Brett vor dem Kopf

Das Gehirn ist eine Prognosemaschine, die Sinneseindrücke mit Erfahrungen und Erwartungen abgleicht und Vermutungen über die Welt anstellt. Dabei ist das Gehirn nicht an Wahrheit interessiert, sondern gewissermaßen am eigenen Vorteil: Die Art, wie es arbeitet, hilft dem Menschen, folgenschwere Fehler zu vermeiden. Es ist ein Mechanismus, der auch dazu führt, dass sich unsere Überzeugungen verfestigen. (Spiegel 22/2024, 24.05.2024, Artikel „Im Labyrinth der Lügen“)

Meine Selbstbeschreibung klingt wie das Mantra eines Gutmenschen: Ich bin ein rational denkender Mensch, weltgewandt, aufgeschlossen und tolerant, belesen und interessiert an der Welt und den Menschen. Ich kenne keine Vorurteile. Für mich sind alle Menschen gleich. Wenn diese Selbstbeschreibung stimmte, wäre ich ohne Fehl und Tadel und damit auf der richtigen Seite des gesellschaftlichen Grabens, der von Tag zu Tag tiefer und breiter wird und uns alle eines Tages verschlingen wird.     In der Dauerempörungsschleife, die wir durch das Internet gelegt haben, ging uns leider die Erkenntnis verloren, dass wir alle nur Menschen sind, voller Fehler und eingeübten Verhaltensweisen, die man nur schwer geradebiegen kann. Wenn man einmal seine Überzeugungen hat, möchte man sie immer wieder bestätigt bekommen. Unser Lieblingsinstrument ist nicht die Wahrheit, sondern Verknappung, Verkürzung, Verdrehung der Tatsachen und das gepflegte Vorurteil. Wie am Anfang des Textes beschrieben, könnten wir es ansonsten mit uns selbst nicht aushalten.

 Im Sinne der Selbstoptimierungswut sollen wir ja ständig unsere Komfortzone verlassen, ansonsten droht uns der Stillstand (Wut besteht aus Zwangsneurose, sinnlosem und ziellosen Kraftaufwand und eruptiven Emotionen, also alles was der Influencer so braucht, um Millionen Follower zu begeistern). Ich bin kein Freund des Stillstandes, aber muss ich dafür meine Komfortzone verlassen? Man muss mich schon schubsen oder mit irgendwelchen persönlichen Vorteilen locken.

 Obwohl die Aussicht auf einen Abend mit meiner Frau mich gelockt hat, musste sie mich doch ein wenig schubsen. Und das nur weil die Gleichung viele Unbekannte hatte. Wir sollten mit uns unbekannten Menschen das Konzert einer uns unbekannten Band aus einem uns unbekannten Genre besuchen und vorher noch mit diesen uns unbekannten Menschen in einem unbekannten Restaurant, an einem unbekannten Ort, uns unbekannte Speisen zu uns nehmen. So viele Unbekannte funktionieren schon bei mathematischen Gleichungen nicht gut, warum sollte es dann in meinem Leben funktionieren. (Folgenden Spruch dürfen Sie unentgeltlich als Wandtattoo für den privaten Gebrauch nutzen: Das Leben ist eine mathematische Gleichung. Lizenzgebühren fallen nur bei gewerblicher Nutzung an.)

  Ich bin jetzt über fünfzig und spüre in mir einen stetig wachsenden Unwillen, mich auf unbekannte Situationen einzulassen. Als junger Mensch erlebt man alles zum ersten Mal. Mit dem zweiten, dritten und vierten Mal stellt sich ein Gewöhnungseffekt ein, dem man nicht unterschätzen sollte. Durch die Beschaffung von zahlreichen Informationen kann man das Unbekannte wie einen Blindgänger entschärfen. Allerdings sollte man, wie beim Entschärfen einer Bombe, vorsichtig sein und nicht zu viele Kabel durchschneiden. 

Ich bin Meister darin, mich selbst in die Luft zu jagen.  In meiner manischen und perfektionistischen Art übertreibe ich meine Recherche. Selektiv konzentriere ich mich auch einige Details und übersehe andere leichtfertig.  

