Reihe 3, Platz 58 und 59 – Die kleinen Füchse von Lillian Hellman

Ich gebe es zu: Weder die Autorin noch ihr Stück waren mir vor diesem Abend ein Begriff. Ich hatte noch am Rande mitbekommen, dass es einen Hollywoodfilm aus den vierziger Jahren mit dem gleichen Titel gibt, in der Bette Davis die Hauptrolle spielt. Ich bildete mir ein, diesen Film gesehen zu haben. Das stimmt allerdings nicht.

Kurz ein Abriss der Handlung: die zwei Brüder, Ben und Oscar Hubbard, und ihre Schwester Regina Giddens haben ein großes Geschäft mit einem Unternehmer aus New York an Land gezogen. Um das Geschäft finanzieren zu können, sind sie auf das Geld von Reginas Ehemann Hermann Giddens angewiesen, der sich, um seine Herzprobleme zu kurieren, seit geraumer Zeit in Zürich aufhält. Es entfacht sich ein Streit zwischen den drei Geschwistern. Denn Regina verlangt, um Herrmann die Finanzierung schmackhaft zu machen, einen größeren Anteil vom Gewinn, den ihre Brüder natürlich nicht freiwillig hergeben wollen. Sie schicken Alexandra, die Tochter von Regina und Hermann los, um ihn zur Rückkehr zu bewegen. Hermann kehrt wieder in den Schoß der Familie zurück und sieht gar nicht ein, das Ansinnen der drei zu unterstützen. Er hat nicht mehr lange zu leben und will vorher noch der Familie seiner Frau eins auswischen. Wichtiger ist ihm, dass er seiner Tochter etwas hinterlassen kann, damit diese sich von der Familie lösen kann. Alexandra soll sich den wirtschaftlichen Interessen der Familie unterordnen  und Leo, Oscars Sohn, heiraten. Leo ist Angestellter in Onkel Hermanns Bank und hat mitbekommen, dass dieser Aktien in seinem Schließfach aufbewahrt. Der Gegenwert reicht aus, um das Geschäft zu finanzieren. Er wird von seinem Vater und Onkel überredet, die Aktien „auszuleihen“. Da Hermann nur selten sein Schließfach kontrolliert, gehen sie davon aus, dass ihm der Diebstahl nicht auffällt. Hermann lässt sich das Schließfach nach Hause bringen und bekommt natürlich sofort mit, dass seine Aktien weg sind. Er setzt sein Frau Regina in Kenntnis und will vor seinen Schwagern die Geschichte so drehen, dass Regina hinten runterfällt. Als er einen Herzanfall bekommt, verweigert sich Regina ihrem Mann die lebensrettenden Medikamente zu geben. Hermann stirbt und Regina kann gegenüber ihren Brüdern auftrumpfen. Wenn ihre Brüder ihr keinen größeren Anteil geben, wird sie den Diebstahl der Aktien zur Anzeige bringen. Die Brüder gehen darauf ein. Auf den ersten Blick hat Regina sich an ihren Brüdern gerächt, die nach dem Tod ihres Vaters das gesamte Erbe erhalten hat. Allerdings verliert sie Ihre Tochter, die ihre Durchtriebenheit erkenn  und für immer das Haus verläßt.

Lilian Hellman hat nicht nur die großen Themen ihrer Zeit erahnt und beschrieben, sondern hat auch etwas leider Zeitloses geschaffen. Genauso wie am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in der USA scheinen die grenzenlose und ungebändigte Habgier von Unternehmern die Gegenwart zu bestimmen. Die großen Internetkonzerne wie Facebook, Google und Amazon machen sich die Welt zum Untertan, konzentrieren Macht und Kapital auf wenige Personen und zerstören damit mutwillig gewachsene Strukturen und schaffen soziale Ungleichgewichte. Es wird gelogenund betrogen, um auch noch den letzten Cent aus einem Geschäft heraus zu pressen. Der Geschäftspartner wird zum Gegner, der Mitarbeiter zum Lohnsklaven und der Kunde zum Melkvieh. Politische  und staatliche Strukturen werden entweder ausgenutzt oder ignoriert. Der Kapitalist steht über allem.  Das Stück auf den Spielplan zu setzen, zeugt von dem Willen eines Stadttheaters, eine Position zu akuten Problemen unser Zeit einzunehmen, denn es ist aktueller denn je.

