Reihe 3, Platz 58 und 59: Prinz Friedrich von Homburg von Heinrich von Kleist

Schon wieder ins Theater. Es ist bitterkalt und die Welt wirkt wie schockgefroren. Draußen herrscht eisige Ruhe, auf den Straßen sind wenige Autos, vermummte Fußgänger stapfen im Eiltempo über die glatten Gehwege. Niemand hält sich gerne draußen auf. Wer mutet sich freiwillig an solch einem Abend einen Versbrecher von Kleist über Schlachten, Gehorsam und preußische Tugenden zu?

Wir natürlich, pflichtbewusste Abonnenten, die sich durch die Kälte und das Eis kämpfen, um sich in der dritten Reihe auf viel zu kleinen Sitzen zu drängeln und sich zweieinhalb Stunden mit den fiktiven Ereignissen um die Schlacht von Fehrbellin im Jahre 1675 auseinanderzusetzen.

Die Schlacht hat es gegeben und Prinz Friedrich von Homburg scheint die Schweden damals wirklich vertrieben zu haben. Kleist hat um diese Schlacht und den Prinzen eine Geschichte gewebt, die völlig abwegig zu sein scheint. Denn der Prinz war nur so mutig, weil er beim Apell die Befehle seines Fürsten nicht mitbekommen hat. Er konnte dem Apell nicht folgen. In der Nacht zuvor wurde er beim Schlafwandeln vom eigenen Fürst aufs Korn genommen. Man hat ihm in dem Zustand den Handschuh der Prinzessin Nathalie überlassen und beim Aufwachen erinnert sich an einen Traum, der mit dem Handschuh am Finger irgendwie Wirklichkeit wird. Er ist verwirrt und völlig daneben und kann den Anweisungen nicht folgen. Er gewinnt die Schlacht, wird zum Helden und sein Fürst nimmt ihm den Triumph übel, hatte er doch andere Pläne und lässt ihn zum Tode verurteilen und so gehen die Geschehnisse in Kleistscher Manier hin- und her.

Heinrich von Kleist, ein widerspenstiger Charakter, ein ambivalentes Kind seiner Zeit, hatte immer einen Hang zu Träumen. Die Träume, die er seinen Protagonisten ins Hirn schreibt, werden zu Prophezeiungen, Handlungsanweisungen oder Handlungsbestimmend. Seine Protagonisten sind besessen von ihren Träumen und prallen immer auf die Gegenwart, das festgefahrene Gefüge einer starren Gesellschaft, die nichts mit Träumern anfangen kann.

Was macht man in Gießen aus diesem Brocken klassische Theaterliteratur? Den ersten Teil kann man als Satire auf das Militär und den Adel verstehen. Bunte Figuren, Männer und Frauen in bunten Strümpfen und Turnschuhen verausgaben sich, zeigen ihre Pantomimengesichter, hüpfen bewegungsfreudig über die Bühne, schwirren auf Raketen und Panzerattrappen über die Bühne und erzeugen in dem Publikum das Gefühl einer spritzigen Komödie beizuwohnen.

Wir gingen mit einem Grinsen im Gesicht in die Pause und gönnten uns ein Erfrischungsgetränk und dachten, es ginge in dem gleichen Stil weiter.

Im zweiten Teil der Aufführung wähnte man sich in einem anderen Stück. Die Bühne düster, nebelverhüllt, der Prinz bekommt sein Grab geschaufelt und schaut den Totengräber dabei zu, erst ungläubig und davon überzeugt, dass die Todesstrafe nur eine Finte seines Fürsten ist, um ihn eine Lektion zu erteilen. Als er versteht, dass dieser es ernst meint, kämpft er um sein Leben, um es später aus falsch verstandenem Pflichtgefühl herzugeben.

Am Ende steigt der Prinz in den Himmel, plumpst herunter in sein Grab und findet sich wieder an dem Ort, an dem er einst schlafwandelte. In dem Garten fragt er, ob er träumt.

Die Inszenierung so wechselhaft und spannend, gewinnt dem alten Schinken noch etwas ab. Am Schluss gibt es noch einen Rap über Kriegslust und man bekommt damit noch die Interpretation und die Metaebene für die Gegenwart und die neue Lust am Militär und Krieg als Zuschauer um die Ohren gehauen.

Was für ein wahnsinnig erlebnisreicher und guter Theaterabend!

 Nicht Reihe 3, Platz 58 und 59 – Der zerbrochene Krug von Heinrich v. Kleist

Wir waren seit einem Jahr nicht mehr im Theater. Es fühlte sich an wie ein Hundejahr.  Auf der Fahrt ins Theater ließen ich und meine Frau es Revue passieren und entdeckten nichts außer gähnende Leere und ein paar Impfdosen.

Ein lauer Klassiker aus dem Stückekanon der deutschen Theaterliteratur sollte unsere Laune verbessern!? Der Spielplan gibt es vor und ich war skeptisch, ob man das „Lustspiel“ rund um den Dorfrichter Adam, der korrupte Antiheld, der die Nötigung und Vergewaltigung eines jungen Mädchens verschleiert, um nicht selbst auf die Anklagebank zu geraten, in solchen Zeiten überhaupt inszenieren sollte?

