
In 2023 hatte ich mir auf der Buchmesse in Frankfurt das Buch „The Sound of Rebellion – zur politischen Ästhetik des Jazz“ von Peter Kemper gekauft. Das Buch lag inmitten gleichförmiger bunter Buchdeckel am Reclam-Stand und stach hervor mit der schwarzen, rot umrandeten Faust, die den ganzen Buchdeckel ausfüllt. Nicht nur das Layout sprang mich an, sondern auch die Möglichkeit durch die Lektüre eine für mich ambivalente Kunstform mit ihren unbegreiflichen Facetten verstehen zu können.
Für mich als Musiker fühlt sich Jazz zuweilen an wie ein lebendiger Fisch, den man mit bloßen Händen festhalten will. Er neigt dazu, sich mit seinem nassen und glatten Körper mit heftigen Bewegungen zwischen den Händen zu winden und wieder im Wasser zu landen. Jazz ist flirrende Leidenschaft, eine Phalanx aus Noten, die sich in dein Gehirn bohrt und im Zentrum deiner Empfindungen totale Verwüstung hinterlässt. Jazz ist aber auch akademische Auseinandersetzung mit den Formeln einer musikalischen Genres. Ich kenne neben der Klassischen Musik kein Musikgenre, das so begeistert von Musiknerds auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt wird und teilweise auch missbraucht wird, um das eigene Ego mit Expertenwissen aufzuladen.
Peter Kemper hat mir einen Leitfaden zum Verständnis des Jazz geben können, indem er chronologisch vorgeht. Er verdeutlicht anhand der Geschichte des Jazz mit detailreichen Schilderungen vieler Ereignisse und Begebenheiten wie sehr die Emanzipation der schwarzen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten bis heute mit diesem Musikgenre verknüpft ist und damit an sich schon eine politisch aufgeladen ist. Immer wieder stellt er die Frage, ob durch Musik dem Zuhörer eine politische Aussage näher gebracht werden kann. Viele Ereignisse, die mit der Bürgerrechtsbewegung verknüpft sind, wurden von Jazzmusiker mit Instrumentalstücken kommentiert. Besonders an dem Stück „Alabama“ von John Coltrane arbeitet Kemper sich mit viel Detailwissen ab, da das Stück als Referenzstück des politischen Jazz gilt. Mit der Komposition reagiert John Coltrane auf einen Anschlag auf eine Kirche im Jahr 1963 bei der vier Mädchen starben. Das Saxophon als Instrument hat durchaus die Qualität Sprache nachzuahmen und daher nimmt man an, dass Coltrane an bestimmten Stellen im Stück die Grabrede von Martin Luther King und dem Satz „They did not die in vain“ mit seinem Instrument nachahmte.Vieles deutet darauf hin und das arbeitet Kemper mit viel Kenntnis der Materie heraus, dass direkte politische Botschaften nur sehr schwer über die Musik transportiert werden können und das wenn die Musik für sich alleine steht, der Hörer sich auf seine eigene Interpretation verlassen muss. Politische Ästhetik kann sich nicht alleine auf die Musik verlassen, sie braucht zusätzliche Symbole, um ihre Botschaft zu transportieren.
Die vielen Subgenres im Jazz, wie Bepop, Afrofuturismus, Free-Jazz, haben sich oft am Rande der Gesellschaft entwickelt und haben lange gebraucht um sich zu etablieren. Und mit ihren ausufernden Experimenten, Improvisationen, Emotionalität und Formenfreiheit haben sie das europäische Musikverständnis, das sich viel auf vorgegebene Strukturen verlässt und jegliche Abweichung mit hochnäsiger Arroganz begegnet, herausgefordert. Erst eine akademische Einordnung scheint uns eine Annäherung zu ermöglichen. Wenn wir die freie Ausdrucksweise des Jazz in unsere Formensprache pressen, können wir sie zwar reproduzieren, aber können wir den Jazz auch verstehen?