Die großen Probleme einer Gesellschaft werden auf den kleinen Kosmos einer Familie reduziert, die von ihrer Habgier getrieben keine Rücksicht auf das eigene Blut nimmt und menschliche Beziehungen nur auf ihren wirtschaftlichen Nutzen beschränkt werden. Trotzdem Lilian Hellmann hat ihren Charakteren eine Vielschichtigkeit angedeihen lassen, die absolut nötig ist, um aus diesem Stück mehr als eine platte Abrechnung mit dem amerikanischen Kapitalismus zu machen. Jede Figur hat ihre Brüche und dort wo man als Zuschauer den Figuren Sympathie zukommen lassen will, sorgt Lilian Hellmann im Laufe des Stückes dafür, dass man diese schnell in Frage stellt. Die Figur Birdie, die Ehefrau von Oscar, bildet hierfür das exemplarische Beispiel. Birdie ist eine traurige Person, die unter der Herrschsucht ihres Mannes leidet und erst spät verstanden hat, dass Oscar sie nur aus taktischen Gründen geheiratet hat. Birdies Familie gehörten Ländereien und ein Schloss. Sie stellen den alten Geldadel dar, der mit Abscheu auf solche Kaufleute wie die Hubbards herunter schauten. Oscar und sein Bruder wollten deren Respekt und Wohlstand, also haben sie sich deren Eigentum unter den Nagel gerissen.  Oscar hat die Tochter der Familie geheiratet, um endlich Zugriff auf die Ländereien und das Schloss zu haben. Birdie ist verzweifelt, sehnt sich nach dem alten Leben zurück. Sie versucht sich bei ihrem Mann immer wieder anzubiedern, hofft, dass er sie erhört und den alten Sitz ihrer Familie wieder aufbaut. Ihr Mann lässt sie immer wieder abblitzen. Sie hat in der Mitte des Stückes einen emotionalen Ausbruch, der niemanden kalt lässt, danach verblasst sie und man wird als Zuschauer das Gefühl nicht los, dass sie einfach zu schwach ist, um sich selbst aus ihre Lage zu befreien. Umgekehrt verhält es sich mit Regina, die zwar genauso wie ihre Brüder raffgierig und intrigant ist, aber eigentlich darunter leidet, dass ihre Brüder von ihrem Vater bevorzugt wurden und sie alles geerbt haben, während sie leer ausging.  Die Ambivalenz der Personen gibt dem Stück die Tiefe und Wahrhaftigkeit, die es braucht, um das Thema für den Zuschauer begreiflich zu machen. Die Menschen sind einerseits Opfer ihrer Familiengeschichte, sind aber andererseits verpflichtet sich dem zu stellen und die Folgen ihres Handelns abzuschätzen. Es gilt nicht nur den geschäftlichen Erfolg zu erreichen, sondern auch die negativen Konsequenzen für die anderen zu betrachten und zu mindern. Reichtum nicht auf Kosten der Gemeinschaft zu erwerben ist das große Thema des Stückes und zeigt sich in dem Ausspruch von Hermann, der den Geschwistern Hubbard vorwirft, dass mit ihrem raffgierigen Handeln und ihren Geschäfte Land und Leute kaputt machen.

Sehr positiv überrascht hat mich die Leistung des Ensembles. Für mich war es die beste Inszenierung dieser Saison. Carolin Weber als Regina, Roman Kurtz als Hermann, die alten Recken des Ensembles, haben ihr gewohntes Niveau gezeigt. Ewa Rataij als Birdie hat mit ihrem emotionalen Anklage für Gänsehautmomente gesorgt. Zwischendurch war mir zum Heulen zu mute, weil diese Frau brüllt und heult und man als Zuschauer ihre Verzweiflung spürt. Thomas Wild als Ben passte in seinen darstellerischen Möglichkeiten in die Rolle. Insbesondere in Rollen, wo große Gesten und machohaftes Agieren gefragt ist, kann er glänzen.  Sogar Pascal Thomas, den ich für einen der schwächeren Darsteller innerhalb des Ensembles halte, gelang es die Arroganz des neureichen Oscars, der eigentlich mit der Dominanz seines Bruders nicht klar kommt, hinreichend zu spielen. Positiv zu werten kann ich auch den Kniff Susan Abdulmajid als Safa eine Hausangestellte zu präsentieren, die mit naiver Spielfreude arabische Elemente in die Inszenierung bringt und somit auch zu Aktualisierung des Stückes beiträgt.

 

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Reihe 3, Platz 58 und 59 – die schmutzigen Hände von Jean-Paul Sartre

Vorneweg will ich erwähnen, dass ich mich auf die Inszenierung des Stückes im Stadttheater Gießen sehr gefreut habe. Das ich nach der Vorstellung enttäuscht bin, liegt an meiner Befangenheit. Bei einem Theaterstück von Sartre lege ich die Qualitätslatte besonders hoch, denn Sartre ist einer der Helden meiner Jugend.  Da ist die Enttäuschung schon fast vorprogrammiert.

