Reihe 3, Platz 58 + 59: Apokalypse Miau von Kristof Magnusson

Wenn man sich dem Theater intellektuell nähern will, wie die Wildkatze ihrer Beute, sollte man ab und zu die Frage in den Raum schleudern, ob Theater lustig sein darf. Die Frage impliziert, dass es eine scharfe Linie zwischen ernsthaften Drama, das die Welt bedeutungsschwer in eine Ansammlung von Problemen verwandelt und dem leichtfertigen Lustspiel gibt, das oberflächlich und heiter über die Melancholie des Seins hinwegwischt.

 In den Stück „Apokalypse Miau“ sieht man Theatermenschen, die hinter eine Bühne auf die Verleihung des Destroy-Preises warten und sich ihren eigenen Befindlichkeiten hingeben. Sie werden als kleingeistige Verwalter ihres Nimbus als Künstler gezeichnet, die um sich selbst kreisen und Verbindung zur Wirklichkeit verloren haben. Alle kennen sich irgendwie, haben schon miteinander gearbeitet oder sind heimliche Fans oder Feinde, hassen sich, heucheln Zuneigung oder Bewunderung. Es ist ihnen egal, was vorne auf der Bühne während der Preisverleihung geschieht. Der kleinste gemeinsame Nenner ist das Fußballspiel, das zur gleichen Zeit im Fernsehen läuft. Während sich die Moderatorin der Preisverleihung die größte Mühe gibt, das tröge Kulturevent in eine großartige Show zu verwandeln, beharken sich die Narzissten hinter der Bühne.

 Das echte Publikum vor der Bühne lacht ausgiebig über das doppelte Spiel hinter und vor der Bühne. Der Kleinkrieg hinter der Bühne verlagert sich bei der fiktiven Preisverleihung auf die große Bühne. Die Preisträger, der alte weiße Mann und die woke, feministische Regisseurin brechen einen Kulturkampf vom Zaun und nebenbei bricht die Apokalypse über alle herein. Darf man das lustig finden? Alle Lachen, ich nicht. Ich freue mich auf die Pause und ein Glas Wein. Sind wir denn wirklich alle so leicht zu überrumpeln. Ein paar dumme Witze am Abend und das war es dann? Ich habe mal gelernt, dass Satire den Menschen den Spiegel vorhält, in dem sie ihr hässliches Antlitz erkennen können. An diesem Abend habe ich das Gefühl, die Leute schauen zwar in den Spiegel, aber der Spiegel ist stumpf und blind.

  Der zweite Teil besteht des Abends besteht darin, dass wir die Menschen aus dem ersten Teil dabei beobachten können, wie sie sich langsam selbst zerfleischen, wie Versuche des solidarischen Handelns in der Krise scheitern und sie doch nachher alle vor die Hunde gehen. Das Lachen im Publikum nimmt ab. Die Begeisterung nicht.

 Ich gehe aus dem Theater und frage mich, wie ich mich zu dem Stück verhalten soll? Nach längerer Betrachtung, drei Wochen Bedenkzeit und einer Europawahl mit Rechtsdrall, muss ich feststellen, dass der Autor Kristof Magnusson vollkommen recht hat, wenn er die Befindlichkeiten des Einzelnen mit der Apokalypse verknüpft. Im Prinzip funktioniert die Welt im Moment genauso: Man fühlt sich abgehängt und missverstanden und überträgt seine Unwohlsein auf das große Ganze. Die Krisen, die Katastrophen unserer Zeit sind nur Projektionsflächen und genauso wenig real für die Menschen wie für die Schauspieler hinter der Bühne das Geschehen auf der Bühne. Es ist egal, ob die Welt nun sich nur verändert oder untergeht, jeder Befindlichkeit muss dabei Rechnung getragen werden. Insofern hoffe ich, Herr Magnusson hat die Lachsalven seiner Zuschauer als Spiegelung der Wirklichkeit einkalkuliert. Und wahrscheinlich ist er Optimist: wenn das Lachen das Zwerchfell schmerzen lässt, fängt das Nachdenken an. Somit steht für mich fest: Theater muss lustig sein!  

Reihe 3, Platz 58 und 59 – Capitalista, Baby!

IMG_2150

Schon wieder ins Theater!!!  Und dann noch geschlagene zweieinhalb Stunden am Samstagabend konzentriert dem Geschehen auf der Bühne folgen. Und alles nur für eine Adaption des Romanes „The Fountainhead“ von Ayn Rand. Was tut man sich nicht alles an, wenn man ein Amateur-Theaterkritiker sein will!

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Howard Roark, der sich als genialer Architekt gegen den Mainstream, die Presse und gegen das Mittelmaß durchsetzen will. Er will bei seiner Arbeit keine Kompromisse eingehen und eckt mit seiner kühl und unnahbaren, teilweisen schroffen Verhalten überall an. Es dauert lange bis er seine Genialität anerkannt wird. Als ein Entwurf für eine Sozialsiedlung nicht nach seinen Vorstellungen gebaut wird, zündet er die Siedlung an und kommt vor Gericht. Er hält ein Plädoyer für den uneingeschränkten Individualismus, der die Schöpfungskraft der Menschen voll zur Geltung bringt und verteufelt den Kollektivismus, der nur Schmarotzer bevorzugt.

