
Wenn man sich dem Theater intellektuell nähern will, wie die Wildkatze ihrer Beute, sollte man ab und zu die Frage in den Raum schleudern, ob Theater lustig sein darf. Die Frage impliziert, dass es eine scharfe Linie zwischen ernsthaften Drama, das die Welt bedeutungsschwer in eine Ansammlung von Problemen verwandelt und dem leichtfertigen Lustspiel gibt, das oberflächlich und heiter über die Melancholie des Seins hinwegwischt.
In den Stück „Apokalypse Miau“ sieht man Theatermenschen, die hinter eine Bühne auf die Verleihung des Destroy-Preises warten und sich ihren eigenen Befindlichkeiten hingeben. Sie werden als kleingeistige Verwalter ihres Nimbus als Künstler gezeichnet, die um sich selbst kreisen und Verbindung zur Wirklichkeit verloren haben. Alle kennen sich irgendwie, haben schon miteinander gearbeitet oder sind heimliche Fans oder Feinde, hassen sich, heucheln Zuneigung oder Bewunderung. Es ist ihnen egal, was vorne auf der Bühne während der Preisverleihung geschieht. Der kleinste gemeinsame Nenner ist das Fußballspiel, das zur gleichen Zeit im Fernsehen läuft. Während sich die Moderatorin der Preisverleihung die größte Mühe gibt, das tröge Kulturevent in eine großartige Show zu verwandeln, beharken sich die Narzissten hinter der Bühne.
Das echte Publikum vor der Bühne lacht ausgiebig über das doppelte Spiel hinter und vor der Bühne. Der Kleinkrieg hinter der Bühne verlagert sich bei der fiktiven Preisverleihung auf die große Bühne. Die Preisträger, der alte weiße Mann und die woke, feministische Regisseurin brechen einen Kulturkampf vom Zaun und nebenbei bricht die Apokalypse über alle herein. Darf man das lustig finden? Alle Lachen, ich nicht. Ich freue mich auf die Pause und ein Glas Wein. Sind wir denn wirklich alle so leicht zu überrumpeln. Ein paar dumme Witze am Abend und das war es dann? Ich habe mal gelernt, dass Satire den Menschen den Spiegel vorhält, in dem sie ihr hässliches Antlitz erkennen können. An diesem Abend habe ich das Gefühl, die Leute schauen zwar in den Spiegel, aber der Spiegel ist stumpf und blind.
Der zweite Teil besteht des Abends besteht darin, dass wir die Menschen aus dem ersten Teil dabei beobachten können, wie sie sich langsam selbst zerfleischen, wie Versuche des solidarischen Handelns in der Krise scheitern und sie doch nachher alle vor die Hunde gehen. Das Lachen im Publikum nimmt ab. Die Begeisterung nicht.
Ich gehe aus dem Theater und frage mich, wie ich mich zu dem Stück verhalten soll? Nach längerer Betrachtung, drei Wochen Bedenkzeit und einer Europawahl mit Rechtsdrall, muss ich feststellen, dass der Autor Kristof Magnusson vollkommen recht hat, wenn er die Befindlichkeiten des Einzelnen mit der Apokalypse verknüpft. Im Prinzip funktioniert die Welt im Moment genauso: Man fühlt sich abgehängt und missverstanden und überträgt seine Unwohlsein auf das große Ganze. Die Krisen, die Katastrophen unserer Zeit sind nur Projektionsflächen und genauso wenig real für die Menschen wie für die Schauspieler hinter der Bühne das Geschehen auf der Bühne. Es ist egal, ob die Welt nun sich nur verändert oder untergeht, jeder Befindlichkeit muss dabei Rechnung getragen werden. Insofern hoffe ich, Herr Magnusson hat die Lachsalven seiner Zuschauer als Spiegelung der Wirklichkeit einkalkuliert. Und wahrscheinlich ist er Optimist: wenn das Lachen das Zwerchfell schmerzen lässt, fängt das Nachdenken an. Somit steht für mich fest: Theater muss lustig sein!