Versuchslabor

Tag der offenen Tür in der Schule meiner Tochter. Ich bin, wie immer, zu spät. Die Arbeit und wichtige Besprechungen haben mich aufgehalten. Ich irre fast orientierungslos durch die Dunkelheit. Nur die Umrisse des Schulgebäudes, ein grauer Betonklotz, halten mich auf Kurs.

Ich erreiche die Eingangshalle der Schule. Die Schüler, Eltern und Lehrer, Informations- und Verkaufsstände, das ohrenbetäubende Durcheinander überfordern mich. Meine Frau eilt auf mich zu. Es geht in den Musikraum. Meine zehnjährige Tochter spielt ein Weihnachtslied auf der Gitarre. Sie hat im Sommer im Rahmen der Gitarren-AG ihre ersten Gehversuche auf dem Instrument unternommen und kann jetzt schon kurze und einfache Lieder spielen. Sie hat sich sehr auf diesen Auftritt gefreut. Sie ist das Präsentieren ihrer musikalischen Fähigkeiten gewohnt. Seit zwei Jahren spielt sie Klavier, davor hast sie Blockflöte gelernt. Sie ist das erste meiner fünf Kinder mit ausgeprägten musikalischen Talent. Sehr zu meiner Freude.  

Da sitzt meine Tochter freudestrahlend mit ihren blonden Zöpfen und ihrer nagelneuen Gitarre auf den Schoss und freut sich, dass es ihr Vater noch rechtzeitig geschafft hat. Natürlich haben wir Jule im Sommer sofort eine eigene Gitarre gekauft. Wir waren im Musikgeschäft in der Nachbarstadt und haben uns beraten lassen. Es musste schon die Gitarre für hundertsiebzig Euro sein. Drunter gab es nichts Vernünftiges.

Neben Ihr sitzt ein großer adipöser Junge, mit schwarzen Haaren und Teddybäraugen und hält sich an einer abgenutzten alten Erwachsenenklampfe fest.

Es gibt im Moment eine Diskussion darum, ob man als Politiker wohlhabend sein darf. Friedrich Merz sehen viele schon als zukünftigen Kanzler. Doch man misstraut ihm, weil er in den letzten fünfzehn Jahren in der freien Wirtschaft einige Milliönchen verdient hat.

Der Lehrer, der an der Schule für die Gitarren-AG zuständig ist, geht zu dem großen Jungen und stellt ihn vor. A. hat keine eigene Gitarre und kann nur Dienstagsnachmittags vor dem Gitarrenunterricht mit einer Gitarre üben, die der Schule gehört. Dem Lehrer scheint es wichtig zu sein, das Publikum über diesen Umstand aufzuklären. Denn eigentlich sei A. ein wissbegieriger Schüler, der unbedingt das Instrument erlernen möchte.

Friedrich Merz kommt aus dem Sauerland und ist dort fest verwurzelt. Ein bodenständiger, heimattreuer Wertkonservativer. Allerdings passen die gut dotierten Posten in Aufsichtsräten großer international agierender Unternehmen und die zwei Privatflugzeuge nicht zum Sauerland.

A. legt los. Er kann nur Lieder mit der Anschlagshand spielen. Also schlägt er tapfer seine Leersaiten an und der Lehrer singt dazu.  Nach ein paar Takten sind die Lieder schon vorbei und alle klatschen. A. strahlt über sein ganzes Gesicht. Seine Teddybäraugen leuchten. Der Applaus gibt ihm Zuversicht.

Die marktliberale Haltung des Herrn Merz ist legendär. Allerdings heutzutage nicht mehr opportun. In den Neunzigern waren viele Politiker der Ansicht, der freie Markt regelt alles selbst. Wen nur alle an sich denken, ist an alle gedacht. Raus aus der sozialen Hängematte, rein in den Kampf ums Überleben. Es ist jetzt so, dass man in der Politik gerne das Rad wieder zurückdrehen möchte. Zumindest rhetorisch.

Dann ist meine Tochter dran. Sie spielt fast fehlerfrei ihr Stück herunter. Jingle Bells in einer einfachen Version mit beiden Händen. Sie kann jeden Tag auf ihrer eigenen nagelneuen Gitarre üben.

