Reihe 3, Platz 58+59: Die Orestie von Aischylos 

Nach der Festtagsvöllerei, die uns träge hat werden lassen, verlangt unser Abo, das wir aus dem Hause gehen, um im Stadttheater Giessen die zweitausendfünfhundert Jahre alte in der antiken Welt eingebettete Tragödie über Rachsucht und blinden Hass zu konsumieren. Wir haben in den letzten Tagen so viel in uns hineingestopft, warum sollen wir uns dann einem altbackenen Stück zuwenden, in dem Götter auf die Menschen herabschauen und sie herumschubsen. Wir leben doch zum Glück in einer Welt, in der Götter keinen Zugriff auf uns haben. Da kann das so kurz nach Weihnachten im Theater keine Stimmung aufkommen, oder? Die Zusammenfassung der blutrünstigen Handlung: Agamemnon, der Herrscher über Mykene und Anführer der Griechen im Kampf um Troja, opferte seine Tochter Iphigenie, um weiter nach Troja segeln zu können (Wie wir in Goethes Stück „Iphigenie auf Tauris“ gelernt haben, hat er sie gar nicht getötet, sondern nach Tauris geschickt, aber das spielt hier gar keine Rolle). Seine Frau Klytaimestra ist deshalb stinkesauer. Während der langen Abwesenheit ihres Ehemannes beginnt sie eine Affäre mit  Aigisthos. Agamemnon kehrt nach zehn Jahren als Sieger aus dem trojanischen Krieg zurück und Klytaimestra tötet sogleich ihren Gatten. Worauf hin ihr Sohn Orest, den sie kurz vor der Rückkehr seines Vaters weggeschickt hatte, wieder nach Hause kommt, um sie und ihren Liebhaber zu killen. Daraufhin werden die Erynnen (die Rachegöttinnen) zu den Eumeniden (die Wohlgesinnten – der eine oder andere erinnert sich vielleicht an den gleichnamigen Roman von Jonathan Littell, der sich auf die Orestie bezieht). Aber wie sich Rachegöttinnen in die Wohlgesinnten verwandeln können, überfordert meinen in Fett und Alkohol ertränkten Geist. Ausnahmsweise waren wir sehr früh im Theater, kauerten gähnend in den roten Sesseln und warteten auf die Darstellung zahlreicher widerwärtiger Morde unter Verwandten. Das karge Bühnenbild bestand aus einer großen Leinwand, die über die ganze Breite der reichte und so die Bühne verkleinerte und zwei Leinwände an den Seiten.  Zuerst betrat Lyhre die Bühne, die schon in der letzten Spielzeit bei Neometropolis die Inszenierung mit ihrer Musik erweitert hatte. Iphigenie betritt die Bühne und erzählt die Vorgeschichte, emotional sehr aufgeladen und einer hektischen Choreographie folgend. Mit dem Wächter, der an einem Spiegeltisch sitzend berichtet, dass er jahrelang Nachts auf die Feuersignale warten musste, die das Ende Trojas verkünden und nun in dieser Nacht das Signal am Himmel erschienen ist, beginnt das eigentliche Stück und das Drama nimmt seinen Lauf. Zum ersten Mal kommen die beiden Leinwände zum Einsatz. Das Spiegelbild des Wächters wird auf die Leinwände übertragen und man ist ganz nah an dem mimischen Spiel des Schauspielers dran.  Dieser Effekt wird im Verlauf des Abends noch öfter zum Tragen kommen. Zwei Kameras auf der Bühne nehmen die Schauspieler auf und Ihr großes Abbild erscheint auf den großen Leinwänden und vervielfacht und vertieft ihr Spiel. Leider hat man ein kleines Latenzproblem und man hört die Stimmen der Schauspieler, sieht aber auf dem Bildschirm nur zeitverzögert wie sich die Lippen zu den Worten bewegen.  Zweimal werden große 3-D-Installationen auf die Leinwände geworfen. Während Klytaimestra ihren Monolog hält, folgt man dem Flug zwischen den Hochhäusern einer fiktiven Stadt und während Agamemnon mit geschundenem und nacktem Oberkörper sich seiner Taten rühmt, steht er inmitten einem dreidimensionalen Abbild eines Autotunnels. Der Chor, ein typisches Stilmittel der griechischen Tragödie, der ja immer so etwas wie die Stimme des Volkes darstellt wird nur von Roman Kurtz als alter weiser Mann dargestellt.  Die Schauspieler sind in Hochform, bis auf Amina Eisner, die die Kassandra gibt und immer wieder beim Text stolpert und ins Stocken gerät. Vielleicht nicht ihr bester Tag und ganz bestimmt gibt es einen Grund dafür. Frau Minetti als wütende und zornige Klytaimestra, die schon lange den Pfad der Vernunft hinter sich gelassen hat, bestimmt den ersten Teil im Wechselspiel mit dem Chor. Ihre Präsenz und ihre Unerbittlichkeit nehmen schon den Rachefuror vorweg und als Agamemnon der geschundene Held müde und erschöpft nach Hause kommt, wird er gleich von Klytaimestra in die Enge getrieben, gedemütigt und schließlich gemeuchelt. Und so geht der erste Teil des Schauspiels recht geschmeidig und wider Erwarten kurzweilig vorüber.  Die Verknappung des Bühnenbildes, die Songs, in denen es um Unterwerfung, Blut und Tod geht, die Bildeffekte und das engagierte Spiel der Darsteller lassen das Stück in der Gegenwart ankommen. Es werden Interpretationsspielräume geöffnet, die uns nicht nur erschauern lässt, sondern auch zum Nachdenken bringen. Man ist bewegt von der Frage, ob diese Kette von Gewaltakten jemals unterbrochen werden kann. Die gekränkte Eitelkeit, der eigene Ehrgeiz, seinen Nachbarn zu besiegen, um als Held in die Geschichte einzugehen, rechtfertigt jedes Opfer, auch den Tod der eigenen Tochter und wenn die Mutter aus Rachsucht über den Vater richtet, ist das ein Akt der Selbstjustiz, die jegliche Rechtstaatlichkeit verhöhnt. Die Beispiele aus der Gegenwart kann man jeden Tag in den Nachrichten nachvollziehen und die Götter waren auch schon bei den alten Griechen nichts anderes als die dumme Entschuldigung für Missetaten. Es sind Menschen, die Menschenrechte ignorieren und Menschen meucheln andere Menschen. Dafür brauchen sie keine Götter. Dann endet der erste Teil und ich muss erst einmal tief durchatmen. Unsere Reihe 3 und die zwei Reihen vor uns waren gut besetzt. Nach der Pause sitzt links neben uns niemand mehr. Auch vor uns haben sich die Reihen gelichtet. Wir fragen uns, ob da der ein oder andere die Gelegenheit genutzt hat, um nebenan auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Platz sich mit Glühwein die Welt schön zu saufen. Der Inhalt des Stückes mag einem eskapistisch handeln lassen. Aber die Inszenierung ist alles andere als zum Weglaufen. Teil zwei und drei der Geschichte fallen deutlich zum ersten Teil ab. Orest und Elektra sinnieren über die Rache an ihrer Mutter und bringen sie und ihren Geliebten, der von David Gaviria irritierenderweise als narzisstische Andy Warhol-Kopie gespielt wird, um die Ecke und am Schluss tauchen alle Toten auf und sitzen im dritten Teil über Orest zu Gericht. Hier hat man sich das ganze Götter- und Tempelgedöns  gespart und eher in einen Diskurs über Rache, Vergebung, Recht und Freiheit investiert. Die zahlreichen Stimmen der Schauspieler verhandeln die Dinge der Menschen, ob sie nun Rachegöttinnen, Wohlgesinnte, Athene oder sonst wen darstellen hat keine Bedeutung. Am Ende wird Orest freigesprochen und verspricht seinen Nachbarn nicht mehr anzugreifen oder sich mit ihm zu streiten. Das Stück ist unvermittelt zu Ende. Die Zuschauer brauchen eine Weile, bis sie es merken und mit ihren Handflächen frenetischen Applaus erzeugen. Ein wohlverdienter Applaus…

Tristesse

In deiner Stadt. Stehst an der Straße. Wartest auf das Nichts.

Die Dunkelheit lastet auf deiner Seele. Eine gewichtslose Masse.

Frisst alles Licht. Frisst alle Sehnsüchte und Hoffnungen.

Frostiger Ostwind lähmt wie ein Nervengift deine Glieder.

Hass, Tod, Verderben, Krieg, Leid, Hunger, der Stacheldraht,

der sich um deine Gedanken windet und sich zuzieht.

Die Dornen bohren sich in die graue Eminenz. Dein Schädel pocht.

Dann aus der Ferne: Reggae-Musik. Ein Lichtkegel bewegt sich auf dich zu.

Der Sommer kommt auf einem Fahrrad gefahren. Licht und Musik eilen an dir vorbei.

Sterben in der Vergangenheit.

Und doch: Der Stacheldraht lockert sich. Einzelne Gedanken können fliehen,

folgen dem Fahrrad, dem Licht, der Musik, der Zukunft.

Franfurter Buchmesse 2024

Es gibt Ereignisse, die sich jährlich wiederholen und deren Anziehungskraft man sich nicht entziehen kann. Auch wenn man sich vornimmt, sie zu ignorieren wird man von ihnen regelrecht angesaugt: Samstag, 19.10.2024, gegen acht Uhr morgens stehen wir pünktlich in Wetzlar am Gleis 5, obwohl die letzten beiden Wochen voller Termine und Stress war und wir eigentlich mal eine Pause brauchen. Aber die Aussicht auf eine reibungslose Fahrt nach Frankfurt, mit Sitzplatz, ohne Geschubse, weil wir einen Zug früher nehmen, die Eintracht heute kein Heimspiel und die Buchmesse die Anzahl der Besucher begrenzt hat, ist Motivation genug und lässt uns die Mühen der letzten Wochen vergessen. Weil diesmal die Rahmenbedingungen fast perfekt sind, erreichen wir pünktlich zur Öffnung der Messe, den Eingang und flutschen durch Sicherheitskontrolle und Einlass.

Wir gleiten weiter auf den Rollbändern für Fußgänger durch die hellen Gänge, die die Messehallen miteinander verbinden.

