Frankfurter Buchmesse 2023

Nach einigen Besuchen auf der Buchmesse in Frankfurt kann uns nichts mehr erschüttern und aus der Ruhe bringen. Der Tag fängt immer mit einem überfüllten Zug an. Eine Horde Fußballfans, die sich in Gießen in den Wagen quetschen, vormittags Flaschenbier konsumieren und im dichten Gedränge an ihren Verdampfern ziehen, gehören dazu. Genauso wie die unscheinbare Frau, die morgens um halb zehn genüsslich mit der Gabel in einem kalten Potpourri aus Kartoffeln und Zwiebeln herumstochert, das sie in einem Blechbehältnis seit Tagen gären lässt. Der scharfe Geruch der Zwiebeln steigt mir in die Nase und ich halte ihn stoisch aus. Daneben sitzt die Armada junger Frauen, die sich an ihren New Adult Schinken festhalten und keinen Zentimeter weichen wollen, wenn man im Gang um ein wenig Platz bettelt. Hinter mir piksen mich die selbst gebastelten Schwerter der als Anime-Figuren verkleideten Cosplayer in den Rücken und eine hysterische Person beschwert sich lautstark über den Platzmangel im Gang.  Beim Ausstieg am Zielbahnhof versperren uns alte Herren in verbeulten Anzügen, die seit vierzig Jahren nicht gereinigt wurden, den Weg, weil sie mit ihren verbeulten Lederkoffern in der Hand den Bahnsteig gemächlich entlangtrotten wollen.  Aber das ist ja nur der Anfang. Spätestens wenn man gegen Mittag in Halle 3.0 versucht von einem Ende zum anderen Ende der Halle zu kommen und sich fragt, wo die ganzen Menschen plötzlich herkommen, man 13000 Schritte gelaufen ist, vier Stunden gestanden hat, drei bis vier matschige Wurstbrötchen, die man von zu Hause mitgebracht hat, verschlungen hat, weil man sich das Anstehen an den Ständen und die Mondpreise für das Messeessen ersparen will, man mindestens einmal in Panik gerät, weil man seinen achtjährige Sohn nicht mehr findet, er nach einer aufwendigen Suchaktion an irgendeinem Stand am anderen Ende der Halle wieder auftaucht und so tut als sei nichts gewesen, um dann doch in Tränen auszubrechen, weiß man, dass man auf der Buchmesse in Frankfurt ist.    

Und trotz alledem passieren wir gutgelaunt um 9.45 die Zutrittsschleuse und bewegen uns flott über die langen Gänge, die die Messehallen verbinden, auf die Halle 3.1 und den Stand der Süddeutschen Zeitung zu. Die Hallen sind noch leer und wir bekommen einen guten Platz neben der Bühne. Zwei Minuten später drängelt sich Frau Föderl-Schmid, stellvertretende Chefredakteurin der SZ und Deborah Feldmann an uns vorbei, um auf der Bühne ihre Plätze einzunehmen.

Nur am Rande des Interviews geht es um Frau Feldmanns neues Buch „Judenfetisch“ (ISBN 978-3-630-87751-8, Luchterhand).  Frau Förderl-Schmidt, die selbst in Israel gelebt hat, lenkt das Gespräch schnell auf die aktuelle Situation in Israel. Deborah Feldmann ist ergriffen von den Geschehnissen. Sie sucht nach den richtigen Worten und versucht sehr stark zu differenzieren. Man merkt ihr an, dass sie ihre Perspektive vermitteln will, ohne ihre Meinung den Zuhörer aufzudrängen. Mittendrin appelliert sie an die Zuhörer und fordert sie auf, sich mehrere Meinungen zu dem Thema anzuhören und sich selbst ein Bild zu machen, weil sie selbst befangen ist.

