Reset und wie ich erfuhr, dass Opa Willibald ein Nazi war

Mental und körperlich von mir überfordert habe ich mich vor ein paar Monaten in mein inneres Schneckenhaus zurückgezogen. Klopf, Klopf, ist da jemand zu Hause. Ich war nicht zu Hause. Ich war verschwunden in den Tiefen meiner eigenen unergründlichen Wehleidigkeit, getrieben von meiner abseitigen Traurigkeit und meinem Unvermögen, das Richtige zu sagen oder zu tun. Ich habe nichts mehr hören wollen und mir im Sommer Hörgeräte angeschafft. Das war mein Eingeständnis, meiner körperlichen Unversehrtheit nicht mehr trauen zu können. Im Oktober ist mein Vater gestorben. Anstatt meiner Trauer zu begegnen, bin ich lieber ein Marathon gelaufen. Als Folge des anstrengenden Trainings war mein Körper ausgezehrt. Dann schwoll mein Knie an. Einmal tapfer Marathon gelaufen und schon waren die Knochen hin. Nebenbei musste ich immer noch eine leichte Magenschleimhautentzündung und deren Folgen auskurieren, ohne genau zu wissen, was mein eigenes Verdauungssystem bezweckt, wenn es mir mit andauerndem Zwicken und Brodeln einen unwürdigen Dialog aufzwingt. Mein offizielle Existenz bestand aus Stress auf der Arbeit und Stress zu Hause. Und letztendlich ereilten mich die üblichen glücksverhindernden Mindfucks wie Wechseljahre, Teenagerdepressionen und andere Veränderungen innerhalb des dünnen und manchmal fragil wirkenden Familiengeflechts.

Nachdem ich schon das Jahr 2025 anständig verkackt hatte und nach dem Jahr das Gefühl hatte, in einem Morast aus Selbstzweifel und Ahnungslosigkeit zu stecken, fühlte sich das laufende Jahr nicht an, als könnte ich mich aus diesem Morast befreien. Ende März hat mir dann noch mein Orthopäde eröffnet, dass ich im rechten Knie einen Innenmeniskusriss habe. Jedem, dem ich davon berichte, behauptet steif und fest, dass ich jetzt sofort mit dem Laufen aufhören müsse. Die Vorstellung Sonntags nie wieder einen Longrun machen zu können, schien mich noch tiefer in den Morast zu ziehen. Der Riss im Knie musste operiert werden und als der Chirurg im OP-Vorgespräch vor drei Wochen den 8.5. als OP-Termin anbot, war es vorbei mit jeglicher Contenance und innerer Ruhe. Ich hatte nicht mehr viel Zeit und einen ganzen Aufgabenkatalog vom Chirurgen mitbekommen. Krücken und Stützstrümpfe sollte ich besorgen, mein Hausärztin sollte einen Bluttest und EKG bei mir machen und ich sollte noch zwei Tage vor der OP zum Anästhesisten, der den Bluttest und EKG gar nicht anschauen wollte und mir eine Vollnarkose in Aussicht stellte.

Ich jubelte. Unten im Morast erscheint dir eine Vollnarkose wie ein Erlösung vorzukommen. Wenn mein Laptop immer langsamer wird und jede Tasteneingabe eine Ewigkeit in Anspruch nimmt, weil das Betriebssystem sich wieder einmal mit sich selbst beschäftigt, der Task-Manager überquillt, weil eine Kaskade von Rechenprozessen sich selbstständig gemacht hat, hilft nur ein knallharter Reset. Eine Vollnarkose ist für mich nichts anderes. Ich habe im meinem Leben schon drei Vollnarkosen erleben dürfen und in der Vergangenheit hat mich dieser Zustand eher beunruhigt. In der Zeit, in dem ich narkotisiert irgendwo in einem OP-Saal liege und an mir herumgeschnippelt wird, schaltet sich mein Gehirn aus. Ich bin nicht nur nicht mehr Herr meiner Sinne, nicht nur Bewusstlos, ich habe auch keinen Zugriff mehr auf mein Unterbewusstsein. Es lässt sich schlecht mit Schlafen vergleichen. Im Schlaf, träume ich, bin ich nah bei meinem Bewusstsein. Die Vollnarkose ist ein zeitloses Schwarz. Es ist ein harscher Schnitt. Ich bin gerade noch auf dem OP-Tisch, zähle runter und bevor ich die drei erreiche, Schnitt und dann wache ich im Aufwachraum auf. Das Dazwischen ist weg, hat für mich nie existiert. Das Leben ging ab derweilen weiter. Erschreckend für mich, bis zu diesem einem Moment im Vorgespräch mit dem Anästhesisten.

Während der nette Anästhesist mir irgendwelche sonderbaren Geschichten über Läufer in Höhenluft präsentierte, da er mal früher in seiner Freizeit auf hohe Berge geklettert war und ich ihm erzählt hatte, dass ich in meiner Freizeit viel und gerne laufe, erkannte ich die Chance der Vollnarkose. Es ist ein Reset für mich. Endlich kann sich mein CPU mal entwirren und ich kann diesem Morast entsteigen. Irrer Gedanke. Eine halbe Stunde Abwesenheit von der Welt und ich kann wieder von vorne anfangen.

