Wir konnten wir bloß werden, was wir heute sind?

 

 Neunzehnhundertneunzig habe ich mein Abitur in Wetzlar an der Goetheschule gemacht.   Das Gebäude der Goetheschule wurde Ende der Sechziger Jahre gebaut und nach zweiundfünfzig Jahren hat man ein Einsehen mit dem sanierungsbedürftigen und z.T. baufälligen Gebäude und reißt es ab, um es an gleicher Stelle wieder aufzubauen.  Am Donnerstagabend war die große Abschiedsfeier. Die aktuelle Schüler- und Lehrerschaft und die ehemaligen Schüler und Lehrer konnten sich bei Bier und Würstchen von ihrer Schule verabschieden. Ein Treffen der Generationen, dachte man und lt. Sonntagsausgabe der WNZ waren dort an diesem windigen und saukalten Sommerabend ca. 5000 Menschen versammelt. Kaum zu glauben, dass sich so viele Menschen für ein altes marodes Gebäude interessieren, insbesondere da die Goetheschule immer die Reifestätte einer zahlenmäßig begrenzten Elite war. Dies ist die einzige Schule im Altkreis Wetzlar, an der man das allgemeinbildende Abitur erwerben kann. Nur mit diesem Schulabschluss steht einem die gesamte Welt offen und nicht nur die  Nischenstudiengänge wie BWL und Maschinenbau.   Mit dem Abitur kann man Zahnarzt, Apotheker, Politiker, Schönheitschirurg, Schauspieler, Vorstandsvorsitzender und im Zweifelsfall Gymnasiallehrer werden. Also alle diese Berufe mit denen man die Welt und die Wertschöpfungskette der globalen Wirtschaft voranbringen kann. Ich habe übrigens nach meinem Abitur eine Lehre als Bankkaufmann bei der örtlichen Sparkasse gemacht und arbeite verflixt nochmal immer noch in diesem Beruf. Ich bin also vollkommen unter meinen Möglichkeiten geblieben. Ich hatte eigentlich auch andere Pläne. Aber wie das Leben nun einmal so ist, bleibt man sehr oft unter seinen Möglichkeiten. Verzeihen Sie meinen negativen Fatalismus. Aber wenn man in der zwölften Klasse auf einmal merkt, dass man doch kein Dummerchen ist, möchte man doch eher nach den Sternen greifen und nicht nach dem Bleistift, mit dessen stumpfer Spitze man Spar- oder Darlehenszinsen nachrechnet.

 Daher wurde mein Abschied von meiner alten Schule zu einer mittleren Seelenpein. Ich habe die drei Jahre auf dieser Schule genossen. In erster Linie bestand der Genuss im Erkennen meiner intellektuellen Fähigkeiten. Ich war meine eigene kleine geistige Elite und vollkommen alleine auf der Welt.  Durch die leergeräumten Klassenräume zu latschen, die größtenteils immer noch im Originalzustand waren, hat alte Wunden aufgerissen. Ich fühlte mich  nach ca. achtundzwanzig Jahren genauso leer und angeranzt wie diese Räume. Die alten Hörsäle, die alten Tafeln, die grauen wuchtigen Betonwände, die kalten marmorierten Gänge, die genauso wie früher im Halbdunkel lagen, das glänzende schwarze Vinyl in der Pausenhalle  erinnerte mich an verpasste Gelegenheiten, an das Gefühl der Einsamkeit und Isolation, das mich in diesen und in den darauf folgenden Jahren verfolgt hat. Ich leide unter der Wahnvorstellung, viel verpasst zu haben und früh die falschen Entscheidungen getroffen zu haben.

Ich habe einige dieser Entscheidungen korrigieren können und mein Leben ist bei weitem nicht negativ verlaufen. Ich lebe in einer wunderbaren Beziehung mit meiner zweiten Ehefrau, habe fünf liebenswerte einzigartige Kinder, habe ein paar sehr gute Freunde und Kollegen und habe in meinem Beruf viel Anerkennung erfahren. Trotzdem brachte der Besuch meiner alten abbruchreifen Schule alte Zweifel zum Vorschein, die in früheren Zeiten den Glauben an meine Fähigkeiten regelmäßig und nachhaltig erschütterten.

Für ein paar Stunden war ich wieder im alten Alarmmodus. Ich gehöre zu den Menschen, die sich über die Zukunft definieren. Ich lebe niemals in den Tag hinein. Es mag zum eigenartigen Instinkt eines Menschen zu gehören, das Leben vom Ende her zu denken. Wir sind uns ja immer unseres eigenen Ablebens bewusst. Ohne diese Erkenntnis, ein sterbliches Wesen zu sein, ist Fortschritt nicht möglich. Allerdings ist die Sorge um mein Dasein mit Angst besetzt und hat in den schlimmsten Momenten zu panischen Reaktionen geführt. Meine Herkunft hat mich geprägt und bestärkt mich tagtäglich in der Annahme, dass nur das Schlimmste möglich ist. Ich habe  Jahrzehnte gebraucht, um zu verstehen, das meine Handlungen durchaus einen positiven Effekt auf mich und mein Umfeld haben, man es an vielen Stellen gut mit mir meint, die Katastrophe eher die Ausnahme ist und Ihr Eintreten nur eine verzögernde Wirkung auf den Reiseablauf hat, so wie der Stau auf der Autobahn.

