Waves – das Leben ist ein verdammter Terrence Malick-Film

Meine Frau und ich waren am Samstag im Kino Traumstern in Lich. Ein Programmkino in der Provinz ist etwas Besonderes. Das Kino Traumstern gibt es schon lange, hat sogar einige Preise gewonnen und gehört meines Erachtens zu den kulturellen Attraktionen in unserer Gegend. Wir fahren im Sommer gerne dorthin, weil es die einzige Möglichkeit für uns ist, herausfordernde Intellektuellenfilme im Kino zu sehen. Wir reden gerne nach dem Film über das was wir gesehen haben. Manchmal könnte man sogar meinen, dass das Reden über anstrengende und kluge Dinge der Kleister unserer Beziehung ist. Wir sind keine geistigen Überflieger, aber interessiert am intellektuellen Austausch, am gemeinsamen Denkprozess. Das macht uns Spaß und bereitet uns Freude. Man kann uns vorhalten, wir seien fürchterliche Langweiler, weil wir alles sezieren und den Dingen so die Seele nehmen. Das stimmt nicht. Wir lassen uns gerne von Filmen überwältigen. Film überträgt Emotionen auf den Zuschauer. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass gute Filme das Herz des Zuschauers berühren müssen.

 Wenn das als Maßstab nimmt, ist Waves ein guter Film. Er ist voller Dramatik, Empathie, Liebe und Nähe zu den Figuren. Man kann sich von den Bildern, von der Handlung und von den Personen überwältigen lassen und kommt in den Kinohimmel.

Woher kommt das? Der Regisseur Trey Edwards Shults hat bei Terrence Malik gelernt (er hat bei drei seiner Film als Praktikant mitgearbeitet). Das Positive aus Mallicks Filmen, die Nähe zu den Figuren, die Subjektivität, die Kraft der Bilder hat er sich angeeignet und die negative Seiten der manchmal etwas trögen und zähen Mallick-Filme hat er hinter sich gelassen. Mallick verliert sich gerne in schöne Naturszenen und inneren Flüsterdialogen. Das ersetzt Shults klugerweise durch eine gut durchdachte Handlung.

 Der Film teilt sich in zwei Teile. Man könnte den ersten Teil die Überschrift Schuld geben und dem zwei Teil könnte man mit Heilung überschreiben.

Im ersten Teil wird Tyler und seine Familie gezeigt, die ein modernes Hyperleben führen. In überdrehten grellen Bildern wird das Leben einer Familie gezeigt, die alles dem persönlichen Erfolg  und sozialen Status unterordnet. Tyler hat einen muskulösen Ringerkörper und eine übertrieben hübsche Freundin, er macht den ganzen Tag Sport, rennt frühmorgens schon los, trainiert für seine Ringerwettkämpfe, lernt brav auch noch spätabends für die Schule und kann auch noch perfekt Pianoballaden auf dem Flügel spielen. Er und seine Familie (Sein Vater, seine Schwester, seine Stiefmutter) wohnen in einem riesigen Anwesen. Tyler fährt ein Auto, das so groß und robust wie ein Panzer wirkt und ihn beim Fahren wie eine Rüstung umhüllt. Sein Vater treibt ihn gnadenlos zu Höchstleistungen an und Junior entwickelt sich zu  kaltschnäuzigen und arroganten Kraftprotz. Eines Tages bricht das Unglück über die Familie herein. Tylers vorgezeichneter Erfolgsweg gerät durch eine Sportverletzung in Gefahr und seine Freundin wird von ihm schwanger. Beides verheimlicht er vor seiner Familie, insbesondere vor seinem Vater. Heimlich schluckt er Schmerzmittel, wird immer aggressiver, ausfälliger, haltloser, und depressiver. Am Schluss des ersten Teiles schlägt er während eines Streites seine schwangere Freundin auf einer Party so zu Boden, dass sie stirbt.  Er wird zu dreißig Jahren Gefängnis verurteilt. Die Familie zerbricht an dem Verbrechen des Sohnes.  Hier könnte der Film nach einer Stunde fast zu Ende sein. Jetzt beginnt allerdings der zweite Teil, die Geschichte des Heilungsprozesses. Tylers Schwester Emely, die bisher nur eine Nebenrolle gespielt hat, gerät in den Fokus der Handlung. Sie beobachtet den Zerfall ihrer eigenen Familie und zieht sich ratlos zurück. Zufälligerweise lernt sie Luke kennen, einen jungen Mann, der mit seiner Mutter alleine lebt. Seine Mutter hat sich von seinem Vater, einem gewalttätigen Säufer, getrennt.  Luke ist ein liebenswürdiger und offener junger Mann, der genau das Gegenteil von Emelys Vater darstellt.  Mit der Liebe zu dem jungen Mann entwickelt sich etwas, das zu einem Heilungsprozess führt, der so intim und lebensecht wirkt, wie man es sich kaum besser in einer dramatischen Handlung vorstellen kann. Es kommt zu einem glücklichen Ende, das wahrhaftig wirkt und nicht wie das übliche Hollywood-Happyend. Gerade der zweite Teil, klug und einfühlsam erzählt, legt den Fokus weniger auf Bilder als auf Dialoge. Man beobachtet Menschen beim Reden, wie sie sich offenbaren, ihre Fehler eingestehen, um Vergebung bitten und sich dadurch näher kommen. Die Kamera sucht das Wahrhaftige in den Gesichtern und lässt den Dialogen freien Lauf. Dadurch wird der Film zu einem Gesamtkunstwerk, der so vieles beinhaltet und eigentlich nichts anderes behauptet, als das Menschen durch Begegnung und Reden in der Lage sind, ihre Probleme zu lösen und die Lösung nicht darin liegt, sich hinter Wohlstand, Erfolg und Status zu verstecken.