Jede Unterhaltung ist eine Form von Jazz

Reclam Verlag, ISBN-13: 9783150113240

In 2023 hatte ich mir auf der Buchmesse in Frankfurt das Buch „The Sound of Rebellion – zur politischen Ästhetik des Jazz“ von Peter Kemper gekauft. Das Buch lag inmitten gleichförmiger bunter Buchdeckel am Reclam-Stand und stach hervor mit der schwarzen, rot umrandeten Faust, die den ganzen Buchdeckel ausfüllt. Nicht nur das Layout sprang mich an, sondern auch die Möglichkeit durch die Lektüre eine für mich ambivalente Kunstform mit ihren unbegreiflichen Facetten verstehen zu können.

 Für mich als Musiker fühlt sich Jazz zuweilen an wie ein lebendiger Fisch, den man mit bloßen Händen festhalten will. Er neigt dazu, sich mit seinem nassen und glatten Körper mit heftigen Bewegungen zwischen den Händen zu winden und wieder im Wasser zu landen. Jazz ist flirrende Leidenschaft, eine Phalanx aus Noten, die sich in dein Gehirn bohrt und im Zentrum deiner Empfindungen totale Verwüstung hinterlässt. Jazz ist aber auch akademische Auseinandersetzung mit den Formeln einer musikalischen Genres. Ich kenne neben der Klassischen Musik kein Musikgenre, das so begeistert von Musiknerds auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt wird und teilweise auch missbraucht wird, um das eigene Ego mit Expertenwissen aufzuladen.

 Peter Kemper hat mir einen Leitfaden zum Verständnis des Jazz geben können, indem er chronologisch vorgeht. Er verdeutlicht anhand der Geschichte des Jazz mit detailreichen Schilderungen vieler Ereignisse und Begebenheiten wie sehr die Emanzipation der schwarzen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten bis heute mit diesem Musikgenre verknüpft ist und damit an sich schon eine politisch aufgeladen ist. Immer wieder stellt er die Frage, ob durch Musik dem Zuhörer eine politische Aussage näher gebracht werden kann. Viele Ereignisse, die mit der Bürgerrechtsbewegung verknüpft sind, wurden von Jazzmusiker mit Instrumentalstücken kommentiert. Besonders an dem Stück „Alabama“ von John Coltrane arbeitet Kemper sich mit viel Detailwissen ab, da das Stück als Referenzstück des politischen Jazz gilt. Mit der Komposition reagiert John Coltrane auf einen Anschlag auf eine Kirche im Jahr 1963 bei der vier Mädchen starben. Das Saxophon als Instrument hat durchaus die Qualität Sprache nachzuahmen und daher nimmt man an, dass Coltrane an bestimmten Stellen im Stück die Grabrede von Martin Luther King und dem Satz „They did not die in vain“ mit seinem Instrument nachahmte.Vieles deutet darauf hin und das arbeitet Kemper mit viel Kenntnis der Materie heraus, dass direkte politische Botschaften nur sehr schwer über die Musik transportiert werden können und das wenn die Musik für sich alleine steht, der Hörer sich auf seine eigene Interpretation verlassen muss. Politische Ästhetik kann sich nicht alleine auf die Musik verlassen, sie braucht zusätzliche Symbole, um ihre Botschaft zu transportieren.

Die vielen Subgenres im Jazz, wie Bepop, Afrofuturismus, Free-Jazz, haben sich oft am Rande der Gesellschaft entwickelt und haben lange gebraucht um sich zu etablieren. Und mit ihren ausufernden Experimenten, Improvisationen, Emotionalität und Formenfreiheit haben sie das europäische Musikverständnis, das sich viel auf vorgegebene Strukturen verlässt und jegliche Abweichung mit hochnäsiger Arroganz begegnet, herausgefordert. Erst eine akademische Einordnung scheint uns eine Annäherung zu ermöglichen. Wenn wir die freie Ausdrucksweise des Jazz in unsere Formensprache pressen, können wir sie zwar reproduzieren, aber können wir den Jazz auch verstehen?