Ich will dem Ensemble am Stadttheater nicht unterstellen, dass sie sich nicht ausreichend mit Sartre auseinandergesetzt haben. Dafür sind sie hoffentlich Profis genug. Aber wie immer im Theater gibt es nun einmal unterschiedliche Sichtweisen über was und wie man es auf die Bühne bringt. Das macht das Theater ja so spannend.

Es ist wie bei jedem Musikstück: man hat Abermillionen Möglichkeiten der Interpretation und alle können handwerklich perfekt umgesetzt sein. Trotzdem, je nach Perspektive, wird man die Interpretation hassen.

Aber zuerst die Handlung:

Das Stück spielt in einem fiktiven Staat namens Illyrien. Hugo, ein bürgerlicher Intellektueller, der mit seiner Herkunft gebrochen hat, um in die Partei einzutreten, will sich bewähren und nimmt den Auftrag an, den Parteifunktionär Hoederer zu töten, weil dieser sich mit den Feinden der Parteien versöhnen will, um einen Bürgerkrieg zu verhindern und einen Krieg zu beenden. Er wird der Sekretär von Hoederer und zieht mit seiner Frau Jessica zu Hoederer. Hugo, der darunter leidet, aufgrund seiner Herkunft von anderen Parteigenossen nicht ernst genommen zu werden, nimmt sich vor, den Mordauftrag schnell zu erledigen. Allerdings fasziniert ihn die Persönlichkeit Hoederers, der entgegen der Parteidoktrin etwas Neues versucht und doch nichts anderes bewirken will, als das die Partei die Macht im Staate erhält. Er erlebt, wie Hoederer sich mit den Feinden der Partei trifft und er mit ihnen verhandelt und sie dazu bringt, sich mit der verhassten Partei zu verbünden. Die Zeit drängt und seine Parteigenossen werden ungeduldig. Jessica gibt Hoederer den Hinweis, dass Hugo ihn umbringen möchte und Hoederer kann ihn vorerst von dem Plan abbringen. Kurz darauf bringt Hugo Hoederer doch um, als er ihn mit seiner Frau Jessica in flagranti erwischt. Er begeht also keinen politischen Mord, sondern ein Mord aus Eifersucht. Nach drei Jahren kommt er aus dem Gefängnis und will sich der Partei wieder anschließen. Olga erhält den Auftrag, Hugo auf dessen Nutzbarkeit und Ehrlichkeit zu überprüfen. Er erzählt die Geschichte des Mordes und am Ende berichtet ihm Olga, dass die Partei den Plan von Hoederer umsetzt und mit den ehemals verfeindeten anderen Parteien des Landes eine Einheitsregierung bildet. Daraufhin lässt sich Hugo erschießen.

Man kann das Stück unter vielen Gesichtspunkten betrachten. Ist es ein politisches Stück? Geht es um Sartres Philosophie? Geht es um die Zerrissenheit eines Menschen, der mit seiner Herkunft hadert und seine Rettung in einer Ideologie findet, die ihm zum Mörder macht?

In der Inszenierung des Stadttheaters Gießen hat man ganz klar einen Schwerpunkt gesetzt, der das Stück aus den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts in die Gegenwart hieven soll. An diesem Freitagabend ging es um den Gegensatz zwischen Leidenschaft für das politische Handeln,  dessen einziger Zweck es sein könnte, Menschen fernab jeglicher Ideologie an einen Tisch zu bringen, um praktische Lösungen für Probleme zu finden und der ideologischen Erstarrung einer politischen Theorie, die nur den Machterhalt dient und jedes einzelne Individuum, dass sich dieser Ideologie anvertraut hat, in sein Verderben stürzt.

