Bonjour, trauriger Osterhase

IMG_5018Ich werde früh wach, recke und strecke mich, stehe auf und schiebe den Vorhang in unserem Schlafzimmer zur Seite. Draußen scheint die Sonne, keine Wolke am Himmel, ich höre die Vögel singen und betrachte voller Vorfreude auf den Tag die bunte Blütenpracht in unserem Garten. Ich seufze leise. Ich habe selten ein Ostersonntag erlebt, der so friedlich beginnt. Was ist denn das? Was sucht dieses graue Tier mit langen Ohren auf unserer Wiese? Um Gottes Willen, das ist der Osterhase! Das kann nicht wahr sein! Sogar mein fünfjähriger Sohn glaubt nicht mehr an den Osterhasen. Eindeutig, er ist es! Er trägt auf seinem Rücken einen großen Korb. Er kommt kaum voran. Sein Hoppeln gleicht eher einem Humpeln. Das soll der Osterhase sein?! Ab und zu bleibt er stehen, zieht sich missmutig den Korb vom Rücken und lässt ein Schokoladenei auf den Boden fallen. Naja, er hat viel zu tun, hat wahrscheinlich in den letzten Tagen Sonderschichten geschoben. Ist halt eben ein Saisongeschäft. Er trägt an den Händen Plastikhandschuhe, an denen er nervös herumnestelt. In Zeiten lästiger Pandemien durchaus vernünftig. Er zieht sich wieder den Korb auf und schleppt sich ein paar Meter weiter. Er bleibt wieder stehen. Ich schaue auf die Uhr. So wird er nie fertig. Er hat ja Lieferzeiten einzuhalten. Heute Mittag müssen die Eier, Schokoladen und Geschenke verteilt sein. Wieder zieht er den Korb von seinen Schultern und stellt ihn neben sich. Der wird sich doch nicht ins Gras legen und sich ausruhen. Jetzt fällt mir auch auf, dass er einen Mundschutz trägt. Sogar eine FFP-Maske Klasse 3. Wo er die wohl her hat? Naja diese Osterhasen haben ganz bestimmt gute Beziehungen zu den Chinesen. Die produzieren das ja alles. Er wühlt in seinen Korb und holt ein Geschenkpäckchen hervor. Meine Tochter hat sich ein Buch gewünscht. Braves Kind, sie liest viel. Sie soll später Wirtschaftsanwältin, Controllerin oder Unternehmensberaterin werden. Solange sie nicht in die Pflege oder ins Krankenhaus geht, da verdient man ja nix, ist alles in Ordnung. Der Osterhase nimmt sich viel Zeit und begutachtet das Päckchen. Er soll es endlich hinlegen. Ich glaube nicht, dass es zu seinem Aufgabengebiet gehört, über Geschenke zu sinnieren. Ich schaue auf meine Uhr und werde ungeduldig. Was ist das denn für ein blöder Osterhase? Überhaupt keine Arbeitsmoral! Wahrscheinlich arbeitet er an seinem Burnout! Ist auch nur eine Ausrede für faule Tiere. Kein Wunder, das die Wirtschaft brach liegt, wenn sogar schon der Osterhase einen Hänger hat. Der sollte schließlich ein gutes Vorbild sein. Unser Land braucht in dieser schweren Zeit mutige Osterhasen, die anpacken können. Wir können uns keinen traurigen Osterhasen leisten. Er nimmt das Päckchen und schleudert es mit seiner letzten Kraft in die Baumkrone des Apfelbaums. Der Äste wackeln und der Baum verliert einen Teil seiner Blütenpracht. Es reicht ja schon, dass man sich ständig mit diesen unfähigen Paketboten herumärgern muss. Verdammt, jetzt kann ich ihn mir nicht mal zur Brust nehmen. Social distancing ist jetzt das oberste Gebot. Da hat der blöde Hase nochmal Glück gehabt! Ich muss mal im Internet schauen. Da gibt es ganz bestimmt eine Seite, wo man sich über Osterhasen beschweren kann. Frechheit! Ostern ist auch nicht mehr das, was es mal war! Was man sich heutzutage von den Dienstleistern alles gefallen lassen muss! Die haben wirklich nicht mehr als Mindestlohn verdient! Der Osterhase scheint mein lautloses Schimpfen zu hören. Er dreht sich zu mir um. Der dämliche Osterhase, er hat mich gesehen! Er erhebt seine linke Plastikpfote und winkt mir zu! Was soll das denn jetzt? Damit kannst du blödes Vieh dich auch nicht mehr retten! Beschwerde ist draußen! Dann reißt er seine Maske von seiner Schnauze und grinst wie Satan höchstpersönlich. Scheiße, der ist auch noch verrückt und wahrscheinlich gewalttätig. Ich ziehe den Vorhang wieder zu und verstecke mich instinktiv unter der Fensterbank. Meine Frau wird wach, sieht mich hinter dem Fenster hocken, hört mich fluchen und fragt, was geschehen ist. „Da draußen ist ein vollkommen durchgeknallter manisch-depressiver Osterhase! Sie raunzt mich an. Ich solle weiter schlafen und nachts nicht immer diese Zombieserie auf Netflix gucken. Was für ein scheiß Ostersonntag!

