Wir konnten wir bloß werden, was wir heute sind?

 

 Neunzehnhundertneunzig habe ich mein Abitur in Wetzlar an der Goetheschule gemacht.   Das Gebäude der Goetheschule wurde Ende der Sechziger Jahre gebaut und nach zweiundfünfzig Jahren hat man ein Einsehen mit dem sanierungsbedürftigen und z.T. baufälligen Gebäude und reißt es ab, um es an gleicher Stelle wieder aufzubauen.  Am Donnerstagabend war die große Abschiedsfeier. Die aktuelle Schüler- und Lehrerschaft und die ehemaligen Schüler und Lehrer konnten sich bei Bier und Würstchen von ihrer Schule verabschieden. Ein Treffen der Generationen, dachte man und lt. Sonntagsausgabe der WNZ waren dort an diesem windigen und saukalten Sommerabend ca. 5000 Menschen versammelt. Kaum zu glauben, dass sich so viele Menschen für ein altes marodes Gebäude interessieren, insbesondere da die Goetheschule immer die Reifestätte einer zahlenmäßig begrenzten Elite war. Dies ist die einzige Schule im Altkreis Wetzlar, an der man das allgemeinbildende Abitur erwerben kann. Nur mit diesem Schulabschluss steht einem die gesamte Welt offen und nicht nur die  Nischenstudiengänge wie BWL und Maschinenbau.   Mit dem Abitur kann man Zahnarzt, Apotheker, Politiker, Schönheitschirurg, Schauspieler, Vorstandsvorsitzender und im Zweifelsfall Gymnasiallehrer werden. Also alle diese Berufe mit denen man die Welt und die Wertschöpfungskette der globalen Wirtschaft voranbringen kann. Ich habe übrigens nach meinem Abitur eine Lehre als Bankkaufmann bei der örtlichen Sparkasse gemacht und arbeite verflixt nochmal immer noch in diesem Beruf. Ich bin also vollkommen unter meinen Möglichkeiten geblieben. Ich hatte eigentlich auch andere Pläne. Aber wie das Leben nun einmal so ist, bleibt man sehr oft unter seinen Möglichkeiten. Verzeihen Sie meinen negativen Fatalismus. Aber wenn man in der zwölften Klasse auf einmal merkt, dass man doch kein Dummerchen ist, möchte man doch eher nach den Sternen greifen und nicht nach dem Bleistift, mit dessen stumpfer Spitze man Spar- oder Darlehenszinsen nachrechnet.

 Daher wurde mein Abschied von meiner alten Schule zu einer mittleren Seelenpein. Ich habe die drei Jahre auf dieser Schule genossen. In erster Linie bestand der Genuss im Erkennen meiner intellektuellen Fähigkeiten. Ich war meine eigene kleine geistige Elite und vollkommen alleine auf der Welt.  Durch die leergeräumten Klassenräume zu latschen, die größtenteils immer noch im Originalzustand waren, hat alte Wunden aufgerissen. Ich fühlte mich  nach ca. achtundzwanzig Jahren genauso leer und angeranzt wie diese Räume. Die alten Hörsäle, die alten Tafeln, die grauen wuchtigen Betonwände, die kalten marmorierten Gänge, die genauso wie früher im Halbdunkel lagen, das glänzende schwarze Vinyl in der Pausenhalle  erinnerte mich an verpasste Gelegenheiten, an das Gefühl der Einsamkeit und Isolation, das mich in diesen und in den darauf folgenden Jahren verfolgt hat. Ich leide unter der Wahnvorstellung, viel verpasst zu haben und früh die falschen Entscheidungen getroffen zu haben.

Ich habe einige dieser Entscheidungen korrigieren können und mein Leben ist bei weitem nicht negativ verlaufen. Ich lebe in einer wunderbaren Beziehung mit meiner zweiten Ehefrau, habe fünf liebenswerte einzigartige Kinder, habe ein paar sehr gute Freunde und Kollegen und habe in meinem Beruf viel Anerkennung erfahren. Trotzdem brachte der Besuch meiner alten abbruchreifen Schule alte Zweifel zum Vorschein, die in früheren Zeiten den Glauben an meine Fähigkeiten regelmäßig und nachhaltig erschütterten.

Für ein paar Stunden war ich wieder im alten Alarmmodus. Ich gehöre zu den Menschen, die sich über die Zukunft definieren. Ich lebe niemals in den Tag hinein. Es mag zum eigenartigen Instinkt eines Menschen zu gehören, das Leben vom Ende her zu denken. Wir sind uns ja immer unseres eigenen Ablebens bewusst. Ohne diese Erkenntnis, ein sterbliches Wesen zu sein, ist Fortschritt nicht möglich. Allerdings ist die Sorge um mein Dasein mit Angst besetzt und hat in den schlimmsten Momenten zu panischen Reaktionen geführt. Meine Herkunft hat mich geprägt und bestärkt mich tagtäglich in der Annahme, dass nur das Schlimmste möglich ist. Ich habe  Jahrzehnte gebraucht, um zu verstehen, das meine Handlungen durchaus einen positiven Effekt auf mich und mein Umfeld haben, man es an vielen Stellen gut mit mir meint, die Katastrophe eher die Ausnahme ist und Ihr Eintreten nur eine verzögernde Wirkung auf den Reiseablauf hat, so wie der Stau auf der Autobahn.