 Eine Neuerung, neben der Begrenzung der Eintrittskarten für Besucher, ist die Auslagerung der New-Adult-Literatur und alles was dazu gehört in die Halle 1.2..Die Halle 3.0, das Forum und viele Veranstaltungen waren in den letzten Jahren hoffnungslos überlaufen. Zum Glück haben die Organisatoren der Buchmesse einige Maßnahmen ergriffen, um den Druck auf den Kessel etwas rauszunehmen. Meine Tochter Polly mit ihren dreizehn Jahren wollte unbedingt zuerst in die New-Adult-Halle. Ich wollte wegen dem kostenlosen Popcorn, dass an einem Stand angeboten werden sollte, in die Halle und wir standen eine Weile dort vor einem Absperrband und beobachteten langmütig die jungen Menschen, die mit der Popcornmaschine kämpften. Irgendwann kam jemand und erklärte uns, dass es kein Popcorn gäbe. Es gab schon Popcorn, aber man wollte es nicht verteilen, warum auch immer. Dieser Stand war typisch für den New-Adult-Bereich: man fühlte sich ein wenig wie auf einer Verkaufsveranstaltung. Man versprach uns kostenlose Darbietungen und wollte uns eigentlich nur anlocken, um uns überteuerte Heizdecke anzudrehen. Überall Hinweise auf Angebote, Wühltische mit Büchern wie beim Sommerschlussverkauf und überall kleine Mädchengrüppchen, die quengelnd und quietschend Bücher an sich rissen, als seien es wertvolle Einzelexemplare.

 New-Adult-Literatur hätte ich früher als Kitsch bezeichnet. Mache ich aber nicht mehr, weil ich ansonsten den Hass dieser merkwürdigen quietschenden und quengelnden Teenzombies auf mich ziehen würde, die ansonsten nur auf bunte Bucheinbände und spicy Lovestories reagieren. Und somit bleiben die jungen Studenten, die in kleinen Nischen Ihre Unis und die Studiengänge rund um Literatur und Medien bewerben, ziemlich einsam an ihren Stehtischen zurück, ähnlich wie die Selfpublisher-Verlage, die die Aufmerksamkeit der Teeniezombies nur erreichen, wenn einer ihrer Stars sanft flötend und mit großer Gestik, ein Buch vorstellt.

 Wir haben bald genug vom Gewühle in Bücherstapeln und Teeniezombies und flüchten in die Halle 4.0. Wir wollen uns die Vorstellung des Jugendwortes des Jahres anschauen und geraten in eine Vorstellung der diesjährigen Preisträgerinnen des deutschen Jugendliteraturpreises. Gerade wird Eva Rottmann interviewt, die das Buch „Kurz vor dem Rand“ geschrieben hat. Ich kenne weder das Buch noch die Autorin, aber meine Frau steht neben mir und glüht vor Freude. Sie hat das Buch gelesen und war begeistert und kann die Lektüre nur empfehlen.

 Die Veranstaltung ist schnell vorbei und meine Tochter taucht neben mir auf und hält mir feixend ihr Handy unter die Nase. Ich sehe das Selfie meines neunjährigen Sohnes, das ihn mit einem jungen Mann zeigt, der mit ihm um die Wette in die Linse grinst. „Noel Dederichs ist das!“ Ich zucke mit den Achseln und als wir einen Platz gefunden haben, tauchen neben der Bühne einige Leute auf und darunter dieser Noel. Mittlerweile habe ich gelernt, dass er sich als Influencer eine gewisse Prominenz erarbeitet hat und sogar neunjährige Jungs ihn kennen und bewundern.

 Dann geht die Show los. Zwei jüngere Frauen stellen die diesjährige Kampagne vor, die eine etwas zu sehr aufgeregt, die andere beantwortet ihre Fragen und es klingt alles sehr nach Marketing. Dann kommt der große Auftritt von Marvin TSP, noch so ein Influencerwesen, der für die Verkündigung des Jugendwortes ein Video gedreht hat. Er verkörpert in dem Filmchen die 10 Jugendwörter, die die meisten Stimmen erhalten haben und am Ende des Films gibt er bekannt, das Aura das Jugendwort des Jahres geworden ist. (Wenn einem die Entscheidung nicht gefällt, muss man übrigens sagen, das sei 500 Minusaura). Nun ist es raus und wir alten Menschen können uns wieder schlafen legen. Allerdings entsteht im Nachgang zur Verkündung des Jugendwortes des Jahres eine launige Podiumsdiskussion um Jugendsprache. Man hat noch eine Frankfurterin Professorin eingeladen, die zum Thema forscht und sie ist ein wahrer Gewinn für die Runde. Im Wechsel mit Marvin TSP ergibt sich ein generationenübergreifender kleiner Diskurs über die Veränderung der deutschen Sprache. Das Wort Cringe zum Beispiel hat es geschafft zu bleiben. Auch ältere Menschen nutzen es, weil es bisher dafür kein passendes Wort in der deutschen Sprache gab. Andere Worte tauchen kurz auf und verschwinden schnell wieder. Aber leider saßen wieder mal im Publikum die Leute, denen das klar ist, dass sich Sprache verändert und sich den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anpasst. Die anderen, die Gendergaga brüllen sobald man ein Innen an ein Nomen hängt, bleiben wie jedes Jahr leider zu Hause. Sie hätten an der Stelle viel lernen können.

 Wir haben ein wenig Zeit und streifen durch die Halle 4. Ich bekomme einen halben Herzinfarkt, weil unser Sohn sich immer wieder unserer Aufmerksamkeit entzieht und auf eigene Faust die Stände erkundet. Entnervt finde ich ihn am Stand der Bundeszentrale für politische Bildung. Man hat ihm eine Aufgabe gegeben. Er muss an sechs Ständen Fragen beantworten. Bei der richtigen Antwort bekommt er einen Stempel und wenn er alle Stempel zusammen hat, bekommt er eine Belohnung. Na endlich ist er sinnvoll beschäftigt. Ich gehe mit ihm los und suche die ersten Stände. Zwischendurch springen mich bei Pons ein paar Italienisch-Lernbücher an. Anfang November besuche ich einen Italienischkurs in der Volkshochschule und es ist vielleicht gar nicht schlecht, wenn ich mein Urlaubsitalienisch noch ein wenig vor dem Kursbeginn vertiefe.

Wir können nicht alle Stempel einholen, weil ich ins Forum will und dort auf der Literaturbühne von ARD,ZDF, 3Sat das Gespräch von Cemile Sahin mit Ariane Binder verfolgen möchte. Vor ein paar Wochen wurde im Spiegel ihr neues Buch „Kommando Ajax“ ausgiebig vorgestellt und ich wollte mehr erfahren. Cemile Sahin hat kurdische Wurzeln, hat in London Abitur gemacht und dort Bildende Kunst studiert und ist weit mehr als eine Autorin. Ihr neuer Roman ist wie ein Action-Film geschrieben, aber durchaus vielschichtiger und tiefsinniger als ein Action-Film. Später habe ich mir das Buch am Stand des Aufbau-Verlages gekauft und bin gespannt, ob das was sie auf der Bühne über ihr Buch erzählt hat auch im Text nachvollziehbar ist.

  Danach bekam ich noch ein paar Minuten des Gespräches mit der neuen Friedenspreisträgerin Anne Applebaum mit. Allerdings wollten wir rechtzeitig weiterziehen, um im Frankfurt-Pavillon noch freie Plätze für „Das andere Italien – Schreiben in illiberalen Zeiten“ mit Roberto Saviano aus Neapel und Deniz Yücel aus Flörsheim zu ergattern. Wann gibt es schon mal die Möglichkeit, zwei solch meinungsstarke Nestbeschmutzer live erleben zu können. Die Schlange am Pavillon war sehr lang. Wir hatten Glück und kamen gerade noch in  vollen Bude unter, die bis auf den letzten Stehplatz besetzt war.

 Ich habe vor Jahren das Buch von Roberto Saviano über die Camorra gelesen und aus der Ferne seinen Weg ein wenig verfolgen können. Die meisten Menschen kennen Deniz Yücel aus den Nachrichten, weil er fast ein Jahr als Geisel der türkischen Regierung in der Türkei inhaftiert war. Mittlerweile ist er Sprecher des PEN Berlin.

 Roberto Saviano gehört nicht zur offiziellen Delegation des Gastlandes Italien. Mit seiner Kritik an der Regierung hat er es sich wohl wieder einmal mit den Mächtigen verscherzt. Meloni reiste nach Neapel und erzählte auf öffentlichen Veranstaltungen, das Saviano sich mit seinen kritischen Werken über die Mafia nur persönlich bereichern wollte. Darüber kann sich Herr Saviano natürlich wort- und gestenreich aufregen (auch zu Recht). Man hat Kopfhörer verteilt, mit der Zuschauer sich eine Simultanübersetzung aus dem Italienischen anhören kann. Die Übersetzerin kommt kaum hinterher und kommt immer wieder mal ins Stocken. Die italienische Regierung versuche sich nach außen liberal und offen zu geben, allerdings versucht die Regierung immer inneren den Staat auf autoritär umzukrempeln. Wie man beim Italienischen Pavillon sehen könne, versucht die Regierung mit einem Rückgriffe auf eine angeblich glorreiche Vergangenheit, die wirklichen Probleme im Land zu überdecken.

 Herr Yücel bringt irgendwann das Wort Nestbeschmutzer ins Spiel. Herr Saviano und seine Übersetzerin finden keine Analogie dazu im Italienischen und sind irritiert. Aber das dauert bei ihm nicht lange und sein Redefluss wird nur noch von Herrn Yücel unterbrochen, der Herrn Saviano als jemand anpreist, der sein Land nicht verlässt, sondern vor Ort sich Gefahren und Risiken aussetzt und immer der Pfahl im Fleische der Mächtigen bleibt.

 Bald schmerzen mir die Füße und die vielen Worte der Beiden Protagonisten fließen an mir vorbei, wie das rauschende Wasser eines Flusses. Ich höre das Rauschen, aber da ich am Ufer stehe, werde ich davon nicht nass.

 Am Ende einer zähen dreiviertel Stunde schielen alle auf den Ausgang und hoffen, dass die Moderatorin die Veranstaltung beendet. Die letzten Minuten dehnen sich zu gefühlten Stunden und dann ging alles ganz schnell. Der Strom des Publikums spült uns an die frische Luft und wir machen uns auf dem Weg zum italienischen Pavillon im Forum, um Herr Savianos Eindrücke zu überprüfen.

