wie eine Maschine packte er die Taschen und suchte für sie einen Platz. Henrike vermutete, dass der Junge taubstumm sei oder der Teil einer äußerst ausgefuchsten Perfomance. Oh je, auch hier, alter Trödelkram. Die Seiten eines Szenenbuchs, alle einzeln in Glaskästen zur Schau gestellt.  Kinderbücher eine Jüdin, die sich Tom nannte, weil sie ein Identitätsproblem hatte, die mit Sigmund Freud verwandt war und sich in den dreißiger Jahren das Leben nahm, kurz nach dem sich ihr Mann umgebracht hatte. Der Grund: Geldprobleme. Seufz, ist das alles traurig. In einem anderen Kontext, hätte mich die Lebensgeschichte dieser Frau interessiert. Ansonsten spüre ich den Mangel am Sauerstoff in diesen Räumen und muss gähnen.

Wir gehen zum Museum für Sepulkralkunst. Im Garten des Museums liegt besagter Schwurstein. Wir machen uns einen Spaß und heben beide den Stein hoch. Henrike will sich unbedingt mit ihm fotografieren lassen. Danach atmen wir noch einmal tief durch, gehen über den Weinberg zurück zum Hotel und fahren heim.

Hier bin ich nun auf der Flucht vor der Darstellung einer tieftraurigen Gegenwart, die beeinflusst wird von einer tieftraurigen Vergangenheit und es ist mir jetzt klar vor Augen: Die Zukunft wird nicht besser. Warum nicht den Wagen in die Leitplanken lenken? Dann wäre alles vorbei. Aber dann könnte ich auch die Documenta 15 nicht besuchen, um mich am alten und neuen Leid der Gegenwartskunst zu laben.

Aber im Ernst: Kassel ist der richtige Ort für solch ein Ereignis. Ein übersichtlicher Platz mit vielen Facetten. Eine Großstadt mit ihren prallen Sehenswürdigkeiten kann den Betrachter von dem Blick auf die Kunst ablenken.  Die verschiedenen Ausstellungsorte haben die verschiedenen Facetten der Stadt sichtbar gemacht. Barockgebäude, Bauhaushalle, alte Fabrikgebäude, modernistische abgenutzte Gebrauchsgebäude, Wiesen, Parks und Weinberge, alte Bahnstationen,  zentrale Einkaufsstätten, alles vertreten was diese Stadt ausmacht und was die Provinz trotz allem Gelaber von der ach so tollen Urbanität,  so interessant macht. Aber bitte liebe Kuratoren: Das nächste Mal mehr Spaß und Freude am Dasein zeigen und nicht so viel alten Trödelkram aus der Urzeit der Gegenwartskunst zeigen. Dann bleiben wir Freunde und ich und Henrike kommen wieder.

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Documenta 14 – Teil 2

 Wir haben Hunger und gehen zurück in die Stadt. Oben an der Grimmwelt betrachten wir noch das Marmorzelt. Meine Frau hat heute ihren Tag der Tabubrüche und setzt sich frecherweise in dieses Zelt. Wenn sich jeder da reinsetzt….. Eine schöne und originelle Arbeit denken wir, haben aber bei so viel rückwärtsgewandter Kunstbetrachtung unser Empfinden für Gegenwartskunst verloren. Wir ziehen weiter in Richtung Weinberg. Der Biergarten unterhalb der Grimmwelt ist ein netter und freundlicher Platz. Hier kann man verweilen und über das Leid der Welt nachdenken oder einfach vergessen und die Aussicht genießen. Nach einem Radeberger (Henrike nennt es Brechreizbier, weil es industrielle Massenware ist und dementsprechend eintönig schmeckt) und Kartoffelsalat aus dem Eimer (Ein Essen für zwei zum Preis von insgesamt neunzehn Euro! Ein Schnäppchen angesichts horrender Preise am Kunstmarkt und beim Caterer in der Documentahalle) schleichen wir im Halbdunkel den Weinberg herunter und wagen einen Spaziergang durch die Karlsaue. Schließlich dämmert es nur und die Dunkelheit scheint noch weit in der Ferne zu liegen. Anderthalb Stunden und fünf Kilometer weiter sind wir schlauer und um halb elf kommen wir vollkommen geschafft in unserem Hotelzimmer an.

Ein frühes Erwachen am Samstagmorgen eröffnet uns ungeahnte Möglichkeiten auf dem Spielfeld der Kunst. Jetzt geht alles schnell. Anziehen, Packen, auschecken. Punkt halb neun stehen wir an der Straßenbahnhaltestelle. Der Tag beginnt mit Sonnenschein. Im Laufe des Vormittags soll es regnen. Der Friedrichsplatz ist menschenleer. Vor dem Pantheons of Books steht ganz verloren das Wachpersonal. Die Sonne erhebt sich allmählich am Horizont. Sonnenlicht kriecht langsam über die Karlsaue und der Strahlenkranz der Morgensonne ergießt sein kräftiges Licht über den Platz. Idylle, die uns gefällt. Wir sitzen beim Bäcker um die Ecke und haben das Frühstücksangebot für vier Euro fünfzig vor uns stehen. Ein Pott Kaffee, zwei Brötchen, ein Croissant, Käse, Wurst, Marmelade. Die Kunst in der Provinz hat ganz klar ihre Vorzüge. Henrike hat sehr gut geschlafen, ist ausgeruht und hat einen Plan für den Tag erarbeitet. Henrike erkennt sofort die Möglichkeiten, die sich bieten. Ich bin dagegen oft orientierungs- und ahnungslos. Ich hole mir einen Kaffee im Starbucks am Königsplatz und schon begegnen wir dem ersten und für mich einer der beeindrucktesten Kunstwerkes dieser Documenta. Der Obelisk aus Beton ragt schlicht aus dem Platz hervor. Der Künstler hat für dieses Werk den Arnold-Bode-Preis erhalten. Also auch die Kunstwelt hat die Qualität des Werkes erkannt. In vier Sprachen ist dort das Bibelzitat „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ verewigt. Auf jeder Seite eine Sprache: Deutsch, Englisch, Arabisch und Türkisch. Ein einfaches und tiefsinniges Statement zum Flüchtlingsthema. Die Sprache wirkt trennend und nicht vereinend. Henrike gibt eine Bewertung als Bauingenieuren ab: geschliffener Beton Nr. B irgendwas. Schön, Schön. Wir ziehen weiter. Da haben wir wenigstens etwas mit Zeitbezug erlebt und nicht nur Zeugnisse eines goldenen Zeitalters der Kunst, als man noch alles einfach billig zusammenkleistern konnte. Zurück zum Friedrichsplatz und dem Pantheon of Books. Eigentlich eine gute Idee: Bücher, die irgendwann einmal verboten waren, zu sammeln und in einem tempelartigen Monument zu würdigen. Aber leider auch alt. Denn die Künstlerin hatte das gleiche Kunstwerk in Argentinien zur Zeit der Militärdiktatur errichtet und dieses Kunstereignis nur wiederholt. Ganz ehrlich: es ist mutiger und von größerer Relevanz in einer Diktatur so etwas zu versuchen. Dreißig Jahre später in Deutschland, einem Land, in denen Bücher und die Freiheit des Wortes einen größtmöglichen Stellenwert zukommt, verkommt das Werk zu einem Freizeithappening für Buchliebhaber, die die doppelten Exemplare ihrer Brechtsammlung an die Ausstellungsmacher gegeben haben, damit diese sie in Folie packen und an die Stahlgestelle pappen. Wir ziehen weiter zu den Betonröhren vor der Documentahalle, die ein Künstler zusammen mit Designstudenten der Kasseler Uni gestaltet hat. Auch ein Statement zur einen Welt, in der alle ihren Platz finden sollen. Einer der besseren Objekte der Documenta. Henrike hat von der Firma, die die Betonröhren hergestellt hat, eine Postkarte bekommen. Diese Firma nutzt die Herstellung der besonderen Röhren als Werbung und berichtet auf der Postkarte von einem Betriebsausflug zur Documenta, um die Erschaffung eines Kunstwerkes durch eine profane Firma für Baumaterial zu feiern. Sympathisch oder eher typisch kapitalistische  Propaganda, um die künstlerische Auseinandersetzung mit den Folgen eines entfesselten Kaptalismus zu entwürdigen? Ich weiß es nicht. Ist mir eigentlich auch egal.