Wenn sie von Hoffnungslosigkeit spricht, glaubt man ihr, dass es aus ihrer Sicht nun keine Chance mehr auf ein friedliches Zusammenleben in der Region gibt und sie spart nicht mit Kritik an der israelischen Politik, die sich in den letzten Jahren von den Ideen des linken Zionismus entfernt hat und sich immer mehr dem biblischen Zionismus zugewandt hat, der kein Raum für Frieden lässt. Sie kritisiert aber auch die deutsche Politik, die sich hinter den Floskeln der Solidarität zu Israel versteckt und keine Taten folgen lässt. Niemand scheint anzuerkennen, dass  Israels Sicherheit nur durch Frieden und Verständigung gesichert werden kann.

Zum Schluss erzählt sie über eine Familie aus einem Kibbuz, die einen Angriff überlebt haben und die vorher jahrelang Kindern aus dem Gazastreifen geholfen hat und nun nicht mehr helfen will. Plötzlich hält Deborah Feldmann inne und es überkommen Trauer und Schmerz. In dem Moment schnürt sich mir der Hals zu. Dieser Konflikt ist so vielschichtig und unbegreiflich für uns und als wir den Stand verlassen, fällt es uns schwer, einfach weiter zu gehen. Im Laufe des Tages kommen wir immer wieder auf das Thema zurück, sprechen in den Pausen darüber und sind uns einig, dass Deborah Feldmann mit ihrer persönlichen und emotionalen Analyse uns die schwierige Situation erhellt hat. 

Nach einer Verschnaufpause gehe ich zum Stand der F.A.Z. um Daniel Kehlmann zu lauschen, der im Gespräch mit Sandra Kegel (Ressortleiterin Feuilleton der FAZ) seinen neuen Roman über den Stummfilmregisseur G.W. Pabst vorstellt. Ich sehe Herrn Kehlmann zum ersten Mal live und Frau Kegel stellt ihn als einer der freundlichsten deutschen Schriftsteller vor. Er wirkt äußerlich nicht wie der Star der deutschen Literaturszene, er könnte glatt als Verwaltungsfachangestellter oder Gymnasiallehrer durchgehen. Er gibt gerne Auskunft zu der Entstehung seines neuen Romans „Lichtspiel“(978-3-498-00387-6, Rohwohlt), der sich um den Stummfilmregisseur G.W. Pabst dreht. Für Kehlmann war die Figur G.W. Pabst interessant, weil er erst nach Hollywood emigriert war, um nach ein paar Misserfolgen nach Österreich zurückzukehren. Pabst hatte den Ruf ein „roter“ Regisseur zu sein, seine frühen Filme waren sehr sozialkritisch. Er stand ideologisch den Nationalsozialsten nie nahe, hatte aber im dritten Reich im Auftrag des Propagandaministeriums  weiter Filme gedreht. Pabst hat den modernen Filmschnitt mitentwickelt und Kehlmann hat neben der Geschichte der Reimmigration die Übersetzung des filmischen Schnittes in Literatur gereizt. Zudem gab es genug Lücken in der Biographie des Regisseurs, die Kehlmann genutzt hat, um sie literarisch auszufüllen. Das Ganze hat er mit fantastischen und surrealen Elementen angedickt.  Das sind alles typische Ingredienzen, die man aus seinen Romanen kennt und zu schätzen weiß. Das Buch werde ich mir auf jeden Fall kaufen. Nach zwanzig Minuten ist der Spaß vorbei und meine Beine zeigten erste Ermüdungserscheinungen.