 Man betritt den großen Saal und wird sofort mit einer riesigen Schlange am Kaffeestand konfrontiert. Wir haben ein bisschen Zeit und beim Schlendern durch den Pavillon einen Kaffee herumzutragen, ergibt anscheinend Sinn. Als wir uns einreihen, denke ganz naiv, dass hinter der Theke ein Barrista aus Italien steht, der für die Gäste echten italienischen Espresso brüht. Weit gefehlt! Es ist nur der Gastro-Dienstleister, der auf der Buchmesse alle Stände und Restaurants in den Hallen betreibt. Die drei Leute hinter der Kaffeemaschine sind hoffnungslos mit dem Ansturm überfordert. Nach fünfundzwanzig Minuten habe ich einen lauwarmen Capuccino in der Hand. Das Schlendern ähnelt eher einem raschen Hetzen. Aber wir sehen auf dem ersten Blick, es ist wie Herr Saviano es beschrieben hat: der Pavillon besteht aus einem Nachbau eines antiken Tempels, Platzes oder Säulengang. Ein undefinierbares Etwas an italienischem Klischee und auch viele Ausstellungsstücke verweisen auf die Vergangenheit. Die Ahnentafel italienischer Autoren besteht aus schwarz-weiß-Portraits und ihre Gesichter stammen eher aus dem letzten Jahrhundert. Ich ertappe mich dabei, dass ich mich nicht zu sehr darin vertiefen will, nicht das dort noch irgendein Mussolini-Günstling an der Wand hängt. Zum Glück habe ich wenig Zeit und während im Hintergrund eine Sängerin irgendwelche internationalen Pop-Evergreens ins Publikum trällert, stürze ich meinen lauwarmen Capuccino hinunter.

 Als wir an der Lesebühne ankommen, nimmt Caroline Wahl gerade auf der Bühne Platz. Ihr Debütroman „22 Bahnen“ liegt immer noch bei mir auf der Bettablage. Meine Tochter hat den Roman gelesen und war sehr angetan von der Geschichte und jetzt ist Frau Wahl hier um den Nachfolgeroman „Windstärke 17“ zu bewerben. Im Gespräch mit Mona Ameziane berichtet sie über das neue Buch, ihre plötzliche Berühmtheit und ihr Art zu schreiben. Ein angenehmes Gespräch. Ich habe nicht den Eindruck, dass Frau Wahl hinterm Berg hält und sie wirkt mit ihrer leichten Exzentrik sehr authentisch und sympathisch.

 Gesättigt von den vielen Eindrücken verzichte ich freiwillig auf Saskia Fröhlich, der ich auf Insta folge und die mit ihrem Buch „Introvertriert“ auf der Buchmesse unterwegs ist und auf Mithu Sanyal die mit ihrem neuen Werk „Antichristie“ auf den Bühnen der Buchmesse allgegenwärtig war. Irgendwo war auch Jagoda Marinic unterwegs, deren neues Buch „sanfte Radikalität“ ich bei S.Fischer entdeckt hatte. Wir schweifen noch durch Halle 3.0 und 3.1, die  sich am späten Nachmittag langsam leerten und kaufen Bücher ein. Mein Sohn beendet die kleine Schnitzeljagd der Bundeszentrale für politische Bildung und bekommt als Lohn eine Tasse, die ich am nächsten Tag leider aus Unachtsamkeit zerdeppert habe.  

 Nach einem kleinen Ausflug ins benachbarte Skyline Plaza, um dort noch etwas zu essen, sind wir wieder in den Zug nach Wetzlar gestiegen. Da wir früh genug am Bahnsteig waren und der Zug dort schon auf die Fahrgäste wartete, haben wir ohne Probleme Sitzplätze für uns gefunden. Aber wie immer bestand die Gefahr in Gießen zu stranden. Die RB 40 war wegen irgendeinem Defekt ausgefallen und wir kamen etwas später mit einer anderen Linie zu Hause in Wetzlar an. Ein ereignisreicher und schöner Tag neigte sich dem Ende zu. Manchmal ist es gut, wenn man wiederkehrenden Ereignissen nicht aus dem Weg gehen kann.

Ein Autor macht sich nackig…

Mein letzter Blogeintrag ist schon wieder ein paar Wochen her und ich hatte versprochen, auf die Kurzgeschichte näher einzugehen. Entgegen der landläufigen Annahme, Autoren ließen sich nicht in die Karten schauen, ist es mir ein dringendes Anliegen, die zukünftigen Leser meiner Romane mit auf die Reise zu nehmen. Man soll wissen, wie ich ticke. In dieser Hinsicht bin ich ein sehr schlechter Autor. Und in vielerlei anderer Hinsicht wahrscheinlich auch. Ich eigne mich nicht zum Massenphänomen. Eher verschwinde ich in den dunklen und staubigen Nischen der Bedeutungslosigkeit. Niemand sollte glauben, ich hadere. Im Gegenteil: mein Unvermögen ist meine Stärke. Ich muss nicht liefern, ich muss keinen Markt befriedigen, ich muss meine Zielgruppe nicht mit billigen Tricks ködern. Und daher, liebes Publikum, feuere ich die volle Ladung meines Dilettantismus auf auch ab.

 Daher: ich weiß nicht, wie man einen Roman schreibt. Ich habe es des Öfteren getan, aber wie man seine Ideen pflegt wie ein geliebtes Haustier, um später daraus eine Geschichte zu extrahieren, ist mir dabei vollkommen verborgen geblieben. Manchmal am Ende einer Tiefschlafphase, wenn das Bewusstsein in meinen Hirnlabyrinth nach einem Ausgang sucht, überkommen mich Ideen für Geschichten. So fängt es immer an und so geht es auch immer weiter. Wenn ich bei einem Projekt feststecke, muss ich eigentlich nur dafür sorgen, dass ich gut schlafe und am nächsten Morgen Zeit zum Aufwachen habe. Dann ereilen mich die Lösungen für meine literarischen Rätsel sozusagen im Schlaf.

 Was habe ich aus den letzten Projekten gelernt: Verwurste nicht jede Aufwachidee zu einem Text. Schreib die Idee erstmal auf und entwickle sie. Bei den letzten beiden Projekten habe ich mich dermaßen verzettelt, die Geschichten zu unbeherrschbaren Monstern  aufgebläht, kam doch immer eine neue Idee dazu, die ich sofort in meinen Text einfügen musste. Die Text-Konglomerate wurden immer größer, immer undurchschaubarer und immer zusammenhangloser. Also habe ich mich bei meinem jetzigen Projekt für eine ganz andere Herangehensweise entschieden. Ich notiere in einer Kladde handschriftlich einen Plot, gerne schon detaillierter und schon zum Teil mit Ideen für ganze Kapitel. Wenn ich Seite um Seite schon produziert habe, fällt es mir schwer, etwas aufzugeben. Das Herz hängt am Text. Jeden Satz habe ich mir aus dem Hirn geprügelt und dann soll ich ganze Handlungsstränge streichen? Wenn ich in einer Kladde Ideen formuliere, habe ich noch nicht viel investiert. Ich kann den ganzen Bums immer noch ohne Verlust verkaufen…mache ich dann auch.

 In der ersten Version meines neuen Projektes, das noch keinen Titel trägt, gab es eine ellenlange und verzwickte Vorgeschichte rund um die männliche Hauptfigur. Das Drama seiner Jugend: der Vater, der die Jugendliebe des Protagonisten vergewaltigt und dann vom besten Freund der Hauptfigur eins auf den Schädel bekommt. Der Vater wird mit einem fingierten Unfall um die Ecke gebracht, die Jugendliebe und der beste Freund flüchten aus dem Heimatort..Stoff für meinen nächsten Krimi, den ich niemals schreiben werde. Falls irgendein Lokalkriminalist eine Story sucht, ich kann sie gegen ein kleines Entgelt abgeben. Ich habe den gesamten Plot in meine Kladde über die Sommerferien hinweg notiert und schon beim Schreiben meine Überforderung konstatieren müssen. Wenn ein Handlungsstrang oder ein Stoff nicht wächst, sondern wuchert, weil man mit jeder neuen Idee die Mängel zukleistern muss, sollte man schnell handeln. Ich hatte den Plot schon fast zu Ende gebracht und war schon beim Konzipieren der letzten Kapitel total genervt. Ich habe die Kladde zur Seite gelegt und mich mit der Kurzgeschichte beschäftigt. Fabian und Leonie Rabe sind die Protagonist:innen des Romans. Um Ihre Beziehung dreht sich die Geschichte. In der Kurzgeschichte stehen sie noch am Anfang Ihrer Beziehung. Sie haben sich kennengelernt und fahren zum ersten Mal miteinander in den Urlaub. Kurz vorher hatte ich selbst mit meiner Familie im Chiantital Urlaub gemacht. Ich war schon mehrfach dort und es ist für uns ein kleiner Sehnsuchtsort. Daher fiel es mir leicht, die Umgebung zu beschreiben. Aber der Ort ist vollkommen egal. Wichtig ist, dass sie noch ineinander verliebt sind und trotzdem schon erkennen müssen, dass es Reibungspunkte gibt, weil sie unterschiedliche Vorstellungen haben. Der normale Verlauf einer modernen Beziehung. Man gönnt sich die ersten Jahre ein wenig Romantik, hängt aufeinander und weiß eigentlich schon, dass der Alltag die Liebe zerstören wird. Das ist nicht schlimm, das ist der Lauf des Lebens. Sich die Liebe zu einem eigentlich fremden Menschen zu bewahren, geht nur, in dem die Beteiligten miteinander sprechen und wertschätzend und vertrauensvoll miteinander umgehen. Fabian und Leonie sprechen schon nicht mehr miteinander, sie verharren in ihren eigenen Welten und die Liebe wird höchstens verklärt, aber nicht mehr gelebt. Die nächsten Jahre werden sie viel Kraft kosten und beide werden der Meinung sein, dass sie viel zu viel in den anderen investiert haben und dabei ihre eigenen Bedürfnisse auf der Strecke geblieben sind. Das ist der Kern des Romans und jede weitere Handlungsschicht muss passgenau aufeinander aufbauen. Alles andere werde ich nicht zulassen können. Keine Ausflüge mehr zu den Monstern!

 Als ich die Geschichte geschrieben hatte, hatte ich die Namen für die Protagonist:innen gefunden und mich entschlossen, den ersten Plot zu streichen und mich wieder an die Arbeit zu machen. Bei alten Projekten hätte ich geschriebenen Text, vielleicht hunderte von Seiten, korrigieren und anpassen müssen. Kugelschreibernotizen in Papierheften haben noch keine Romanqualitäten. Mir fällt es leicht, aufbauend auf den alten Plot einen anderen Plot zu entwickeln. Ich spare Zeit und hangele mich nun von Version zu Version und zwischendurch garniere ich meine Notizen mit Kurzgeschichten zu bestimmten Begebenheiten oder Romanfiguren. Am Ende sollte der eigentliche Romantext mir nur noch aus den Fingern fließen (Wer es glaubt, ist selbst dran schuld.)

Da reitet er schon wieder…..