Pünktlich um zehn öffnen die Ausstellungsorte der Documenta. Wir eilen per Straßenbahn zur Neue Neue Galerie. Die neue Hauptpost wurde leer geräumt und mit größtenteils echter Gegenwartskunst gefüllt. Wenn man in den ersten großen Raum im Erdgeschoß kommt, wird man mit einem Wandgemälde konfrontiert, dass sich erst beim näherer Betrachtung erschließt. Man sieht wütende Kängurus, die kleine Atomraketen in der Hand halten und alle Sonnenbrillen tragen, in Reih und Glied stehen. Das sieht originell und farbenfroh aus und versprüht einen gewissen Humor. Daneben erzählt der Künstler die Eroberung Australiens durch die Menschheit. Viel Text, naive Bilder, die nicht mehr ganz so kunstvoll aussehen, wie die Känguru-Armee. Daneben ein Vorhang aus Rentierschädeln (ich sagte ja, die heimlichen Maskottchen der Documenta 14 sind die Rentiere). Das Kunstwerk spricht mich überhaupt nicht an und auf der Rückseite des Australiengemäldes hat jemand eine Videoinstallation angebracht, die mich auch nicht anspricht. Eine alte Plakatwand, die einst an der Baustelle des Humboldt-Forums in Berlin hing und eine Ausstellung mit großformatigen Portraits beworben hat, hat der Künstler mit Videos von anderen Gesichtern überlagert und dabei ertönen Klänge und gesprochene Satzkonglomerate. Ich betrachte es eine Weile und kann nichts daran finden. Dahinter liegen mehrere Laderampen für LKW`s. Man hat die Tore heruntergelassen und in den Räumen Kunst untergebracht. Dort finde ich zwei Werke, die mich besonders beeindrucken und zwei Dinge, die leider typisch für diese Documenta sind. Ein humorvolles und ironisches Werk finde ich besonders gelungen und von dieser Sorte hätte ich mir ein paar mehr auf der Documenta gewünscht. Ein Künstler hat einer Nachahmung des Schwursteines an dem das Urteil für Sokrates vollzogen wurde quer durch Europa auf Reisen geschickt und verschiedene Stationen des Steines im Bild festgehalten und kommentiert. Der Stein ist als Nachahmung federleicht und kann von einer Person herumgeschleppt werden. Dieser Stein soll am Ende der Documenta auf dem Thing-Platz in Kassel begraben werden. Hierbei wird erklärt, was es mit Thing-Plätzen auf sich hat. Die Nazis haben Thingplätze errichtet, um ihrer Mystifizierung der germanischen Kultur zu frönen. Alle diese Plätze wurden altgriechischen Theaterplätzen nach empfunden (die Berliner Waldbühne diente ursprünglich als Thing-Platz). Dort wurden Mysterienspiele von normalen Bürgern aufgeführt. Thing ist etymologisch natürlich mit dem englischen Wort für Ding verwandt und hier stellt der Künstler auch einen Bezug her. Der Schwurstein liegt für die Dauer der Documenta vor dem Museum für Sepulkralkunst und kann dort begutachtet werden. Wir entschließen uns, am Ende des Tages dem Stein noch einen Besuch abzustatten. Außerdem gibt es einen Raum, der den Mord an Halit Yozgat durch die NSU behandelt. Der junge Mann wurde 2006 in seinem Internetcafé kaltblütig erschossen. Während des Mordes saß ein Angestellter des hessischen Verfassungsschutzes im Internetcafé an einem Computer, um dort auf einer Datingseite sein Profil abzufragen. Um die Rolle dieses Mannes geht es in einer Dokumentation. Eine Gruppe für Forensische Architektur hat versucht, anhand einer Nachstellung des Raumes und der Situation, heraus zu finden, was der Mann vom Verfassungsschutz vom Mordgeschehen gesehen haben könnte und kommt zu dem Schluss, dass der Mann bei der Darstellung seiner Anwesenheit nicht die Wahrheit gesagt haben kann. Mir hat dieser Teil der Doumenta die Tränen in die Augen getrieben und dieses eine Mal war ich wirklich betroffen. Ein ahnungsloser Bürger dieses Landes wird einfach umgebracht. Eine Familie wird auseinandergerissen, erfährt Misstrauen anstatt Mitgefühl und der Staat scheint irgendwie in der Sache die Wahrheit zu kennen und hält sie zurück. Es läuft mir kalt den Rücken runter. Ich halte viel vom deutschen Staatswesen und ich glaube, dass der Rechtsstaat bei uns nicht nur eine hohle Phrase ist und trotzdem gibt es dort Stellen, die Teil des Staatswesen sind und durch ihr Handeln den Staat und die Bürger, die vom Staat beschützt werden sollen, unterwandern.  Zwei Werke, die mir nicht gefallen haben: irgendwelche schwarzen selbstgebrannten Metallknödel, die in weißen Plastiksäcken vor sich her schimmeln und eine Künstlerin, die schwarze Seifer herstellt und deren Produkte man kaufen darf, wenn man sich mit ihr über die Produktionsbedingungen im Allgemeinen austauscht. Hätte vielleicht sogar gerne gemacht. Aber die Frau war nicht da. Nur ihre schwarze Seife stand schön gestapelt im Raum herum. Im ersten Stock hat die fiktive Firma Yugoexport einen Verkaufsraum. Man konnte Turnschuh kaufen, die man anziehen sollte, wenn man nicht auf der Arbeit ist, um den Träger daran zu erinnern, dass er nicht auf der Arbeit ist. Nett gemeinte Aussage und die Turnschuhe lagen nichtssagend in Pappkartons und Angestellte dieses vermeintlichen Unternehmens konnte man danach fragen. Die Angestellten sahen so aus, wie sich Landpomeranzen wie ich eine bin, sich Künstler vorstellen. Dünne, wohlgeformte Menschen mit glatten Gesichtern, die wie Elfen durch den Raum wandeln. Tut mir leid, ich bin auch nur ein Mensch mit Vorurteilen. Dort haben wir uns nicht lange aufgehalten. Im nächsten Raum lag ein Pinker Teppich, der mit Geräuschen beschallt wurde. Ich mochte den Teppich. Trotz der aggressiven Farbe hat er eine beruhigende Wirkung gehabt. Dahinter Kunst aus der ehemaligen DDR. Eine Angestellte der Kunstadministration der DDR hatte wohl aus lauter Langeweile mit ihrer Büroschreibmaschine Kunst geschaffen. Eine wirklich interessante Idee. Diese Kunst hatte sie nach der Wende weiter geführt und die Bilder sahen so aus, wie die Postkarten, die man heutzutage in schicken Hipsterläden kaufen kann. Daneben an einer Wand Fotos eines Künstlers, der die dörfliche Einöde rund um Magdeburg zum Thema gemacht hat. Schlichte, gut komponierte Fotos, langweiliger Straßenzüge. Henrike war begeistert. Hatte sie doch den Eindruck die abgebildeten Straßen zu kennen. Ihre Eltern hatten in dieser Gegend mit ihr und ihren Brüdern des öfteren den Sommerurlaub verbracht. „Stell dir vor, wir haben Ferien in der DDR gemacht. Das erklärt doch einiges, oder?“