 Meine Vorbereitung fing Wochen vor dem Konzert an. Ich habe mir erste einmal auf Spotify alle Songs der Band angehört. Dann habe ich Wikipedia und andere Wissensplattformen nach der Band durchsucht. Innerhalb ein paar Tagen war ich Experte für diese Band. Die Musik hat trotzdem in mir keine Begeisterung ausgelöst. Aber wenigstens konnte schon einmal mitreden. Dieses Paar, das den Konzertbesuch initiiert hatte, ist Fan dieser Band und dieser Musik. Also musste ich für die gepflegte Abendkonversation eine Grundlage schaffen. Als der Ort der Aufführung und das Restaurant bekannt waren, habe ich Googlemaps bemüht, um herauszufinden, wie lange wir fahren müssen, wo man parken kann, wie weit das Restaurant von der Halle entfernt ist, und so weiter.

 Für meine Frau und mich ist der kleine Ausbruch aus der Routine immer mit zusätzlicher Anstrengung verbunden. Das Hamsterrad darf nicht zum Stillstand kommen, auch wenn wir mal kurz aussteigen. Also hetzt man von einem Ort zum nächsten, das Pflicht- und Verantwortungsgefühl im Nacken.

 Wir fuhren rechtzeitig los, Haustürschlüssel, ein wenig Geld, Handy, EC-Karte, Personalausweis, Führerschein, Eintrittskarten, alles da! Ich saß hinter dem Steuer und wollte den Motor starten, als mir einfiel, dass ich mir noch eine Jacke ins Auto legen wollte. Sich schwitzend ins kalte Auto setzen, geht gar nicht. Also bin ich zurück, habe die Tür aufgeschlossen und die Jacke geholt.  

 Wir kamen pünktlich an und fanden sofort einen kostenlosen Parkplatz an der Location.

 Auf dem Weg zum Treffpunkt mache ich wie gewohnt meine Hosentaschenkontrolle, in dem ich mit meinen Fingern in der Hosentasche alle Gegenstände ertaste. Mein Haustürschlüssel fehlte, oh Gott! Wenn wir nachts nach Hause kommen, schlafen alle und wir müssen die ganze Nacht in der Kälte verbringen. Meine Frau kennt mich gut genug und beschwichtigte mich sofort. Ich soll mir keine Gedanken machen, sie habe einen Haustürschlüssel mit und meiner wird sich schon zu Hause finden. Ich kann meine neurotische Angst vor Schlüsselverlusten mit dem Hinweis auf meine Haftpflichtversicherung, die natürlich den privaten und dienstlichen Schlüsselverlust abdeckt, unterdrücken und schaffe es wirklich, dass die Angst nur sporadisch in meinem Gehirn aufblitzt.

 Da meine Frau die Eintrittskarten bezahlt hat, soll ich das Essen bezahlen. Ich habe aber gar nicht genug Bargeld mit. Hoffentlich kann man in dem Restaurant mit Karte bezahlen. Dieser Gedanke lässt sich nicht mehr wegwischen. Wir brauchen jetzt nicht zu diskutieren, warum wir Deutschen nicht gerne mit Karte bezahlen und warum viele Deutschen glauben, Bargeld sei mit Freiheit gleich zu setzen. Penunzen nehmen einem immer die Freiheit, weil sie verdient werden müssen, dann ist es egal ob man sie in Form von Papier oder Plastik in der Hand hält. Bargeldbesitz ist hinderlich im Alltag. Man muss immer eine ausreichende Menge mit sich herumschleppen oder sucht andauernd einen Geldautomaten. Das beschränkt mich doch mehr, als wenn ich meine Karte oder noch besser, einfach mein Handy zum Bezahlen zücken muss.

 Wir treffen die unbekannten Menschen und unseren Freund an der Ampel. Sie entpuppen sich sofort als freundliche und kommunikative Zeitgenossen. Aber ich fühle angesichts ihrer Freundlichkeit und Zugewandtheit meine eigene Erschöpfung. Außer der Frage, ob man in dem Restaurant mit Karten zahlen kann oder nicht und der Information, dass mein Haustürschlüssel verschwunden ist, habe ich ihnen nichts anzubieten. Die ganze Vorbereitung für die gepflegte Konversation war im Arsch!!!

 Auf dem Weg zum Restaurant finden wir eine Sparkassenfiliale. Das löst schon mal die ersten Beklemmungen. Das italienische Restaurant liegt etwas abseits in einem Wohnviertel und auf dem ersten Blick erkennt man, dass das Restaurant sich in einem Wohnhaus befindet. Es handelt sich um einen typischen Familienbetrieb. Wir betreten das Grundstück durch ein Gartentürchen und befinden uns quasi auf einem Privatgrundstück. Mein Urteil ist gefällt. Niemals werden diese Italiener, die ja eh alle Verbindungen zur Mafia haben und daher ja ihre Einnahmen waschen müssen, Kartenzahlung anbieten. Und dieses Familiengetue ist doch nur Fassade. Sie erinnern sich an das Zitat am Anfang des Textes?