Peter Kemper hat seinem Buch zwei Zitate vorangestellt:
Franz Zappa:
“Ich bin nicht schwarz, aber es ist oft so, dass ich mir wünsche, nicht weiß zu sein.“
und von Archie Shepp:
„Es ist ein Fehler zu glauben, dass nur Schwarze über Black Music schreiben können. Der Diskurs zu diesen Fragen sollte so vielfältig wie möglich sein.“
Für mich beantwortet sie die oben gestellte Frage und gerade im letzten Teil des Buches, indem Kemper die Frage nach Musik als Sprache zum letzten Mal stellt und sie in einem sprach-kulturwissenschaftlichen philosophischen Kontext stellt, gibt es ein paar Hinweise, die mich als Musiker stark beeindrucken und wieder auf die Ausgangsfrage zurückführen: Kann Musik als Ausdrucksform politische Botschaften vermitteln? Ist Musik sprechfähig?
Jazzmusik ist stark verknüpft mit der Kunst der Improvisation. Der klassische Ablauf eines Jazzstückes: es wird ein Thema vorgestellt, eine Melodie, eingebettet in ein rhythmisches und harmonisches Gerüst und es wird im Anschluss darüber improvisiert. Die verschiedenen Instrumente scheinen in einen Dialog zu treten und es entsteht eine Art unvorhersehbare Unterhaltung über ein Thema. Dabei bedienen sich die Musiker sprachlicher Elemente, einer gemeinsamen Vokabular und Grammatik und je nach Situation und kultureller Prägung werden diese frei kombiniert.
Der Verlauf des Gespräches ist offen und unvorhersehbar. Dabei entstehen Fehler, so wie es bei jeder Unterhaltung zu Versprechern, Aussetzern oder unpassenden Pausen kommt. Wenn Musiker sich aufmerksam beim Spielen zuhören, werden sie den Fehler hören und in im besten Fall in einen Kontext setzen, indem der Fehler in einem anderen Licht erscheint. Also ist die Improvisation mehr als Geschwätz am Gartenzaun, sondern eine soziale Interaktion bei der Menschen aufeinander achtgeben und auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Hinzu tritt der Aspekt der narrativen Struktur eines Solos. Die Virtuosität seines Beitrages gilt nicht als Maßstab, sondern welche Geschichte er erzählen möchte. Dazu bringt er mehr ein, als nur sein handwerkliches Können, sondern seine ganze Persönlichkeit, seine Haltung, seine Emotionen und an dem Punkt knallt die Jazzmusik gegen die Mauer eines europäischen Verständnisses von Musik. Wir wollen Musik verstehen wie ein Sachverhalt und es widerstrebt uns Musik fühlbar zu machen. Dazu gibt es das Zitat von John Coltrane: „Das Einzige, was für mich zählt, ist ihre (der Hörer) emotionale Reaktion. Es geht vor allem um ein Gefühl der Kommunikation und nicht darum, dass man genau versteht, was ich mache.“
Über den Begriff des Gestus, den Bertholt Brecht in seinem Konzept vom epischen Theater eingeführt hat, kommen wir wieder zurück auf die eigentliche Thematik, inwieweit politische Aussage in Musik transportiert werden können. Ein bestimmter Gestus umschreibt die Ganzheitlichkeit bestimmter Haltungen. Er gestattet beispielsweise einem Musiker, „musizierend eine politische Haltung einzunehmen. Dazu ist es nötig, dass er einen gesellschaftlichen Gestus gestaltet.“
Ich habe mich jetzt länger mit dem Thema beschäftigen dürfen und nach der Lektüre des Buches habe ich, obwohl ich seit Jahrzehnten selbst Musik mache, einen Reflektionsraum für mich entdeckt, der mich auch mein eigenes Verständnis von Musik hinterfragen lässt.
Die Musik, die ich liebe, hat mich auch immer emotional berührt. Das ist auch vollkommen unabhängig vom Genre. Mein Ziel war es, die Musik zu verstehen, für mich nachspielbar zu machen und da beginnt das Problem. Man lernt Noten auswendig, nähert sich dem Sachverhalt und konzentriert sich nicht darauf, die Stücke emotional zu durchdringen und wie es Jazzmusiker machen, sich auch anzueignen, mit dem eigenen Gestus auszufüllen.
Eine wichtige Aufgabe als Musiker scheint es zu sein, diesen Schritt zu gehen und sich auf die Musik nicht nur technisch einzulassen. Das hat mir dieses Buch und die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Jazz erneut gezeigt.