Die nächste Stehparty folgt sofort. Schlangestehen im Congress-Zentrum, um Cornelia Funke zu sehen. Die Veranstaltung war hoffnungslos überlaufen und man kam noch nicht mal in Sichtweite des Eingangs zum Saal.  Also taumeln wir durch diverse Hallen und landen am Stand von BookTok: Die Plattform bringt viele junge Leser zurück zum angestaubten Medium Buch. Den jungen Lesern ist es auf einmal wieder wichtig, ein Buch als haptisches Produkt zu besitzen.  Und doch ist es wie immer: es gibt viele ältere Menschen, die jungen Menschen vorwerfen, dass sie ihr Zeit nur noch am Handy verbringen und keine Bücher mehr lesen (seltsamerweise kommt der Vorwurf oft von Menschen, die selbst keine Bücher mehr lesen) und wenn sie dann an ihrem Handy Bücher für sich entdecken und daraus auch neue Literatur entsteht, ist es auch nicht richtig. Es ist der ewige Generationenkonflikt, den meistens die jungen Menschen für sich entscheiden. BookTok nimmt auf jeden Fall eine große Fläche in einer Halle ein. Dort kann man an einem Glücksrad ein Buch gewinnen. Die Schlange vor diesem Rad scheint durch die ganze Halle zu reichen. Meine Frau und Meine Tochter stehen vierzig Minuten an. Meine Tochter darf endlich drehen und wie der Zufall es will, kommt das Glücksrad an der richtigen Stelle zum Stehen.  Sie wollte sich „22 Bahnen“ (ISBN 978-3-8321-6803-2, DUMONT) von Corinna Wahl aussuchen, aber der BookTok-Aufpasser hat den Gewinn nicht anerkannt. Er hat wohl nicht richtig hingeschaut und es gab nur eine Stofftasche von TikTok. Wir wittern Betrug und wollen die Chinesen verklagen…Hilft ja nix..

Wir sind zurück in Halle 3.0 in der mittlerweile die Hölle ausgebrochen ist. Es ist erstaunlich wie viele junge Menschen sich dort herumtreiben und ihre Liebe zum totgesagten Medium Buch kundtun. Sogar am Reclamstand, an dem ich in den letzten Jahren einige schöne Bücher gefunden habe, ist die Schlange an der Kasse lang. Vor mir stehen nur junge Damen, die mit gelben Heften bepackt, schüchtern ihre Geldbeutel zücken. Ich bin meiner Tradition treu geblieben und kaufe bei Reclam „Sound of Rebellion“ von Peter Kemper(978-3-15-011324-0) , ein Buch über die politische Ästhetik des Jazz für 38 EUR und zwei rote Bücher mit italienischen Liedern und Sprichwörtern.

Ich wechsle wieder in Halle 3.1 und muss Umwege in Kauf nehmen, weil Ordner die Menschenströme zu lenken versuchen und einen nicht mehr überall durchlassen. Neben den F.A.Z.-Stand hat sich der Katapult-Verlag breit gemacht. Letztes Jahr war der Verlag noch eine frische und interessante Erscheinung am Verlagshimmel. Nun ist er pleite. Auch dieser Umstand wird mit widerborstigem Humor zu Schau gestellt. Letztes Jahr hatte ich das Buch über PhilosophInnen mit einem Alkoholproblem an dieser Stelle empfohlen, aber nicht gekauft. Kurz habe ich überlegt, ob ich das Buch jetzt kaufe, bevor der Verlag endgültig pleite ist und man das Buch nicht mehr bekommt. Die Tatsache, dass es noch einen zweiten Teil gibt (Die Kaputten, s.u.), hat mir die Entscheidung noch schwerer gemacht. Ich hatte aber bei Reclam mein Buchbudget schon überschritten und mich gegen den Erwerb der Bücher entschieden.

Während ich am SZ auf Terezia Mora warte, die gleich ihr neues Buch „Muna“ (ISBN 978-3-630-87496-8, Lucherhand) vorstellen wird, starre ich auf meinen Handybildschirm und spüre meinen Schmerzen in den Oberschenkeln und Waden nach. Das Stehen kostet mich Kraft. Plötzlich schiebt mich jemand zur Seite. „Können Sie mal Platz machen?“ Die Redakteurin, die Frau Mora gleich interviewen wird, geleitet Frau Mora durch die Menge. Als nächstes sehe ich die Rückseite der Autorin, die ihren Körper in Richtung Publikum dreht und das Vorgehen der Redakteurin kommentiert.