 Ich will einfach nicht, dass man hier im Restaurant mit Karten bezahlen kann. Die Wahrheit interessiert mich nicht und so passiert folgendes:

Wir setzen uns an den Tisch, geraten in eine ausführliche Konversation und werden von der Bedienung (die Tochter des Hauses) unterbrochen. Ob wir schon Getränke bestellen wollen? Wir diskutieren noch über Weine und als Liebhaber toskanischer Weine entscheide ich mich für einen Chianti. Worauf die Frau einen Primitivo empfiehlt. Hier gibt es niemals die Möglichkeit, mit der Karte zu bezahlen. Wer als Italiener Primitivo mit Chianti gleichsetzt, wird nur Bargeld akzeptieren. Zur Belustigung aller gebe ich meine Kritik zum Besten. Meine Frau schränkt ein, dass die Bedienung nur den Primitivo erwähnt habe, weil er nicht auf der Karte stehe und dass sie die Weine nicht gleichgesetzt habe. Der Wein kommt. Er schmeckt gut. Wir warten auf die Pizza. Ich spüre den Alkohol und muss nun Klarheit über die Zahlungsmittel zur Begleichung der Rechnung erlangen. Bevor das Essen kommt, muss die Frage geklärt werden. Also verabschiede ich mich schlecht gelaunt von der gut gelaunten Runde mit dem Hinweis, dass ich mal austreten müsse.

 Ich wollte eigentlich an der Theke des Hauses nachfragen, aber an der Eingangstür zum Restaurant hängt ein Zettel. Ich lese dort, dass man keine Kartenzahlung wünsche. Ich atme tief durch, beschleunige den Gang aufs Klo, und schreibe meiner Ehefrau eine verzweifelte WhatsApp-Nachricht:

„Geh Geld holen. Die nehmen keine Karte.“

Ich hetze zur Sparkasse, hebe viel Geld ab und renne wieder zurück. Die gutgelaunte Runde erwartet mich schon und wundert sich, warum ich so lange weg war.

 Ich sitze, warte auf die Pizza, man redet und redet, eigentlich ist alles nett. Die fremden Menschen sind uns gar nicht mal unähnlich. Wir reden über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und das ich immer Elternzeit in Anspruch genommen habe, damit meine Frau schnell wieder in den Beruf kann, halt eben so ein richtiger Gutmensch. Dabei mache ich meiner Frau das Kompliment, dass ich mich unter anderem in sie verliebt habe, weil sie klüger ist als ich und schränke gleich ein, dass sei nur ein Grund gewesen, die sollen ja nicht glauben, dass ich meine Frau hässlich finde und sie nur wegen der Intelligenz geheiratet habe. Ein richtiger Gutmensch, der in die sich in seinen eigenen Gutmenschen-Verstrickungen so verheddert, dass er sich längs auf die Schnauze legt. Aber in der Runde kommt das gut. Die fremde Frau sagt noch, dass wir ja irgendwie auch so seien wie sie und als er noch erzählt, dass er auch mal bei einer Bank gelernt hat, sind alle Bedenken verschwunden und es kommt auch bei mir so etwas wie Entspanntheit auf. Die Pizza kommt, wir essen und trinken und reden und zwischendurch denke ich mir, komm scheiß auf das Konzert, das ist gerade so schön hier. Dann der Schock! Der Wirt serviert dem Nachbartisch ein Kartenzahlungsgerät. Eine Gästin holt ihre Bankkarte raus und legt es wie selbstverständlich auf das Gerät. Man hört den Thermodrucker rattern und der Wirt reißt den Beleg ab. An unserem Tisch herrscht plötzlich Stille. Ich wechsle meine Gesichtsfarbe von bleich zu grün zu tomatenrot.

„Hier kann man doch mit Karte bezahlen?!“

Ich habe meine eigenen Fake-News in die Welt gesetzt und wurde nun entlarvt. Wie immer, wenn man die eigenen Fake-News für echt hält, muss man dagegenhalten.
„Aber der Zettel an der Tür…“

Ich mache mich kurz zum Gespött und dann tritt das Thema zum Glück in den Hintergrund. Man unterhält sich zu gut um mit einem Disput über Lüge und Wahrheit den Abend zu verderben. Ich atme auf und denke wieder an meinen Haustürschlüssel. Als wir wieder vor dem Haus jenseits der Gartentür und der Hecke stehen, erzählt mir meine Frau im Vertrauen, dass auf dem Zettel nur stand, dass hier keine Kreditkarten akzeptiert werden aber man ansonsten gerne Karten zur Begleichung der Rechnung annimmt.