 Ich stieg abends um halb acht aus dem Bus, rief meine Tochter auf dem Handy an, um sie zu fragen, wo sie denn sei und erhielt von ihr die Antwort, das sie schon die Abschiedsfeier verlassen habe. Dazu sollte man wissen, dass meine älteste Tochter die elfte Klasse an der Goetheschule gerade absolviert hat und nun die Chance bestand mit ihr den Abschied gemeinsam zu feiern. Die Vergangenheit hätte sich mit der Zukunft versöhnt und alles wäre gut gewesen. Dann sah ich dieses Gebäude und die vielen Menschen, lief zwischen den Menschenmengen hindurch und fand kein mir bekanntes Gesicht. Prompt ereilte mich das Gefühl meiner Jugend, alleine sein zu müssen, keinen Anschluss finden zu können und damit keine Anerkennung erfahren zu können. Nach einer Weile treffe ich einige Kollegen, die auch das Abitur an der gleichen Schule gemacht haben und unterhalte mich mit ihnen, gehe mit ihnen durch die Räume und tausche mich mit ihnen aus. Sie schwelgten in Erinnerungen. Ich stand daneben und berichtete ihnen lakonisch, dass ich damals aus der Bibliothek nach und nach einige Philosophiebücher entwendet hatte. Ich war in meinem Jahrgang der einzige Mensch, der Freistunden dort verbracht hat, um verschämt über Existenzialistenlektüre zu brüten.

Ich trank ungerührt ein Bier nach dem anderen und nach dem dritten Gang zur Biertränke hatte ich meine Kollegen aus den Augen verloren. Ich war während meiner Abiturzeit ein echter Miesepeter. Generell war ich dagegen und  verhöhnte alles, was hohes Ansehen in der Schulgemeinschaft genoss. Wer etwas aus sich hielt, ging in die ach so berühmte Musical-AG. Es war hip, Andrew-Llyod-Weber-Arien zu schmettern und sich dabei wie eine Lokomotive oder eine Katze zu bewegen. Ich dagegen habe jeden Tag ca. sechs bis acht Stunden die Gitarrenriffs und –solis von Metallica geübt. Ich war ein Metallica-Snob und stieg sehr tief in die Materie hinab. Insbesondere das „Justice for all“-Album diente mir als Referenz. Ich lernte jede Note auswendig, analysierte Musik und Texte bis zur totalen Erschöpfung. Im Zusammenhang mit Schule und Musicalmenschen ging es mir nur um Befindlichkeiten und Eitelkeiten. Die wurden für ihr süßliches und melodiöses Geträller bewundert und gefeiert, während niemand meine Anstrengungen auch nur wahrnahm.  Ich hatte also noch eine emotionale Rechnung offen und stapfte in den Musiktrakt.  Im Musiksaal angekommen sah ich den Flügel auf einem kleinen Podest stehen und erinnerte mich an meinen damaligen Helden unter den Lehrern. Den Musikunterricht in der elften Klasse habe ich geliebt. Herr Marschall, mein Musiklehrer, ein ewiger Junggeselle, der altmodische verknitterte Anzüge trug, war ein Klavierfreak und eine echte Inselbegabung. Er setzte sich zu Beginn des Unterrichts an den Flügel im Musiksaal und  forderte die Schüler auf, irgendwelche Komponistennamen zu nennen. Es fielen so Namen wie Bach, Mozart. Beethoven. Wurde ein Name gerufen, grinste er feist und fing an im Stile des  genannten Komponisten zu improvisieren. Dabei lächelte er versonnen und glücklich als sei es die einzige Erfüllung in seinem Leben, am Klavier zu sitzen und zu spielen. Eines Tages hatte ich ein AC/DC Songbook bei mir. Ich hatte es als Provokation auf meinen Platz gelegt. Natürlich ging es meinen Mitschülern gewaltig am Arsch vorbei. Herr Marschall griff sich das Songbook, klappte das Buch auf und spielte „Highway to hell“ auf dem Flügel nach. Es klang wie ein Ragtime. Dann sang er noch dazu. Ein alte Männerstimme, die „Mama look at me, I`m on the way tot he promised Land“ wie das Mitglied eines Männergesangvereins schmetterte, hatte wirklich etwas wunderbar Schräges an sich. Er hatte noch nie etwas von AC/DC gehört und fand die Musik unheimlich interessant. „Was die jungen Leute heute alles hören!“ Voller Stolz nahm ich mein Songbook wieder entgegen und er saß am Flügel und spielt eine halbe Stunde völlig unbekannte Jazznummern. Er stand unheimlich auf Oscar Peterson, der mir damals gar nichts sagte und zog eine Querverbindung zwischen AC/DC und ihm, der anscheinend ein absolut beeindruckender Jazzpianist gewesen sein musste. Eigentlich rührte es mich damals so, weil ich mein ganzes Leben lang Klavier spielen wollte und die Gitarre für mich eigentlich nur eine Ersatzdroge war. Eine Gitarre und einen Verstärker konnte ich mir leisten und anscheinend hatte ich doch ein wenig Talent, so dass ich die ganze Sache ohne Unterricht lernen konnte. Klavierunterricht dagegen hätte ich mir nicht leisten können und meine Eltern hätten nie Geld für so etwas ausgegeben. Und dann gab es diesen Musiklehrer, der über allem stand und vollkommen losgelöst von seiner beruflichen Pflicht sein Ding durchzog und dabei einen wahnsinnigen Spaß hatte.  Im Grunde war er mein Held, weil er sich nicht darum kümmerte, ob es irgendwen interessierte, was er machte. Viele Schüler hielten ihn für einen alten Spinner. Insgeheim bewunderte ich ihn, weil ich es niemals geschafft hatte, es einfach gut sein zu lassen. Ich brauchte Bewunderung und Anerkennung und verstand nicht, dass es darum gar nicht in dieser Schule ging. Die drei Jahre waren dazu da, den letzten Schritt ins Erwachsenenleben zu nehmen und noch einmal zu reifen, bevor man auf irgendeine Art auf das seriöse Leben losgelassen wurde. Anerkennung bekommt man nicht durch verbissenes Beharren auf seiner elitären Abscheu vor allem Gewöhnlichen und den Massengeschmack. Metallica übrigens haben sich kurz nach meinem Abitur an den Mainstream verkauft und haben mit solchem Moll-Gedöns wie „Nothing Else Matters“ und „the Unforgiven“ die Hitparaden gestürmt. Niemand mochte später die Solis der alten Platten hören. Anerkennung erhielt ich als Gitarrist erst, als ich mit meiner Band „Enter Sandman“  vortrug. Der Höhepunkt eines jeden Konzertes war „Nothing else Matter“.  Aber das ist noch ein anderes Kapitel. In Bands spiele ich schon lange nicht mehr. Mit vierzig habe ich meinen eigentlichen Traum verwirklicht und Klavierunterricht genommen und mir ein Digitalpiano gekauft.