 Ich stieg abends um halb acht aus dem Bus, rief meine Tochter auf dem Handy an, um sie zu fragen, wo sie denn sei und erhielt von ihr die Antwort, das sie schon die Abschiedsfeier verlassen habe. Dazu sollte man wissen, dass meine älteste Tochter die elfte Klasse an der Goetheschule gerade absolviert hat und nun die Chance bestand mit ihr den Abschied gemeinsam zu feiern. Die Vergangenheit hätte sich mit der Zukunft versöhnt und alles wäre gut gewesen. Dann sah ich dieses Gebäude und die vielen Menschen, lief zwischen den Menschenmengen hindurch und fand kein mir bekanntes Gesicht. Prompt ereilte mich das Gefühl meiner Jugend, alleine sein zu müssen, keinen Anschluss finden zu können und damit keine Anerkennung erfahren zu können. Nach einer Weile treffe ich einige Kollegen, die auch das Abitur an der gleichen Schule gemacht haben und unterhalte mich mit ihnen, gehe mit ihnen durch die Räume und tausche mich mit ihnen aus. Sie schwelgten in Erinnerungen. Ich stand daneben und berichtete ihnen lakonisch, dass ich damals aus der Bibliothek nach und nach einige Philosophiebücher entwendet hatte. Ich war in meinem Jahrgang der einzige Mensch, der Freistunden dort verbracht hat, um verschämt über Existenzialistenlektüre zu brüten.

Ich trank ungerührt ein Bier nach dem anderen und nach dem dritten Gang zur Biertränke hatte ich meine Kollegen aus den Augen verloren. Ich war während meiner Abiturzeit ein echter Miesepeter. Generell war ich dagegen und  verhöhnte alles, was hohes Ansehen in der Schulgemeinschaft genoss. Wer etwas aus sich hielt, ging in die ach so berühmte Musical-AG. Es war hip, Andrew-Llyod-Weber-Arien zu schmettern und sich dabei wie eine Lokomotive oder eine Katze zu bewegen. Ich dagegen habe jeden Tag ca. sechs bis acht Stunden die Gitarrenriffs und –solis von Metallica geübt. Ich war ein Metallica-Snob und stieg sehr tief in die Materie hinab. Insbesondere das „Justice for all“-Album diente mir als Referenz. Ich lernte jede Note auswendig, analysierte Musik und Texte bis zur totalen Erschöpfung. Im Zusammenhang mit Schule und Musicalmenschen ging es mir nur um Befindlichkeiten und Eitelkeiten. Die wurden für ihr süßliches und melodiöses Geträller bewundert und gefeiert, während niemand meine Anstrengungen auch nur wahrnahm.  Ich hatte also noch eine emotionale Rechnung offen und stapfte in den Musiktrakt.  Im Musiksaal angekommen sah ich den Flügel auf einem kleinen Podest stehen und erinnerte mich an meinen damaligen Helden unter den Lehrern. Den Musikunterricht in der elften Klasse habe ich geliebt. Herr Marschall, mein Musiklehrer, ein ewiger Junggeselle, der altmodische verknitterte Anzüge trug, war ein Klavierfreak und eine echte Inselbegabung. Er setzte sich zu Beginn des Unterrichts an den Flügel im Musiksaal und  forderte die Schüler auf, irgendwelche Komponistennamen zu nennen. Es fielen so Namen wie Bach, Mozart. Beethoven. Wurde ein Name gerufen, grinste er feist und fing an im Stile des  genannten Komponisten zu improvisieren. Dabei lächelte er versonnen und glücklich als sei es die einzige Erfüllung in seinem Leben, am Klavier zu sitzen und zu spielen. Eines Tages hatte ich ein AC/DC Songbook bei mir. Ich hatte es als Provokation auf meinen Platz gelegt. Natürlich ging es meinen Mitschülern gewaltig am Arsch vorbei. Herr Marschall griff sich das Songbook, klappte das Buch auf und spielte „Highway to hell“ auf dem Flügel nach. Es klang wie ein Ragtime. Dann sang er noch dazu. Ein alte Männerstimme, die „Mama look at me, I`m on the way tot he promised Land“ wie das Mitglied eines Männergesangvereins schmetterte, hatte wirklich etwas wunderbar Schräges an sich. Er hatte noch nie etwas von AC/DC gehört und fand die Musik unheimlich interessant. „Was die jungen Leute heute alles hören!“ Voller Stolz nahm ich mein Songbook wieder entgegen und er saß am Flügel und spielt eine halbe Stunde völlig unbekannte Jazznummern. Er stand unheimlich auf Oscar Peterson, der mir damals gar nichts sagte und zog eine Querverbindung zwischen AC/DC und ihm, der anscheinend ein absolut beeindruckender Jazzpianist gewesen sein musste. Eigentlich rührte es mich damals so, weil ich mein ganzes Leben lang Klavier spielen wollte und die Gitarre für mich eigentlich nur eine Ersatzdroge war. Eine Gitarre und einen Verstärker konnte ich mir leisten und anscheinend hatte ich doch ein wenig Talent, so dass ich die ganze Sache ohne Unterricht lernen konnte. Klavierunterricht dagegen hätte ich mir nicht leisten können und meine Eltern hätten nie Geld für so etwas ausgegeben. Und dann gab es diesen Musiklehrer, der über allem stand und vollkommen losgelöst von seiner beruflichen Pflicht sein Ding durchzog und dabei einen wahnsinnigen Spaß hatte.  Im Grunde war er mein Held, weil er sich nicht darum kümmerte, ob es irgendwen interessierte, was er machte. Viele Schüler hielten ihn für einen alten Spinner. Insgeheim bewunderte ich ihn, weil ich es niemals geschafft hatte, es einfach gut sein zu lassen. Ich brauchte Bewunderung und Anerkennung und verstand nicht, dass es darum gar nicht in dieser Schule ging. Die drei Jahre waren dazu da, den letzten Schritt ins Erwachsenenleben zu nehmen und noch einmal zu reifen, bevor man auf irgendeine Art auf das seriöse Leben losgelassen wurde. Anerkennung bekommt man nicht durch verbissenes Beharren auf seiner elitären Abscheu vor allem Gewöhnlichen und den Massengeschmack. Metallica übrigens haben sich kurz nach meinem Abitur an den Mainstream verkauft und haben mit solchem Moll-Gedöns wie „Nothing Else Matters“ und „the Unforgiven“ die Hitparaden gestürmt. Niemand mochte später die Solis der alten Platten hören. Anerkennung erhielt ich als Gitarrist erst, als ich mit meiner Band „Enter Sandman“  vortrug. Der Höhepunkt eines jeden Konzertes war „Nothing else Matter“.  Aber das ist noch ein anderes Kapitel. In Bands spiele ich schon lange nicht mehr. Mit vierzig habe ich meinen eigentlichen Traum verwirklicht und Klavierunterricht genommen und mir ein Digitalpiano gekauft.