Vor drei Monaten habe ich an dieser Stelle von meinem Schreibprojekt berichtet. Mittlerweile habe ich in einer Kladde handschriftlich einen Plot und eine Geschichte entwickelt (Nix mehr Kühltruhe) mit dem ich ganz zufrieden bin. Um mich weiter an das Projekt heran zu tasten, werde ich kleine Szenen, Kurzgeschichten und ähnliche Formen nutzen. Anbei die erste Szene. Ich freue mich über Anmerkungen, Rückmeldungen und Hinweise und werde in einem weiteren Blogbeitrag mich auch noch einmal den Inhalt und Kontext erläutern:

Unauffällig schnurrt die Klimaanlage im Auto. Vor ein paar Sekunden umwehte Fabians schweißgeplagten Gesichtspartien noch ein angenehm kühler Luftstrom. Leonie klemmte mit ihrem kleinen Oberkörper hinter dem Lenkrad, hatte ihren Sonnenbrillenblick fest auf die enge Straße zwischen Castellina und Greve gerichtet und mit einer unauffälligen tastenden Handbewegung die Klimaanlage des FIAT heruntergeregelt. Ein Halbsatz reichte ihr aus, um ihre Entscheidung zu begründen: „Ist zuviel.“

Fabian wollte die Zweckmäßigkeit dieser Handlung mit ihr diskutieren. In der brütenden toskanischen Hochsommerhitze ohne einen kühlenden Luftstrom zu fahren, hält er für glatten Selbstmord.  Weil Leonie das Fahrzeug durch eine Serpentinenkurve steuert und die Fliehkräfte seine inneren Organe an den Rand des Abgrundes drücken, verkneift er sich einen Einwurf. Mit einem Blick auf die Weinstöcke, die in Reih und Glied den Hang hinaufwuchsen, kann er dem Brechreiz entfliehen.

Die Ordnung der Rebstöcke vermittelt Fabian Sicherheit. Er hasst die Unsicherheit. In jedem Moment kann auf dieser Straße ein Unglück passieren. Es muss nur ein anderes Fahrzeug auf ihre Spur geraten und Leonie kann nicht ausweichen. Fabian hat kein Vertrauen in Leonie, die nicht in der Lage sein wird, adäquat mit einer solchen Situation umzugehen. Für Fabian ist es von größter Bedeutung über  jeden Moment Kontrolle auszuüben. An Leonie einen Teil der Verantwortung abzugeben, betrachtet er als Liebesbeweis. Ein Liebesbeweis der ihm nur Kummer bereitet und kaum Gewinn erwirtschaftet. Der lange Anstieg der Straße endet in einer weiteren Spitzkehre. Er spürt Schweiß im Nacken. Eine Mischung aus Angst- und Hitzeschweiß. Mit seinen Fingerspitzen krallt er sich instinktiv in den Schaumstoff seiner Sitzfläche. Leonie soll sein Unwohlsein nicht bemerken, daher bemüht er sich um ein Grinsen, das nur zur Grimasse gerät und einen nach vorne gerichteten starren Blick.

Erst als die Kurve in einer langen Gerade übergeht, entkrampft Fabian und gönnt sich einen kurzen Gedankenausflug. Er und Leonie waren seit zwei Jahren ein Paar. Sie arbeiteten im gleichen Unternehmen: sie als Marketingassistentin und er als Trainee in der Geschäftsführung. Zum ersten Mal waren sie sich in einem Meeting begegnet. Irgendwas mit Marketingplanung für das nächste Jahr, eine große Runde, Vertreter der Geschäftsführung, Vertreter der Marketingabteilung, man hockte in einem Konferenzraum an einer langen Tafel aufeinander und redete sich die Zukunft schön. Leonie saß am anderen Ende des Tisches und hatte keinen einzigen Redebeitrag beigesteuert. Stundenlang war sie ihm gar nicht aufgefallen, fast als sei sie unsichtbar. Dann bat ihre Abteilungsleiterin sie nach vorne. Sie sollte das neue Costumer-Relation-Management-System erläutern, das kurz vor dem großen Rollout stand. Sie erhob sich, zog am unteren Saum ihres schwarzen Blazers und trat mit großen Schritten ihren Weg nach vorne an. Fabian war schon fast weggenickt, aber als er den geradlinigen Rhythmus ihrer Schrittfolge wahrnahm, wachte er auf.

 Leonie lächelte in die Runde und es fühlte sich an, als lächelte sie nur für ihn, als seien er und sie alleine im Raum. Ihr glattes Gesicht, die halblangen dunkelblonden glänzenden Haare, ihre junger unverbrauchter Blick aus ihren braunen Augen faszinierte ihn sofort. Ihre Art zu reden glich einem  Seidentuch in Apricot, das am offenen Fenster hing, leise im Wind hin und her wogte und die Sonnenstrahlen schimmern ließ. Durch ihr Erscheinen erstrahlte der Raum in einem rötlichen Abendleuchten und in ihm breitete sich ein warmes Gefühl des Einverständnisses aus.

 Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und sprach sie am Ende des Meetings an.

„Haben Sie in den nächsten Tagen noch einmal Zeit für mich? Mich interessieren einige Details zum CRM.“ Sie lächelte verschmitzt, nickte, holte ihr Handy heraus, checkte ihren Kalender.

 Seitdem waren sie unzertrennlich miteinander verbunden. Der etwas ruhige Verlauf der Strecke erlaubt es Fabian, den Blick von der Straße zu nehmen und auf Leonie zu richten. Er will die zärtliche Empfindung von damals reproduzieren. Solange ihm das immer wieder gelingt, hält die Liebe zu ihr an.  Oberhalb ihrer Lippen glitzern kleine Schweißperlen. Das warme Gefühl der Zuneigung breitete sich in ihm aus. Sie ist das wunderbarste Wesen unter der Sonne. Er hört ihre Schritte, der geradlinige Rhythmus. Tam, TaTam, Tam, TaTam. Wir sind jung und eine makellose Zukunft liegt vor uns. Er hatte mittlerweile ein eigenes Unternehmen gegründet. Es lief wahnsinnig gut. Sein Konto und der Stolz auf seine Leistungsfähigkeit platzten aus allen Nähten. Er kann für sie beide sorgen. Sie klebt an ihrem Job in der alten Firma. Wie oft hat er hier gesagt, sie kann jetzt zu Hause bleiben, sie können ein Haus bauen, eine Familie gründen, sie kann ihm den Rücken freihalten. Sie verzieht dann nur das Gesicht und wird schmallippig. Sie ist noch widerspenstig. Sie lässt sich noch nicht kontrollieren. Die letzten Zugeständnisse: Der Urlaub in einem Ferienhaus, mitten im Nirgendwo, Sie kocht für ihn kleine italienische Speisen, in der Nacht schwitzt sie, anstatt zu schlafen. Leonie geht in riesige Supermärkte einkaufen, riecht an in Plastikfolie verpackten Pecorinostücken, schnuppert an Pfirsichen, inspiziert die Etiketten der zahlreichen Olivenölsorten und packt zahllose Laibe Weißbrot in den Einkaufswagen. Sie fährt mit einem Kleinwagen durch die Toskana, erkundet Florenz, Siena, San Gigmiano, Lucca, Pisa. Sie besucht Wochenmärkte, klappert Souvenirgeschäfte ab, schaut nach Salatbesteck aus dem Holz des Olivenbaums, bestellt in Reiseführeritalienisch Gelato, Pasta und Chianti und Fabian begleitet sie, im inneren missmutig verstimmt, nach außen Interesse bekundend und wohlwollend. Sie hätten sich absoluten Luxus leisten können. Urlaub in einem teuren Ferienresort, irgendwo an einem exotischen Ort, vollklimatisiert, mit Personal, das einem alles hinterherträgt. Sie müsste nicht kochen, nicht einkaufen, nicht Autofahren, nicht herumrennen. Einfach am Privatstrand liegen und auf das blaue Meer glotzen, mit einem kalten Getränk in der Hand und wenn das leer ist, steht schon ein Kellner neben der Liege und fragt, ob man noch etwas haben möchte. Sie ist noch widerspenstig aber nicht mehr lange. Die Wärme der Zuneigung verschwindet bei dem Gedanken, dass er noch Arbeit in sie investieren muss. Fabian denkt sich das und Leonie, die hinter dem Lenkrad eingeklemmt sitzt, erstarrt zu einer halbfertigen Statue, die Fabian mit Hammer und Meißel noch bearbeiten muss. Wie ein Bildhauer will er sich das Bildnis einer Frau erschaffen, das seine Bewunderung verdient hat und für das er Anerkennung erhalten wird.