„Ja stimmt, man kann ja die Menschen auch mal fragen, ob sie Platz machen.“

Ich sehe Frau Mora zum zweiten Mal auf einer Buchmesse und wie beim letzten Mal bietet sie einen kurzweiligen und tiefsinnigen Einblick in die Entstehungsgeschichte ihres neuen Romans. Frau Mora berichtet über Schreibkrisen, die ihre Agentin noch befeuerte, in dem sie für die Autorin einen Vertrag über drei Romane abgeschlossen hatte. Frau Mora hatte keinerlei Idee für neue Bücher. Die Agentin empfahl ihr einfach abzuwarten, da sich ja die Ideen von selbst ergeben werden. Bald hatte Frau Mora die Idee, eine Trilogie über Frauen zu schreiben. Zum ersten Mal hatte sie in einem Roman die Geschichte aus Sicht einer Frau erzählt. Die Tatsache scheint sogar Frau Mora zu erstaunen. Muna ist eine patente und starke Frau, die sich einem Mann hingibt, der kalt und unnahbar scheint. Sie begibt sich in eine toxische Beziehung, die ihr Leben von nun an bestimmt. Frau Mora unternimmt den Versuch, zu ergründen, warum Frauen freiwillig in solche Abhängigkeiten begeben und sinniert auskunftsfreudig über ihre Gedanken zu dem Thema. Nachdem ich alle drei Romane der Darius-Kopp-Trilogie gelesen habe, werde ich auch diesen Roman und alle weiteren Romane der neuen Trilogie lesen.

Ich war mir nicht sicher, ob ich im Anschluss Bov Bjerg am SZ-Stand zuhören sollte. Ich ging davon aus, dass meine Beine nach einer weiteren dreiviertel Stunde unbewegten Stehens dann endgültig zu Schmerzsäulen erstarren. Obwohl ich den Autor gerne mal live erlebt hätte, weil ich seinen Roman „Serpentinen“ damals verschlungen habe und die Beschreibung seines neuen Buches „Der Vorweiner“ echt schräg und skurill klingt, hat er sich doch diesmal an eine Dystopie gewagt, lasse ich das Gespräch am SZ-Stand aus und vereinige mich wieder mit meiner Frau und den Kindern, um im zweiten Stock des Forums den Pavillon des Gastlandes Slowenien zu besuchen. Ich sehe nicht viel von Slowenien, weil ich mich sofort auf einen Hocker fallen und mich von meiner Frau mit Zartbitterschokolade füttern lasse, die von netten Slowenen kostenlos an Besucher verteilt werden.

Im Erdgeschoß des Forums laufen wie immer ohne Unterbrechungen Podiumsdiskussionen und Interviews von ARD, ZDF und 3Sat. Als wir aus Slowenien zurückkommen, reden Isabel Schayani, Sineb el Masrar, Jagoda Marinic gerade über das allgegenwärtige Thema, Migration und Integration.  Dazu muss ich nicht viel sagen, denn man kann sich alle Gespräche in den Mediatheken anschauen.

Es folgt ein absoluter Themenbruch: Otto Waalkes betritt gemeinsam mit Bärbel Schäfer die Bühne, deren dunkle Vergangenheit als Moderatorin eine Thrash-Talkshow im Privatfernsehn fast genauso wenig wie der altbackene Humor von Otto Waalkes zu ertragen ist. Aber Irgendwie haben sich beide  in die Gegenwart gerettet und scheinen nun geläutert zu sein.

 Auch Otto hat ein neues Buch veröffentlicht, in dem er 75 große Meisterwerke der Kunstgeschichte den Ottifanten untergejubelt hat. Meine Tochter fragte mich, ob das der Kerl mit den schwulen Schlümpfen sei? Eine Freundin von ihr stünde total auf Otto. Äh? Schwule Schlümpfe? Stimmt, da war was….Ja, das ist er! Otto kann man ja total blöd finden. In meiner Kindheit war er schon das Maß für bitterbösen Humor, auch wenn er immer kalauernd und blödsinnig daher kam. Was ich an Otto noch nie leiden konnte: Es gibt ihn in der Öffentlichkeit nur als seine eigene Kunstfigur und ich war positiv überrascht, dass er für seine Verhältnisse sehr ernst über sein Buch gesprochen hat. Aber das kann man sich auch in der ZDF-Mediathek anschauen.