Herr Merz ist für die Einen das Böse an sich und für die Anderen ist er der Heilsbringer. Alles eine Sicht der Perspektive. Mich verwirrt dieser Mensch. Ich denke nicht, dass Politiker nicht wohlhabend sein dürfen und ich finde es generell nicht problematisch, wenn sie in der freien Wirtschaft gearbeitet haben. Aber sein Habitus, seine Neigung zu populistischen Geplänkel (wie z.B. das Infrage stellen des Asylrechtes) widern mich an.

Nachdem drei andere Mädchen aus der Gruppe noch mehrere Lieder zum Besten gegeben haben, fordert A. den Lehrer auf, ihn noch ein Stück spielen zu lassen. A. ist auf einer Mission. Er will es allen zeigen, dass er es kann.

Ich kann mich noch gut an sein früheres politisches Leben erinnern. Herr Merz war immer der Stachel im Fleisch der damalig noch sehr verknöcherten CDU. Fast schon ein konservativer Rebell. Auch damals hat er mich verwirrt. Die Steuererklärung auf dem Bierdeckel: ein rhetorischer Coup. Viel heiße Luft  im rückwärtsgewandten Kohlklima der CDU, die den abgestandenen Mief von  Männerfreundschaften kurzzeitig vertrieb. Erst Frau Merkel schaffte es, die Bude CDU anständig durchzulüften.

Auf dem Rückweg vom Tag der offenen Tür irrte ich wieder durch die Dunkelheit. Finsternis lag über dem regennassen Asphalt.  Meine Frau und ich gehören zu dem Teil der Gesellschaft, der gerne als Bildungsbürgertum geschmäht wird. Jule hatte von Anfang an alle Chancen. Meine Frau und ich haben gute Jobs, wir wollen und können in die Bildung unserer Kinder investieren. Oft bemerke ich ironisch, dass Jule unser soziales Experiment ist. Die Schule meiner Tochter liegt in einem Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt gebrandmarkt ist. Wir haben unsere Tochter absichtlich dort hingeschickt. Wir können es uns leisten. Sie wird keine Probleme in der Schule haben. In der Dunkelheit begegnen mir die Kinder, die den anderen Teil unseres sozialen Experimentes darstellen. Es sind laute, schrille Wesen, aus deren Handys laute Hip-Hop-Musik gegen den Regen anbrüllt.  Im Gegensatz zu unserer Tochter hatten sie keine Wahl. Sie sind die Versuchskaninchen einer Gesellschaft, die ständig austestet, ob sie ihr Potential mit möglichst wenig Aufwand heben kann. Es ist egal, ob die Versuchskaninchen später tot im Käfig liegen, denn die Kinder, die die vermeintliche Wahl haben, Leistungsträger sein zu dürfen, werden es schon für uns alle schaukeln. Die anderen Kinder sind halt Versuchstiere und ihr Erfolg besteht darin, einfach zu überleben.  Ich schäme mich für unser soziales Experiment. Mehr schäme ich mich allerdings noch für die Eltern, die mit ihren Kindern niemals in einem sozialen Brennpunkt auftauchen, weil sie solche Gegenden für den Dschungel halten. Sie schicken ihre Kinder auf teure Privatschulen und haben den beruflichen und monetären Erfolg ihrer Sprösslinge schon bei deren Zeugung eingepreist. Nachwuchs muss sich lohnen. Unsere Kinder sind die Opfer einer gespaltenen Gesellschaft.