 Seitdem sie heute Morgen ihr Ferienhaus verlassen haben, hat er kein Wort mehr gesprochen. In den letzten Tagen hatten seine Redebeiträge an Dauer und Häufigkeit abgenommen. Es fühlte sich an, als habe Fabian sich ein Schweigegelübde auferlegt.  Als Leonie eben das Gebläse der Klimaanlage heruntergeregelt hatte, hatte sie mit Gegenwehr gerechnet. Aber kein einziges Wort kam über seine Lippen. Obwohl sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem schwierigen Straßenverlauf widmen muss, spürt Leonie die Anspannung, die sich in Fabian aufgebaut hat. Sie weiß nicht, was an ihm zerrt, aber es wird an einem bestimmten Punkt zu einer unangenehmen Reaktion führen. Fabian betrachtet sie von Zeit zu Zeit, sein Blick sucht ihr Blick und wenn sie sich ihm zuwendet, dreht er sich weg, so wie gerade jetzt. Er schaut angestrengt aus dem Fenster und sie kann seine Halsmuskeln zucken sehen, seine Schultern bewegen sich unmerklich auf und ab. Leonie hasst diese Spielchen. Erwachsene Männer wie Fabian, die breitbeinig im Leben stehen, mit den Fingern an ihren Hemdkragen nesteln, die Reverse ihrer dunkelblauen Jacketts mit den Fingerspitzen geraderücken und sich dafür loben, dass sie wieder einmal einen ihrer Konkurrenten besiegt haben, benehmen sich privat wie kleine zerbrechliche Porzellanfiguren, die jeden Moment vom Fenstersims heruntergestoßen werden und am Fußboden zerschellen können. Leonie spürt die Kupplung unter ihrem Fuß. Sie schaltet einen Gang zurück und schiebt den FIAT in der steilen Kurve den Hang hinauf. Sie gönnt sich einen Blick hinunter ins Tal und feiert die Aussicht und feiert ihr Leben. Sie ist auf der Suche nach solchen ungestümen unverbrauchten Momenten. Sie wird von Euphorie ergriffen. Nacheinander beginnen ihre Nervenbahnen in den Armen und an der Wirbelsäule zu glühen. Leonie spürt sich selbst, ihren Körper und ihr Verlangen nach purem Erleben.  Sie ist besessen von der Idee, die Essenz der Dinge, die sie umgeben, körperlich zu erfahren. Sie muss herausfinden, ob es für sie selbst eine Bestimmung gibt, ob ihr Leben ein Sinn hat. Sie zelebriert das Leben, indem sie jedem Schluck Cappucino nachspürt, am Weinglas schnüffelt, bevor sie trinkt und dann den Chianti im Mund zergehen lässt, das Gelato auf der Zunge belässt, bis sie die verschiedenen Fruchtaromen erfasst hat, Pecorino beschnuppert, Brot abtastet, Ölivenöl beim Emulgieren mit dem Balsamico beobachtet. Das Kleid der verschiedenen Grüntöne, in die das Chiantital gehüllt ist, zu benennen, solche verrückten Sachen muss sie einfach machen. Sie schaut wieder auf die Straße und nimmt sich vor die Grüntöne, wenn Fabian nicht in der Nähe ist, leise vor sich herzusagen. Smaragdgrün, Froschgrün, Salbeigrün, Minzgrün, Absinthgrün, Waldmeistergrün, Ampelgrün. Die Beziehung zu Fabian gibt ihrem Leben einen Rahmen, eine Struktur. Bevor sie sich kennengelernt hatten, irrte sie ziellos durch den Garten der Möglichkeiten. Ihr fiel es nicht schwer, ein Studium zu absolvieren, einen Job zu finden, sich in der Firma zu etablieren, aber sie empfand dabei keine Befriedigung. Allerdings hatte sie auch keine Ahnung welchen Weg sie beschreiten müsste, um Zufriedenheit empfinden zu können. Mit Fabian kam ein Plan in ihr Leben. Er war Erfolgsenthusiast. Die Dinge, die er anpackte, begriff er als Wettbewerb und er wollte immer der Sieger sein. Er eroberte sie und seine Geradlinigkeit und seine Leidenschaft für Erfolg imponierten ihr. Nach zwei Jahren hat sich ihre Bewunderung etwas verbraucht. Daher ist es ihr so wichtig, ihre Eindrücke mit ihm zu teilen. Denn sie hofft, dass er mit seinem üblichen Enthusiasmus reagiert. Der ruhige Verlauf der Straße erlaubt es Leonie, ihn noch einmal anzuschauen. Ihre Blicke trafen sich. Sie bemerkte seine sanftmütigen salbeigrünen Augen oder waren sie eher seladongrün?  „Schön Landschaft, findest du nicht?“ Er schnaufte  angestrengt.

„Ja, schon. Kannst du trotzdem die Klimaanlage wieder höher drehen?“

Reihe 3, Platz 58+59: Fifty Degrees of Now nach Motiven aus „Das Ministerium für die Zukunft“ von Kim Stanley Robinson

Die Serie „Almania“ von und mit Phil Laude mag man nicht als feinsinnige Reflektion unserer Gegenwart betrachten. Es ist nun mal nur eine ARD-Serie, geschrieben und entworfen von jemanden, der in seinem früheren Leben die deutsche You-Tube-Comedy quasi erfunden hat. Das kann man mit den Anstrengungen akademisch ausgebildeter Theaterprofis nicht vergleichen, die Tag für Tag die Welt zwischen die drei Wände einer Bühne pressen. Und doch kann man beim Verfolgen der Serie viel über uns und unsere Gegenwart erfahren. Die Schülerin Annika, Jungaktivistin und sowas wie das wandelnde woke Gewissen in Ihrer Klasse, entwickelt plötzlich Sympathie für den rechtsdrehenden Hausmeister Schröder. Er präsentiert ihr in seiner Prepper-Bastelstube selbstgezogene Gurken, die er mit seiner persönlichen Fußnägelernte düngt. Alles nachhaltig und ressourcenschonend. Plötzlich sprechen sie eine Sprache. Als missverstandene und einsame Menschen, die von ihrer Umgebung für ihren pessimistischen Blick auf die Zukunft verachtet werden, verstehen sie sich prächtig. Bis zu dem Moment als sie sich gegenseitig den Grund für die große anstehende Veränderung nennen und Annika den Klimawandel mit großer Geste aus dem Hut zaubert und Herr Schröder etwas von Ausländern brummelt. In dem Moment verwandelt sich Annikas Sympathie wieder in Abscheu und sie rennt weg.

 Links und rechts der Mitte scheint es eine gewisse Lust am Weltuntergang zu geben. In der Mitte ist man eher genervt. Aber auch die Mitte franst immer mehr aus. Eine Tatsache, die viele Politiker anscheinend nicht wahrhaben wollen. Aber das ist ein anderes Thema. Ich resigniere, wenn ich zum dritten Mal in einer Spielzeit im Gießener Stadttheater ein Stück über den Weltuntergang präsentiert bekomme. Es erzeugt bei mir eine gewisse Müdigkeit und Erschöpfung bei mir. Die Situation der Menschheit gibt im Moment wenig Anlass für Freudentaumel. Aber wann war das schon einmal anders. Das Ende zu zelebrieren bringt uns nicht weiter. Gerade weil es in der Mitte der Gesellschaft einfach viele ignorante Zeitgenossen gibt, die jede Veränderung mit Murren hinnehmen und sich in Trägheit üben, in der Hoffnung, dass der Spuk bald vorbei ist und man weiterhin sein Schnitzel essen, sein Verbrenner fahren und jedes Jahr mit dem Flugzeug in ferne exotische Länder fliegen kann.

 Das erste Exemplar begegnete mir und meiner Frau schon beim Parken vor dem Theater. Mein kleines Elektroauto parkte ich pflichtbewusst auf einer Parkfläche am Rand einer Nebenstraße, korrigierte sogar mehrfach die Parkposition, um ja im weißen Raster der Parkfläche zu bleiben und in der engen Straße genug Platz für alle Verkehrsteilnehmer zu lassen. Mein Frau und ich stiegen aus, gingen um die Ecke und sahen ein Paar aus ihrem schwarzen furchteinflößenden SUV aussteigen, den sie im absoluten Parkverbot halb auf der Straße, halb auf den Bürgersteig abgestellt hatten. Es war ihnen egal, dass sie ein Verkehrshindernis darstellen. Erschreckenderweise rannten sie auch zum Theater. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Menschen dasselbe Theaterstück wie wir besuchten.

 Beim Betreten wurden wir überrascht von der Umgestaltung des Innenraums. Eine weiße Wand verkleinerte den Zuschauerraum. Auf der Bühne hatte man eine Tribüne mit Sitzplätzen errichtet. Im erhöhten Orchestergraben hatte man die Szenerie eines Konferenzraumes aufgebaut: Tisch, Sitzgelegenheiten, Verpflegung, Kaffee, ein Wasserspender.

 Nebel wallen über die Bühne und die Köpfe der Zuschauer hinweg. Das Stück begann. Wie bei einer antiken Tragödie berichtet der Schauspielerchor über die Geschehnisse. In Indien kam es zu einem Hitzekatastrophe. An einem Tag starben 20 Million Menschen. Die Weltgemeinschaft beschloss, endlich Konsequenzen aus dem Ereignis zu ziehen und gründete ein Ministerium der Zukunft: einne globale Organisation, die Wissenschaftler und Experten vereint. Sie haben die Aufgabe,  Maßnahmen zu Reduktion des CO2 Ausstoßes verbindlich auf den Weg zu bringen. Mein Gesicht schläft ein. Sechs WissenschaftlerInnen unter der Führung von Mary (der ehemaligen irischen Außenministerin) treffen sich zum Montagsmeeting und diskutieren ausführlich über den Sinn von Montagsmeetings, Geoengineering, das Artensterben, die ungleiche Verteilung von Wohlstand. Das ist also jetzt das verschissene Stück über den Weltuntergang? Experten retten im Montagsmeeting die Welt? Mein Kopf verliert seine Spannung und fällt auf meinen Brustkorb. Tiefschlaf!

 Erst als Frank, der einzige Überlebende des Unglückes in Indien, Mary als Geisel nimmt und sie davon überzeugt versucht, dass Reden alleine nichts bringt und man unter Umständen Gewalt anwenden muss, um die Welt retten zu können.

 Ab diesem Moment bleibe ich wach und verfolge die Geschichte. Plötzlich hebt sich bei mir die Stimmung wie bei Annika, als Schröder ihr seine Fußnägel und die Gurken präsentiert. Frank gespielt von David Gaviria, der schon bei früheren Inszenierungen mit seinem glaubwürdigen Spiel überzeugen konnte, wird zur Inspiration für Mary. Weil er wohl doch einmal selbst Gewalt ausgeübt hat, buchtet man ihn ein. Mary, die ihn im Gefängnis besucht und ihn beschützt, sorgt für seine Resozialisierung.

 In der Pause wünsche ich mir für manche Zeitgenossen auch mal so einen Frank, der sie kräftig in die Mangel nimmt und wachrüttelt. Einige Zuschauer rannten aus dem Gebäude, zündeten sich Zigaretten an und beschwerten sich raunend, dass sie das mit dem Klimawandel langsam nicht mehr hören können.

 Nach der Pause wandelt sich das Stück in ein Plädoyer für den technischen Fortschritt und den Kapitalismus, der die Heilung bringt. Nach jahrelanger Überzeugungsarbeit schafft es Mary einzelne Notenbanken von der Einführung des Carbon Coin zu überzeugen. Eine Kryptowährung, die dann erzeugt wird, wenn eine Tonne C02 eliminiert wird. Unternehmen werden für die Vermeidung und Reduzierung von Co2 Emissionen belohnt. Das scheint die Lösung zu bringen, denn nach Jahrzehnten mühevoller Überzeugungsarbeit, gehen die Emissionen zurück, das Artensterben hört auf, die Natur erholt sich allmählich und die Welt ist gerettet. Das Stück endet mit einer frohen Botschaft. Wir verlassen das Theater und für uns bleibt die Frage ob die Rettung der Welt wirklich mit den althergebrachten Mitteln des technischen Fortschrittes und des Kapitalismus erreicht werden kann? Hat uns das mächtige Duo der Wohlstandserzeugung nicht erst in diese Lage gebracht? Sind die SUV-Fahrer, die maulenden Zigarettenpausensuchtis und die reichen Bonzen mit den Privatjets noch an einer Veränderung ihres Verhaltens interessiert, wenn man ihnen Rettung durch den Carbon Coin und Geoengineering verspricht? Vielleicht fehlt vielen Menschen genau diese Hoffnung. Die düsteren Weltuntergangsszenarien zeigen keinen Ausweg. Es steht doch eigentlich schon fest, dass wir verloren sind. Das Stück beantwortet diese Frage nicht und vielleicht ist es auch gut so. Wo Fragen unbeantwortet bleiben, wird man nicht aufhören, nach Antworten zu suchen.