 Zurück zum Musiksaal und dem Abschied von der Goetheschule.  Ich habe mich an den Flügel gesetzt, mein Bier auf dem Klavier abgestellt und in Gedenken an Herrn Marshall eine Ballade improvisiert. Ich brauchte keine Zuhörer. Ich habe nur für mich gespielt und es hat mir fast das Herz zerrissen. Bevor ich heulen musste, habe ich mitten in der Improvisation zu Spielen aufgehört, mein Bier genommen und bin wieder gegangen. Auf dem Schulhof habe ich wieder meine Kollegin getroffen und wir haben ein Gespräch über die Arbeit begonnen. Ich war froh, nicht mehr über die Schule reden zu müssen. Ich sah mich dabei auf dem Schulhof um und sah eine Mitschülerin aus meinem Jahrgang, die erst nach drei Versuchen meine Grußgeste erwiderte. Das machte den Abend endgültig zum Abschied von meiner Abiturzeit. Halbbetrunken habe ich mich vor Einbruch der Dunkelheit zu Fuß auf den Weg gemacht. Die Strecke führte bergab und teilweise bin ich den Weg gerannt. Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause und beim Laufen genoss ich die Dämmerung, die nur langsam über die Stadt hereinbrach. Es war schließlich der längste Tag des Jahres und mit jedem Meter den ich näher an mein Zuhause kam, fühlte ich mich besser. Es war als laufe ich von der Vergangenheit, die ich hinter mir ließ, in die Gegenwart, die mir doch so viel mehr bedeutet als die drei Jahre in der Goetheschule. Obwohl  ich dort angefangen habe, das zu sein, was ich heute bin.

 

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Die Charakterisierung der Hauptpersonen und ihre Vorgeschichte letzter Teil

Der Sprachverlust wird zum Symbol und zum roten Faden der Geschichte. Nacheinander verliert, verlernt oder vergisst jeder in der Familie die Fähigkeit zur Kommunikation. Erst die Mutter durch ihre Depression, dann der Vater durch die soziale Isolation, dann Luisa durch Krankheit oder psychischem Verfall. Letztendlich ist Johanna die Einzige, die ihre Kommunikationsfähigkeit behält. Sie ist das Sprachrohr der Familie und hält somit den Kontakt zur Außenwelt.

Die Vorgeschichte der Eltern wird im Text nach und nach beschrieben. Kerstins Großeltern und Olafs Eltern tauchen sporadisch auf. Ihre Charaktere und Geschichte auszuformen erachte als nicht wichtig, da sie nur Randfiguren sind. Der Großteil der Geschichte spielt in den Jahren beginnend ab dem Einzug in das Haus des Onkels. Deswegen finde ich es wichtiger die Figuren aus dem direkten Umfeld zu modellieren, wie zum Beispiel die Nachbarn usw.