Beseelt von diesem Gedanken habe ich die nächsten zwei Tage mit dem Warten auf den OP-Termin verbracht. Am OP-Tag bin ich viel zu früh aufgewacht. Ich hatte noch etwas Zeit, um im Bett zu liegen. Mein Handy sollte mich ablenken. Ich ging auf Spiegel-Online. Seit ein paar Tagen kann man dort in einer Suchmaske den Namen von Verwandten eingeben und nachschauen, ob sie in der NSDAP waren. Man hat die Karteikarten der Partei digitalisiert, aufbereitet und sie öffentlich zugänglich gemacht.

Seit circa 18 Jahren rede ich nicht mehr mit meinen Eltern. Mein Vater wusste, das er stirbt und er hat sich von meiner großen Tochter und meinem ältesten Sohn verabschiedet (ohne, dass sie es realisiert haben). Von mir hat er sich nicht verabschiedet. Er hat so oft die Gelegenheit gehabt, sich mit mir auszusprechen. Es war ihn nicht wichtig oder er hat die Notwendigkeit nicht gesehen, den Konflikt mit mir zu klären. Vielleicht war ich ihm einfach zuwider. Vielleicht hat er geglaubt, er sei mir zuwider. Ich weiß es nicht. Es scheint niemand zu wissen. In der besten Version dieser Geschichte hat er selbst vergessen, warum er sich von mir nicht verabschieden konnte.

Ich verkneife mir jedwede Panik deswegen. Es öffnet sich kein Abgrund unter mir, wenn ich daran denke, dass ich meinen Vater nie wieder sprechen kann. Ich ahne, dass er mich nicht abgelehnt hat, weil ich ein böser Mensch bin, sondern weil es in seinem Leben einige Traumata gegeben hat, die er nie überwinden konnte und die ihn in vielerlei Hinsicht geprägt haben. Als wir noch miteinander geredet haben, hat er mir viel erzählt, auch über seine Herkunft und seine Vergangenheit. Aber es gab immer Leerstellen und Lücken, die ich mir nur damit erklären konnte, dass er noch sehr klein war, als das Unglück über ihn und seine Familie einbrach. Auch wenn er viel geredet hat, habe ich ihn immer als verschlossenen Menschen erlebt. Die letzten Jahre in dem wir noch miteinander geredet haben, schien er sehr depressiv zu wirken, fast eingefroren in seiner Verzweiflung, die er selbst nicht benennen konnte.

Sein ganzes Leid war mit seiner Herkunft verbunden. Das spüre ich seit Jahrzehnten tief in meinem Inneren, weil er sein Leid auf seine Kinder übertragen hat. Die ersten Lebensjahre in der alten Heimat, der frühe Tod seines Vaters, die Flucht aus der alten Heimat, die ersten Jahre in der Fremde, die Ablehnung und Kälte seiner Umgebung haben ihm zugesetzt und sie setzen auch mir zu, ohne das ich es erleben musste. Ich bin gut behütet aufgewachsen, in Wohlstand, Freiheit, gesegnet mit Bildung und vielen Chancen und trotzdem hat das Misstrauen meiner Eltern gegenüber anderen Menschen, Veränderungen und der eigenen Lebenswirklichkeit, das ständige Warten auf die Katastrophe, die ja folgen muss, wenn mal was gut ist, mich negativ beeinflusst. Mein Kindheit- und Jugendjahre waren geprägt von Angst und dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Wahrscheinlich habe ich nur die Angst und das Fremdsein meines Vaters reproduziert, die er selbst als Kind erfahren hat.

Und nun liege ich in meinem Bett am Morgen eine Knie-OP, habe die Aussicht auf eine Reset-Vollnarkose und tippe den Nachnamen meines Vaters und sein Herkunftsort ein und prompt wird mir mein Opa Wilibald angezeigt, der neunzehnneununddreißig, ein halbes Jahr nach Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich, in die NSDAP eingetreten war. Es überrascht mich nicht sonderlich und die Tatsache, dass er Parteimitglied war, ist gar nicht ausschlaggebend. Viel wichtiger ist, dass ich jetzt mit seinem Geburtsdatum einen Anknüpfungspunkt habe, um nach der Herkunft der Familie meines Vaters zu forschen.

Im Krankenhaus liege ich schon im meinem Zimmer und warte auf die OP. Bis hierhin ging alles ganz schnell und nun muss ich warten. Ich bemühe die KI in meinem Handy und bekomme einen kleinen Fahrplan, wie ich mit den vorhanden Angaben Ahnenforschung betreiben kann. Was für ein hoffnungsvoller Moment! Die Krankenschwester schiebt mein Bett durch das Krankenhaus, man wuchtet mich in den OP-Saal, es stellen sich mir Menschen vor, die alle ihre Gesichter hinter OP-Masken verbergen. Alle sind sehr nett zu mir, sie unterhalten sich mit mir und scherzen mit mir. Ich bin guter Laune, schiebe den Gedanken weg, dass sie das nur machen, um mich zu beruhigen, weil diese Gedanken aus der Welt meiner Eltern kommt und bedanke mich bei den Schwestern für ihre Hilfe und die nette Unterhaltung über Camping und Urlaub und dass sie mir alles erklären und so fürsorglich zu mir sind. Ich bin fast euphorisch und merke nicht einmal, als sie den Nährlösungstropf gegen das Fläschchen mit Betäubungsmittel austauschen. Der Anästhesist legt mir einen Maske auf das Gesicht und fragt mich, ob mir schwummrig ist. Ich gebe eine Bejahungsgeräusch von mir und bin glücklich. Ein paar Sekunde später erfolgt der Reset und ich bin weg.