Ein Ausflug – Die Documenta 14 – Teil 1

Kunst ist die Kunst, Selbstverständlichkeiten mit schwarzer Farbe zu übergießen, dabei die Suche nach Transzendenz zu simulieren und  sich in seiner angeblichen Katharsis zu suhlen.  Geh nach Kassel, in die nordhessische Provinz, und erblicke die Welt da draußen, bis sie dir übel hochkommt und dir klar wird, dass nicht Mangel, sondern der Überfluss den Brechreiz erzeugt. Du kannst es ausspeien, ein paar bittere Tränen vergießen, Mitleid heucheln und mit Selbstmitleid verwechseln. Spätestens wenn du mit hundertfünfzig Sachen auf der Autobahn der Heimat entgegenfliehst ist alles vorbei. Von dem Kunstereignis bleibt nichts übrig, außer dieses hohle Gefühl im Bauchraum, dass nach jedem Erbrechen übrig bleibt.

 So war die Documenta 14. Meine zweite Documenta. Die Documenta dreizehn bot mir viel Einfallsreichtum, Momente der Überraschung und Details, die wenigstens ahnen ließen, dass Gegenwartskunst und Humor sich nicht gänzlich ausschließen. Das sage ich nur, um kurz den Kontrast deutlich zu machen.

Feierabendverkehr zum Freitagabend während der Sommerferien auf der A 5 führt spätestens auf der Höhe von Alsfeld zu zähfließenden Zeitabrieb im Stau. Henrike versucht mir zu vermitteln, dass zwar Zeit, aber nicht der Abend verloren ist. Wenn wir um sechs Uhr ankommen, haben wir noch zwei Stunden, um uns auf der Documenta zu tummeln, anschließend etwas zu essen und bei einem Bier den Abend ausklingen zu lassen. Der Unfall, ein Menetekel, ein Zeichen, dass den Reisenden zur Umkehr aufruft. Fahre nicht in die Höhlen des Hades und ziehe keine viertausend Mark ein, wenn du über die Stadtgrenze von Kassel kommst. Man sollte mich nicht falsch verstehen. Meine Ehefrau und ich hatten den größten Spaß. Wir waren das erste Mal seit Jahren länger als zwei Stunden zu zweit ohne Kinder und Verpflichtungen gemeinsam unterwegs. Wir sind ein Paar, das sich nach einer gepflegten Unterhaltung ohne Unterbrechung sehnt und einfach nur gemeinsam Zeit verbringen möchte. Der Umstand eine pathologisch depressive Kunstaustellung zu besuchen, verdirbt uns nicht den Spaß, sondern stachelt unsere gemeinsame Lust an, sich über die gestelzte Ernsthaftigkeit eines Kunstevents lustig zu machen. Und trotzdem geben wir den Kunstmenschen und ihren Objekten und Performances eine Chance. Schließlich suchen wir, wie alle Kunstfreunde, den großen Sinn in den Erzeugnissen der Gegenwartskunst und manchmal läuft es uns kalt den Rücken herunter, weil wir etwas gefunden haben, das uns beide gleichermaßen anspricht und entsprechende fast pathetisch zu nennende Emotionen in uns auslöst. Trotz aller Traurigkeit über die Schlechtigkeit dieses Universums gab es auch das auf Documenta Nr. 14.

Gegen achtzehn Uhr sind wir im Hotel angekommen. Wir sind die Stadtguerilla unter den Touristen, die die Funktionsweise einer Stadt kennt und sich blitzschnell den Gegebenheiten anpassen kann, um nicht aufzufallen. Zwei Punkte gilt es in Erfahrung zu bringen: Wo sind wir und wie kommen wir möglichst schnell mit öffentlichen Verkehrsmitteln an den Ort des Geschehens? Das Hotel liegt unterhalb des Weinbergs am Ende der Karlsaue. Die Straßenbahnstation liegt ungefähr zweihundert Meter vom Hotel entfernt. Dort hält die Tram, die uns mitten in das kleine aber kräftige Herz dieser heimlichen Metropole Nordhessens bringt. Woher ich das weiß? Man fragt einfach an der Rezeption nach. Wenn ich das Handbuch für die Stadttouriguerilla schreiben sollte, wäre dies der Punkt eins.