Das Haus des Onkels befindet sich am Rande eines Industriegebietes, das wiederum am Stadtrand liegt. Das Areal wird auf der einen Seite durch die Hauptverkehrsader der Stadt begrenzt, auf der anderen Seite durch das Firmengelände einer Spedition. Ein gewisser Geräuschpegel begleitet den Alltag der Familie Tag und Nacht. Tagsüber kommt von der Straße der Lärm des stetigen Verkehrs und von der anderen Seite, in den Abend- und Morgenstunden der Lieferverkehr der großen LKW`s. Das graue Standrandmilieu zieht gesellschaftliche Randfiguren an. Die Verlierer, Außenseiter, Verrückten, Kranken und Armen der Stadtbevölkerung. Für mich ist es von großer Bedeutung diese Menschen möglichst authentisch zu zeigen. Der Text wird unglaubwürdig, wenn ich in sozialkitschigen Moritaten die Außenseiter als Heilige skizziere. Ich kann nicht sagen, dass ich viele Obdachlose, Alkoholiker, Prostituierte zu meinen Freunden zähle. Natürlich sind in meinem Leben mir problembeladene Zeitgenossen begegnet, die eher am Abgrund als in mitten der Gesellschaft leben. Trotzdem kann ich nicht behaupten, sie in ihrer Lebenssituation über längere Zeit beobachtet zu haben. Mir kann man also leicht vorwerfen, ich wüsste nicht, worüber ich schreibe und letztendlich benutze ich das Schicksal anderer Menschen, um mich als Autor zu profilieren. Es ist in diesem Falle eine verdammte Gratwanderung zwischen Fiktion und Realität und für mich stellt es eine Hürde dar. In anderen Texten habe ich nicht immer aus einer optimalen Perspektive heraus Dinge beschrieben, die ich nicht erfahren habe. Natürlich weiß ich, dass ich nicht wie ein Journalist schreiben muss, der reale Begegnungen und Begebenheiten wahrheitsgetreu darstellen will und die eigene Interpretation hinzufügt, aber auch kenntlich macht. Ich schreibe nicht dokumentarisch und kann mir das Recht herausnehmen, zum Stilmittel der Überhöhung oder Verkürzung zu greifen. Kein Schriftsteller dieser Welt ist gezwungen, das Bewusstsein einer Person in seinen unendlichen Facetten auszuleuchten. Dann gäbe es keine Geschichten mehr, sondern nur noch Psychogramme, die auch ein Psychologe hätte schreiben können. Es gibt diesen Grenzbereich zwischen Fiktion und Wirklichkeit, aus der sich die Verpflichtung des Autors ableitet, die Würde der Figuren und ihre Herkunft zu wahren. Jede Romanfigur hat seinen Urgrund in der Wirklichkeit, in einer oder mehrerer real existierende Personen. Wenn Autoren erzählen, sie haben eine Figur erfunden, lügen sie.

Ich skizziere die Figuren nur kurz, werde aber bei Ausgestaltung meines Textes meine Bedenken in Ehren halten.

Kira: Prostituierte aus Polen, die in einem abgewrackten Nebengebäude ihre Kunden empfängt. Jo und Lu begegnen ihr oft und wundern sich über ihr Erscheinungsbild. Kira steht oft rauchend und in aufreizender Bekleidung vor ihrer Wohnung. Es entsteht eine Art Freundschaft zwischen ihr und den Kindern, die Jahrelang anhält, bis Kira eines Tages einfach verschwindet.

Erhard der Penner, der in abgerissenen Klamotten in der Nachbarschaft abhängt und zumeist eine halbleere Bierflasche vor sich her trägt.

Friedrich, der Schrotthändler, der auf seinem Schrottplatz lebt.

Frau Kowalski, die alte Nachbarin, Rentnerin über achtzig, die schon leicht dement ist und in ihrer Messiewohnung lebt.

Der Hausmeister der Spedition, der die Kinder immer verscheucht und anbrüllt….

Die Frau vom Jugendamt, die nach dem Verschwinden der Mutter die Familie betreuen will und daran scheitert, weil sich Johannas Vater nicht helfen lassen will. Schließlich gibt sie auf.

Die Direktorin der Grundschule: Jo hat trotz aller Widrigkeiten gute Noten. Die Rektorin sorgt trotzdem dafür, dass Jo nur in die Hauptschule/ Realschule kommt, weil sie aufgrund des sozialen Umfelds Jo in eine Schublade steckt und ihr nicht zutraut, aus dem Übel heraus zu kommen.

Ihre einzige Schulfreundin, die sie seit der ersten Klasse begleitet und die sich immer wieder begegnen. Ihre Familie ist das Gegenbild zu Jos Umfeld. Die Eltern sind Akademiker, Aufsteiger, die mit großen Auto und Haus in der Innenstadt protzen und denen das aber nicht reicht. Ihre Tochter soll es einmal noch besser haben und die besten Chancen erhalten und dementsprechend treiben sie ihre Tochter vor sich her. Ihre Tochter wird sich gegen sie stellen.

Somit habe ich schon ein großes Portfolio an Personen. Aus dem Reservoir an Charakteren kann ich mich bei der Entwicklung der kompletten Handlung bedienen. Ich werde aus den Verhaltensweisen der beschriebenen Personen den Plot stricken. Sie sind der Wollfaden, mein Grips und die Tastatur sind die Stricknadeln und ab und zu wird mir eine Masche herunterfallen und ich muss mir etwas Neues einfallen lassen. Das heißt aber auch, dass die eine oder andere Nebenfigur wegfallen wird, andere Personen hinzukommen oder sich anders darstellen, wie oben beschrieben.