Am späten Nachmittag ist in Halle 3.0 mittlerweile Ruhe eingekehrt. Der große Andrang ist vorbei. Für meine Frau und die Kinder ergibt sich die letzte Chance zum Bücherkauf. Für meinen Sohn musste es ein Fußballbuch sein. Meine Tochter holte sich, nachdem man ihr den Gewinn des Buches am Booktok-Stand verwehrt hatte, „22 Bahnen“ von Caroline Wahl bei Dumont. Meine Frau hat den Roman von Deborah Feldmann bei Penguin Random House gefunden und gekauft.  

Als letzte Veranstaltung haben wir uns im Forum noch das Interview von Cornelia Funke mit Bärbel Schäfer als Rausschmeißer gegeben. Frau Funke hat lange in der USA gelebt, ist jetzt in die Toskana gezogen und nach sechzehn Jahren zum ersten Mal auf der Buchmesse. Ich kann nicht behaupten, dass ich sie vermisst habe. Ich finde sie als Person wie als Autorin total überbewertet. Ich kann ältere Frauen nicht ausstehen, die so tun als seien sie innerlich Kinder geblieben. Auch wenn sie über irgendwelche aktuellen Themen spricht, klingt sie leicht naiv. Aber das ist meine subjektive Meinung und wer sie nicht teilt, ist herzlich willkommen.

Genervt von Frau Funke und meinen Beinschmerzen nahm ich gerne den Vorschlag meiner Frau an, sich zu beeilen, um noch den übernächsten Zug nach Hause zu bekommen. Der Zug war leer und wir bekamen alle einen Sitzplatz. Ich atmete einmal tief durch und biss in meine Ditsch-Brezel. Wieder einmal haben wir eine Buchmesse entspannt hinter uns gelassen.

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Die Buchmesse…immer wieder die Buchmesse…sich am Samstagmorgen leicht übermüdet in den Zug nach Frankfurt quälen…schon beim Eintritt nicht zu wissen, wo man hin will… meine Frau, die unbedingt viele Bücher kaufen will (geht jetzt auch samstags. Deswegen waren wir samstags und nicht wie in den Jahren zuvor sonntags auf der Buchmesse) und für gewöhnlich leicht frustriert ohne ein einziges Buch nach Hause fährt…ich, der ich nach interessanten Autoren fahnde und seinen alljährlichen Artikel für seinen Blog im Kopf hat und davon träumt mal an den Fachtagen auf die Messe zu gehen…das Geschubse in den Hallen…die langen Gänge, unendliche Meter zu Fuß…die vielen Cosplay-Mädchen mit ihren Lolita Kostümen und ihren überdimensionierten Pappmaché-schwertern…die Nerds, die nur kostenlose Artikel in ihre unzähligen Stofftaschen packen wo…warum machen wir das alles bloß…warum nur?