Reihe 3, Platz 58 + 59: Apokalypse Miau von Kristof Magnusson

Wenn man sich dem Theater intellektuell nähern will, wie die Wildkatze ihrer Beute, sollte man ab und zu die Frage in den Raum schleudern, ob Theater lustig sein darf. Die Frage impliziert, dass es eine scharfe Linie zwischen ernsthaften Drama, das die Welt bedeutungsschwer in eine Ansammlung von Problemen verwandelt und dem leichtfertigen Lustspiel gibt, das oberflächlich und heiter über die Melancholie des Seins hinwegwischt.

 In den Stück „Apokalypse Miau“ sieht man Theatermenschen, die hinter eine Bühne auf die Verleihung des Destroy-Preises warten und sich ihren eigenen Befindlichkeiten hingeben. Sie werden als kleingeistige Verwalter ihres Nimbus als Künstler gezeichnet, die um sich selbst kreisen und Verbindung zur Wirklichkeit verloren haben. Alle kennen sich irgendwie, haben schon miteinander gearbeitet oder sind heimliche Fans oder Feinde, hassen sich, heucheln Zuneigung oder Bewunderung. Es ist ihnen egal, was vorne auf der Bühne während der Preisverleihung geschieht. Der kleinste gemeinsame Nenner ist das Fußballspiel, das zur gleichen Zeit im Fernsehen läuft. Während sich die Moderatorin der Preisverleihung die größte Mühe gibt, das tröge Kulturevent in eine großartige Show zu verwandeln, beharken sich die Narzissten hinter der Bühne.

 Das echte Publikum vor der Bühne lacht ausgiebig über das doppelte Spiel hinter und vor der Bühne. Der Kleinkrieg hinter der Bühne verlagert sich bei der fiktiven Preisverleihung auf die große Bühne. Die Preisträger, der alte weiße Mann und die woke, feministische Regisseurin brechen einen Kulturkampf vom Zaun und nebenbei bricht die Apokalypse über alle herein. Darf man das lustig finden? Alle Lachen, ich nicht. Ich freue mich auf die Pause und ein Glas Wein. Sind wir denn wirklich alle so leicht zu überrumpeln. Ein paar dumme Witze am Abend und das war es dann? Ich habe mal gelernt, dass Satire den Menschen den Spiegel vorhält, in dem sie ihr hässliches Antlitz erkennen können. An diesem Abend habe ich das Gefühl, die Leute schauen zwar in den Spiegel, aber der Spiegel ist stumpf und blind.

  Der zweite Teil besteht des Abends besteht darin, dass wir die Menschen aus dem ersten Teil dabei beobachten können, wie sie sich langsam selbst zerfleischen, wie Versuche des solidarischen Handelns in der Krise scheitern und sie doch nachher alle vor die Hunde gehen. Das Lachen im Publikum nimmt ab. Die Begeisterung nicht.

 Ich gehe aus dem Theater und frage mich, wie ich mich zu dem Stück verhalten soll? Nach längerer Betrachtung, drei Wochen Bedenkzeit und einer Europawahl mit Rechtsdrall, muss ich feststellen, dass der Autor Kristof Magnusson vollkommen recht hat, wenn er die Befindlichkeiten des Einzelnen mit der Apokalypse verknüpft. Im Prinzip funktioniert die Welt im Moment genauso: Man fühlt sich abgehängt und missverstanden und überträgt seine Unwohlsein auf das große Ganze. Die Krisen, die Katastrophen unserer Zeit sind nur Projektionsflächen und genauso wenig real für die Menschen wie für die Schauspieler hinter der Bühne das Geschehen auf der Bühne. Es ist egal, ob die Welt nun sich nur verändert oder untergeht, jeder Befindlichkeit muss dabei Rechnung getragen werden. Insofern hoffe ich, Herr Magnusson hat die Lachsalven seiner Zuschauer als Spiegelung der Wirklichkeit einkalkuliert. Und wahrscheinlich ist er Optimist: wenn das Lachen das Zwerchfell schmerzen lässt, fängt das Nachdenken an. Somit steht für mich fest: Theater muss lustig sein!  

Brett vor dem Kopf

Das Gehirn ist eine Prognosemaschine, die Sinneseindrücke mit Erfahrungen und Erwartungen abgleicht und Vermutungen über die Welt anstellt. Dabei ist das Gehirn nicht an Wahrheit interessiert, sondern gewissermaßen am eigenen Vorteil: Die Art, wie es arbeitet, hilft dem Menschen, folgenschwere Fehler zu vermeiden. Es ist ein Mechanismus, der auch dazu führt, dass sich unsere Überzeugungen verfestigen. (Spiegel 22/2024, 24.05.2024, Artikel „Im Labyrinth der Lügen“)

Meine Selbstbeschreibung klingt wie das Mantra eines Gutmenschen: Ich bin ein rational denkender Mensch, weltgewandt, aufgeschlossen und tolerant, belesen und interessiert an der Welt und den Menschen. Ich kenne keine Vorurteile. Für mich sind alle Menschen gleich. Wenn diese Selbstbeschreibung stimmte, wäre ich ohne Fehl und Tadel und damit auf der richtigen Seite des gesellschaftlichen Grabens, der von Tag zu Tag tiefer und breiter wird und uns alle eines Tages verschlingen wird.     In der Dauerempörungsschleife, die wir durch das Internet gelegt haben, ging uns leider die Erkenntnis verloren, dass wir alle nur Menschen sind, voller Fehler und eingeübten Verhaltensweisen, die man nur schwer geradebiegen kann. Wenn man einmal seine Überzeugungen hat, möchte man sie immer wieder bestätigt bekommen. Unser Lieblingsinstrument ist nicht die Wahrheit, sondern Verknappung, Verkürzung, Verdrehung der Tatsachen und das gepflegte Vorurteil. Wie am Anfang des Textes beschrieben, könnten wir es ansonsten mit uns selbst nicht aushalten.

 Im Sinne der Selbstoptimierungswut sollen wir ja ständig unsere Komfortzone verlassen, ansonsten droht uns der Stillstand (Wut besteht aus Zwangsneurose, sinnlosem und ziellosen Kraftaufwand und eruptiven Emotionen, also alles was der Influencer so braucht, um Millionen Follower zu begeistern). Ich bin kein Freund des Stillstandes, aber muss ich dafür meine Komfortzone verlassen? Man muss mich schon schubsen oder mit irgendwelchen persönlichen Vorteilen locken.

 Obwohl die Aussicht auf einen Abend mit meiner Frau mich gelockt hat, musste sie mich doch ein wenig schubsen. Und das nur weil die Gleichung viele Unbekannte hatte. Wir sollten mit uns unbekannten Menschen das Konzert einer uns unbekannten Band aus einem uns unbekannten Genre besuchen und vorher noch mit diesen uns unbekannten Menschen in einem unbekannten Restaurant, an einem unbekannten Ort, uns unbekannte Speisen zu uns nehmen. So viele Unbekannte funktionieren schon bei mathematischen Gleichungen nicht gut, warum sollte es dann in meinem Leben funktionieren. (Folgenden Spruch dürfen Sie unentgeltlich als Wandtattoo für den privaten Gebrauch nutzen: Das Leben ist eine mathematische Gleichung. Lizenzgebühren fallen nur bei gewerblicher Nutzung an.)

  Ich bin jetzt über fünfzig und spüre in mir einen stetig wachsenden Unwillen, mich auf unbekannte Situationen einzulassen. Als junger Mensch erlebt man alles zum ersten Mal. Mit dem zweiten, dritten und vierten Mal stellt sich ein Gewöhnungseffekt ein, dem man nicht unterschätzen sollte. Durch die Beschaffung von zahlreichen Informationen kann man das Unbekannte wie einen Blindgänger entschärfen. Allerdings sollte man, wie beim Entschärfen einer Bombe, vorsichtig sein und nicht zu viele Kabel durchschneiden. 

Ich bin Meister darin, mich selbst in die Luft zu jagen.  In meiner manischen und perfektionistischen Art übertreibe ich meine Recherche. Selektiv konzentriere ich mich auch einige Details und übersehe andere leichtfertig.  

 Meine Vorbereitung fing Wochen vor dem Konzert an. Ich habe mir erste einmal auf Spotify alle Songs der Band angehört. Dann habe ich Wikipedia und andere Wissensplattformen nach der Band durchsucht. Innerhalb ein paar Tagen war ich Experte für diese Band. Die Musik hat trotzdem in mir keine Begeisterung ausgelöst. Aber wenigstens konnte schon einmal mitreden. Dieses Paar, das den Konzertbesuch initiiert hatte, ist Fan dieser Band und dieser Musik. Also musste ich für die gepflegte Abendkonversation eine Grundlage schaffen. Als der Ort der Aufführung und das Restaurant bekannt waren, habe ich Googlemaps bemüht, um herauszufinden, wie lange wir fahren müssen, wo man parken kann, wie weit das Restaurant von der Halle entfernt ist, und so weiter.

 Für meine Frau und mich ist der kleine Ausbruch aus der Routine immer mit zusätzlicher Anstrengung verbunden. Das Hamsterrad darf nicht zum Stillstand kommen, auch wenn wir mal kurz aussteigen. Also hetzt man von einem Ort zum nächsten, das Pflicht- und Verantwortungsgefühl im Nacken.

 Wir fuhren rechtzeitig los, Haustürschlüssel, ein wenig Geld, Handy, EC-Karte, Personalausweis, Führerschein, Eintrittskarten, alles da! Ich saß hinter dem Steuer und wollte den Motor starten, als mir einfiel, dass ich mir noch eine Jacke ins Auto legen wollte. Sich schwitzend ins kalte Auto setzen, geht gar nicht. Also bin ich zurück, habe die Tür aufgeschlossen und die Jacke geholt.  

 Wir kamen pünktlich an und fanden sofort einen kostenlosen Parkplatz an der Location.

 Auf dem Weg zum Treffpunkt mache ich wie gewohnt meine Hosentaschenkontrolle, in dem ich mit meinen Fingern in der Hosentasche alle Gegenstände ertaste. Mein Haustürschlüssel fehlte, oh Gott! Wenn wir nachts nach Hause kommen, schlafen alle und wir müssen die ganze Nacht in der Kälte verbringen. Meine Frau kennt mich gut genug und beschwichtigte mich sofort. Ich soll mir keine Gedanken machen, sie habe einen Haustürschlüssel mit und meiner wird sich schon zu Hause finden. Ich kann meine neurotische Angst vor Schlüsselverlusten mit dem Hinweis auf meine Haftpflichtversicherung, die natürlich den privaten und dienstlichen Schlüsselverlust abdeckt, unterdrücken und schaffe es wirklich, dass die Angst nur sporadisch in meinem Gehirn aufblitzt.

