Buchmesse für Anfänger

Schnaufend stemme ich meinen Wanderruck von meinem Rücken in den Kofferraum unseres Familiengefährts. Die fünf Meter von der Haustür bis zum Auto haben mich schwer gebeutelt. Mit gebeugten Rücken bin ich aus dem Haus geschlichen. Meine Frau sollte nicht mitbekommen, dass ich ca. 150 Manuskriptkopien meines letzten Romanes „Der Kaffeekuchen meiner Oma. Eine hessische Familiensaga“ auf die Buchmesse schmuggeln wollte. Dies war schließlich meine Chance, alle großen Verlage von meinen einzigartigen literarischen Geniestreich zu überzeugen. Während ich mir vorstellte, wie die Damen und Herren Verleger bei meinem Anblick schon ekstatisch die Vertragsformulare zücken, alle um meine Gunst buhlen und mir mein Manuskript aus den Händen reißen, bemerke ich nicht, dass meine Frau hinter mir steht und mich fragt, was ich den mit dem Rucksack in Frankfurt wolle.  

Ich wache auf. Ein unangenehmer feuchter Traum. Wegen dem Schwitzen, nicht wegen dem weiß-gelblichen Ausfluss. Morgens Halb sieben. Ich kann mich nicht lange mit einer Traumanalyse aufhalten, denn unser Familienausflug auf die Buchmesse beginnt..…jetzt. Verknautscht und nur halb gewaschen rücke ich auf dem Fahrersitz meines Autos. Neben mir meine Frau, die ähnlich verknautscht wie ich sich in das Auto quält und auf der Hinterbank unsere drei Kinder, die für Samstagmorgen viel zu fidel sind. Kurz überlege ich, ob ich den Rucksack in den Kofferraum gepackt habe oder nicht und was meine Frau dazu gesagt hat. Auf der Autobahn fällt es mir ein: Es war ja nur ein Traum, der mich kurz vor dem Aufwachen daran erinnern wollte, dass ich ein gespaltenes Verhältnis zum Literaturbetrieb habe. Ich besuche zum ersten Mal in meinem Leben die Buchmesse in Frankfurt. In den letzten Jahren habe ich mir jedes Mal kurz vorher überlegt, dieser großartigen Veranstaltung einen freundlichen Besuch abzustatten, um dann eine Stunde später diese ahnungslosen Verlagstrottel und diese arroganten Autorensäcke und  Autorinnensäcke (oder heißt es Autorinnensäckinnen) zu verdammen und das Wochenende schmollend unter meiner Bettdecke zu verbringen. Dieses Jahr bin ich dem Reiz erlegen. Obwohl meine Gattin mich mindestens zehn Mal im Spaß gefragt hat, ob ich nicht ein paar Manuskriptexemplare mitnehmen will. Wäre ja meine Chance! Ich bin ruhig geblieben und habe sogar etwas wie Vorfreude entwickelt. Aufgrund meiner pessimistischen Grundhaltung schon ein Zustand, den ich von mir höchstens nach der Einnahme aufputschender Drogen erwarte.

Die erste positive Überraschung: Kein Stau auf der Autobahn, ohne Wartezeiten erreicht man das Parkhaus, alles ist selbst erklärend und kaum ist man aus dem Auto ausgestiegen, sitzt man im Shuttlebus und fährt zum Ort des Geschehens. Zwischen Aussteigen und Shuttlebus fallen uns schon die zahlreichen kostümierten jungen Menschen auf. Auf dem Parkdeck hat irgendein Witzbold eins mannshohes Plastikschwert in Höhe gehalten. Ich dachte schon, es sei ein Touristenführer oder ein Parkplatzeinweiser. Bald war klar: Irgendwie gehörte zu der hochseriösen Buchmesse auch eine Cosplayveranstaltung. Den ganzen Tag liefen uns junge Menschen über den Weg, die irgendwelche Mangafiguren darstellen wollten. Ein netter Farbtupfer auf dieser ansonsten doch so ernsthaften Veranstaltung.

Wir erreichen den Platz vor Halle drei und vier und verfolgen den Vortrag eines jungen Chocolatier, der vor unseren Augen belgische Schokoladenpralinen herstellt. Die Schokolade schmeckt wunderbar, aber was hat das mit Büchern zu tun? Ach so Gastland Flandern und Niederlande, verstehe. Ist mir aber trotzdem erst einmal egal. Wir betreten Halle drei und schon beginnt das Getümmel. So wirklich einen Plan, was wir sehen wollen, haben wir nicht. Erster Fehler, wie ich schnell feststellen muss. Unsere Kinder graben sich am Stand von Leo Lausemaus ein und könnten den ganzen Tag dort bleiben, während drum herum alles über sie steigt, um an irgendeinem Stand kostenlose Prospekte, Leseproben und Tüten zu ergattern. Wie immer, wenn es irgendetwas kostenlos gibt, vergessen Menschen die Grundzüge zivilisatorischen Verhaltens. Zudem gibt es viel Prominenz und Halbprominenz zu betrachten und dort wo sie auftaucht bilden sich Menschentrauben und es gibt kein Durchkommen mehr. Vor der Mittagszeit wird das Gedränge stärker und irgendwann bevor alle eine Mittagspause einlegen, erreicht es seinen Höhepunkt. Danach ist die Drängelkurve linear abnehmend. Ab kurz vor fünf ist eigentlich die richtige Zeit zum Flanieren, aber dann ist der Kopf leer und die Beine schwer und man will nur noch nach Hause. Soviel kann ich schon einmal vorweg nehmen: Am Ende des Tages waren wir positiv gestimmt. Wir haben viel gesehen. Hätten wir Bücher kaufen können, wäre ein Jahresgehalt drauf gegangen. Aber ohne eine Vorauswahl stirbt man an Reizüberflutung. Also haben wir uns vorgenommen beim nächsten Besuch uns genau zu überlegen, welche Veranstaltungen und Stände wir besuchen wollen.