Um den Schwerpunkt heraus arbeiten zu können, hat man das Stück deutlich gekürzt und um alle Hinweise gebracht, die sich auf den ursprünglichen historischen Zusammenhang beziehen. Man hat Hugo um seinen Decknamen Raskolnikoff betrogen und die UdSSR aus dem Stück gestrichen. Vielleicht wäre der eine oder andere Zuschauer über die Verweise auf Dostojewskis  Antihelden irritiert gewesen und auch der Bezug zur alten Sowjetunion mag für viele Zuschauer nicht relevant sein. Für mich hat es sich angefühlt, als habe man dem Stück die Haut abgezogen. Dostojewski spielt im Existenzialismus eine gewichtige Rolle, weil er viele Themen rund um Moral, Sinnlosigkeit und Absurdität schon vorweg genommen und in literarische Texte gepackt hat. Dostojewskis Werke waren für Autoren wie Sartre eine wichtige Inspiration, da er durchweg zwischen Literatur und Philosophie hin und herpendelte und am Beispiel von Dostojewski durchaus erleben konnte, dass die Verbindung von Literatur und Philosophie lohnenswert war. Raskolnikoff, die Hauptfigur von Schuld und Sühne, begeht einen Mord und begründet ihn mit einer selbstgestrickten Ideologie, die den Menschen einer Wertigkeit zuordnet. Daher kann er als Vorbild für Hugo dienen. Wer ist nützlich für die Gesellschaft? Daraus wird: Wer ist nützlich für die Partei?  Der Rückgriff auf die UdSSR hätte noch einmal deutlich gemacht, dass Sartre den Stalinismus als den Bezugspunkt für die Partei sieht, für die Hugo und Hoederer arbeiten. Es hätte die Spielräume deutlich werden lassen, in der die Protagonisten handeln können. Die werden kleiner, wenn man den großen Führer Stalin im Hintergrund wirken lässt.

Zu dieser willkürlichen Kürzung gesellt sich eine teilweise nicht durchdachte Prägung der Darsteller auf die Rollen. Was vielleicht daran liegen mag, dass die schauspielerischen Fähigkeiten bei dem einen oder anderen Darsteller nicht ausreichen, um die Charaktere auszuspielen.

Maximilian Schmidt als Hugo hat seine Sache gut gemacht. Man spürt sein Schwanken zwischen Zweifel und Festhalten an einer Ideologie. Er will sich nicht von seinem Überzeugungen abbringen lassen. Er hat einen hohen Preis bezahlt, in dem er die Brücken zu seinem alten Leben abgebrochen hat und nun bleibt ihm nichts anderes übrig als sich im neuen Leben zu bewähren. In der Begegnung mit Hoederer scheint ihm bewusst zu werden, dass auch dieses neue Leben im nicht gibt, was er gesucht hat. Lukas Goldbach als Hoederer wirkt flach und ohne Tiefe. Ihm fehlt das Charisma eines politischen Aktivisten, der trotz seinem Kampf für seine Überzeugungen machtbewusst agiert und Hugo auf seine Seite ziehen will. Er agiert ängstlich und verletzlich. Man hat ihn in Existenzialistenklamotten gesteckt und ihm eine dicke Hornbrille aufgesetzt, um aus ihm einen Kommunisten mit Herz zu machen. In seiner Darstellung lässt er Hoederer zum Revolutionsonkel verkommen, der über rhetorische Fähigkeiten und eine sanfte Überzeugungskraft verfügt. Reicht das aus, um den gewählten Schwerpunkt sichtbar zu machen? Interessanter wäre es gewesen, neben der Ambivalenz der Person Hugo, die Ambivalenz der Person Hoederer zu setzen, der  sein Charisma und seinen Machtwillen nutzt, um seine politischen Ziele durch zu setzen und dabei durchaus wirkt, als ginge er über Leichen. Aber vielleicht wollte man zeigen, dass die sanfte Tour im politischen Geschäft momentan angebracht wäre. Tut mir leid, dann hat man das falsche Stück ausgewählt. Wer sich auf Sartre einlässt, bekommt immer die volle Packung an Ambivalenz, die atemberaubende Dramatik des existenzialistischen Denken, die volle Wucht des Scheiterns, wenn Hugo zum Beispiel seinen Mord als Mord ohne Mörder bezeichnet und seiner Verantwortung für sein Handeln dem Zufall oder dem Schicksal übergibt.

Scheinbar kann man sich in der Provinz an solchen Stücken überheben. Trotzdem sollte man es nicht unterlassen, Stücke mit politische Prägnanz auf die Bühne zu bringen. Nur so kann ein Stadttheater einen Beitrag zur aktuellen Debatte rund um Politikverdrossenheit und aufkeimenden Populismus leisten.  Für das Gelingen reicht es, wenn man die Stücke in ihrem ursprünglichen Rahmen lässt. Gerade Sartre bietet viele Möglichkeiten zur Reflektion über die aktuelle politische Entwicklung an, da durch sein philosophisches Denken politische Theorie und Praxis zusammenkommen. Er ist ein Repräsentant einer Zeit, in der Gewalt und Hass in der politischen Auseinandersetzung noch Alltag waren. Sartre hat immer Wege aus dem Dilemma eines ideologischen Denkens gesucht, dass den Menschen zwar Halt geben kann, ihnen aber auch die eigene Verleugnung abnötigt.