 Ich hatte mir also aufgrund meiner Vorurteile und weil diese nun mal bestätigt werden müssen, meine eigene Wahrheit konstruiert und mich damit auf eine Stufe mit all den Aluhüten und Querdenkern gestellt, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als sich die Welt so zu denken, wie sie sie gerne haben möchten. Und da sehen wir wieder mal Gut und Böse sind keine Kategorien, um menschliches Verhalten zu qualifizieren. In manchen Situationen verhält sich unser Gemüt wie ein Querschläger. Man ahnt nichts Böses und wird von einen Gedanken erwischt, von den man niemals geglaubt hätte, dass er einem durch den Kopf schießt.

 Übrigens: die Band war super! Sehr gute Stimmung! Sehr gute Show! Um halb zwei Nachts waren wir zu Hause und mein Haustürschlüssel lag auf dem Tisch. Ich hatte ihn in der Tür stecken lassen, als ich mir die Jacke geholt habe, die ich übrigens nicht angezogen habe. Meine Tochter hatte den Schlüssel im Schloss entdeckt und ihn einfach auf den Tisch gelegt. Das war nicht das erste Mal.

6 Gedanken zu “Brett vor dem Kopf

  1. Habe den Text gestern gelesen und fand ihn so cool, lustig und intelligent, dass ich ihn jetzt grad nochmal gelesen habe. Könnte durch den Eindruck bedingt sein, dass Du in einigen Aspekten auch von mir redest.

  2. Warum hast Du denn nicht erst einfach freundlich gefragt, „kurz vorab: Können wir hier mit Karte zahlen?“, statt direkt ein Festival der Konjunktive zu feiern und den Blutdruck aufgrund vermeinter Szenarien hochzujazzen? 🙂

    Und: Welche Band habt Ihr denn gesehen? Du schreibst vom Konzert und dass es toll war – mich als Musikfan wundert schon, dass Du die Band selbst verschweigst (oder mit für mich unsichtbarer Tinte getippt hast. 🙂

    Ansonsten hat der Spiegel-Artikel ja schon in vielen Punkten recht, auch neurobiologisch. Wahrheit ist bei allem ja auch etwas intersubjektiv nur bedingt Überprüfbares, etwas, bei dem wir größtmögliche Plausibilität als Kriterium anlegen, auch wenn das, was passiert, ja nicht selten auch auf den ersten Blick anders scheint als es war und wir in Unkenntnis der größtmöglichen Menge an Details und Puzzlestücken gar nicht anders können, als das Wahrgenommene im Rahmen dessen, was unser Hirn uns denken lässt und seine „Prozessorleistung“ hergibt, abzugleichen mit eigenen Erfahrungen, erlernten Verhaltensweisen, anerzogenen/reflektierten/erworbenen Wertvorstellungen, Selbst- und Fremdbildern usw. Wahrheit ist insoweit auch eine operative Fiktion, die vielleicht am ehesten die widerspruchsärmste und am wenigsten gebrochene Erzählung einer Geschichte ist.

    Insofern halten wir vielleicht auch gern das für wahr, das uns am wenigsten aus dem Flauschfell des Lebens, in das wir uns immer tiefer zurückziehen, herausreißt, so, wie wir uns in wachsendem Maße nach stillschweigender Bestätigung unserer Positionen sehnen.

    • Ich war auf einem Konzert der Band „Mesh“. Es ging ja gerade darum, nicht einfach zu fragen, sondern sich im eigenen Netz der Annahmen, Spekulationen und Vorbehalten zu verfangen und dies in einer Selbstschau zu sezieren. Es ist Autofiktion mit dem Schwerpunkt das eigene Innere zu beobachten. Da spielt dann der Bandname für mich keine Rolle. Aber dir als Musikfan gebe ich mein Geheimnis gerne preis. Ich hoffe, du kennst die Band? Und es ging nicht um Wahrheitsfindung, auch wenn du fröhlich darauf rekurrierst, sondern um sich selbst dabei zu enttarnen, wie man doch mit Vorurteilen durch den Alltag geht, obwohl man immer glaubt, man sein einer von den guten Menschen ohne Vorurteile. Grüße und vielen Dank für deine ausführliche Auslassung. Immer wieder interessant, deine Wortkaskaden zu lesen!

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