Um halb sieben sind wir am Friedrichsplatz, dort wo der Pantheon of Books, das Friedericanium, die Documentahalle und unterhalb die Orangerie und die Karlsaue auf uns warten. Die eigentlichen Hotspots der Documenta. Und trotz meinem Geunke über die Documenta 14 kann ich nur sagen, dass den Veranstalter eines gelungen ist: Die Dominanz dieser traditionellen Orte aufzubrechen und die ganze Innenstadt mit Kunst zu bespielen. Die Documenta hat diesmal unzählige Außenstellen zu bieten, den alle ein besonderer Reiz eigen ist. Die Morbidität kahler Betonwände, verlassener Lagerräume, entkernte Gebrauchsbauten, den man mit der Documenta das letzte Aufbäumen ermöglicht, um dann wieder in die Bedeutungslosigkeit oder unter der Abrissbirne zu verschwinden.

In der Documentahalle findet man abgegriffene alte Klassiker der Gegenwartskunst. In Parterre wird ein bedeutender Teil des Ausstellungsraumes genutzt, um das Werk der Tänzerin Anna Halprin zu würdigen, die mit ihrem Mann Laurin, einem Landschaftsarchitekten, in freier Natur eine Tanzfläche errichtet hat, um für diesen Ort Choreographien zu entwickeln. Allerdings hat ihr Ensemble auch Autos von innen und außen betanzt und sie hat wohl das heilende Tanzen erfunden. Das alles hat sie vor vierzig oder fünfzig Jahren erschaffen. Nebenan sind der Flur und ein Raum einem afrikanischen Musiker gewidmet, dessen Fender Telecaster an der Wand lehnt, als hätte er sie auch vor mehreren Dekaden dort vergessen. Im ersten Stock, über eine schmale Treppe, erreicht man kleine Räume, in denen einem griechischen Komponisten gehuldigt wird. Auch sein Schaffen fand seinen ersten Höhepunkt i siebenten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts. Wir lesen einen langen Artikel, in der er beschreibt, wie schwer es ihm als Komponisten fällt, Stücke ohne Ordnung zu schreiben, für den Zufall zu komponieren, um sich einer Protoperformance zu nähern. Im Hintergrund quillt aus kleinen Lautsprechern das Raunen eines Stimmenchors, der immer wieder in einem primitiven Kollektivschrei gipfelt. In einem großen Raum in Parterre hängen Bilder mit Farbfeldern, die schlampig ausgeführt wirken. Auch eher althergebrachte Mittel der Gegenwartskunst. Wir fotografieren die Farbfelder und überlegen uns, sie nicht zu Hause auf einer Leinwand nachzuahmen. Wir brauchen noch gediegene Kunst für unser Wohnzimmer. Dabei sind wir doch nicht im Ikea und auch nicht im Obi. Man kommt sich aber ein wenig so vor. Wir sind ermattet von so viel Museumsqualität und gehen in den Keller der Documentahalle. Meine Frau fotografiert die Treppenstufen, die hinab in die Tiefe des großen Ausstellungsraumes führen. Sie ist Bauingenieurin und kann sich vom Obi-Ambiente nicht lösen. In der großen Halle widerfährt uns naive Kunst. Eine Rentierzüchterin (Rentiere sind die heimlichen Wappentiere dieser Documenta) hat ein Wandbild genäht und darauf die Geschichte der Sami über gefühlte hundert Meter schmalem Stoffes dargestellt. Das Niveau des Bildes liegt auf Grundschulniveau. Henrike, nicht nur Baufrau, sondern auch in der Freizeit mit der Nähmaschine kreativ, findet das Bild gelungen. Mich erinnert das an eine Handarbeitsausstellung, die bei uns alljährlich in vielen Dorfgemeinschaftshäusern stattfindet. Daneben die Bilder eines afrikanischen Künstlers, die wesentlich professioneller wirken. Er malt auf Jute mit farbigen Sand. Schon etwas anspruchsvoller. Daneben leider eine riesige verfilzte Makramee-ampel. So etwas hat meine Mutter vor ca. 30 Jahren im Kleinformat geschaffen, um darin Blumentöpfe auf dem Balkon meines Elternhauses aufzuhängen. Doch wieder Kunsthandwerk für Amateure. Daneben hängen die Teile eines Flüchtlingsbootes. Einer der wenigen Objekte in diesem Raum mit aktuellem Bezug zur Zeitgeschichte. Der Künstler hat das Wrackteil mit rostigen Harfensaiten bespannt und kommt ab und zu mal vorbei, um auf dieser Harfe zu spielen. Henrike möchte gerne an den Saiten rumfummeln und hören, wie sie klingen. Inmitten der Halle eine schiefe Ebene aus Holz. Der nachempfundene Boden eines Pariser Theater. Dazu erfolgt der Hinweis, dass dies kein Kunstwerk sei. Okay, hatten wir fast vermutet, da die meisten Objekte in dieser Halle wenig mit Kunst zu tun haben. Am Ende des Saales eine künstlerische Würdigung des Indigo. Blau gefärbte Kleidungsstücke hängen von der Decke und darunter diverse Indigopflanzen. Indigo ist Kulturen übergreifend ein wichtiger Farbstoff gewesen. Daran soll das Ensemble erinnern. Mich erinnert es nur an die verzweifelten Versuche vieler bastelnder Hausfrauen in den achtziger Jahren mit gewachsten Stoffstücken den esoterischen Kampf gegen ihr langweiliges Hausmütterchendasein aufzunehmen.  Dahinter ein Raum mit Fotos und einem Film, der mich überhaupt nicht interessiert. Viel interessanter ist es, dass die Angestellten der Documenta den Hintereingang aufstehen lassen haben und sie dort in einem kargen Hinterhof auf einem Flecken Gras stehend ihrer Tabaksucht nachkommen. Ich will schon dort rausgehen. Allerdings haben wir noch den Folterkeller der Documentahalle vergessen. Es geht noch tiefer runter. Und eigentlich soll dort eine Performance stattfinden, die nur Erwachsene sehen dürfen, die aber im Livestream im Internet übertragen wird (machen die das von der Documenta dann auch wie bei den Pornos? Sind sie 18. drücken sie auf das grüne Schaltfeld und kommen weiter. Sind sie minderjährig drücken sie auf das rote Schaltfeld und sie sind draußen.) Die Künstler machen eine Pause und wir entkommen irgendetwas höllisch Aufregendem. Wir gehen wieder hoch und unterhalb der Parterreplattform gibt es noch einen Ausstellungsraum. Wir betreten ihn und ups! Erinnern sie sich noch an die vielen Filmamateure, die mit dem Medium Video so wunderbare Filmwerke schaffen konnten, indem sie Videokassetten mit langweiligen Livebildern ihrer Familienfeiern gefüllt haben. Die Bilder rauschen, dazwischen magnetische Entladungen, die als Streifen das Bild stören usw. Genauso solche Filme zeigt man hier. Große Videokunst aus vergangenen Tagen. Ist dies am Ende das Documentamuseum? Haben wir uns verirrt? Noch mehr alte Kunst im Raum hätte uns fast davon abgebracht weiter zu schauen. Denn in der letzten Ecke gab es noch eine neue Videoinstallation. Tänzer, die in Folie ein- und ausgepackt werden, die dabei sich unterhalten und rauchen. Wir gehen raus und flüchten die Mahlertreppe herunter, um zur Orangerie zu gelangen. Dort sehen wir einen Film mit Mönchen, die in einer Kirche Lieder auf Kirchenslawisch singen. Ich bin wirklich sehr belesen und habe schon von vielen Dingen gehört. What the fuck means Kirchenslawisch. Wir flüchten wieder, geraten in eine Hochzeitsgesellschaft und überlegen kurz, ob das eine Perfomance ist. Schließlich finden wir den Ausweg in die Karlsaue und betrachten angestrengt die Blutmühle. Der südamerikanische Künstler hat eine Silbermühle aus seiner Heimat nachgebaut. In den Anden hat man diese Mühlen errichtet und wegen des Standortes in luftiger Höhe konnte die Mühle nur von indigenen Personal betrieben werden. Die Leute wurden ziemlich ausgebeutet. Soll das wohl bedeuten.

Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit von Thomas de Padova- Eine Buchempfehlung

Heute möchte ich ein Buch vorstellen, dass mich in vielerlei Hinsicht fasziniert hat. Es geht um das Buch „Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit“ von Thomas de Padova.

Viele von uns leben in einem engen Zeitkorsett. Jede Sekunde zählt. Unsere Tage und Nächte sind verplant. Unsere Terminkalender sind voll. Wir werden an der Tugend Pünktlichkeit im Privat- und Berufsleben gemessen. Wir halten ständig Zeitabläufe fest und die Nutzung digitaler Medien kettet uns noch mehr an die Benennung von Zeit. Wer heute ein Foto macht, erfährt noch Jahre später, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit er auf den Auslöser gedrückt hat. Genug Zeitgenossen zählen ihre Schritte, zeichnen ihren Schlaf auf, dokumentieren ihre Laufstrecken und unterlegen alles mit einem ewigen Zeitstrahl.

Das ist die Gegenwart. Thomas de Padova zeigt uns mit seinem Text, dass das Einteilen des Tagesablaufes in Zeiteinheiten eine noch relativ junge Kulturtechnik ist. In der Epoche von Newton und Leibniz, also vor ca. 300 Jahren, wurden die ersten Uhren erfunden, die nicht nur Minuten, sondern auch Sekunden anzeigten. Es gab damals die ersten Taschenuhren, die teuer aber für viele schon bezahlbar waren. Man  hatte damals mit Pendeluhren ein im Alltag verfügbares Zeitmessinstrument erschaffen, das aber im Laufe der Jahre immer wieder verfeinert werden musste. Ein großes Problem war, dass die Uhren niemals genau gingen. Man wollte sie z.B. für die Navigation auf hoher See verwenden. Allerdings liefen die Uhren zu ungenau. Somit war ständig die Gefahr gegeben, dass es zu schwerwiegenden Navigationsfehlern kam. Uhrenmacher waren damals angesehene Spezialisten, die sich nicht nur auf ihr Handwerk verstanden, sondern selbst wissenschaftlich tätig waren. Trotz größter Präzision konnte man das Problem der nachgehenden Uhren lange Zeit nicht lösen. Mit der Erfindung dieser Uhren gewannen Zeitabläufe auf einmal an gesellschaftlicher Bedeutung und somit beschleunigte sich das Leben. Hier beginnt die Ökonomisierung des Wirtschaftslebens. Ohne eine exakte Messung der Zeit  wäre die industrielle Revolution nicht möglich gewesen.

 Newton und Leibniz waren zwei Schlüsselfiguren ihrer Zeit und konträre Persönlichkeiten. Newton war ein Eigenbrötler und jemand, der seine Ideen für sich behielt. Leibniz dagegen war extrovertiert, kontaktfreudig und konnte auch keine seiner unzähligen Ideen lange für sich behalten. Beide hatten eine genaue Vorstellung von Zeit. Für Newton gab es eine absolute Zeit, die überall gültig war, während Leibniz Zeit immer im Zusammenhang mit Raum dachte und davon ausging, dass Zeit in Bezug zum Raum immer etwas Relatives ist. Newton hat wohl einen größeren Einfluss auf die Zeitideologie der nächsten drei Jahrhunderte gehabt. Denn viele Menschen sehen heute Zeit als etwas Absolutes. Die Uhr scheint im Hintergrund immer gleichmäßig zu ticken und uns voran zu treiben. Hätten wir auf Leibniz gehört, wären wir im Umgang mit unserem Zeitmanagement wahrscheinlich etwas gelassener.

Thomas de Padova hangelt sich an den Biographien der beiden Wissenschaftler entlang. Er zeigt die Herkunft, das Leben beider, die Schnittpunkte, die dann auch irgendwann zu einem Wissenschaftsstreit führten. Er erklärt Leibniz philosophischen Betrachtungen zu Zeit, Raum und Kausalzusammenhängen und erklärt Newtons mathematischen Entdeckungen, die heute noch teilweise ihre Gültigkeit haben. Thomas de Padova macht bei allen seinen Ausführungen eine gute Figur. Für den Laien verständlich, macht er die Zusammenhänge deutlich. Der Leser sollte positiv bemerken, dass er nicht nur gut recherchiert hat, sondern auch an eine lesenswerte und unterhaltsame Struktur des Buches gedacht hat. Und genau hier hat er seine Zielgruppe gefunden: den Leser, der wie der kleine Mann von Ricola immer fragt: Wer hat`s erfunden?