Völker, hört ihr die Spechte klopfen!

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Vor acht Jahren haben wir unser Haus gekauft und für viel Geld modernisiert. Wir haben uns lange überlegt, welche Energiesparmaßnahmen sich bei einem 120 Jahre alten Haus sich lohnen. Wir wollten Energie sparen und gleichzeitig die Umwelt schonen, weniger Co2 produzieren und weniger fossile Ressourcen verbrauchen. Den größten Effekt versprachen die Dämmung der Außenwände und die Dämmung des Dachbodens. Wir klebten an die Außenwände 17 cm Styroporplatten und verlegten auf dem Dachboden Glaswolle. Meine Frau, die Bauingenieurin ist, sprach von Schießscharten-Optik. Die Dämmung war so stark, dass die Fenster ungewöhnlich tief in den vermeintlich aufgeplusterten Wänden saßen. Aber diese starken Eingriffe in das Erscheinungsbild des Hauses haben wir gerne in Kauf genommen. Auf den ersten Blick hat es sich auch gelohnt. Die Heizkosten haben sich um einem Schlag um zwei Drittel verringert und damit der Verbrauch von Gas und unser persönlicher Co2 Ausstoß. Weitere Maßnahmen wie Nutzung der Solarenergie für die Erzeugung von Strom hätten sich nicht gelohnt, da die Dachfläche des Hauses nicht ausreichte. Fast zeitgleich ging in der Presse eine Diskussion um das in den Dämmplatten verbaute Plastik los. Horrorstorys von Häusern, die einfach niederbrennen, ohne dass die Feuerwehr sie löschen kann, weil der Kunststoff in der Dämmung quasi das Feuer immer wieder entfacht, gingen reihum. Auch geriet die Dämmungspraktik in Kritik, weil sich in den eingepackten Häusern die Feuchtigkeit stauen soll und sich überall Schimmel bildet. Dann war da auch noch die Unsicherheit über den Kunststoff, der vielleicht über Jahre hinweg irgendwelche Giftstoffe absondern hätte können. Seither sind acht Jahre vergangen und wir fühlen uns sehr wohl in diesem eingepackten Haus. Die Bude ist noch nicht abgefackelt, das Wasser fließt nicht die Wände herunter und wir und unsere Kinder erfreuen sich bester Gesundheit. Mittlerweile hat sich die Investition fast amortisiert, denn wir haben eine Menge Gas eingespart. Die erwarteten Risiken sind niemals eingetreten, obwohl man uns am Anfang das Gefühl gegeben hat, dass diese unvermeidlich sind.