Was soll das? Ayn Rand ist eine amerikanische Autorin, die als Kind die russische Revolution hautnah erlebte und mit ihrer Familie in die USA auswanderte. Sie war als Drehbuchautorin in Hollywood erfolgreich und schrieb zwei Romane, die zu den meistgelesenen Werken in den USA gehören. Einer dieser Romane ist „The Fountainhead“. Haben sie schon einmal davon gehört? Hier kennt sie niemand. Ayn Rand hat den Dualismus von Individualismus und Kollektivismus bis zum Erbrechen gepredigt und gelebt. Nur der Egoist kann frei von den Zwängen der Gesellschaft mittels der Vernunft große Dinge hervorbringen. Der Kollektivismus bringt Menschen hervor, die ein Leben aus zweiter Hand führen, weil sie von den Errungenschaften des Kollektivs profitieren, ohne eine Leistung dafür zu erbringen. Der Staat muss sich aus allem heraus halten. Sie verpönte staatliche Wohlfahrt und den Altruismus. Frau Rand hatte einen wirklich unheimlich zu nennenden Einfluss auf große Teile der amerikanischen Gesellschaft. Wer Obamacare für eine Ausgeburt des Sozialismus hält, steht in einer Linie mit Frau Rand. Sie ist von den ultrakonservativen Strömungen in den USA vereinnahmt worden und hat viele Schablonen für deren menschenverachtendes Denken geliefert.

Muss man solchen ideologischen Schund auf die Bühne bringen? Ja, muss man. Anfangs kann man den pervertierten Individualismus durchaus gut finden. Roark (Lukas Goldbach) ist als Querdenker erst mal nicht unsympathisch. Sein Gegenstück Peter Keating (dargestellt von Pascal Thomas), ein unfähiger Karrierist, hüpft wie ein kleiner Vollidiot über die Bühne und unternimmt alles, um vom Zuschauer als lächerliche Karikatur wahrgenommen zu werden. Also fühlt man sich erst einmal bestätigt. Möchte man nicht auch ein Teufelskerl wie Roark sein? Ein von Vernunft geprägter schöpferischer Geist? Man kennt so viele Erfinder und Denker, die doch wegen ihrer Kompromisslos- und Rücksichtslosigkeit großartige Dinge erdacht und erschaffen haben.

Zu der Konstellation Roark und Keating gesellt sich die intellektuelle Schönheit Dominique Francon (Anne-Elise Minetti),  die Keating heiratet und Roark verfällt. Zwischen ihr und Roark entspinnt sich ein Kampf um Anziehung und Macht. Zum Panoptikum gesellt sich noch ein Zeitungstycoon, der in Roark einen Wiedergänger sieht, der genauso wie er ruchlos und ohne Kompromisse sich an die Spitze geboxt hat und ein weiterer Zeitungskritiker, der die öffentliche Meinung nutzt, um selbst Macht ausüben zu können.  

Man beobachtet New Yorker Upper-Class-Hühner,  wie sie auf den Rampen des Modells eines Wolkenkratzers ihr Ränkespiel aufführen und findet sie irgendwann lächerlich. Roark ist mit seiner Genialität auch nur Teil eines Systems aus Individualisten, die nichts anderes im Kopf haben als Macht und Befriedigung des eigenen Egos. Als Roark am Ende sein Monolog über die Schöpfer und die Schmarotzer hält, hat er seine eigene Ideologie schon lange verraten. Es mag einen Widerstreit zwischen Individuum und Gesellschaft geben und beides zusammen zu bringen ist die Aufgabe einer demokratisch organisierten Gemeinschaft, deren Anliegen es ist, allen Menschen im Rahmen einer gemeinsamen Übereinkunft Raum zur Entfaltung zu geben. Das Ego gegen die Masse auszuspielen dient als Mittel der Unterdrückung. Die Unterprivilegierten werden zu Schmarotzern degradiert. Ihnen wird jede Entwicklung versagt. Sie dienen den angeblich so genialen Machtmenschen als Rechtfertigung für ihren Machtanspruch. Jeder ideologisch verbrämte Dualismus, der Menschen in Schwarz oder Weiß, Individualisten und Schmarotzer einteilt trägt den Faschismus in seinem Herzen.

Der Architekt Roark bringt am Ende nur technokratischen Unsinn vor. Er redet darüber, dass derjenige, der das Feuer bringt, anschließend auf dem Scheiterhaufen endete, weil er von seinen Mitmenschen nicht geachtet wurde und diese seinen Erfindungsgeist nicht zu schätzen wusste. Das beleidigte Genie beleidigt alle anderen, weil er sich nicht gewürdigt fühlt.  Hier offenbart sich der ideologisierte Narzissmus der Autorin, die anscheinend eine persönliche Rechnung mit dem Kollektiv offen hatte. Wie traurig und doch allgegenwärtig. Scheinen nicht viele dieser großen Individualisten, die unsere Zeit prägen, die von uns für Ihre Leistungen bewundert werden, menschliche Defizite aufzuweisen. Erinnern wir uns doch zum Beispiel an die peinlichen Auftritte von Mark Zuckerberg, der bei einer Senatsanhörung,  sich eher wie ein trainierter Affe verhielt und damit zur Karikatur der Karikatur wurde?

Für uns war es ein langer kurzweiliger Abend mit der tiefen Erkenntnis,  dass es sich lohnt an das Verbindende zwischen Menschen zu glauben, weil damit erst die Wirkkraft des Einzelnen positiv zur Geltung kommen kann.