 Da meine Frau die Eintrittskarten bezahlt hat, soll ich das Essen bezahlen. Ich habe aber gar nicht genug Bargeld mit. Hoffentlich kann man in dem Restaurant mit Karte bezahlen. Dieser Gedanke lässt sich nicht mehr wegwischen. Wir brauchen jetzt nicht zu diskutieren, warum wir Deutschen nicht gerne mit Karte bezahlen und warum viele Deutschen glauben, Bargeld sei mit Freiheit gleich zu setzen. Penunzen nehmen einem immer die Freiheit, weil sie verdient werden müssen, dann ist es egal ob man sie in Form von Papier oder Plastik in der Hand hält. Bargeldbesitz ist hinderlich im Alltag. Man muss immer eine ausreichende Menge mit sich herumschleppen oder sucht andauernd einen Geldautomaten. Das beschränkt mich doch mehr, als wenn ich meine Karte oder noch besser, einfach mein Handy zum Bezahlen zücken muss.

 Wir treffen die unbekannten Menschen und unseren Freund an der Ampel. Sie entpuppen sich sofort als freundliche und kommunikative Zeitgenossen. Aber ich fühle angesichts ihrer Freundlichkeit und Zugewandtheit meine eigene Erschöpfung. Außer der Frage, ob man in dem Restaurant mit Karten zahlen kann oder nicht und der Information, dass mein Haustürschlüssel verschwunden ist, habe ich ihnen nichts anzubieten. Die ganze Vorbereitung für die gepflegte Konversation war im Arsch!!!

 Auf dem Weg zum Restaurant finden wir eine Sparkassenfiliale. Das löst schon mal die ersten Beklemmungen. Das italienische Restaurant liegt etwas abseits in einem Wohnviertel und auf dem ersten Blick erkennt man, dass das Restaurant sich in einem Wohnhaus befindet. Es handelt sich um einen typischen Familienbetrieb. Wir betreten das Grundstück durch ein Gartentürchen und befinden uns quasi auf einem Privatgrundstück. Mein Urteil ist gefällt. Niemals werden diese Italiener, die ja eh alle Verbindungen zur Mafia haben und daher ja ihre Einnahmen waschen müssen, Kartenzahlung anbieten. Und dieses Familiengetue ist doch nur Fassade. Sie erinnern sich an das Zitat am Anfang des Textes?

 Ich will einfach nicht, dass man hier im Restaurant mit Karten bezahlen kann. Die Wahrheit interessiert mich nicht und so passiert folgendes:

Wir setzen uns an den Tisch, geraten in eine ausführliche Konversation und werden von der Bedienung (die Tochter des Hauses) unterbrochen. Ob wir schon Getränke bestellen wollen? Wir diskutieren noch über Weine und als Liebhaber toskanischer Weine entscheide ich mich für einen Chianti. Worauf die Frau einen Primitivo empfiehlt. Hier gibt es niemals die Möglichkeit, mit der Karte zu bezahlen. Wer als Italiener Primitivo mit Chianti gleichsetzt, wird nur Bargeld akzeptieren. Zur Belustigung aller gebe ich meine Kritik zum Besten. Meine Frau schränkt ein, dass die Bedienung nur den Primitivo erwähnt habe, weil er nicht auf der Karte stehe und dass sie die Weine nicht gleichgesetzt habe. Der Wein kommt. Er schmeckt gut. Wir warten auf die Pizza. Ich spüre den Alkohol und muss nun Klarheit über die Zahlungsmittel zur Begleichung der Rechnung erlangen. Bevor das Essen kommt, muss die Frage geklärt werden. Also verabschiede ich mich schlecht gelaunt von der gut gelaunten Runde mit dem Hinweis, dass ich mal austreten müsse.

 Ich wollte eigentlich an der Theke des Hauses nachfragen, aber an der Eingangstür zum Restaurant hängt ein Zettel. Ich lese dort, dass man keine Kartenzahlung wünsche. Ich atme tief durch, beschleunige den Gang aufs Klo, und schreibe meiner Ehefrau eine verzweifelte WhatsApp-Nachricht:

„Geh Geld holen. Die nehmen keine Karte.“

Ich hetze zur Sparkasse, hebe viel Geld ab und renne wieder zurück. Die gutgelaunte Runde erwartet mich schon und wundert sich, warum ich so lange weg war.

 Ich sitze, warte auf die Pizza, man redet und redet, eigentlich ist alles nett. Die fremden Menschen sind uns gar nicht mal unähnlich. Wir reden über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und das ich immer Elternzeit in Anspruch genommen habe, damit meine Frau schnell wieder in den Beruf kann, halt eben so ein richtiger Gutmensch. Dabei mache ich meiner Frau das Kompliment, dass ich mich unter anderem in sie verliebt habe, weil sie klüger ist als ich und schränke gleich ein, dass sei nur ein Grund gewesen, die sollen ja nicht glauben, dass ich meine Frau hässlich finde und sie nur wegen der Intelligenz geheiratet habe. Ein richtiger Gutmensch, der in die sich in seinen eigenen Gutmenschen-Verstrickungen so verheddert, dass er sich längs auf die Schnauze legt. Aber in der Runde kommt das gut. Die fremde Frau sagt noch, dass wir ja irgendwie auch so seien wie sie und als er noch erzählt, dass er auch mal bei einer Bank gelernt hat, sind alle Bedenken verschwunden und es kommt auch bei mir so etwas wie Entspanntheit auf. Die Pizza kommt, wir essen und trinken und reden und zwischendurch denke ich mir, komm scheiß auf das Konzert, das ist gerade so schön hier. Dann der Schock! Der Wirt serviert dem Nachbartisch ein Kartenzahlungsgerät. Eine Gästin holt ihre Bankkarte raus und legt es wie selbstverständlich auf das Gerät. Man hört den Thermodrucker rattern und der Wirt reißt den Beleg ab. An unserem Tisch herrscht plötzlich Stille. Ich wechsle meine Gesichtsfarbe von bleich zu grün zu tomatenrot.

„Hier kann man doch mit Karte bezahlen?!“

Ich habe meine eigenen Fake-News in die Welt gesetzt und wurde nun entlarvt. Wie immer, wenn man die eigenen Fake-News für echt hält, muss man dagegenhalten.
„Aber der Zettel an der Tür…“

Ich mache mich kurz zum Gespött und dann tritt das Thema zum Glück in den Hintergrund. Man unterhält sich zu gut um mit einem Disput über Lüge und Wahrheit den Abend zu verderben. Ich atme auf und denke wieder an meinen Haustürschlüssel. Als wir wieder vor dem Haus jenseits der Gartentür und der Hecke stehen, erzählt mir meine Frau im Vertrauen, dass auf dem Zettel nur stand, dass hier keine Kreditkarten akzeptiert werden aber man ansonsten gerne Karten zur Begleichung der Rechnung annimmt.

 Ich hatte mir also aufgrund meiner Vorurteile und weil diese nun mal bestätigt werden müssen, meine eigene Wahrheit konstruiert und mich damit auf eine Stufe mit all den Aluhüten und Querdenkern gestellt, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als sich die Welt so zu denken, wie sie sie gerne haben möchten. Und da sehen wir wieder mal Gut und Böse sind keine Kategorien, um menschliches Verhalten zu qualifizieren. In manchen Situationen verhält sich unser Gemüt wie ein Querschläger. Man ahnt nichts Böses und wird von einen Gedanken erwischt, von den man niemals geglaubt hätte, dass er einem durch den Kopf schießt.

 Übrigens: die Band war super! Sehr gute Stimmung! Sehr gute Show! Um halb zwei Nachts waren wir zu Hause und mein Haustürschlüssel lag auf dem Tisch. Ich hatte ihn in der Tür stecken lassen, als ich mir die Jacke geholt habe, die ich übrigens nicht angezogen habe. Meine Tochter hatte den Schlüssel im Schloss entdeckt und ihn einfach auf den Tisch gelegt. Das war nicht das erste Mal.

Da reitet er wieder…..

Seit fast einem Jahr habe ich auf meinem Blog nicht mehr über meine literarischen Bemühungen geschrieben. Wahrscheinlich haben sich schon einige Leser gefreut. Gottseidank, er hat es eingesehen und aufgegeben. Aus jeder seiner Zeilen konnte man die schiere Verzweiflung über das eigene Unvermögen herauslesen.

 Ich muss Euch alle enttäuschen. Natürlich feile ich noch oder wieder an dem nächsten großen literarischen Wurf.

 Nach der letzten Blamage habe ich voller Euphorie die Arbeiten zu einem neuen Roman angefangen. Meine Zuversicht kannte kein Halten mehr und als sie es sich gewagt hat mit einem Stück Torte mit fetter Sahne und einer Tasse heißen Kakao sich für die ersten dreißig gelungenen Seiten zu belohnen, wurde sie von meiner wütenden Ernüchterung von hinten angegriffen. Ihr Gesicht landete in dem Stück Torte und meine Ernüchterung hielt ihren Nacken solange im Würgegriff bis sie an der Sahne zu ersticken drohte.

Wie lautete meine geniale Idee für meinen genialen Roman: ich wollte einen Roman über eine Tiefkühltruhe schreiben. Für mich gehört die Tiefkühltruhe zu meiner eigenen Geschichte und steht für mich stellvertretend für die Zeit meiner Kindheit. Die Tiefkühltruhe ist für mich ein Symbol für wahnhaften Konsum, Verschwendung und (da kommt keiner drauf) Kälte!!! Dieses große brummende Ding stand früher bei vielen Familien im Keller, fraß Strom wie ein Nimmersatt und wurde mit Eis und Tiefkühlwaren vollgestopft. Einmal im Jahr musste man die Wanne enteisen und schmiss dabei die Dinge weg, die man vor Jahren mal eingelagert hatte. Dann war die Wanne wieder leer und kurz darauf stand der Eismann oder der Kerl von Bofrost vor der Tür. Sie witterten große Geschäfte, denn die Truhe musste wieder vollgepackt werden.

Die Geschichte einer Kühltruhe ist schnell auserzählt und wird höchstens für eine Kurzgeschichte reichen. Es braucht schon Menschen, die in irgendeiner Beziehung zur Kühltruhe stehen. Und da fangen meine Probleme wieder an. Habe ich mir doch wieder eine dysfunktionale Familie ausgesucht: Gefühlskalte Eltern und einen Sohn, der von seinen Eltern abgelehnt wird. Dieses Setting steht bei mir immer am Anfang und es ist wahrscheinlich meiner eigenen Familiengeschichte geschuldet, dass ich es immer wieder als Ausgangsmaterial nutze. Darin liegt schon einmal der erste große Fehler. Gefühlskalte Menschen, die einer Kühltruhe entsteigen, sind nicht wirklich spannend. Sie sind langweilig, haben nichts zu bieten, außer stumpfsinnige Ahnungslosigkeit.