 Zurück zum Musiksaal und dem Abschied von der Goetheschule.  Ich habe mich an den Flügel gesetzt, mein Bier auf dem Klavier abgestellt und in Gedenken an Herrn Marshall eine Ballade improvisiert. Ich brauchte keine Zuhörer. Ich habe nur für mich gespielt und es hat mir fast das Herz zerrissen. Bevor ich heulen musste, habe ich mitten in der Improvisation zu Spielen aufgehört, mein Bier genommen und bin wieder gegangen. Auf dem Schulhof habe ich wieder meine Kollegin getroffen und wir haben ein Gespräch über die Arbeit begonnen. Ich war froh, nicht mehr über die Schule reden zu müssen. Ich sah mich dabei auf dem Schulhof um und sah eine Mitschülerin aus meinem Jahrgang, die erst nach drei Versuchen meine Grußgeste erwiderte. Das machte den Abend endgültig zum Abschied von meiner Abiturzeit. Halbbetrunken habe ich mich vor Einbruch der Dunkelheit zu Fuß auf den Weg gemacht. Die Strecke führte bergab und teilweise bin ich den Weg gerannt. Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause und beim Laufen genoss ich die Dämmerung, die nur langsam über die Stadt hereinbrach. Es war schließlich der längste Tag des Jahres und mit jedem Meter den ich näher an mein Zuhause kam, fühlte ich mich besser. Es war als laufe ich von der Vergangenheit, die ich hinter mir ließ, in die Gegenwart, die mir doch so viel mehr bedeutet als die drei Jahre in der Goetheschule. Obwohl  ich dort angefangen habe, das zu sein, was ich heute bin.

 

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2 Gedanken zu “Wir konnten wir bloß werden, was wir heute sind?

  1. Das war für mich interessant zu lesen, hab mich auch hier und da wiedererkannt… glaube übrigens wenn du in der Richtung weiterschreiben würdest, ein gutes Buch herauskommen müsste. Grüße JD

    • Danke, danke!! Freut mich, wenn ich nicht nur inhaltlich, sondern auch mit literarischer Qualität, dich als Leser überzeugen konnte. Meine Texte, auch wenn ich gerne Begebenheiten aus meinem Alltag beschreibe, sollen ja auch Fingerübungen für längere Texte sein. Grüße und Schönen Sonntag noch Matthias

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