
Schon wieder ins Theater. Es ist bitterkalt und die Welt wirkt wie schockgefroren. Draußen herrscht eisige Ruhe, auf den Straßen sind wenige Autos, vermummte Fußgänger stapfen im Eiltempo über die glatten Gehwege. Niemand hält sich gerne draußen auf. Wer mutet sich freiwillig an solch einem Abend einen Versbrecher von Kleist über Schlachten, Gehorsam und preußische Tugenden zu?
Wir natürlich, pflichtbewusste Abonnenten, die sich durch die Kälte und das Eis kämpfen, um sich in der dritten Reihe auf viel zu kleinen Sitzen zu drängeln und sich zweieinhalb Stunden mit den fiktiven Ereignissen um die Schlacht von Fehrbellin im Jahre 1675 auseinanderzusetzen.
Die Schlacht hat es gegeben und Prinz Friedrich von Homburg scheint die Schweden damals wirklich vertrieben zu haben. Kleist hat um diese Schlacht und den Prinzen eine Geschichte gewebt, die völlig abwegig zu sein scheint. Denn der Prinz war nur so mutig, weil er beim Apell die Befehle seines Fürsten nicht mitbekommen hat. Er konnte dem Apell nicht folgen. In der Nacht zuvor wurde er beim Schlafwandeln vom eigenen Fürst aufs Korn genommen. Man hat ihm in dem Zustand den Handschuh der Prinzessin Nathalie überlassen und beim Aufwachen erinnert sich an einen Traum, der mit dem Handschuh am Finger irgendwie Wirklichkeit wird. Er ist verwirrt und völlig daneben und kann den Anweisungen nicht folgen. Er gewinnt die Schlacht, wird zum Helden und sein Fürst nimmt ihm den Triumph übel, hatte er doch andere Pläne und lässt ihn zum Tode verurteilen und so gehen die Geschehnisse in Kleistscher Manier hin- und her.
Heinrich von Kleist, ein widerspenstiger Charakter, ein ambivalentes Kind seiner Zeit, hatte immer einen Hang zu Träumen. Die Träume, die er seinen Protagonisten ins Hirn schreibt, werden zu Prophezeiungen, Handlungsanweisungen oder Handlungsbestimmend. Seine Protagonisten sind besessen von ihren Träumen und prallen immer auf die Gegenwart, das festgefahrene Gefüge einer starren Gesellschaft, die nichts mit Träumern anfangen kann.
Was macht man in Gießen aus diesem Brocken klassische Theaterliteratur? Den ersten Teil kann man als Satire auf das Militär und den Adel verstehen. Bunte Figuren, Männer und Frauen in bunten Strümpfen und Turnschuhen verausgaben sich, zeigen ihre Pantomimengesichter, hüpfen bewegungsfreudig über die Bühne, schwirren auf Raketen und Panzerattrappen über die Bühne und erzeugen in dem Publikum das Gefühl einer spritzigen Komödie beizuwohnen.
Wir gingen mit einem Grinsen im Gesicht in die Pause und gönnten uns ein Erfrischungsgetränk und dachten, es ginge in dem gleichen Stil weiter.
Im zweiten Teil der Aufführung wähnte man sich in einem anderen Stück. Die Bühne düster, nebelverhüllt, der Prinz bekommt sein Grab geschaufelt und schaut den Totengräber dabei zu, erst ungläubig und davon überzeugt, dass die Todesstrafe nur eine Finte seines Fürsten ist, um ihn eine Lektion zu erteilen. Als er versteht, dass dieser es ernst meint, kämpft er um sein Leben, um es später aus falsch verstandenem Pflichtgefühl herzugeben.
Am Ende steigt der Prinz in den Himmel, plumpst herunter in sein Grab und findet sich wieder an dem Ort, an dem er einst schlafwandelte. In dem Garten fragt er, ob er träumt.
Die Inszenierung so wechselhaft und spannend, gewinnt dem alten Schinken noch etwas ab. Am Schluss gibt es noch einen Rap über Kriegslust und man bekommt damit noch die Interpretation und die Metaebene für die Gegenwart und die neue Lust am Militär und Krieg als Zuschauer um die Ohren gehauen.
Was für ein wahnsinnig erlebnisreicher und guter Theaterabend!