Peter Kemper hat seinem Buch zwei Zitate vorangestellt:

Franz Zappa:

“Ich bin nicht schwarz, aber es ist oft so, dass ich mir wünsche, nicht weiß zu sein.“

und von Archie Shepp:

„Es ist ein Fehler zu glauben, dass nur Schwarze über Black Music schreiben können. Der Diskurs zu diesen Fragen sollte so vielfältig wie möglich sein.“

Für mich beantwortet sie die oben gestellte Frage und gerade im letzten Teil des Buches, indem Kemper die Frage nach Musik als Sprache zum letzten Mal stellt und sie in einem sprach-kulturwissenschaftlichen philosophischen Kontext stellt, gibt es ein paar Hinweise, die mich als Musiker stark beeindrucken und wieder auf die Ausgangsfrage zurückführen: Kann Musik als Ausdrucksform politische Botschaften vermitteln? Ist Musik sprechfähig?

Jazzmusik ist stark verknüpft mit der Kunst der Improvisation. Der klassische Ablauf eines Jazzstückes: es wird ein Thema vorgestellt, eine Melodie, eingebettet in ein rhythmisches und harmonisches Gerüst und es wird im Anschluss darüber improvisiert. Die verschiedenen Instrumente scheinen in einen Dialog zu treten und es entsteht eine Art unvorhersehbare Unterhaltung über ein Thema. Dabei bedienen sich die Musiker sprachlicher Elemente, einer gemeinsamen Vokabular und Grammatik und je nach Situation und kultureller Prägung werden diese frei kombiniert.

Der Verlauf des Gespräches ist offen und unvorhersehbar. Dabei entstehen Fehler, so wie es bei jeder Unterhaltung zu Versprechern, Aussetzern oder unpassenden Pausen kommt. Wenn Musiker sich aufmerksam beim Spielen zuhören, werden sie den Fehler hören und in im besten Fall in einen Kontext setzen, indem der Fehler in einem anderen Licht erscheint. Also ist die Improvisation mehr als Geschwätz am Gartenzaun, sondern eine soziale Interaktion bei der Menschen aufeinander achtgeben und auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Hinzu tritt der Aspekt der narrativen Struktur eines Solos. Die Virtuosität seines Beitrages gilt nicht als Maßstab, sondern welche Geschichte er erzählen möchte. Dazu bringt er mehr ein, als nur sein handwerkliches Können, sondern seine ganze Persönlichkeit, seine Haltung, seine Emotionen und an dem Punkt knallt die Jazzmusik gegen die Mauer eines europäischen Verständnisses von Musik. Wir wollen Musik verstehen wie ein Sachverhalt und es widerstrebt uns Musik fühlbar zu machen. Dazu gibt es das Zitat von John Coltrane: „Das Einzige, was für mich zählt, ist ihre (der Hörer) emotionale Reaktion. Es geht vor allem um ein Gefühl der Kommunikation und nicht darum, dass man genau versteht, was ich mache.“

Über den Begriff des Gestus, den Bertholt Brecht in seinem Konzept vom epischen Theater eingeführt hat, kommen wir wieder zurück auf die eigentliche Thematik, inwieweit politische Aussage in Musik transportiert werden können. Ein bestimmter Gestus umschreibt die Ganzheitlichkeit bestimmter Haltungen. Er gestattet beispielsweise einem Musiker, „musizierend eine politische Haltung einzunehmen. Dazu ist es nötig, dass er einen gesellschaftlichen Gestus gestaltet.“

Ich habe mich jetzt länger mit dem Thema beschäftigen dürfen und nach der Lektüre des Buches habe ich, obwohl ich seit Jahrzehnten selbst Musik mache, einen Reflektionsraum für mich entdeckt, der mich auch mein eigenes Verständnis von Musik hinterfragen lässt.

Die Musik, die ich liebe, hat mich auch immer emotional berührt. Das ist auch vollkommen unabhängig vom Genre. Mein Ziel war es, die Musik zu verstehen, für mich nachspielbar zu machen und da beginnt das Problem. Man lernt Noten auswendig, nähert sich dem Sachverhalt  und konzentriert sich nicht darauf, die Stücke emotional zu durchdringen und wie es Jazzmusiker machen, sich auch anzueignen, mit dem eigenen Gestus auszufüllen.