Sascha Lobo – ZDF blaues Sofa

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Eine nette junge Messehostess reicht den Kindern Papierstreifen. Wenn man sie verliert, können wir angerufen werden. Wir verlieren jedes Jahr eines unserer Kinder. Besonders unser jüngster neigt dazu, einfach zu verschwinden. Wir rennen durch den Eingangsbereich in die Halle 4.1. Meine Frau sucht nach Mealprep-Büchern und ich suche das blaue Sofa vom ZDF. Pünktlich um halb Elf bin ich da. Sascha Lobo redet schon. Er hat ein neues Buch geschrieben (Realitätsschock). Der Mann mit rotem Iro und schwarzen Schlabberanzug ist der allgegenwärtige Onkel der Digitalnerds, der uns analogen Menschen das virtuelle Welt des Internets erklärt. Unaufgeregt beschreibt er, wie Attentäter durch die digitale Vernetzung ein Publikum finden und dieses sich zur Nachahmung berufen fühlt. Rechtsextreme hat es schon immer gegeben, aber durch das Internet haben sich Filterblasen und Plattformen gebildet, auf denen sie ihre Meinungen potenzieren können und sich nach Lust und Laune austoben können. Seine Kernthese ist, dass Politik und auch die Gesellschaft auf die Entwicklungen des 21. Jahrhunderts mit Mitteln des 20. Jahrhunderts reagiert. Als Beispiel nannte er das Rezo-Video. Hätte der Youtuber einen Leitartikel in irgendeiner großen Tageszeitung mit gleichem Inhalt veröffentlicht, hätte die CDU die Mittel gehabt, um auf die Vorwürfe reagieren zu können. Alleine durch die Veröffentlichung der Polemik auf einer digitalen Plattform wie Youtube war die CDU völlig unfähig eine angemessene Antwort zu zugeben. Dann machte Herr Lobo launige Witze über Julia Klöckner, die ihn wohl am Vortag an seinem Stand besucht hatte und ihn mit zwei Küsschen begrüßt hatte. Worauf hin die Frage aufkam, warum Frau Klöckner ihn so begrüße. Er antwortete, dass sei ihrer herzliche Art geschuldet. Man kenne sich, außerdem habe sie als Weinkönigin ein entsprechendes Begrüßungstraining genossen. Die Lacher hat er auf seine Seite. Insgesamt fand ich das Interview sehr aufschlussreich, weil ein Internetfreak und Interpret digitaler Kommunikation vollkommen überrascht ist über die Entwicklungen der letzten Jahre und selbst eher achselzuckend darauf reagiert. Das nimmt man Herr Lobo ab. Er kann die Zusammenhänge nachvollziehbar darstellen, ohne ihnen die Komplexität zu nehmen. Er legt die Finger in die ziemlich eitrigen Wunden und lässt sie offen vor sich her blühen. Den Verband müssen die anderen anlegen. Ich höre ihm gerne zu. Aber ein Buch muss ich nicht von ihm haben. Da kenne ich tiefsinnigere Welterklärer.