Nennen wir die Kinder doch beim Namen

Als nächstes beschäftige ich mich ausführlich mit den Personen. Zwei wichtige Personen habe ich schon genannt und ihnen Rollen zugewiesen. Es geht im Folgenden darum, den Personenkreis zu erweitern und diese Personen lebendig werden zu lassen. Dazu gehören Details wie Namen, Charakterbeschreibungen und die Historie jeder Person. Es ist überaus wichtig, ihnen Leben einzuhauchen und dazu gehören nun einmal auch die Herkunft und die Einflüsse, die einen Menschen prägen. Für mich hat es sich als praktisch erwiesen, eine Art Dossier zu jeder Person zu entwerfen. Dabei erstreckt sich diese Feinarbeit auf Hauptpersonen und wichtigen Nebenfiguren. Alles andere führt zu weit und ist wieder kontraproduktiv. Am Ende entsteht ein eigener Mikrokosmos, der die Grundlage für die Entwicklung der Handlung darstellt. Meine Arbeit beginne ich, indem ich mir einen Kreis an Hauptpersonen überlege. Anfangs sind das drei bis fünf Personen. Nach und nach kommen noch ein paar Hauptpersonen hinzu. In diesem Fall ist es einfach: Im Mittelpunkt steht eine Familie. Also: Mama, Papa, Kinder. Sollen es mehrere Kinder sein? Sohn und Tochter oder nur Töchter? Die Hauptperson soll am Anfang der Erzählung ca. 12 Jahre alt sein. Erfahrungsgemäß sind die ältesten Kinder einer Familie am meisten von Konflikten in der Familie betroffen. Sie fechten viele Konflikte für die jüngeren Kinder aus. Sie sind oft diejenigen, die den Streit der Eltern am ehesten zu spüren bekommen, weil niemand älteres da ist, der sie beschützt und ihnen Rat geben kann. Zumeist haben sie die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister. Also bekommt die Hauptperson ein jüngeres Geschwisterkind an die Seite gestellt. Wir nehmen ein Mädchen, das etwas jünger ist, so etwa sechs bis acht Jahre alt. Die Familie besteht aus einem Vater, Mutter und einer Tochter 12 Jahre alt und einer Tochter acht Jahre alt. Ich modelliere erst einmal diese vier zentralen Figuren und erarbeite mir den Familienkosmos. Die Verbindungen und Vernetzungen zwischen den vier Personen müssen vor dem Schreiben schon deutlich erkennbar sein. Z.B. welche Tochter ist ein Vater- oder Mutterkind? Wie fasst die Mutter ihre Rolle in der Erziehung auf? Ist der Vater mit seiner Position in der Familie glücklich? Wie sieht diese aus? Aber am Anfang steht erst eine ganz banale Angelegenheit: Die Menschen brauchen Namen. Ein heikles Thema. Es gibt durchaus Autoren, die die Namen ihrer Figuren mit einer Symbolik beschweren. Das bekannteste Beispiel: Die Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll. Dazu muss man sagen, dass ich nie ein großer Böll-Fan war. Die meisten deutschen Autoren aus der Nachkriegszeit, egal ob Gruppe 47 oder nicht, langweilen mich auf die eine oder andere Weise. Katharina Blum soll unschuldig und vielleicht sogar etwas naiv klingen, naturnah und rein. Wenn man Angelika Winkler in der Verfilmung sieht, denkt man, dass der Regisseur nicht viel von der Namensgebung gehalten hat. Sie wirkt verstört und gebrochen, anstatt naiv und verletzlich. Mit der Symbolik nehme ich es nicht sonderlich ernst. Es sollten in dem Fall der Familie bodenständige Namen sein. Namen, die typisch zu der Zeit der Geburt der Personen war, verbunden mit einem gewöhnlichen häufig vorkommenden Nachnamen. Dahinter steckt nicht die Überlegung die Namen mit Symbolen oder einer Konnotation aufzuladen. Diese Familie ist nicht aus der Zeit gefallen. Sie soll die Auseinanderentwicklung der sozialen Schichten repräsentieren und deswegen sind es Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die nun einmal nicht Baronin von und zu heißen. Das junge Mädchen wird als Erwachsene für die Ausübung ihres Berufes als Schriftstellerin einen Künstlernamen benutzen, der natürlich abgefahren und interessant klingen muss.

Name der Hauptperson:

Jo (hanna) Sommer Hauptperson Künstlername: Alethea Cumberland

Lu (isa) Sommer Schwester

Olaf Sommer Vater

Kerstin Sommer Mutter

Der Boden, der Dünger und die Saat

 Wie schlägt sich jetzt mein ambivalentes Empfinden für meine Heimat in meinem Text nieder?

Eine Schriftstellerin beschreibt ihre Kindheit in einer Kleinstadt, die in einer ähnlichen Situation wie meine Heimatstadt steckt. Die Stadt bildet den verkeimten Untergrund, auf dem die Probleme einer Familie ungehindert aufblühen können. Ich werde Wetzlar nicht nennen, sondern eine fiktive Stadt erschaffen, die sich in manchen Beschreibungen an Wetzlar anlehnt, aber an anderen Stellen abweicht. Warum dieser Kunstgriff? Ich habe in meinen ersten beiden Romanen genau dieselbe Konstellation gewählt. Ich schrieb über eine Stadt, die ich kenne, die es aber gar nicht gibt. Es gibt mir den Freiraum, manche Umstände auszumalen und zu konstruieren, ohne das zu vergessen, wofür meine Heimatstadt steht. Nehme ich meine Heimatstadt als Symbol, kann ich Akzente setzen und wichtige Elemente überhöhen. Wie ein Maler, der die Farben kräftiger setzt und Lichteinfall überbetont, um auf wichtige Bestandteile seines Gemäldes aufmerksam zu machen.