Eine wichtige Aufgabe als Musiker scheint es zu sein,  diesen Schritt zu gehen und sich auf die Musik nicht nur technisch einzulassen. Das hat mir dieses Buch und die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Jazz erneut gezeigt.

Bück dich hoch

Am letzten Samstag war ich mit meiner Frau und zwei meiner Kinder auf dem Auftritt der Band Deichkind in der Frankfurter Festhalle. Für meinen achtjährigen Sohn und meine zwölfjährige Tochter war es das erste Konzertvergnügen dieser Art. Seit ein paar Jahren begleiten mich die Songs von Deichkind. Mir gefällt die Art, wie sie den Gemütszustand meiner Generation kommentieren und ironisch gebrochen widerspiegeln.

 Deichkind hat als Band schon einige Jahre auf dem Buckel und daher auch verschiedene Schaffensphasen kreieren dürfen. Angefangen haben sie als typische Deutschrap-Band der Neunziger Jahre. Später gab es einen Umbruch in der Band und nach einer schlimmen Phase mit ulkigen Partylieder und Saufhymnen, die sie mit Stampfbeats, tiefen Grummelbässen und hellen Technosounds unterlegt haben, entwickelte sich die Band zu einem Gesamtkunstwerk mit wilden Bühneninszenierungen, grotesken Texten und Kostümen und sehr einfallsreichen Videos. Die Bühnenshow von Deichkind ist legendär. Wer dabei still sitzen bleibt, um den Flow der Reime zu analysieren, hat den Schuss nicht gehört.

 Der Song „Bück dich hoch“, der bei den Auftritten mit einem Bürostuhlballet inszeniert wird, karikiert den Zwang zur Selbstaufgabe in der Arbeitswelt. Der Song stammt aus dem Jahre 2012 und als ich damals den Song rauf und runter gehört habe, fand ich in den Textzeilen viele Analogien zu meinem Job. Bei einigen Führungskräfte galt damals die Selbstaufgabe für das Unternehmen als unbedingte Notwendigkeit. Familie, Freunde, Hobby alles nur Ablenkung, die einem vom Pfad des Erfolges abbringen.

„Du brauchst Konkurrenz, keine Friends. Do your fucking Job till the end.“

Gerade diese Textzeile entsprach der damaligen Haltung in meiner Branche. Wir hatten gerade Finanzkrise und Eurokrise hinter uns und glaubten immer noch, ein Herzinfarkt ist eine Trophäe und der Burn-Out ein Zeichen von Schwäche. Ich kannte Führungskräfte, die Untergebenen den Abbau von Überstunden untersagten, weil sie ja nur siebzig Überstunden hatten. Nur die Harten kommen in den Garten. Überstunden kannst du abfeiern, wenn du auf dem Friedhof liegst.

 Als die Bürostuhlarmada ihre Pirouetten auf der Bühne drehten musste ich kurz innehalten. Ein paar Tage vorher hatte ich ein dienstliches Seminar besucht. Der Zeitgeist der Totalaufgabe für die Arbeit ist mittlerweile einem angeblichen positiven Mindset von der Work-Life-Balance gewichen und mein Arbeitgeber versucht alles, um die traurige Vergangenheit der fehlgeleiteten Leistungsanreize vergessen zu machen und doch scheint diese Vergangenheit immer noch präsent zu sein.

 Ein großes Thema, wie wahrscheinlich in fast allen Unternehmen, ist der Fachkräftemangel und die Diskussion wie wir junge Menschen für unseren Beruf begeistern können. Und dann kam der Satz, über den ich mich noch an dem Samstag während des DK-Konzertes aufregen konnte:

„Die jungen Leute wollen ja nicht mehr arbeiten. Die wollen nur noch die vier-Tage-Woche und ansonsten ihrem Vergnügen nachgehen.“