Dag Olstad im Gespräch mit Hinrich Schmidt-Henkel – norwegischer Pavillon

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Kaum bin ich weg vom blauen Sofa, finde ich meine Familie nicht mehr wieder. In Halle 3.0 sind die Gänge schon vollkommen überfüllt. Mehrmals rufe ich meine Frau auf dem Handy an, jedes Mal springt die Mailbox an. Ich schwitze, die Menschenmassen empfinde ich als Zumutung. Kurz überlege ich, mich wieder in den Zug zu setzen und ohne meine Familie heim zu fahren, da klingelt endlich mein Handy. Meine Frau möchte gerne zum norwegischen Pavillon, in der Hoffnung, dass dort weniger Betrieb ist. Außerdem möchte Sie Hinrich Schmidt-Henkel live erleben. Herr Schmidt-Henkel ist ein vielbeschäftigter Übersetzer bekannter französischer und norwegischer Autoren. Außerdem taucht er immer wieder mal in der Sendung Karambolage auf Arte auf und erklärt besondere Wörter und Redewendungen. Nach der Lektüre zweier Bücher von Édouard Louis (dem ich mich in einem anderen Beitrag gerne widmen möchten), die von Herr Schmidt-Hinkel übersetzt wurden und durch seine Auftritte in der Sendung Karambolage wurde meine Frau auf ihn aufmerksam. Herr Schmidt-Hinkel sollte ein Gespräch mit norwegischen Autor Dag Solstad führen. Herr Solstad ist ein kleiner gramgebeugter alter Herr mit weißer Fusselmähne und zerstörtem Gesicht mit weißem Stoppelbart, der ein Jackett aufträgt, das er wahrscheinlich schon vor vierzig Jahren aus dem Altkleidercontainer gefischt hat. Das Interview stellt sich als langwierig und zäh heraus. Herr Hinrich Schmidt-Hinkel stellt lange Fragen, die erst von einem anderen Übersetzer, anhand seiner Notizen, Herrn Solstad vermittelt werden müssen und der kryptische Antworten auf Norwegisch gibt, die der Übersetzer wiederum anhand seiner Notizen ins Deutsche übersetzt. Herr Solstad wurde lange Zeit nicht in Deutschland verlegt, obwohl er in Norwegen recht erfolgreich war. Anscheinend wurden ihm als politischen Autor mit kommunistischer Prägung keine Erfolgschancen im Ausland beigemessen. Erst als ihm durch das Ende des kalten Krieges die politische Utopie abhandengekommen war, begann er unpolitische Romane zu schreiben und erst dann wurden seine Bücher auch übersetzt und in Deutschland verlegt. In seinen Büchern neuerer Prägung geht es um Protagonisten, die sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen, um außerhalb der Gesellschaft leben zu wollen. Der aktuelle Roman, der vor kurzem in Deutschland veröffentlicht wurde, ist zwanzig Jahre alt. Er heißt „T.Singer“ und Herr Olstad liest uns eine Passage aus dem Roman auf Norwegisch vor. Wir denken an eine Realsatire: ein alter ungepflegter Schriftsteller liest verwaschen, fast lallend, auf Norwegisch einen Text vor, den wir nicht verstehen und auch nicht folgen können. Als dann Herr Schmidt Hinrich noch den Inhalt zusammenfasst, die Geschichte eines Vierunddreißigjährigen Bibliothekars, der sich vollkommen zurückgezogen hat und sich in eine Töpferin verliebt, können wir uns kaum zurückhalten. Wir grinsen, schmunzeln und meine Frau gibt mir als Belohnung für die Strapazen des Zuhörens ein Duplo. Wir schauen uns den Norwegischen Pavillon an und hören im Hintergrund Herrn Schmidt-Hinrich jubilieren und Herrn Olstadt grummeln. Der Pavillon wirkt übrigens diesmal sehr leblos und lieblos. Auf Tischen liegt norwegische Literatur aus, die Tische sind mit Edelstahlgebilden verziert und der Raum ist durch große Spiegel links und rechts künstlich vergrößert worden. Mehr Stil ist nicht.

In der Halle 3.0 ist kein Durchkommen mehr. Wir haben den Eindruck, dass samstags mehr Betrieb als sonntags ist oder liegt es daran, dass man nun auch samstags Bücher kaufen kann oder dass das Wetter schlecht ist? Wir finden keine erhellende Erklärung und rennen raus, um uns dann in der Halle 4.1 zu tummeln. Während meine Familie noch in der Halle bleibt, mache ich mich auf den Weg zu einem anderen Programmpunkt, der mir besonders am Herzen liegt