Die Stadt beeinflusst wesentlich das Drama um die Hauptperson. Ein scheinbarer Glücksfall für die Familie entpuppt sich als absoluter Alptraum. Der Vater der Hauptperson hat ein Haus in der Peripherie der Stadt geerbt. Vorher die Familie in einer der Vororte zur Miete im sozialen Wohnungsbau gelebt. Der Onkel des Vaters hatte keine eigenen Kinder und lebte alleine. Da die Eltern des Vaters auch schon verstorben waren, ist er der gesetzliche Erbe. Er hatte nicht viel Kontakt zu seinem Onkel, alleine schon, weil er als Einsiedler und Kauz verschrien war. Das Haus liegt an der verkehrsreichsten Stelle in der Stadt, inmitten eines Gewerbegebietes, in der Nähe der Bahnlinie. Es ist in keinem guten Zustand. Der Onkel hat jahrelang an dem Haus herum gewerkelt und es nur noch schlimmer gemacht, als es schon vorher war. Das Erbe erweist sich schnell als Last für die Familie. Die Kinder wachsen an einer vielbefahrene Straße in einem baufälligen Haus auf. Um das Haus auf Vordermann zu bringen, reichen die eigenen finanziellen Mittel nicht aus. Der Vater investiert seine gesamte Kraft in die Modernisierung des Hauses. Er scheitert und verliert nach und nach alles. Seinen Job, seine Ehefrau, sein Traum vom Eigenheim. Das Haus ist in dem Zustand und in der Lage nicht verkäuflich. Wie ein Fluch klebt es an der Familie.

Es gibt solche Ecken in meiner Heimatstadt. Straßenverkehr auf der einen Seite, Zugverkehr auf der anderen Seite und mittendrin noch Gewerbegebiet. Und trotzdem wohnen dort Menschen. Gerade an den Ein- und Ausfallsstraßen der Stadt, die Braunfelser und Altenberger Str. gibt es ausreichend solche Ecken. Wenn man die Stadt kennt, wird der eine oder andere behaupten, dass sei alles kein Problem. Irgendwo muss der Verkehr ja durch, irgendwo muss sich Gewerbe stadtnah ansiedeln können. Das gehört zu einer urbanen Umgebung dazu und in einer Großstadt gibt es viel schlimmere Ecken, wenn dann zum Beispiel noch ein Hafen, Industrie und ein Flughafen hinzukommt. Mag alles sein. Wenn man die besagten Gegenden besucht, ist es kein schöner Anblick, es ist für Kinder keine geeignete Umgebung, insbesondere, wenn es zwei Straßen weiter ruhig und schön ist und man auch die entsprechende Infrastruktur vorfindet, wie Spielplätze usw. Es geht auch eher darum, dass dieses Haus als Erbe einerseits eine Last ist und andererseits zur fixen Idee des Vaters wird, der damit die Familie in den Ruin treibt. Die Umgebung ist nur der Katalysator. Läge das Haus in einer ruhigen Ecke, hätte die Familie es einfach verkaufen können. Es ist aber unverkäuflich, weil niemand neben einer Durchgangsstraße und einer Eisenbahnlinie wohnen will und es außerdem in einem fürchterlichen Zustand ist. Grundsätzlich stellt sich die Frage, inwiefern der Mensch auch innerhalb einer urbanen Umgebung das Anrecht auf eine menschenwürdige Umgebung hat, wirtschaftliche Interessen über die Interessen des Einzelnen stehen und der ständige Verbrauch von Flächen und natürlichen Ressourcen überhaupt in einem Land notwendig sind, dessen Bevölkerung in den nächsten Jahren schrumpfen wird. Das sind Fragen, die mitschwingen und auch ihren Ausdruck im Text finden können, aber nicht unbedingt müssen. Diese Entscheidungen trifft ein Autor an anderer Stelle. Es besteht ständig die Gefahr, den Text damit zu überfrachten. Es soll eine Geschichte entstehen, die aktuelle Entwicklungen und gesellschaftliche Problemstellungen wiedergibt, weil diese direkte Auswirkungen auf die handelnden Personen haben.

Randgebiete meiner Heimatstadt Wetzlar – 3 Impressionen

    

Es tut so weh, man mag gar nicht hinschauen

Was hat nun meine Heimat mit der Geschichte zu tun, die ich schreiben will? Die Gegensätze zwischen moderne Industrie und kleinteiliger Architekturhistorie ziehen sich durch die Wohnviertel und machen sich auch zwischen den Menschen breit. In Wetzlar leben viele Leute, die Anteil am gutbürgerlichen Wohlstand in allen seinen Ausprägungen haben, aber es leben dort genauso viele Menschen, die am Rande der Gesellschaft in Armut und sozialer Ausgrenzung ihr Dasein fristen. Die Stadt ist nicht aufgeteilt in arme und reiche Viertel. Vielmehr ist alles vermischt miteinander und die Grenzen fließend. Dort wo die herunter gekommenen Häuser eine gewisse Armut ausstrahlen, kann es in der Nachbarstraße genau umgekehrt sein. Das heißt nicht, dass die Menschen koexistieren, sondern oft verbirgt sich die Armut der Einen hinter dem Wohlstand der Anderen. Die Armut in den Seitenstraßen fällt nicht auf und ist kaum sichtbar, während sich die Reichen hinter hohen Zäunen und Klingeln ohne Namenschilder verstecken. Manchmal erwarte ich ein offenes Gegeneinander.  Da sich aber alle verstecken, kann man den jeweils anderen auch nicht auf die Nerven gehen oder sich von ihm bedrängt oder ausgegrenzt fühlen.