Wer kümmert sich um A., den tapferen Jungen, der keine eigene Gitarre hat? Vielleicht gibt es irgendeine Stelle, die Kinder unterstützt, deren Eltern keine finanziellen Möglichkeiten haben, um sich Instrumente und Musikunterricht zu leisten. Ich finde nicht viel und weil die Suche so eintönig ist, lese ich auf Spiegel-Online einen Artikel über Friedrich Merz. Es waren die Tage der Neiddiskussion und dem Autor fiel es auch schwer, Herr Merz grundsätzlich zu verurteilen. Er wies darauf hin, dass Herr Merz kein kaltes Herz haben könne, da er ja zusammen mit seiner Frau eine Stiftung ins Leben gerufen habe, die soziale Projekte in seiner Heimat fördern sollte. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Herr und Frau Merz die Auswahl der Projekte mitbestimmt. Ich habe mir die Homepage der Stiftung angeschaut. Wahrscheinlich hat Herr Merz die besten Absichten und ich will nicht so böse sein, ihm zu unterstellen, er unterhalte eine Stiftung nur aus steuerlichen Gründe. Allerdings hatte er keine Kinder wie A. im Blick. Leider sprechen die geförderten Projekte für sich: Buchgeschenke für die Jahrgangsbesten in der Schule, Stipendien für musisch begabte Kinder, die schon ihre Leistung an ihrem Instrument gezeigt haben und so weiter. A. bekäme von Herrn Merz nie eine Förderung. Herr Merz kauft keine Gitarren für Kinder aus sozialen Brennpunkten. Vielmehr fördert er nur seinesgleichen. Kinder, die zur Elite gehören und einen guten Start gehabt haben. Politiker wie Herr Merz erkennen die Probleme von A. noch nicht einmal an und solange das so ist, werden unsere Kinder an der Spaltung der Gesellschaft leiden. Die einen als Versuchskaninchen, die anderen als Investment.

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Auf dem Feldberg – eine kurze Geschichte über soziale Gerechtigkeit

Der erste Schnee liegt auf den Höhen der Mittelgebirge. Bei uns unten im Tal ist es grau und nass. Oben auf dem Feldberg liegen in Gipfelnähe zwanzig Zentimeter Schnee. Bei Minusgraden und Sonnenschein überspült die erste winterliche Ausflugswelle den Gipfel des Feldberges. Viele Familien mit ihren Kindern zieht es hierher. Daneben die üblichen Verdächtigen, die sich hier auf dem Berg tummeln, Nordic-Walking-bestockte Hausfrauen, Jogger, Mountainbiker und Spaziergänger. Die Kinder nutzen alle Möglichkeiten, um den Berg hinunter zu rutschen und die Eltern stehen daneben und spüren zum ersten Mal wie der Frost sie bibbern lässt. Ich stehe mitten im Wald und lausche dem Chor heulender Kinder, die erst im Wald gemerkt haben, was es heißt, dass es verdammt kalt ist, als meine achtjährige Tochter sich wünscht, dass wir diesen Winter endlich mal in den Skiurlaub fahren. Naja, wir können uns das nicht leisten. Weder die Ausrüstungen noch die Reise an sich passt in unser Budget. Sie überlegt kurz und macht einen wahrhaft populistischen Vorschlag und hat auch gleich die passende Argumentation parat. Wir könnten doch zwei der drei Kinder, die zur Familie gehören, einfach weggeben. Sie wäre dann das einzige Kind und wir hätten dann genug Geld, um in den Urlaub zu fahren. Ich antworte: “Gute Idee! Ich wollte schon immer mal mit deiner Mutter in die USA zum Skifahren fhren, nach Aspen, oder in die Schweiz, nach St. Moritz. Das können wir dann machen, wenn wir dich auch noch weggeben.“ Sie schaut mich etwas beleidigt an und ich erkläre ihr, wie die Welt momentan zu funktionieren scheint. „Tja, wir machen es wie viele andere Menschen. Wir können behaupten, dass das Boot voll ist und wir einige Kinder loswerden müssen, damit wir endlich teure Reisen machen und das Leben genießen können.“   Meine Antwort verstört sie ein wenig, denn sie zeigt mir ihre schiefen Vorderzähne und kneift die Augen zusammen. “Oder wir können es so machen, wie es sich unter Menschen eigentlich gehört. Wir behalten alle Kinder, verzichten zwar auf teure Reisen in den Schnee und fahren einmal im Jahr mit allen ans Meer. Dort haben wir dann gemeinsam Spaß. Denn erkläre mal deinen kleinen hilflosen Bruder, warum er jetzt gerade in ein Kinderheim muss. Das Teilen unter den Menschen, so dass alle etwas davon haben, hat eigentlich Tradition bei uns. Manche nennen es soziale Gerechtigkeit.“ Meine Tochter lächelt und rennt weg. Sie hat nicht wirklich zugehört, denn sie will wie ihre Schwester, die ein paar Meter weiter schon auf dem Hosenboden sitzt, den Berg hinunter rutschen.