Terezia Mora im Gespräch mit Elke Schmitter – am Stand des Spiegels

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Für mich ist es eine heilige Pflicht dem Stand des Spiegels auf der Buchmesse einen Besuch abzustatten. Seit über dreißig Jahren habe ich keine Ausgabe des Spiegels verpasst und jede Ausgabe von hinten nach vorne gelesen. Niels Nikmar, Susanne Beyer oder Elke Schmitter in voller Größe in Augenschein nehmen zu dürfen, ist für mich eine Ehre. Das Terezia Mora ihr neues Buch beim Spiegel vorstellt, bedeutet für mich also doppelten Lustgewinn. Schließlich habe ich Frau Mora dieses Jahr für mich entdeckt. Selten kann ich erfolgreichen Autoren etwas abgewinnen, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen und dafür gefeiert werden, dass sie den neusten heißen Scheiß geschrieben haben. Für mich müssen Autoren wie gute Weine ein paar Jahre reifen. Sie müssen sich etablieren und über mehrere Bücher hinweg beweisen, dass sie mein Interesse verdient haben. Terezia Mora war der richtige heiße Scheiß als sie 2014 den deutschen Buchpreis gewann und für mich wurde sie erst interessant als sie den Georg-Büchner-Preis gewann, die Autoren zumeist erst bekommen, wenn sie schon über den Status der Eintagsfliege hinausgewachsen sind. Im Frühjahr habe ich den ersten Teil der Trilogie um den Protagonisten Darius Kopp gelesen. „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ aus dem Jahr 2009 hat mich begeistert. Frau Mora hat nun den letzten Teil der Trilogie „Auf dem Seil“ veröffentlicht. Frau Mora ist genauso alt wie ich und eine sympathische Person, die gerne Auskunft über ihre schriftstellerische Tätigkeit gibt. Man kann als Autor viel von ihr lernen, weil sie sehr plastisch ihre Arbeit am Werk reflektieren kann. Wenn sie über Darius Kopp spricht, hat man das Gefühl, die Person existiere wirklich. Teresia Mora antwortete auf die Frage, ob es sein könne, dass Kopp in einem späteren Werk wieder auftauche, sie es nicht als wahrscheinlich sieht, das sie alles erzählt hat, was sie über Darius weiß. Es gibt an dem Charakter Darius Kopp etwas, dass über das Wissen der Autorin hinausreicht, als habe Frau Mora Darius Kopp kennengelernt, eine Zeitlang beobachtet und begleitet und nun hinter sich gelassen, damit Herr Kopp sein Leben weiter leben kann. Das offenbart eine liebevolle Haltung der Autorin gegenüber ihren Figuren, die irgendwann zu eigenständigen Personen werden und zu denen sie trotzdem eine professionelle Distanz hält. Sie zeigt im Interview auch die Konstruktionsarbeit die bei der Entwicklung des Textes notwendig war. Im dritten Teil musste sie dafür sorgen, den mittellosen Darius wieder nach Berlin kommt, dem Ausgangspunkt ihrer Trilogie. Zufälligerweise sei ihr bei Recherchen aufgefallen, dass der Ätna früher als der Eingang zum Hades galt und es ein wunderbarer Ort sei, damit Kopp die Asche seiner Frau verstreuen könne. Alles dies musste sie in eine Geschichte gießen, die trotz aller Konstruktion glaubwürdig bleibt. Die große Kunst besteht darin, dass egal wie abstrus die Handlung klingt, man als Leser sie als Möglichkeit anerkennt. In dem Falle trägt dazu bei, dass Kopp in der Gegenwart lebt, in dem Sinne, dass er nicht sonderlich reflektiert und wenn er beim Denken nicht mehr weiter kommt, einfach zu Handeln beginnt. Frau Mora sagt selbst, dass Darius Kopp sich durch sein Leben wurschtelt und er sich damit in guter Gesellschaft befindet, da sich die meisten Menschen letztendlich durch ihr Leben wurschteln. Frau Mora hat mit ihrer Trilogie ein Werk über den urbanen Menschen der Gegenwart geschaffen, der hoffnungsvoll anfängt, in prekären Lebensverhältnissen und gepflegten Großstadthedonismus hängenbleibt und sich nur weiter entwickelt, wenn das Schicksal ihn dazu zwingt. Frau Mora hat noch ein paar Fragen zu ihrem Verhältnis zu deutschen Sprache und ihrer Herkunft beantwortet und schon war eine kurzweilige halbe Stunde vorbei.

Danach war die Buchmesse für mich mental zu Ende. Wir sind noch zwei Stunden durch die sich langsam leerenden Gänge gebummelt. Schließlich sind wir im Yogi-Tee-Zelt gelandet. Meine Frau hat auf eine Tasse kostenlosen Tee spekuliert. Allerdings gab es keinen Tee mehr. Zumindest hat sie ein paar Packungen Tee gekauft und damit den Frust über die nicht gekauften Bücher kompensiert. Irgendwann waren die Füße schwer und der Kopf leer und wir sind wieder in den Zug gestiegen und nach Hause gefahren.