Subtil und kaum spürbar für den oberflächlichen Beobachter herrscht in der Stadt ein eisiges Klima. Wer die städtische Politik verfolgt, erlebt eine einheimische Elite, die unter sich bleiben möchte. In ihrer Vetternwirtschaft begünstigen sie sich gegenseitig und sorgen dafür, dass nichts Neues in der Stadt blüht. Ein heimischer Politiker hat Wetzlar überregional in die Schlagzeilen gebracht, weil er als bildungspolitischer Sprecher seiner Fraktion im Landtag eine wichtige Funktion begleitet und auch gerade in dieser Funktion in vielen Dingen eine neutrale Position vertreten sollte, allerdings in seinem Wetzlarer Hassblättchen, dass alle vier Wochen in den Briefkästen liegt, gegen Moslems, Schwule, Linke und Ausländer hetzt. Über genau den gleichen Politiker ist überall in der Stadt zu hören, dass seine politische Meinung die eine Seite ist, aber die andere Seite ist, dass der Hans-Jürgen immer für einen da ist und auch mal in Wiesbaden Gelder für das persönliche Anliegen besorgt. Also Klientelpolitik ohne Vernunft, die nur der Sicherung der eigenen Machtbasis dient. Ein anderes Beispiel: Wir haben seit langer Zeit in Wetzlar ein Leerstandsproblem in der Innenstadt. Der Einzelhandel hat sich fast vollständig aus der ehemaligen Fußgängerzone am Bahnhof zurückgezogen. Ein Problem, dass viele kleinere Städte kennen. Jahrelang hat man nach einer Lösung gesucht, weil auch dieser Teil der Stadt zu versumpfen droht. Eine leere Fußgängerzone mit Säuferkneipen zieht nur fragwürdiges Publikum an. Irgendwann hatte man die kluge Idee, Bürger mit in den gewünschten Veränderungsprozess mit einzubeziehen. Man hat für viel Geld ein Stadtplanungsbüro engagiert, die die Stärken der Stadt herausarbeitete, dem städtischen Magistrat entsprechende Empfehlungen vorlegte und den Beteiligungsprozess mit den Bürgern begleitete. Grundsätzlich ein gute Idee und gut gemeinte Öffnung des Diskurses, da Ideen von externen Experten solch ein Prozess positiv beeinflussen können. Man ist mit den Bürgern durch die Stadt gegangen und hat Lösungen diskutiert. Einige Dinge wurden im Laufe der letzten Jahre umgesetzt, andere Dinge sind noch nicht umgesetzt und stellen sich teilweise als nicht umsetzbar heraus. Trotzdem hat man die Chance ergriffen, etwas grundsätzlich in der Stadt zu ändern. Klar ist, wenn die Stadtplanung auf die Bedürfnisse möglichst vieler Rücksicht nimmt, ist diese Stadt die Stadt aller Bürger und nicht nur die von wenigen. Auffällig war bei diesem Prozess, dass die größten Widerstände von den Hauseigentümern kamen. Also eigentlich den Menschen, denen es daran liegen muss, dass die Stadt für Außenstehende attraktiv ist. Die Vertreterin von Haus und Grund war bekannt dafür, mit ihren nervigen Einwürfen jede neue Idee zu torpedieren. Ich hatte den Eindruck, in den alten Vierteln darf sich nichts ändern, weil man sich ansonsten mit jungen Menschen oder Familien mit mittleren Einkommen auseinander setzen müsste, die durch die Veränderungen die Chance bekommen, in der Innenstadt sesshaft zu werden. Man hat immer nur gejammert, dass man dem Einzelhandel eine Chance geben muss und die alten Einkaufsstraßen Bahnhofstraße und Langgasse wieder für den Einzelhandel attraktiv gestalten sollte. Das sind fromme Wünsche von Menschen, die der Tatsache verschließen, dass der Einzelhandel als Mieter zwar eine kalkulierbare und interessante Einnahmequelle ist, aber der Einzelhandel sich nun einmal seit Jahren aus den Innenstädten zurückzieht, um in Shoppingmalls unabhängige Einkaufswelten zu schaffen, fern ab der Innenstädte. Der Einzelhandel schafft sich dort effiziente Räume, die genau auf die großen Filialketten zugeschnitten sind. Das kleinteilige wird in unserer Ökonomie nicht als gangbarer Weg betrachtet. Man schafft über Expansion und Größenklassen die größtmögliche Abschöpfung des Gewinns. Das ist nicht schön und jeder heult dem Tante Emmaladen nach und trotzdem gehen alle gerne bei Aldi und Rewe einkaufen. Bei den frommen Wünschen und den halbherzigen Willen zur Veränderung ist es leider geblieben. Sinnvolle Ansätze sind wieder für die alten Eliten umgedeutet worden. In der Folge hat man die Hauseigentümer begünstigt, in dem man an der Lahn Häuser mit teuren Eigentumswohnungen hochzieht, die natürlich nur sehr wohlhabende Menschen als Kapitalanlage kaufen, um sie vielleicht selbst zu bewohnen, aber am liebsten zu vermieten und zwar nur zu den entsprechend hohen Mietpreisen. Man schafft so keine Durchmischung in der Stadt, sondern nur die Aufwertung für das entsprechend wohlhabende Publikum, während die mittleren bis unteren Einkommen sich wieder in die teilweise unattraktiven aber preiswerten Randlagen in Niedergirmes oder Dalheim verziehen. Der Leerstand in der Bahnhofsstraße bleibt. Es gab Ideen, aus der Bahnhofstraße und Lahnhof ein Wohnviertel mit der dazugehörigen Infrastruktur zu schaffen. Mit Parks, Schulen und Kindergärten. Man hätte dafür einige Großkapitalisten quasi enteignen müssen, die den Leerstand verwalten, um sich Abschreibungsmöglichkeiten zu bewahren. Seltsamerweise gehören einige der besagten Objekten Immobiliengesellschaften, die an anderer Stelle mit attraktiven Einkaufszentren Gewinne abschöpfen. Die Bürger werden also mehrfach bestraft. Mittlerweile sind die Mietpreise in der Altstadt auf einem fast unbezahlbaren Niveau und der Plan in der Mitte der Stadt, erschwinglichen Wohnraum zu schaffen, um eine Durchmischung zu erreichen, stellt sich als Idee für Idealisten heraus.