Aber bevor ich mit einem minutiösen Bericht meines Tagesablaufs auf der Buchmesse langweile, hier meine wichtigsten Beobachtungen:

1.       Große Verlage:

Da sitzen Sie in ihren Anzügen und schwarzen Designerklamotten, auf der Nase ausgefallene Brillengestelle, auf dem Kopf die neuesten Frisuren aus Berlin-Mitte oder Berlin-Kreuzberg und verhandeln was die Leser nächste Saison toll finden müssen. Man wird das Gefühl nicht los, dass der gemeine Leser dabei nur stört. Die Publikumstage scheinen für die großen Verlage wie ein unheilbares Geschwür an der Buchmesse dran zu hängen. Man kann es einfach nicht wegschneiden und irgendwie muss man damit leben. Viele große Verlage geben sich wenig Mühe den Leserpöbel gerecht zu werden und wenn er nach einem Buch greift oder an der Absperrung steht und in die V.I.P-Lounge glotzt, möchte man eigentlich gerne den Sicherheitsdienst rufen. Bei Kiepenheuer und Witsch haben wir den Stand mit Kinderwagen und drei Kindern geentert und wurden von einer Verlagstussi dermaßen schief angeschaut, dass ich mich wirklich nicht getraut habe, mich dort länger als zehn Sekunden aufzuhalten. Schade, denn der neue De Lillo (null K) und Kracht (die Toten) gehören für mich auf die Weihnachtswunschliste. Bei Rohwolt stand das neuen Buch von Daniel Kehlmann (du hättest gehen soll) sehr alleine im Regal. Eigentlich auch jemand, von dem ich gerne neue Bücher lese.  

2.       Veranstaltungen:

Die beste Gelegenheit die Literaturprominenz live zu erleben und interessante Dinge über ihre neuen Bücher zu erfahren. Besonders am Messestand des Spiegels und bei der Süddeutschen Zeitung konnte man sich den ganzen Tag aufhalten. Zum Teil kamen da die üblichen Verdächtigen, die man aus dem Fernsehen kennt wie z. B. Hardy Krüger, der irgendwie mittlerweile so alt wie Methusalem ist oder Miroslav Nemec, der Tatort-Kommissar, der einen Krimi geschrieben hat. Schön, sie mal aus der Ferne gesehen zu haben. Oder Philip Winkler, der auf der Bühne des DFB-Kulturprogramms, eher wortkarg sich zu seinem Thema Hooligans Stellung nahm. Man sah ihm an, dass ihm die Gegenwart des anderen Gesprächsgastes und des Moderators, die sich mit ihren grellen Stimmen in einem Schein-Streitgespräch verloren, nicht behagte. Kurz hatte ich darüber nachgedacht, sein Buch zu lesen. Aber auf die Frage, ob er eine Absicht mit seinem Buch verfolge, antwortete er sinngemäß, dass er kein Autor mit Message sei, weil er damit seine Figuren verrate. Okay, er wird es verschmerzen, wenn er einen Leser weniger hat.

 Gerade die altgedienten Kinderbuchautoren haben bei Veranstaltungen einen positiven Eindruck hinterlassen, weil sie natürlich souverän mit solchen Situationen umgehen. Beeindruckend fand ich Kirsten Boie, die nach dem gefühlten fünfhundertstem Buch eine wahre Leidenschaft für ihre Texte ausstrahlt und im Gegensatz zum Jungspund kein Problem hat, eine ernsthafte Botschaft in ihren kindgerechten Texten zu transportieren. Auch Paul Maar gelang es, trotz aller Routine, in einer halbstündigen Lesung seine Zuhörer in seinen Bann zu ziehen. Er las aus seinem neusten Buch, überzog sein Zeitlimit und rezitierte trotzdem am Schluss noch ein Gedicht.  