Mir hat das Buch den Anstoß gegeben, wieder darüber nachzudenken, welche Auswirkungen diese „Erfindung“ der Zeit auf unser alltägliches Leben hat. Die Zeit an sich wurde ja nicht vom Menschen erfunden. Allerdings haben die Menschen ihr Verständnis von Zeit genutzt, um ihr Leben zu verändern. Leider nicht immer zum Guten.

Insofern kann ich allen das Buch empfehlen, die sich auf allen Ebenen mit diesem Thema auseinandersetzen und dabei noch unterhalten werden wollen.

Thomas de Padova: Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit
ISBN: 978-3-492-05483-6
 

Wer verdaut schon gerne Kohl?

Wir haben von 1982 bis 1998 an einer Überdosis Kohl leiden müssen, die unseren politischen Verdauungstrakt sehr stark in Mitleidenschaft gezogen hat. Der unangenehme Fäulnisgestank, der die bei der Verdauung von kohlartigem Gemüse entstandenen Gase beim Entweichen aus dem Enddarm begleitet, ist die einzige Assoziation, die ich persönlich mit der Regierungszeit von Helmut Kohl in Verbindung bringen kann.

Ich will nicht pietätlos sein und einem frisch Verstorbenen, der sich nicht mehr wehren kann, mit meinen Bösartigkeiten Unrecht angedeihen lassen. Allerdings war es schon vorgestern Abend nach dem Bekanntwerden des Todes von Helmut Kohl sehr offensichtlich, dass alle darum bemüht waren, seine unbestreitbaren Verdienste um die deutsche Einheit und Europäischer Einigung besonders in den Vordergrund zu stellen. Wahrscheinlich muss das so sein, wenn eine berühmte Politikerpersönlichkeit das Zeitliche segnet. Mir persönlich war es zu viel und ich habe zwischendurch wieder dieses unangenehme Darmreißen verspürt, das mich meine ganze Jugend hindurch begleitet hat.

Ich bin 1971 ohne politisches Bewusstsein zur Welt gekommen. Mit elf meldete sich mein politisches Empfinden zum ersten Mal zu Wort, als Helmut Schmidt im Bundestag das Misstrauensvotum verlor und ziemlich geknickt auf Helmut Kohl zulief, um ihn als fairer Verlierer zu gratulieren. Schon damals fand ich diese maliziöse Grinsen, den leicht geneigten überdimensionalen Schädel auf dem Körper eines Riesens, furcht- und ekelerregend. Ich konnte Helmut Kohl Erscheinung nichts abgewinnen und mittlerweile weiß ich, mit welcher Chuzpe und grobschlächtiger Netzwerkarbeit Helmut Kohl zur Macht kam. Erst hatte er Strauß geschickt abserviert,  indem er ihm den Vortritt als Kanzlerkandidat lies. Was schon von großer Bedeutung war, da Strauß im Weben von Intrigen die eindeutige Nummer eins im politischen Betrieb der Sechziger und Siebziger Jahre war (Noch vor Herbert Wehner). Dann hatte Kohl allmählich die FDP auf seine Seite gezogen, die es leid waren mit den Sozis zu regieren. Er schien damals einfach nur fett zu grinsen, weil er nun der Kanzler Kohl war, der alle übers Ohr gehauen hatte.

Bei den Nachrufen werden viele biographische Stationen pflichtschuldig abgeschritten und auch die Niederlagen Kohls kamen zur Sprache. Insbesondere die Spendenaffäre als das Ereignis, dass Helmut Kohl endgültig aus dem politischen Leben katapultierte, fand Raum in den Nachrufen. Natürlich frei nach dem Motto: da war er schon durch und wusste nicht mehr, was er tat. Damit waren das Vergehen und der Abgang auf Mindestmaß zurechtgestutzt. Allerdings hatte man, aus welchem Grund auch immer, den Beginn seiner Kanzlerschaft auf das Misstrauensvotum reduziert und vergessen die Wende zu erwähnen.

Ein Begriff, der bis zur Wiedervereinigung in Verbindung mit Kohl zu einem geflügelten Unwort wurde (ähnlich wie Birne). Ich musste als Elfjähriger verdauen, das dieser Mann seiner ganzen Nation erklärte, dass eine geistig-moralische Wende erforderlich sei und man jetzt endlich mal mit dem ganzen modernen Quatsch aufhören solle und sich auf die guten alten Werte besinnen müsse. Helmut Kohl hat es sehr verquast ausgedrückt, was aber damals üblich war. Politikersprache erschien nicht nur mir damals als rhetorisch aufwendiges Gerede um den heißen Brei. Trotzdem verstand ich sofort, dass Langeweile zur Staatsraison werden solle und alles was von der vorgegebenen Norm abwich nun nicht mehr im Politikbetrieb stattfinden sollte. Alle Errungenschaften der Achtundsechziger, der politische Diskurs um die Zukunft eines Volkes, das schwer an seiner Vergangenheit zu tragen hatte, eines gewissen intellektuellen Anspruch innerhalb der politischen Klasse stand auf dem Spiel. Adenauer winkte mit seiner gruseligen Skeletthand aus seinem Grab. Dabei hatte man Kohl vielleicht etwas anderes zutrauen können. Schließlich war er als Ministerpräsident in seinem Land durchaus als Reformer und junger Wilder des Konservatismus bekannt geworden. Doch die Verbundenheit mit dem Vorbild Adenauer und dessen praktizierten Provinzialismus war anscheinend stärker.

Damit begannen für uns die Qualen. Ab sofort wirkte die Politik der herrschenden Klasse tröge und auf beiden Seiten des politischen Spektrums tummelten sich plötzlich Politrüpel aus der Provinz, die auf neue gesellschaftlichen Strömungen mit tumber Ignoranz reagierten (denken wir nur an Holger Börner und seinem Dachlattenauspruch). Wie schön mögen die Zeiten gewesen sein, als mit Willi Brandt und Helmut Schmidt intellektuelle Schöngeister an der Macht waren, denen es gelungen war, die meisten Bürger mit auf die Reise zu nehmen, die die wichtigen und großen Themen, die über alles schwebten angepackt haben (Brandts Ostannäherung) und sich im Krisenmanagement bewährt haben (Schmidt und der heiße Herbst 1977). Und der dicke Kohl stand nur händchenhaltend mit Mitterand auf einem Soldatenfriedhof und angeblich wollte man dort eine Erbfeindschaft beerdigen, die es für uns junge Menschen schon lange nicht mehr gab. Dabei schaute er nicht wirklich staatstragend, sondern wie ein Technokrat, der jetzt einen notwendigen Termin abarbeitet. Wie viel beeindruckender war da Brandts Kniefall, der die Demut vor Opfern und der Geschichte ausdrücken sollte.