Wir verorten uns jetzt mal

Wir sind aber nicht am Ende der Geschichte. Trotzdem ist es schön zu sehen, dass der Anfang ganz logisch zu einem sinnvollen Ende führt und nichts ist besser, als als Autor schon einmal den Gesamtrahmen der Handlung zu kennen. Bevor ich den Rahmen mit Leben fülle, gibt es noch viele Details zu klären. Wir haben die Zeit geklärt und nähern uns jetzt dem Raum, das heißt dem Ort der Handlung. Alle meine Romane haben meine Heimat als Bezugspunkt. Man möge mir daraus den Vorwurf stricken, dass ich nur das mir Bekannte beschreiben kann. Es steckt mehr dahinter. Natürlich fällt es mir leichter die Umgebung, in der ich lebe, zu erfassen und als Autor literarisch zu reproduzieren. Ich lebe in Mittelhessen und habe hier meine Wurzeln. Nur ein kleiner Teil meiner Familie stammt von hier und trotzdem zähle ich mich zu den Eingeborenen. An der Art wie ich Rede kann man meine Herkunft bestens erkennen. Ich spreche diese weiche labberige hessische Sprachtönung, die zwischen nasalen und nuscheligen Lauten über die hart klingenden Buchstaben hinweg huscht. Den örtlichen Dialekt imitiere ich, ohne ihn perfekt sprechen zu können.

Ich habe niemals an einem anderen Ort gelebt und natürlich, wenn ich Berlin, Frankfurt oder Köln bin, frage ich mich, ob ich dort besser leben könne. Sogar wenn ich an die Nordsee in den Urlaub fahre, frage ich mich, ob ich nicht lieber am Meer leben sollte, anstatt in diesem verwaschenen Klima zwischen Taunus und Westerwald. Und doch kehre ich jedes Mal in das Lahntal zurück und kann es kaum erwarten den Karlsmunt zu sehen oder unsere Straße, die auf einer Halbinsel zwischen Lahn und Dill liegt. Wenn ich aus meinem Wohnzimmer zwischen die Häuser schaue, kann ich den Wetzlarer Dom sehen und wenn ich die Straße herunter laufe, bin ich an der Lahn und sehe die alte Lahnbrücke. Das ist meine Welt und sie ist nicht immer hübsch anzusehen. Wetzlar ist vom Fluch oder Segen, je nachdem aus welche Perspektive man schaut, betroffen eine Altstadt zu haben, die von modernistischer Industriekultur umringt ist. Es ist bezeichnend, dass das höchste Gebäude in Wetzlar nicht der Dom, sondern einer der Türme von Heidelberg-Cement ist, die dieses Jahr fallen sollen. Vor ein paar Jahren hat man das Betonwerk stillgelegt. Es ist fraglich, ob das die mutwillige Zerstörung eines Denkmals ist oder die Befreiung einer Stadt, die seit mehr als einem Jahrhundert von der Industrie dominiert wird. Und genau dieser Zwiespalt macht für mich als Autor die Stadt und die Gegend interessant. Wunderschöne Ausblicke säumen die Höhen über der Stadt. Bei klarem Wetter habe ich das Gefühl, vor mir liegt ein unberührtes grünes Paradies. Ist man unten in der Stadt, zur besten Stoßzeit, drängeln sich die Autos mit aller Gewalt über den Karl-Kellner-Ring in die Braunfelser Straße hinein. Der Krach ist unerträglich und man wähnt sich in einer Großstadt. Fährt man nach Niedergirmes, liegt links das übermächtige Industriegelände der Firma Buderus und rechts der an vielen Stellen unansehnliche Ortsteil, der seinen negativen Ruf nicht wirklich verdient hat. Biegt man ab, fährt an den Rand des Stadtteils kann über eine steile Auffahrt einer der schönsten Aussichtspunkte der Gegend oben auf dem Simberg erreichen. Dann liegt das Lahntal vor einem und man kann sogar über die Industrietürme hinwegsehen.