Zum Glück hatte sich die Regisseurin Katharina Ramser genau die gleiche Frage gestellt und aus ihrem Unbehagen ein Konzept entwickelt, dass dieses in antiquierten Geschlechterverhältnissen verhaftete aber wahnsinnig gut geschriebene Stück in die Gegenwart holt und damit eine Aufgabe des Theaters erfüllt, die mich schon sehr früh zum Theaterfan gemacht hat. Theater soll verwirren, soll den Zuschauer dazu bringen, das eigene Denken und Handeln in Frage zu stellen und neue Horizonte eröffnen, die eine politische und gesellschaftliche Entwicklung vorantreiben können.

Erst einmal zu den Rahmenbedingungen: man hat sich im Stadttheater Gießen für den Zuschauerraum eine Schachbrettlösung einfallen lassen. D.h. Jeder zweite Platz ist besetzt und sogar Abonnenten, die aus einem Haushalt kommen, müssen einen Platz zwischen sich frei lassen. Außerdem gilt auch während der Vorstellung Maskenplicht. Dafür bleiben die Türen zum Zuschauerraum während der Vorstellung geöffnet, um einen Luftaustausch zu ermöglichen und die Pause entfällt. Zwischen meiner Frau und mir ist ein Platz frei. Wir packen unsere Jacken auf den Sitz und sind noch unsicher, ob wir uns auf den Abend freuen dürfen.

Für uns fing der Abend hektisch an. Wir waren in Wetzlar zu spät losgefahren, haben erst keinen Parkplatz gefunden und sind zwei Minuten vor dem Beginn der Vorstellung auf unseren Plätzen gelandet. Wir haben uns nicht viel vorher mit dem Stück beschäftigt und ich muss zugeben, ich habe das Stück noch nie gesehen oder es gelesen.

Es geht ja nur um einen zerbrochenen Krug und das Gewese darum, meint man zumindest als oberflächlicher Theaterbesucher. Schon als der Vorhang aufgeht wird man vom Bühnenbild überrascht: Ein riesiger Flokati hängt von der Decke herunter und die Schauspieler rollen einer nach dem anderen unter dem Teppich hindurch. Das Gerichtsverfahren rund um die Beschädigung des Kruges ist nur die Oberfläche und wie beim Teppich wird der ganze Dreck unter den Stoff gekehrt.

Vielleicht sollte man an der Stelle die Idee der Inszenierung erklären. Katharina Ramser hat ihr Konzept in einem Podcast des Stadttheaters sehr anschaulich erklärt. In Zeiten, in der die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter nicht mehr nur diskutiert wird, sondern auch durch Enthüllungen wie bei MeToo  die konkreten Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau in Frage gestellt wird, kann man das Stück in der bisherigen Form nur mit Bauchschmerzen inszenieren.  

Schließlich geht es doch um den alten weißen Mann, der seine Machtposition als Dorfrichter ausnutzt, um ein junges Mädchen, dass ihn um Hilfe bittet, zu missbrauchen und wahrscheinlich auch zu vergewaltigen (das wird natürlich in dem Stück niemals ausgesprochen, aber durch den zerbrochenen Krug als Symbol für die verlorene Unschuld angedeutet). Gleichzeitig ist das Stück als wahnsinnig flott und witzig geschriebenes Stück nicht umsonst das meistgespielte Stück der letzten hundertfünfzig Jahre in Deutschland. Katharina Ramser hat die Qualität des Stückes erhalten wollen, aber nicht um jeden Preis, indem sie dem Dorfrichter Adam nochmals die Gelegenheit gibt, sein Verbrechen auf der Bühne kleinzureden. Hätte sie ihre Inszenierung als Moralsaure Verurteilung des Autors und seines Stückes angelegt, hätte sie all die Qualitäten des Stückes zerstört.

 Also hat sie einfach die Rollen getauscht. Alle Männerrollen werden von Frauen gespielt und umgekehrt. Aber dann verwandeln sich die Frauen in ihren Rollen ja zu Bösewicht*Innen? Durch die stringente Geschlechteranpassung erkennt man als Zuschauer*In, dass es gar nicht mehr um die Frage geht, ob Männer oder Frauen an sich zum Machtmissbrauch fähig sind. Der Machtmissbrauch, die Korruption wird von der Geschlechterzuordnung getrennt. Dabei entsteht viel Reibung und viele Fragen, die dem Zuschauer*Innen durch den Kopf gehen sollte, wenn sie den Akteuren auf der Bühne zuschauen. Man fragt sich, warum das Opfer so ein Weicheityp ist und warum der Revisor wie eine Domina rüberkommen muss und nach einer gewissen Zeit vergisst man diese dümmlichen Fragen, die sich mit dem Geschlecht beschäftigen und man sieht nur noch die Geschichte um den Machtmissbrauch.

Das Ensemble hat sich wacker geschlagen  und für uns war es ein kurzweiliger Abend, der uns zum Nachdenken über die eigene Haltung zur Geschlechterfragen angeregt hat. Nach neunzig Minuten hinter der FFP2-Maske freue ich mich über das Ende des Stückes. Die Botschaft des Stückes schien angekommen zu sein, denn der Applaus wollte nicht abebben. Für uns ein unerwartet gelungener Neustart nach einem Jahr Theaterpause.