Schon damals war klar, dass Deutschland dringend seine Sozial- und Wirtschaftssysteme reformieren muss. Man brachte nichts zustande und außer das Herr Blüm sagen musste, dass die Rente sicher sei und somit für alle Zeiten unveränderbar den Menschen die Vollabsicherung brachte. Familienpolitik fand nicht statt. Immer wenn es brenzlig wurde, erhöhte man das Kindergeld (leider auch ein Mechanismus, den sich die Nachfolgeregierung zu Nutze machte) oder verschob Frau Süssmuth, die vielleicht frischen Wind in die Familienpolitik bringen wollte, in ein Amt, in dem sie nichts mehr bewirken konnte. Kurzum die Regierungszeit von Helmut Kohl bestand aus nichts anderem als den Versuchen seine Macht auf Dauer zu sichern.

Als die Mauer fiel war Herr Kohl schon auf dem absteigenden Ast. Es war eigentlich abzusehen, dass er bei der nächsten Bundestagswahl abgewählt werden würde. Es keimte bei mir Hoffnung auf, dass dieses Schauspiel bald ein Ende nahm. 1989 war die deutsche Wirtschaft nach einer seltsamen Boomphase, deren Ende sich andeutete, da die klassische Preis-Lohn-Spirale sich im Höchsttempo um sich selbst drehte (Zinsen um die zehn Prozent für Baufinanzierungen, Inflationsraten und Lohnabschlüsse in ähnlicher Höhe). Jedes Jahr gab es neue Privilegien zu verteilen (die fünfunddreißig-Stunden-Woche in der Metallbranche, in manch anderen Branche sprach man über das mittlerweile 14. und 15. Gehalt, im öffentlichen Dienst bekam zwei Tage Urlaub zusätzlich usw.). Man wälzte sich im Wohlstand und erkaufte ihn sich teuer mit Modernisierungsstau und hohen Lohnnebenkosten. Siechende Branchen (Stahlindustrie, Bergbau) wurden gerne mit Subventionen unterstützt und Strukturwandel ließ man nur langsam zu. Ressourcenschonung war tabu und eher verfemt, Atomkraft galt als billige und saubere Energie (für die Konservativen war Tschernobyl nicht existent. Man sah und roch ja die Radioaktivität nicht. Also war alles in bester Ordnung). Alles war dem Streben untergeordnet, Herrn Kohl und der CDU auf alle Zeiten die Macht zu erhalten. Und das machte junge Menschen wie mich natürlich unruhig. Ich war 1989 in der dreizehnten Klasse und musste mich mit meiner Zukunft in einem Land auseinandersetzen, dass die Zukunft als Fortsetzung der Vergangenheit betrachtete. Und jetzt riss dieses Menetekel Kohl die Geschichte an sich und wollte mit aller Gewalt die Einheit Deutschlands erreichen, obwohl er nichts dazu beigetragen hatte. Denn den eigentlichen Umsturz der sozialistischen Winterschlafregierung der DDR hatte das Volk betrieben und nach meiner Ansicht sollte das Volk dort die Früchte ihrer eigenen Revolution ernten, indem sie einen neuen Staat aufbauen können, der von einem basisdemokratischen Verständnis von Politik geprägt sein konnte. Nicht mehr Parteien, sondern Bürgerbewegungen sollten nach meiner Ansicht einen Staat regieren und das hätte doch gut funktionieren können. Kohl war schneller und hat alles in Gang gesetzt und mit Versprechungen die dortigen Politiker und das Volk betört. Dabei hatte er ein paar Jahre vorher noch das andere Deutschland mit Milliardenkrediten künstlich am Leben gehalten. Warum sollte er jetzt der Heilsbringer sein?

Im Nachhinein muss man Kohl und seinem Beharren auf der deutschen Einheit, seinem Verhandlungsgeschick und seinen Netzwerkkünsten größten Respekt zollen. Was ansonsten innenpolitisch zu seinem Machterhalt gedient hat, hat er einmal im Leben zu etwas Positiven genutzt. Und wahrscheinlich ging es ihm wirklich darum, Deutschland in seiner Einheit als das Vorbild für ein geeintes Europas zu etablieren und somit den Frieden und die Freiheit in Europa für Jahrzehnte zu sichern. Bald darauf war die Geschichte beendet und es gab ein Jahrzehnt in dem alles danach aussah, als könne es so etwas wie Weltfrieden geben. Kohl hat dazu einen deutlichen Beitrag geleistet und sich um die Auflösung des starren Blockdenkens aus den Zeiten des kalten Krieges verdient gemacht. Allerdings zu dem Preis, dass ich ihn noch weitere acht Jahre als Kanzler ertragen musste. Aber ganz ehrlich: dilettantische Bürgerbewegungen, die zumeist als Amateure, Hasardeure und per Zufall in den Politikbetrieb gerieten, hätten mit einem neuen ostdeutschen Staat nichts anstellen können und der Bezug zur großen Idee eines geeinten Europas hätte sie überfordert, weil sie nur mit dem wirtschaftlichen Überleben beschäftigt gewesen wären.

Meine Vorbehalte gegenüber diesen Jahren der Kohl-Regierung sind geblieben und niemand wird sie mir ausreden können. Trotzdem haben sie mich auch positiv geprägt. Ich habe in der Beobachtung des politischen Tagesgeschäftes gelernt, politisch zu denken, Politik zu hinterfragen, die Bedeutung einer differenzierten und ausgewogene Meinung, die zu meiner Wertewelt passt, zu schätzen gelernt, weil es das einzige Mittel ist, um sich nicht einer wildgewordenen Herde anzuschließen, die sich mit aller Gewalt die Deutungshoheit über ein Thema aneignen möchte. Ich habe gelernt, wie wichtig ein politischer Diskurs ist, der auch eine Gegenmeinung, solange sie ausgewogen und differenziert ist, akzeptiert. Ich habe gelernt, dass Demokratie die einzige Form eines Herrschaftssystems ist, die größtmögliche Freiheit und Vielfalt zulässt und dass man dieses Gut nicht fahrlässig aufgeben sollte. Und ich habe gelernt, dass Pragmatismus in der Politik oft die einzige Chance ist, die Macht der Ideologien aufzubrechen. Nämlich nichts anderes hat Kohl während der Wiedervereinigung gemacht. Ohne Rücksicht auf ideologische Vorbehalte alle Beteiligen betört und mit einbezogen, Kompromisse gesucht und verhandelt. Somit war er in dieser Phase das Vorbild für einen Politikstil, den ich auch in der aktuellen Situation als wegweisend halte. Starke positive Charaktere (in dieser Zeit war Kohl positiv in seiner Projektion des Friedens für ein geeintes Deutschland und Europa), die sich gegen negative Ideologien stemmen und allen Miesmachern mit konkretem Handeln zeigen, dass sie nichts anzubieten haben, außer Hass und Vorurteile.