 Ohne mir weitere Gedanken zu machen, habe ich erst einmal vierzig Seiten geschrieben. Der Sohn ist natürlich selbst Vater und heillos verstrickt in seiner eigenen Herkunftsgeschichte. Daher kann er kein guter Vater und Ehemann sein. Er versucht es und steht immer am eigenen Abgrund. Das gibt einem Autor natürlich gutes Futter: ein Drama jagt das nächste. Es folgt ein wilder Ritt durch das Leben des Protagonisten, jedes Drama erzeugt ein neues Drama, atemlos, schnelle Schnitte, ein unentwirrbarer Knäuel an Konflikten. Allen wird es schwindlig und jeder will wissen, wie die Geschichte weiter geht.

 Wenn ich ein guter Schriftsteller wäre, könnte ich mich für diese wahnsinnig gute Idee bei mir selbst bedanken. Ausgehend von einer Kühltruhe drehen wir einen rasanten Actionfilm. Aber ich bin kein guter Schriftsteller und mit schnellen, rasanten und chaotischen Geschichten heillos überfordert. Nicht mein Protagonist hechelt atemlos durch die Ereignisse und sondern sein Schöpfer. Nun habe ich nach einem dreiviertel Jahr Arbeit an dem Text erkannt, dass ich wieder mal einen Schritt zurückgehen muss. Die rasanten Geschichten sind lahm und inhaltsleer. Der nachvollziehbare Rahmen fehlt (wie immer). Also schreibe ich wieder einmal die Geschichte über die Geschichte, um mir klar zu werden, was ich eigentlich erzählen will und warum dieser Typ so heillos durch sein Leben irrt und diesmal haben die Eltern nicht die schuld…

Am Ende meiner Überlegungen steht die Idee kleine Kurzgeschichten, kurze Szenen, Beschreibungen und Betrachtungen zu verfassen und diese hier zu veröffentlichen. Ihr, meine Blogleser, könnt an der Entwicklung des Romans teilhaben. Dafür hatte ich den Blog irgendwann begonnen. Ich wollte die Arbeit eines Autors (auch wenn er ein Dilettant ist) sichtbar machen und in Austausch mit potentiellen Lesern treten. Daher wird es Zeit, diese Grundidee wieder mit Inhalt zu füllen. Ich freue mich riesig darauf.

Bundesstraße

Letzten Samstagnachmittag fuhr ich auf der vierspurigen schnurgeraden Autostrada zwischen Wetzlar und Gießen. Beim Fahren kann man den Blick über die idyllische Lahnebene schweifen lassen. Der Fluss schlängelt sich hier durch ein Naherholungs- und Naturschutzgebiet. Man kann sich Zeit nehmen. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit liegt bei 100 KM/H. Ich habe wenig Interesse an der Idylle neben der Straße. Ich bin diese Strecke schon tausendmal gefahren. Die Straße führt nicht nur durch das Lahntal, sondern auch durch mein Leben. Auf der linken Fahrspur lasse ich die anderen Fahrzeuge hinter mir.

 Hinter mir rauscht ein schwarzes Geschoß heran. Fast instinktiv spüre ich seine Anwesenheit noch bevor es sich mit Lichthupe ankündigt. Gefühlt einen halben Kilometer entfernt von mir entdecke ich das nervig Lichtsignale emittierende Objekt im Rückspiegel. Warum soll ich die Fahrspur wechseln? Ca. 100 Meter vor mir fährt ein Fahrzeug auf der rechten Spur und ich möchte es gerne überholen. Innerhalb ein paar Sekunden erreicht mich die Bedrohung auf der linken Spur und mir wird ganz anders. Noch bevor es meine Stoßstange berühren kann, wechselt es auf die rechte Spur. Meine Furcht vor dem Auftreffen des unbekannten Objektes gleitet nahtlos über in Wut und störrischem Beharren auf mein Recht.  

 In einer miesen Kurzschlussreaktion gebe ich Gas, um zu dem Fahrzeug auf der rechten Spur aufzuschließen. So macht man die Räume dicht und riskiert einen verheerenden Unfall. Das ist mir völlig egal, denn meine Testikel sind innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde auf die doppelte Größe herangewachsen. Mein ganzes maskulines Bewusstsein verharrt auf dem Gaspedal.

 Ich beschleunige mein kleines Elektroauto, neben mir das rasende Objekt, das ich mittlerweile als schwarzen Golf identifizieren konnte. Nur kurz habe ich die Macht über die Situation, denn der Golf ist schneller und sein Fahrer absolut furchtlos. Kurz bevor wir das Fahrzeug auf der linken Spur erreichen, setzt sich der schwarze Golf vor mich. Der Fahrer scheint keinerlei Nerven zu besitzen. Als ich das erste Mal die Silhouette des Fahrers erahnen kann, legt er eine Vollbremsung hin. Der Bruchteil der Sekunde in der ich der Vollbremsung gewahr werde, entscheidet über Leben und Tod. Ich weiß gar nicht, wie ich schaffe, das Bremspedal bis unten durchzutreten, gleichzeitig zu hupen und zu brüllen:

„Nötigung, du Schwachkopf.“

 Die Angst vor dem Tod muss irgendwie artikuliert werden.

Dem Fahrer des schwarzen Golfes bin ich vollkommen gleichgültig. Er hat mich niedergerungen und kann nun bequem meine wütenden Handbewegungen und Beschimpfungen ignorieren. Ich fahre ihm hinterher, fühle mich gedemütigt und suche einen Weg, mich wieder aufzurichten. Ich notiere mir sein Kennzeichen, überlege ihn anzuzeigen und bedränge ihn durch dichtes Auffahren. Bis zur nächsten Ausfahrt stecken wir in einer Kolonne fest. Auf beiden Spuren fahren die Autos wie auf Schienen. Als ich an der nächsten Ausfahrt abbiege und er auf der B49 bleibt, versuche ich den Fahrer noch einmal in Augenschein zu nehmen. Er bleibt gesichtslos, ein Schatten am Lenkrad. Sein Golf weist eine großflächige Blechwunde auf, die die gesamte Beifahrerseite überzieht. Entweder kann er keine Risiken abschätzen oder seine Wut ist immer größer als seine Angst vor dem Crash.

Leider habe ich mitgespielt. Es ist so einfach geworden, sich im Recht zu fühlen und sich zum Rächer der eigenen Bedeutungslosigkeit zu erheben. Ob im Internet, im Straßenverkehr, in den Städten, bei Veranstaltungen, der Sog des konturenlosen Schattens, der sich immer beklagt und beschwert, der andere beschimpft und diffamiert, Gewalt androht und ausübt, das Recht auf seiner Seite sieht, wenn er Regeln bricht, ist stärker geworden. Befindet man sich einmal  im Strudel der Unmenschlichkeit und betrachtet den anderen nur als Störfaktor, der aus dem Weg geräumt werden muss, kann man sich ihm nur schwer entziehen.

 Gestern habe ich einen kurzen Videoclip auf Spiegel-Online gesehen. Es zeigt einen großen schwarz gekleideten Kerl, der ein Wahlplakat von einem Mast herunterreißt. Er war nicht alleine. Zwei weitere Personen, auch in schwarz gekleidet, haben arglose Menschen angegriffen, bedroht, beschimpft, Angst und Schrecken verbreitet. Die drei Angreifer fühlten sich im Recht, fanden es unbegreiflich, dass Menschen eine andere Meinung plakatierten und wollten ihr Revier verteidigen. Beim Betrachten des Videos habe ich mich an meine Gefahrensituation auf der Straße erinnert. Wenn Menschen im öffentlichen Raum attackiert werden, weil sie sich politisch engagieren, ist es weitaus dramatischer und in seiner Wirkung folgenreicher als ein Gerangel auf der Bundesstraße. Allerdings geht es um das gleiche Prinzip des Regelbruches und ist verbunden mit einem ähnlichen Empfinden. Die gesellschaftliche Übereinkunft, die Regeln des Straßenverkehrs, die Regeln der politischen Teilhabe, Geschwindigkeitsbegrenzungen, das Recht sich politisch zu engagieren, seine Meinung zu äußern, sich zur Wahl zu stellen, werden durch den Angriff außer Kraft gesetzt, insbesondere wenn der Provokateur ungestraft enteilen kann. Früher waren es nur die Vollidioten, die mit ihren PS unter dem Hintern, die Regeln des Straßenverkehrs ausgehebelt haben. In den letzten Jahren sind viele neue Regelbrüche hinzugekommen und so wie ich mich habe hineinziehen lassen, sind viele Menschen bereit, sich in den Strudel der Unmenschlichkeit zu begeben, ohne zu erahnen, worauf sie sich einlassen.

 Irgendwann haben Brandstifter das Feuer gelegt und anstatt das wir das Feuer gelöscht haben, haben wir es unbeabsichtigt angefacht. So wie ich die Contenance im Straßenverkehr verloren habe, haben weite Teile der Gesellschaft ihre Contenance verloren. In einer kopflosen Gesellschaft werde die Brandstifter ihre Ziele zu erreichen. Sie zündeln an den Grundfesten der Gesellschaft, um Konfusion zu verursachen. Sie wollen die Unsicherheit und Unordnung während des Feuers ausnutzen, um Macht zu erlangen. Der Golffahrer und die Angreifer sind für die Brandstifter das Mittel zum Zweck, sie sind Brandverstärker, die für Konfusion und Unsicherheit sorgen. Wir fühlen uns nicht mehr sicher und reagieren nur noch. Man hat uns in einen Hinterhalt gelockt und wir stehen nun mit dem Rücken zur Wand, verzweifelt, wütend und unfähig, den Ausweg zu erkennen.

 Wir brauchen ein Gegenmittel. Wir müssen uns dem Feuer entziehen und endlich mit den Löscharbeiten beginnen. Kehren wir zurück zur Vernunft, machen wir uns wieder klar, dass eine Gesellschaft nur funktionieren kann, wenn jeder die Regeln einhält und der der sie nicht einhalten will, sanktioniert wird. Dazu braucht es Gelassenheit und den ruhigen Blick. Fahren wir auf die andere Spur, lassen wir die Vollidioten uns ruhig überholen. Irgendwann werden sie in die Leitplanken rasen und sich selbst ad absurdum führen.