Letzten Herbst ist ein Risiko in Erscheinung getreten, vor dem uns niemand gewarnt hat. Ein Specht flog tagelang um das Haus herum und pickte ein kreisrundes Loch in die Dämmung. Nach intensiver Recherche im Internet haben wir herausgefunden, dass Jungspechte um ihr Revier zu markieren, in alle möglichen Gehölzer und auch in Wänden Löcher klopfen und dass man sie nur schwer davon abhalten könne. Wenn der Specht viele Löcher in Wand schlägt, verliert die Dämmung vielleicht ihre Wirkung. Unser Darlehen für die Modernisierung ist noch nicht abbezahlt. Zusätzliche finanzielle Belastungen können wir uns nicht leisten. Der Specht bedrohte also unsere finanzielle Existenz. Das erste Klopfloch des Spechtes haben wir noch zugemacht. Zwei Tage später hat er an einer anderen Stelle wieder geklopft. Diesmal soweit oben, dass wir an die Stelle nicht mehr herankamen. Die Situation schien zu eskalieren. Unsere Nachbarin streunte unruhig um unser Haus herum. Jeder Anflug des Spechtes fühlte sich an wie der Angriff von Außerirdischen, die unsere Welt in Schutt und Asche legen wollten. Wenn der Specht wieder davonflog, weil wir oder die Nachbarin ihn verscheucht hatten, lagen die Opfer in Form von unzähligen Styroporkügelchen auf dem Boden. Unsere Nachbarin holte dann einen Industriestaubsauger und saugte jeden einzelnen Fetzen weißen Plastiks von ihren sorgsam gehegten Rosensträuchern weg. Als ich am gleichen Tag abends von der Arbeit nach Hause kam blickte mich das martialisch wirkende Plastikdouble einer Krähe von der Spitze einer drei Meter langen Holzstange an, den unsere Nachbarin vor lauter Verzweiflung an der Grundstücksgrenze in den Boden gerammt hatte.

Die Aufrüstung half und der Specht schien genug von der Verteidigung der Außengrenzen seines Reviers zu haben. Wir waren wieder mal davon gekommen und als im Frühjahr ein Spatzenpaar in das Loch einzog haben wir es mit einem Schmunzeln hinnehmen können, während unsere Nachbarin wieder ihren Industriestaubsauger hervorholte, um ihre Rosensträucher zu schützen.

Bei der Betrachtung einer Berechnung der Eintrittswahrscheinlichkeit verschiedener Szenarien, fiel mir die Specht-Anekdote wieder ein. Finanzexperten hatten mit absoluter Überzeugung die Wahrscheinlichkeit eines Wirtschaftsaufschwungs nach dem Abflauten der Corona-Krise kalkuliert. Zu 65 % wird sich die Wirtschaft innerhalb eines Jahres erholen, zu 30 % innerhalb 18 Monaten und zu 5 % innerhalb zweier Jahre. Die gleichen Experten hätten vor einem halben Jahr niemals das Auftreten einer Pandemie in Betracht gezogen. Genauso wenig hatten wir den Specht an unserer Hauswand erwartet. Und doch hat die Natur in beiden Fällen zugeschlagen. Die Kalkulation von Risiken gibt uns Sicherheit. Wenn wir schon einmal rational nachvollziehen können, was uns bevorsteht, können wir in Ruhe weiter unser Leben führen. Wir kennen ja meistens schon den Worst-Case, der in solchen Berechnungen mit lächerlichen Eintrittswahrscheinlichkeiten bedacht wird. Der Asteroid wird zu sehr großer Wahrscheinlichkeit an der Erde vorbeirasen. Schön, aber die nächste Katastrophe könnte schon unsichtbar vor unserer Tür auf ihre Erscheinung warten. Es gehört zum Wesen des modernen Menschen, jede mögliche Situation des Lebens beherrschen zu wollen. Fatalismus ist verpönt. Leider bauen wir oft unnötige Krisenpotentiale auf, die niemals zum Tragen kommen. Die Beschäftigung mit Möglichkeiten bindet viel Zeit und Ressourcen und treibt den einen oder anderen Zeitgenossen in den Wahnsinn und in die Arme von Verschwörungstheoretikern. Meistens kommt es anders als man denkt. Dummer Phrase. Denkt man. Aber das ist die einzige Wahrheit, auf die wir uns verlassen können. Wie schön wäre es, wir hörten auf zu rechnen, zu kalkulieren und erwarten einfach gelassen das Unmögliche. Der Specht wird um die Ecke geflogen kommen und seine Löcher in die Wände klopfen. Das werden wir nicht verhindern können.