Somit muss man den Phänomen Helmut Kohl gegenüber konstatieren, dass es durchaus zwei Seiten hat und das es im Rahmen einer Demokratie geschehen ist, die sich in ihren Grundsätze nicht aufgibt, sondern trotz allem vielen Beteiligten die Möglichkeit gibt, eine Gesellschaft zu gestalten. Denn wenn Kohl sich in seinem Machterhaltungstrieb gegen die bundesrepublikanische Demokratie gewendet hätte, was niemals jemand ihm hätte unterstellen dürfen, wäre es nicht möglich gewesen, dass eine politische Partei wie die Grünen sich genau in dieser Zeit als Gegenbild zu dem politischen Muff des Konservatismus als neue Alternative etabliert haben und wieviel Spaß wäre uns entgangen, wenn z.B. ein Joschka Fischer sich nicht innerhalb der Demokratie vom Turnschuhminister zum Vizekanzler hätte hochdienen können.

Auf die Zukunft projiziert, hoffe ich, dass wir als Demokraten, egal welcher politischen Richtung wir angehören,  uns genau diesen Spielraum lassen, um immer wieder unserer Gesellschaft die Möglichkeit zur Erneuerung und zur Entwicklung zu geben.

Exposè

Ein Exposé zu schreiben ist mir immer schwer gefallen. Einerseits, weil es einen Roman auf das wesentlichste reduziert, anderseits, weil ich es immer nach Fertigstellung des Romans geschrieben habe. Ein grundlegender Fehler, den ich mit dem meinem neuen Werk nicht noch einmal machen wollte. Natürlich gibt es einen Unterschied, ob ich ein Exposé schreibe, um die Handlungsstränge zu modellieren oder ob ich mich damit bei einem Verlag bewerben will. In diesem Fall war es dann doch eher eine Bewerbung. Schließlich wollte ich meine schärfste Kritikerin beeindrucken. Ich habe vier Monate daran gefeilt. Erst dann fühlte es sich gut an. Und das ist erst einmal die Diskussionsgrundlage. D.h. nachdem Henni es gelesen hat, werden wir sehen, was davon aufrecht zu erhalten ist. Zwischendurch drängte sich mir die Ansicht auf, ich schreibe einen Agententhriller. Das ist das Problem beim Exposé. Man schreibt reine Handlungsstränge auf und weiß im Endeffekt nicht, wie man es mit Leben erfüllt. Es ist vergleichbar mit einem Drehbuch. Wenn ich Drehbücher von bekannten Filmen lese, denke ich immer, das da was fehlt. Es ist nur das Handlungsgerüst, höchstens noch die Dialogvorgabe. Die Inszenierung passiert an anderer Stelle. Man braucht erst einmal einen Fahrplan. Mein Fahrplan ist jetzt fertig und schlummert auf einem USB-Stick. Ich hoffe, Henni nimmt sich bald die Zeit und liest diese fünf Seiten. Ich freue mich auf ihre Rückmeldung. Es ist das erste Mal bei einem meiner Projekte, das ich bei der Entstehung die Hilfe eines anderen in Anspruch nehme. Ich denke, das zahlt sich aus. Bis sie sich meinem Exposé gewidmet hat, werde ich mich anderer Dinge widmen. Wie z.B. der Entwicklung des Dialogs zwischen Shaw und Cherry-Garrard. Dafür ist viel Vorarbeit nötig. Im Augenblick arbeite ich daran, diese Vorarbeit in ein kleines Zwischenprojekt zu packen und mich von dem ursprünglichen Projekt zu lösen.

 

Wie, du weißt nicht, wie die Geschichte weiter geht!?

Nachdem Henni meine dritte Version gelesen hatte, entstand eine neue Diskussion. Ich konnte Henni nicht wirklich erklären, worum es in der Geschichte eigentlich ging. Ich konnte ihr nicht plausibel die Zusammenhänge zwischen Figuren und ihren Taten erläutern.

Literarischen Sinn ergibt sich nur, wenn eine handelnde Person ein Motiv für ihr Handeln hat und literarisch interessant wird es erst, wenn mehrere handelnde Personen mit verschiedenen  Motiven aufeinandertreffen. Und lesbar wird es erst, wenn es eine eindeutige Kausalkette gibt, die niemals abreißt. Viele schlechte Texte scheitern nicht an fehlenden sprachlichen Mitteln, sondern an mangelnder Kohärenz in ihren Kausalketten. 

Henni hat mich ertappt. Z.B. konnte ich nicht erklären, warum Alethea ein Roman über Scott schreiben will. Klar habe ich mir ein Motiv konstruiert. Sofia hat ihr es nahegelegt einen historischen Roman zu schreiben, um im Subtext eine politische Botschaft zu schreiben. Was für ein Quark. Alethea hat noch nie einen historischen Roman geschrieben. Ihre Leser erwarten von ihr Fantasygeschichten. Ihre Auftraggeber, eine staatliche Stelle, wird ihr das nicht erlauben, weil sie Angst hätten, dass sie daran scheitert, weil sie um die Fähigkeit ihrer Autorin wissen. Gleichzeitig braucht Alethea den Erfolg, um in der sozialen Hierarchie aufsteigen zu können. Sie kann es sich nicht leisten, auf eigene Faust ihren Stil zu ändern. Sie ist auf Gedeih und Verderb auf das Wohlwollen der staatlichen Stellen angewiesen und hat gar keinen Freiraum, um Sofias blöden Ideen zu folgen.

 Ich habe die ursprüngliche Idee meiner Frau vorgestellt und sie hat mir meine Kausalkette sofort zerlegt und gezeigt, dass sie in das Nichts einer schlechten Geschichte führt. Ich spürte, was mir fehlt: Ein Exposé. Ich musste mir erst einmal selbst klar machen, wohin meine Geschichte führt. Die Handlungsstränge mussten logisch sein und klar die Motive der handelnden Personen erkennen lassen. Mit einem Exposé ist das möglich. Vor allem kann ich die Kausalketten immer wieder bearbeiten. Wenn ich einen Roman schreibe und ich stelle mittendrin fest, dass es dringenden Änderungsbedarf gibt, kann man das Ruder kaum noch herumreißen.