Ich bin immer überrascht, dass Mensch schnell das Lebensgefühl ihrer Jugend vergessen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mich gefühlt habe, als ich mit neunzehn Jahren meine Ausbildung begonnen habe. Jeden Tag auf die Arbeit zu rennen und das die nächsten fünfundvierzig Jahre machte mir eine Heidenangst. Am Beginn meiner Ausbildung habe ich in den ersten Wochen abends zu Hause gesessen und mir gedacht, dass ich am nächsten Tag nicht mehr hingehe. Nicht, weil mir die Arbeit nicht gefallen hätte, sondern weil die Arbeit mich einfach überfordert hatte. Ich musste mir ein anderes Auftreten, ein anderes Verhalten anerziehen, viele neue Regeln lernen, immer freundlich und nett bleiben und musste mich an das starre Korsett der betrieblichen Abläufe gewöhnen. Als junger Mensch will man nicht ins Hamsterrad. Man macht es, weil es die Eltern wollen, weil man Geld verdienen will, weil man sich etwas im Leben aufbauen und erreichen will. Irgendwann gewöhnt man sich dran und man bekommt Routine, schläft sich aus, schüttelt sich und macht weiter. Ich war ein guter Azubi, meine Kollegen mochten mich und ich kam besser mit den Kunden klar, als manch altgedienter Kollege.

 Während dem Seminar habe zu dieser Diskussion nichts beitragen wollen. Ich wollte die unsägliche Meinungsäußerung einiger Kollegen nicht mit Gegenargumenten unnötig in die Länge ziehen. Aber es half nichts. Zwei oder drei Kollegen haben sich gegenseitig aufgeschaukelt.

 Immer wieder: die jungen Leute wollen keine Leistung bringen, die wollen nur Vorteile genießen usw.

 Ich träumte ich in eine andere Gegenwart, in der ich mich feierlich erheben wollte, um eine pathetische Ansprache zu halten:

„Sind wir denn unseren Kindern gute Vorbilder gewesen? Wir waren Sklaven des Leistungswillens. Der Erfolg oder das was wir dafür gehalten haben, hat uns krank gemacht. Worauf beruhen den unser Wohlstand und unsere Freiheit? Auf unserem eigenen Unglück und dem Unglück anderer Menschen! Wir haben uns selbst das Glück versagt, um jedes Jahr dreimal in den Urlaub fliegen zu können, alle zwei Jahre ein größeres Auto fahren zu können und dem Nachbarn nicht einmal das Schwarze unter den Fingernägeln zu gönnen. Was hinterlassen wir unseren Kindern? Eine kaputte Infrastruktur, eine kaputte Welt, eine kaputte Demokratie und kaputte Menschen. Wir sind die Monster, nicht unsere Kinder!“

 Ich hatte in der anderen Welt schon eine Arschbacke in der Luft und einen Zeigefinger gen Himmel gereckt, um auf mich aufmerksam zu machen und dann hat mich der Anblick der verhärmten und mitleidlosen Mienen meiner Kollegen wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt.

 Während Deichkind auf der Bühne tobte und ich mich verschwitzt und melancholisch an dem Moment in dem Seminar erinnerte, warf ich einen Blick auf meine beiden Kinder, die beiden staunend dem Spektakel in der Festhalle beiwohnten und war mir sicher, dass sie auf meine Kollegen nicht hören und einen anderen Weg beschreiten werden.

Mein Alter Ego – Matt Kavon

Oh, my Gosh…it´s out now…

Völlig unerwartet habe ich zum ersten Mal meine eigene Musik veröffentlicht. Und dafür habe ich mir sogar einen Künstlernamen zugelegt. Bitte französisch aussprechen! Das hört sich viel gehaltvoller an.

Eigene Musik zu veröffentlichen, ist heute verdammt einfach. Man braucht keine Plattenfirma mehr, um zig Millionen Hörer zu erreichen. Allerdings heißt das noch lange nicht, dass die Musik auch von zig Millionen gehört wird.

Aber das ist nur das Ende eines langen Prozesses. Insgesamt habe ich dafür ca. fünf Jahre gebraucht. Darüber berichte ich gerne das nächste Mal.

Jetzt lassen wir erst mal die Musik sprechen? erklingen? Ach egal! Klickt auf den Link und hört es Euch an! Freue mich über Feedback!

https://open.spotify.com/embed/album/1oRzrPgSwuYxJKh6X3gyJ8?utm_source=generator