 Im Forum präsentierte sich das Gastland. Wir gerieten dort in eine sehr unterhaltsame Veranstaltung. Graphic-Novel-Künstler aus den Niederlanden und Deutschland traten gegeneinander an. Auf Zuruf der Zuhörer mussten sie zu bestimmten Themen gemeinsam eine Karikatur auf ein Flipchart zaubern. Die Veranstaltung wurde von einem älteren stark tätowierten Mann in einem Frauenkleid moderiert. Am Ende der Veranstaltung entkleideten sich zwei der Niederländer bis auf die Unterhosen. Zu guter Letzt bemalten Sie den Rücken eines ihrer Kollegen. Das letzte gemeinsame Bild malten sie mit dem Mund. Die deutsche Mannschaft war deutlich unterlegen und sorgte für wenig Lacher.

 Es gab unzählige kleine Gesprächsrunden, die ihrer Zuhörer fanden, aber sich mit Nischenthemen auseinandersetzten. Zum Teil waren sie wahrscheinlich wesentlich interessanter als die vollgestopften Promiveranstaltungen. Ich selbst lauschte noch einem freien Lektor, der einen Einblick in seine Arbeit gab. Für mich selbst war es die lehrreichste Veranstaltung des Tages, weil er viele typische Autorenfehler aufzählte und ich genau diese Fehler in meinen Texten wiederfinde.

3.       Halbprominenz:

Was sucht Daniela Katzenberger auf der Buchmesse? Genau, sie hat ein Buch geschrieben. Kaum zu glauben, aber wahr. Trotzdem bleibt sie unsichtbar. Hinter einer Menschenwand (hauptsächlich Männer) saß sie am Stand ihres Verlages und gab Autogramme. Erzählte man sich zumindest. Vielleicht war sie auch gar nicht da und alle haben nur geglaubt, sie sei da gewesen.

 Und dann gibt es die vielen kleinen Verlage, die auch ihre Stars haben. In Halle 3.1 zeigt von einem Plakat ein muskelbepackter GI-Joe im Anzug auf mich und kündigt seine eigene Gesetzgebung an. Die Limbeck-Laws: Für jeden Vertriebler ein Must-Have. Komischerweise habe ich als Bankwarenverkäufer im Hauptberuf noch nie etwas diesen Gesetzen gehört. Irgendetwas scheint nicht mit mir zu stimmen. Limbeck sitzt drei Meter neben seinem Plakat und schießt ein Selfie. Er grinst dabei, als sei er sehr glücklich, sich getroffen zu haben.

Bei den Book-On-Demand-Menschen konnte man der absoluten Top-Schriftstellerin unserer Zeit begegnen: Emma C. Moore. Auch noch nie gehört? Glück gehabt, ich habe gedacht, ich sei der Einzige an dem das Bestsellerwunder vorbei gegangen ist. Frau Moore ist eine Mittvierzigerin mit dem Erscheinungsbild einer Bordellbesitzerin. Sonnenbrille auf den Augen, braune Schminke im Gesicht und ein Gepardenjäckchen am Leib. Ihre Fans, zumeist Frauen, dürfen sich ungezwungen mit ihr unterhalten. Das macht sie wiederum sympathisch.

 Und dann zum Schluss sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben Stefanie Gerstenberger und ihre Tochter Marta Martin. Frau Gerstenberger schreibt selbst auf ihrer Homepage, dass sie im Grund immer denselben Roman schreibt. Da braucht man, wenn einem nichts mehr einfällt, auch mal die Hilfe der Tochter. Beide lesen aus ihrem gemeinsamen Werk. Die Tochter quietscht etwas über Liebe und Herz. Alles in blond und Plüsch. Niedlich und zuckersüß. Aber anscheinend interessant genug, um Leser zu finden.

4.       Noch eine kleine Beobachtung: Wie-uns-Bücher begegnen einem immer wieder. Nicht, dass man das Gefühl hat, sie nehmen überhand. Aber ab und zu liest man eine knalligen Titel und als Untertitel nicht minder schockierende Hinweise auf den Inhalt: Wie Behörden und Politiker uns abzocken. Wie der Rinderwahn ihr Gesundheit und ihr Hirn zerstört (Antiquariat von 1995) Wie die Presse und Angela Merkel uns belügen (und Frauke Petry die Wahrheit sagt). Man könnte fast der Meinung sein, hier haben alle Verschwörungstheoretiker, Reichsbürger und heimatlose Konservative ihr Genre gefunden.

5.       Ich wollte unbedingt zu den Internetklitschen wie epubli. Ich selbst bin Kunde bei epubli und war erstaunt, dass die Menschen, die einem von der Homepage anlächeln, wirklich bei dieser Firma arbeiten. Unter einer Self-Puplisher-Area habe ich mir mehr versprochen. Das lag vielleicht daran, dass mit Mangaverkaufsständen verseucht war.

 

 

Viele meiner Eindrücke sind dem Vergessen zum Opfer gefallen. Es tut mir leid, aber mein Hirn ist nur so groß wie ein Planet und es heißt den ganzen Tag: Marvin, mach die Tür auf, mach die Tür zu und mein letzte Unterhaltung war vor fünfzig Millionen Jahren mit einer Kaffeemaschine. Aber es gibt ja bald wieder eine Buchmesse!!!

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