Reihe 3, Platz 58 und 59 – Johnny Breitwieser

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 Den eigentlichen Termin, der in unserem Theaterabo für das Stück vorgesehen war, konnten wir nicht wahrnehmen. Wir hatten keinen Babysitter. Wir buchten um und erhielten einen anderen Platz in Reihe sechs. Mit dem Platz am linken Rand des Geschehens änderte sich meine Perspektive als Zuschauer. Vorher saßen wir privilegiert in der Mitte unter gleichgesinnten Theaterabonnementen. Wir gehörten zu der Elite, einer kleine Menschenmenge in den ersten drei Reihen, die mit ihrem delikaten Blick, ihrem milden Lächeln, ihrer Kenntnis und Wissens um die Eigenheiten des Theaters und ihrer Nähe zur Bühne den Zuschauerraum im Griff hatten. Die anderen Zuschauer sind nur Zaungäste, die verunsichert in den schmalen Gängen hocken und die Rituale des Theaterbesuches nicht befolgen.

Nun waren wir in der Gosse gelandet. Vor uns saß eine sichtlich ungepflegte Frau, die mehr als einen Sitzplatz ausfüllte. Ich weiß nicht, ob es an ihrer Körperfülle lag oder an den Anorak, die sie im gut geheizten Theaterraum nicht ablegen wollte. Wir saßen sehr früh auf unseren Plätzen und müssen unweigerlich der Frau mit unseren aristokratischen Blicken folgen.  Wenn andere Zuschauer sich an ihr vorbeidrängelten, um an ihre Plätze zu gelangen, erhob sie sich mühevoll, von ihrer Begleiterin gestützt, und streckt uns ihren nackten Hintern entgegen. Ihr wurde sofort bewusst, dass die rutschende Jogginghose ihren Allerwertesten freilegte und sie zog vorsichtig den Stoff wieder über das Hinterteil. Aber vergessen wir für ein paar Sekunden die Gosse in der Reihe sechs.

Wenn ich in ein Musical gehen will, gehe ich nicht ins Stadttheater Giessen. Denn das hat man versucht, uns an diesem Abend zu bieten: Ein grauenvolles Musical. In meiner elitären Wahrnehmung sind Musicals nichts anderes als Unterhaltungsspiele für Menschen, die keine Ahnung von Kultur haben und immer nur nach dem vermeintlichen Wohlklang streben.

Worum geht es in dem Stück:  Die wahre Geschichte eines Kleinkriminellen aus Wien, der in der Zeit des ersten Weltkrieges für Aufsehen gesorgt hat, weil er ein Großmaul und Dandy war, der die Reichen beklaut hat und die Armen beschenkt hat. Der junge österreichische Theaterautor Thomas Arzt hat sich dem Stoff angenommen. Das Stück wurde 2014 in Österreich uraufgeführt und bei der Inszenierung in Gießen handelte es sich um die deutsche Uraufführung.

Hier zeigte man auf der Bühne eine kaputte Welt, die von kaputten Menschen bevölkert wird. In den Gesichtern und an ihren Extremitäten klebt der Dreck. Wenn ihnen nicht irgendwelche Gliedmaßen fehlen oder sie in irgendeiner Weise körperlich oder geistig beeinträchtigt sind, sprechen sie eine erbarmungslose verknappte Sprache, die kein Mitgefühl, kein Ich und du kennt. Die Menschen hungern, sind verzweifelt, haben keine Arbeit, keine Perspektive. Sie leben in einer Trümmerlandschaft und haben nichts zu beißen und nichts zu melden. Johnny ist der Gegenpol. Mit seiner großen Klappe trotzt er dem Elend. Er will nicht wie sein Vater, dessen namenloses Grab immer wieder im Stück vorkommt, nur ausgebeutet werden. Johnny hält nichts von Revolution. Eigentlich sehnt er sich nur nach einem Leben mit einer Familie als Bauer auf dem Land. Am Ende kommt er dort an. Aber es wird ihm zum Verhängnis, weil die Staatsgewalt ihn aufspürt und ihn meuchelt.

 Man kann den Johnny in einem Theaterstück zum Leben erwecken und ihm  gar ein Denkmal setzen. Man kann es auch sein lassen. Es wird niemals klar, was nun die Botschaft dieser Geschichte ist. Bis auf die verstümmelten Charaktere und Sprache bleibt alles viel zu gefällig. Es fehlen dem Autor weitergehende stilistische Mittel, um durch Stringenz Glaubwürdigkeit zu schaffen. Es ist doch nur ein wohlgefälliges Musical. Der Held bleibt immer nur ein großmäuliger Kleinkrimineller, der zwar eine Motivation aber keine Vision hat und der so endet, wie man als Kleinkrimineller nun einmal endet: Tod oder im Gefängnis.

Mir sind zwei Stücke eingefallen, die ein ähnliches Thema behandeln: Glaube, Liebe Hoffnung von Ödon von Horvarth und natürlich die Dreigroschenoper.  Ödon von Horvarth hatte in seinem Stück eine sprachliche Stringenz erschaffen, die die Entfremdung der Menschen untereinander und die Kälte des Elends wirklich greifbar gemacht haben. Die Dreigroschenoper lebte von der Frechheit und Ruchlosigkeit ihrer Helden, die aus dem Elend eine Tugend gemacht haben. Armut und Kriminalität als Geschäftsmodell. Brecht hat dabei die großmäuligen Kleinkriminellen solange durch den Wolf der Verfremdung gedreht bis sie wirklich zu Sympathieträger wurden.

Zu der mangelnden Aussage kommt noch dieses Gesinge, dass die Handlung vollständig perforiert. Die Musik von Jherek Bischoff ist viel zu schön, um das Elend einer apokalyptischen Weltkriegswelt zu orchestrieren. Das Streichquartett und der Schlagzeuger spielen fehlerfrei schöne Klänge, die mich an die aktuellen Moden in der Filmmusik erinnern: Minimalistische Begleitpattern gepaart mit akkuraten Melodiebögen.

Leider muss man sagen, dass es die schauspielerische Leistung des Ensembles nicht  besser macht. Ein Großteil der Schauspieler kann nicht wirklich singen. Die üblichen Verdächtigen wirken hölzern und eintönig. Das macht es dann nicht besser, dass alle Schauspieler nach zwei Sätzen seltsam zucken müssen. Gerade Lukas Goldbach kann mich wieder einmal nicht in einer Hauptrolle überzeugen. Paula Schrötter als Luise und Stephan Hirschpoitner als Wenzl finde ich bemerkenswert in ihrer Darstellung, wobei Stephan Hirschpoitner der einzige Schauspieler ist, der auf der Bühne wirklich den Ton trifft.

 Ich hatte in der Pause meinen Rotwein getrunken und mich gemeinsam mit meiner Frau über das Stück aufgeregt und wie wieder einmal der Goldbach die Hauptrolle vergeigt und der Wild immer nur den gleichen Typus spielt und das auch noch schlecht. Und dann saß ich leicht angeheitert im Saal und diese unmögliche Frau, die hier eigentlich nichts zu suchen hat, bekommt auch noch einen aufdringlichen Hustenanfall. War ich doch froh mit meinem elitären Abonnementen-Bewusstsein das Elend wieder ausgeblendet zu haben.

Dann war mir wieder eingefallen, dass ich doch so ein elitärer Vollidiot bin, der das nächste Mal ins Musicaltheater gehen sollte, wegen dem kulturellen Schön- und Gleichklang oder so…..

 

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